Samstag, 18. Dezember 2010

Bunt oder einheitsgrau – die Farbenlehre im akademischen Disput

Das Faszinosum Farbe – das war bei Chamäleons immer ein Thema, das Abwechslung versprach. Zwar dominierten im Staat praktisch nur drei tragende Grundfarben – Rot, Gelb und Blau – die Farbe der anstehenden Weltrevolution und die Farben der Wölfischen Trikolore. Doch auch Farben konnten sich wandeln und in neuen Erscheinungen auftreten – als Phänomenologie der Farben.
Außerdem war der Professor ein ausgewiesener Experte der Farbtheorie mit einschlägigen Veröffentlichungen zur Ästhetik. Nur eines seiner Bücher stand auf dem Index – „Über Farbenblindheit oder über die Unfähigkeit, rot zu sehen.“
 Zwar hatte keiner der Zensoren es wirklich gelesen, doch allein der Titel genügte, um anzuecken. Dagegen galten seine Bücher „Von der Kraft und Magie der Farben „und „Die Welt ist bunt“ als Standardwerke der Chamäleonliteratur und wurden von begeisterten Lesern unterm Kopfkissen aufbewahrt.
Solche Bücher steigerten die Lebensfreude der Chamäleons und wurden auch außerhalb der Bildungsanstalten freiwillig gelesen. Der Professor hätte bestimmt noch mehr davon geschrieben, wenn der zweite Band nicht einen mächtigen Wirbel ausgelöst, zu einer Disputation und schließlich zu einem Schiedsgericht geführt hätte.
Was war geschehen?
Der gutmütige Gelehrte, ein deklarierter Freund der Farbgestaltung, der ganzheitlich dachte und aus diesem Ansatz heraus, die Farben wie die Musik zu therapeutischen Zwecken einsetzte, überzeugt, sie könnten das Wohl des Seelenlebens fördern, schickte in seiner natürlichen Naivität ein Exemplar seines populären Werks an eine Zeitschrift in die Wolfsburg, in der Erwartung einer angemessenen, vielleicht sogar wohlwollenden Kritik. Doch das Buch landete im Bildungsministerium, an jener Stelle, wo früher öffentlich Literatur zensiert worden war; speziell im Referat für interanimalische Fragen, mit dessen Leitung gerade ein Esel beauftragt worden war.
Ein Esel – fast an der Spitze einer Behörde?
Das war nichts Neues. Dieser Esel galt als Kapazität seines Fachs und war korrespondierendes Mitglied mehrerer Akademien der Wissenschaften und „doctor honoris causa“ einer Universität in Mikronesien. Er soll, besagte ein Gerücht, sogar an der Alma mater in Frankonien ein paar Tage studiert und in der dortigen Titel-Fabrik auch einen Doktorgrad erworben haben.
Der Esel, der außerdem als wissenschaftlicher Farbexperte die gesammelten Werke des großen Führers aller Chamäleons mit betreut hatte, die im Ausland gegen bare Münze gedruckt worden waren, hatte das Werk des alten Professors sorgfältig geprüft und, nach reifer Überlegung, überhaupt nicht art- spezifisch reagiert, sondern farbspezifisch. Nachdem er mehrfach in den Spiegel gesehen und dann aus dem Fenster geblickt hatte – in die Welt der lupischen Bauhausarchitektur – schloss der gescheite Esel, das Werk sei an sich zwar vielversprechend, doch die zentrale These der Publikation, „die Welt ist bunt“, sei weder stimmig, noch könne sie so ketzerisch hinausposaunt werden. Denn das wäre ein Affront gegen alle grauen Wölfe … und diskriminierend für alle Esel!
Also durfte das hochgradig subversiv wirkende Buch nicht weiter verbreitet werden, weil es die Wirklichkeit verfälschte, die lupistische Wirklichkeit vor der Tür; vor allem aber, weil es eine fundamentale Irrlehre enthielt, die geeignet war, die Struktur des Staates, in dem nicht nur Chamäleons und Esel lebten, infrage zu stellen.
Schließlich war die Welt an sich nicht farbig, sondern grau, zumindest im real existierenden Lupismus.

Draußen vor der Tür lagen vielfache Beweise. Grau in Grau – ohne Kontrast, einheitsstimulierend wie das versöhnende Grau des Nebels, der alles verhüllt und verdeckt. Grau wie das Fell des Esels und grau wie der Beton der Hochhäuser, in denen andere Tiere und auch ein paar Menschen lebten.
Die eigene Anschauung bestätigte ihn voll. Als er nach der Lektüre der ersten Kapitel mit vielen Gegenargumenten konfrontiert wurde, denen er schlecht widersprechen konnte, und ihm, dem ausgewiesenen Akademiker mit Staatsbesoldung, erste aufrichtige Zweifel an einer Beschneidung und Verbietung der Studie aufstiegen, griff er zum Hörer und rief zunächst die Artverwandten in der Hohen Tatra an, die schon etwas liberaler dachten als die ursistischen Betonköpfe am Ural.
Nur hörte er nichts Erhellendes. Dann telefonierte er mit Maultieren am Bosporus und schließlich mit den Artverwandten aus dem demokratischen Teil der fernen Eselsrepublik.
Selbst dort nur Konsens auf breiter Front. Auch die progressiv-orthodoxen Grautiere waren fest davon überzeugt, die Welt sei an sich grau – und zwar die ganze Welt; und das sei eigentlich gut so und im Einklang mit der Lehre von der prästabilierten Harmonie. Denn nur die Monotonie schaffe universelle Eintracht, während die Buntheit der Farbenwelt nur diskrepantes Chaos fördere.
Die Maulesel hatten sogar noch eine poetische Delikatesse auf Lager, die ihr oberster Leithammel gelegentlich öffentlich zum Besten gab:
Den Animalismus in seinem Lauf, halten weder Ochs noch Esel auf.“

Doch das alles genügte dem ministerialen Esel, der in den Tiefen seines Herzens doch ein Skeptiker war, nicht ganz.
Nicht zuletzt wegen der Spitze gegen alle Esel, die ihn in seiner Ehre und Würde kränkte, verfügte er, dass noch ein wissenschaftliches Kolloquium einberufen werden sollte.
Diesem folgte bald darauf eine hochkarätige Expertenkommission, die Expertisen erstellte, zusätzliche farbästhetische Gutachten anforderte, in denen alle ideologischen Implikationen zum subversiven Charakter einzelner Farben überprüft wurden. Ferner wurden ihre psychosomatischen Wirkungen und ihre Interaktion mit den Seelen der Chamäleons ausgelotet, obwohl nicht ganz abgeklärt werden konnte, ob Chamäleons überhaupt eine Seele haben - und wenn ja, wo der Sitz dieser Seele sei.
Es kam letztendlich zu einer größeren Disputation über den „Wert und Unwert der Farben“, in welche sich noch andere akademische Esel, Ochsen ja selbst Auerochsen einschalteten, um den Dingen auf den Grund zu gehen, interdisziplinär und methodenpluralistisch.



Copyright: Carl Gibson

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