Sonntag, 12. Dezember 2010

Am Meeresstrand

Kurz vor dem Ziel wurde Faustinus dann tatsächlich von einem Rudel Jungwölfe aufgegriffen und gestoppt. Doch es waren nicht die Verfolger aus der sylvanischen Heimat, sondern ein regulärer Kontrolltrupp allgegenwärtiger Prätorianer, die jeden Fremden aufhielten.
„Was suchst du in dieser Gegend, Esel?“
schnaubte ihn der Sprecher der Patrouille an. Einsame Esel auf Wanderschaft waren selten hier in der Gegend und fielen auf. Noch bevor der Sylvanier sein Hiersein rechtfertigen konnte, wurde er darauf hingewiesen, dass kein Nichtwolf die Grenzregion betreten durfte, ohne verdächtigt zu werden, ein Vaterlandsverräter oder gar ein Spion der Adler und Falken zu sein.
Faustinus zuckte wieder zusammen. Zunehmende ideologische Spannungen zwischen den Blöcken, Konfrontation und Truppenaufmärsche hatten eine neue Eiszeit in der internationalen Politik heraufbeschworen und innenpolitisch zur Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten und Rechte geführt. Die Verhängung des Kriegsrechts winkte. Der Wolfsstaat befand sich inzwischen auf dem Weg zur uneingeschränkten Diktatur.  
„Eigentlich wollte ich nur das Meer sehen und ein paar Tage ausspannen“,
rechtfertigte sich das Eselein artig und bemühte dabei gleich mehrere Notlügen. Eine lebensgefährliche Flucht über die Landesgrenze ins Nachbarland hatte Faustinus eigentlich nicht wirklich eingeplant. Nur wenn sich zufällig eine Gelegenheit geboten hätte, dann hätte es diese sicher beim Schopfe gepackt, um mehr als nur einen Blick auf die andere Seite zu werfen.
Der Zufall hatte schon so vieles gefügt. Die ganze Welt war vielleicht nur durch einen Zufall entstanden und wohl deshalb auch so unzulänglich?
Faustinus überlegte scharf.  Der bisherige Weg hatte ihn bereits vielfach schlauer gemacht und ihm gezeigt, dass man den gesunden Eselsverstand durchaus zum eigenen Vorteil einsetzen und nutzen konnte, ja musste.
Reisen bildete fürwahr, besonders das Erleben der gesamten Gesellschaft in ihrer Vielschichtigkeit und perspektivischen Komplexität. Die teils ungebildeten, teils psychologisch schlecht geschulten Jungwölfe fielen auf die geschickte Täuschung herein und ließen das Eselein schließlich laufen.

Am Tag darauf stand Faustinus erstmals in seinem Leben am Meeresstrand und tauchte seine müden Hufe in die schäumende Flut.
Da war es also, das unendliche Meer, weit und erhaben!

Das neue Naturerlebnis beeindruckte den jungen Sylvanier sehr. Die Unendlichkeit des Meeres wirkte noch gewaltiger auf sein Gemüt, als das mächtige Urgebirge mit den Bergzinnen, durch das er sich den Weg gebahnt hatte oder als der gewaltige Strom im Tal, dessen ruhiges Dahinfließen ihn gerade erst faszinierte.
Die bisher ungekannte Weite des Meeres verwies auf die Ewigkeit der Dinge und auf den göttlichen Willen dahinter. Solche Eindrücke ließen den naiven Jüngling staunend erschaudern und warfen ihn unbewusst in die Endlichkeit seiner Individualität zurück.
„Weshalb kann mein Ich nicht aufgehen in der endlosen Flut und sich selbst verströmen in den Weiten der Ewigkeit?“
rätselte das Eselein.
Mystische Gefühle kamen wieder auf wie einst im Wald, als ihn das Licht der Sonne berauscht hatte. Auch hier wirkten Licht und Wärme in unmittelbarer Einheit. Die gütige Sonne war überall – am Himmel und in den silbernen Wellen. Kein Wunder, dass die alten Völker gerade die Sonnenscheibe anbeteten!
Der kleine Waldesel aus Siebenbergen stand nun noch lange an Strand wie einst jener einsame Mönch am Meer auf dem Gemälde, so wie Ovid einst hier gestanden war in tiefer Trauer versunken. Faustinus genoss auf seine Weise die Urkraft der Natur, deren Teil er war, ohne recht zu wissen, ob er sich der Einsamkeit ganz überlassen oder ob er aus dieser exponierten Lage neue Lebenskraft schöpfen sollte.
War nicht alles Tun umsonst – und alles Leben Leiden?
Pessimistische Stimmungen nahten und schleichende Melancholie.
Konnte der Verstand diese Stimmungen begrenzen?
Viel zu viel hatte er bereits erlebt auf seiner Wanderschaft, genug, um aufzugeben, um endgültig zu resignieren. Das Glück war so fern wie die Gerechtigkeit.
Nachdem er lange genug in Melancholie geschwelgt und düsteren Gedanken nachgehangen hatte, verflog die Schwärze wieder wie die schwarzen Wolken hoch am Himmel, die gerade die Sonne verdeckt und das Wasser im Meer tief schwarz verfärbt hatten – schwarz wie die Galle der Alten. Daher der Name „Schwarzes Meer“?
Mit den neuen Sonnenstrahlen triumphierte bald auch die Zuversicht.
Faustinus ließ sich nicht weiter nieder ziehen, sondern widerstand den Heimsuchungen der Seele; er bäumte sich auf, fest entschlossen, als Handelnder die Welt zu verändern.




Copyright: Carl Gibson

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