Dienstag, 7. Dezember 2010

Daheim, in Concordia – vom heiligen Ethos




Im Herzen des Alten Kontinents, umkränzt von den mächtigen Gebirgszügen der Karpaten, lag immer schon das segensreiche Land Sylvanien, ein Garten Eden, wo Milch und Honig flossen. Seit es Esel gab, siedelten sie dort, in den grünen Tälern der Flüsse und an den sonnigen Hängen jener sieben Berge, die der Gegend zu ihrem Namen verholfen hatten. Siebenbergen, lateinisch auch Sylvanien genannt, war die Urheimat aller Waldsesel. 
Sieben stolze Burgen waren einst errichtet worden zum Schutz und Trutz - mit roten Zinnen, mit festen Mauern und hohen Türmen an Ritter erinnernd und alte Ritterlichkeit. Mittendrin aber lag der Stadt-Staat Concordia, der Nabel der Welt, mit seiner unvergleichlichen Hauptstadt Eselsburg, die alles übertraf, was je von Eselgehirnen erdacht und von Eselhand errichtet worden war. Paläste, Kirchen, Kathedralen gab es zuhauf in der heiligen Stadt der Esel, einen Rat der Stadt, einen Magistrat, einen Park mit tausend Rosen, eine Hohe Schule und sogar eine Oper. Wer etwas auf sich hielt, wie die besseren Esel, der wohnte in dieser Stadt. Wer aber schlicht zur Welt gekommen war wie Faustinus und auch bescheiden bleiben wollte, der lebte nur einen Steinwurf weiter natürlich und naturverbunden draußen auf den Land, wo die Luft sauberer war und das Gras grüner.
In den Niederungen und Auen, auf Fluren und Feldern, auf den Lichtungen und im schützenden Gehölz unweit der altehrwürdigen Stadt lebten damals noch viele Tiere unterschiedlichster Herkunft und Aussehens in trauter Harmonie. Neben den Waldeseln, der staatstragenden Nation und ihren nahen Verwandten, den Mauleseln und Maultieren, fühlten sich die Rindviecher dort sehr wohl, Milchkühe und Ochsen, selbst Auerochsen, ferner Pferde, Schweine, Schafe, Ziegen, Bergziegen und Gämsen, Federvieh aller Art, Wassertiere, Fische, unzählige Vögel – kurz, fast alles, was Noah auf seiner Arche mitgenommen und was dann auch die große Sintflut überstanden hatte, war in Concordia anzutreffen, selbst exotische Tiere, allerlei Katzen, Wildkatzen, Haus- und Hirten-Hunde, Hyänen und Schakale, Bären und sogar Wölfe.
Der kleine Staat Concordia, in dem alle Tiere frei und gleichberechtigt leben konnten, war ein demokratisches Staatsgebilde, das ohne niedergeschriebene Verfassung auskam. Es ging lange gut, weil die meisten Bürger sich an ein höheres Ethos hielten, das Religion und Ideologie in einem war; und weil jeder Friedfertige, ob groß oder klein, sein Tun und Trachten an diesem heiligen Ethos ausrichtete. Jeder handelte so, dass die Maxime seine Handels allgemeines Gesetz hätte sein können. Jeder achtete die Freiheit und die Intimsphäre seines Nächsten. Die Liebe war allgegenwärtig in diesem kleinen Staatsgebilde und die Nächstenliebe.
So war es damals, in Concordia.

Die weniger zahmen Kreaturen, die ganz Freien und diejenigen, die von der weitsichtigen und allgütigen Natur zu Räubern und Beutegreifern gemacht worden waren, trieben sich in den nahen Wäldern Sylvaniens herum, ohne sich Concordia besonders verbunden zu fühlen. Das waren die Rehe und Hirsche, die Geier und Schlangen. Ferner tummelten sich ganze Rotten Wildschweine im Dickicht, auch Braun- und Schwarzbären, der Lux und sogar der grimmige Wolf. Vom Anbeginn der Schöpfung an und dann im wirren Verlauf der Geschichte hatte sich diese bunt gemischte Gemeinschaft herausgebildet. Man hatte gelernt, im Miteinander zu leben, selbst mit dem Raubtier, das jagen musste, um zu überleben.

Bald aber erschienen die Wölfe immer häufiger vor den Behausungen der Zahmen, sie drangen ein, bissen zu und nahmen sich das, was ihnen angeblich von Natur aus zustand.
Die Territorien und Jagdreviere der Wölfe grenzten seit jeher an Sylvanien – Lupus ante portas! Ein Schreckensruf, doch kein Problem! Man hatte gelernt, mit der Gefahr zu leben. Griffen Wölfe an, boten Fliehburgen und Wehrkirchen allen Tieren lange Zeit Schutz.
Doch seitdem sich der Status quo nach dem letzten großen Kriege geändert und Ländergrenzen verschoben worden waren, war alles anders.
Alle Wolfsrudel aus der Region hatten sich zu einem Volk der Wölfe zusammengeschlossen –  ein mächtiger Wolfsstaat war gegründet worden.  Das verschärfte plötzlich die Situation:
Der Wolf, die Geschichte hindurch den Sylvaniern untergeordnet, war nun der Herr – und der bisher so herrisch-selbstherrliche Esel war nunmehr der Knecht!
Und mit ihm, dem in Ungnade gefallenen Engel, alle Ochsen, Ziegen, Schafe sowie die weiteren Tiere, die allesamt in Concordia Zuflucht gefunden hatten.
Concordia, die Freistadt, der Frei-Staat, wurde über Nacht zum Satrapen-Staat mit vielen gefügigen Vasallen.
Ein in fernen Ländern von anderen Tieren ausgehandelter Pakt wollte es so – Pacta sunt servanda! Sagt man! Also respektierten die Sylvanier den Vertrag, um nicht wieder unfreiwillig  in einen Krieg zu schlittern.
Gestützt auf animalisches und bestialisches Völkerrecht hatte der weise Rat der Tiere im fernsten Übersee alles genau beschlossen. Für alle Zeiten hatte die Völkergemeinschaft verfügt, dass künftig die Wölfe über die Esel Sylvaniens herrschen sollten … so wie Bären und Geier bald über die Wölfe … und dann über alles andere Getier.
Der Sicherheitsrat der Völkergemeinschaft wusste, was richtig war, auch ohne Recht und Gesetz. In diesem Rat aber bestimmten nur Bären und Geier, während die vieltausend anderen Tiere nur abwinken und applaudieren durften. Böse Menschen hatten solches Vorgehen einst ausgeheckt. Und mit welchen Folgen? Wo war die Gattung homo sapiens sapiens?
Ausgestorben! Der Mensch – ein Fossil!
Menschen gab es keine mehr auf der Erde. Diese Spezies war vor langer Zeit von der Erdoberfläche verschwunden. Hatten sie sich selbst das Grab geschaufelt … in einem Akt von Hybris … im Griff zu den Sternen?
Ein unscheinbarer Virus raffte sie hinweg, hieß es; er machte plötzlich allen den Garaus, nachdem der finale Atomschlag bereits die meisten von ihnen dezimiert und zum Tode krank gemacht hatte. Die Krönung der einstigen Schöpfung war auf einen Schlag dahin, für immer.
Und im Mittelpunkt des Kosmos stand seitdem und für alle Zeit die Bestie, die triumphierende Bestie, erhaben in der Welt.
An das einstige Wirken der Menschen auf dem Planeten Terra erinnerte nicht mehr allzu viel. Ein paar Kraftwerke strahlten noch ungenutzt vor sich hin; und in den Arsenalen bedrohten Waffen und Gifte aller Art das pulsierende Leben. Das Beste, was die Menschen hinterlassen hatten, war in dicken Büchern festgehalten, Wälzer die seit Jahrhunderten in alten Bibliotheken ungenutzt vor sich hinstaubten. In den Folianten war genau beschrieben, wie die Menschen in ihrem Jahrtausende alten Weg durch die Geschichte sich letztendlich ihren endgültigen Untergang heraufbeschworen und wies sie sich selbst den Todesstoß versetzt hatten.

Da die Esel lehrfreudige Tiere waren und lesen konnten, lasen sie gelegentlich darin, allen voran Faustinus, dem mehr und mehr bewusst wurde, wo er herkam und war er hin wollte.
„Ja ich weiß, woher ich stamme, ungesättigt gleich der Flamme, glühe und verzehr ich mich“
deklamierte er manchmal leidenschaftlich und laut. Tiefere Identitätsfragen fesselten ihn, Fragen geistiger Herkunft, ohne die keine rosige Zukunft möglich war.
„Wer bin ich und weshalb wurde ich gerade als Esel in diese schrecklichste aller Welten verbannt, umgeben von blutrünstigen Bestien“,
fragte er sich bald immer öfter, nachdem ein Wolfsrudel über die Schafherde hergefallen war und alle frischgeborenen Lämmer fortgeschleppt hatte.
Wie bedroht das Leben doch war – und wie vergänglich? Aus ursprünglicher Neugier entwickelte er bald einen Sinn für Geschichte und politische Phänomene. Auch die Esel hatte ihre Geschichte, eine große Geschichte mit Niederungen und Höhen. Hatten die Esel die richtigen Schlüsse daraus gezogen und aus früherem Versagen Besserung gelobt? Oder mussten alle Fehler noch einmal gemacht werden, wie bei de Menschen … und den eigenen Vorfahren, die in einem langen Augenblick von Selbstvergessenheit, die Moral beerdigt hatten?
Gerade deshalb, das schwor er sich feierlich, wollte er, Faustinus Optimus, an einer ethischen Lebensführung festhalten und, wenn es ihm denn je gegeben sein sollte, diese auch gesellschaftlich durchsetzen.
Copyright: Carl Gibson

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