Samstag, 18. Dezember 2010

Das Schiedsgericht der Tiere

Nach dem Disput war die Verwirrung noch größer als vorher. Als schließlich nichts mehr half, musste ein profanes Schiedsgericht einberufen werden, das darüber entscheiden sollte, ob im Archipel der Chamäleons und der angrenzenden Republiken die Einfarbigkeit der Mehrfarbigkeit vorzuziehen sei oder nicht.
Es gab viele Argumente und Gegenargumente wie in der Hochscholastik oder während der Frühreformation. Die Positionen waren fix; eine goldene Mitte war nicht in Sicht. Die Parteilichkeit zog sich selbst durch das Geschworenengericht, dessen Mitglieder mit soviel Fingerspitzengefühl ausgesucht worden waren, wie dies jährlich bei der Jury jenes bekannten Preises aus Skandinavien der Fall ist. Es dauerte nicht lange bis sich die Fronten der Geschworenen parteilich verhärtete.

Für die Position des freigeistigen Chamäleons, das mit seinen Farben nur positiv stimulieren, erheben und versöhnen wollte, machten sich aus dem Kreis der Juroren vor allem die Tiere des Wassers und der Lüfte stark – bunte Fischlein aus dem Schwarzen und dem Roten Meer, ein farbenfroher Tintenfisch aus der Südsee, ein Hecht aus dem Gelben Fluss, eine bunte Schar von Papageien, Wellensittichen und Kakadus, die wirr durcheinander flatterten und schnatterten, einige Flamingos, eine dreifarbige Katze, ein stolzer, eitler Pfau, ein Gockelhahn mit schönen Schwanzfedern aus heimischen Gefilden und ein Paradiesvogel, dessen Farbenvielfalt alles in den Schatten stellte, was bisher an Buntheit in jener Gegend gesehen und erlebt worden war.
Während auf der anderen Seite einige afrikanische Erdmännchen antraten, ein Feldhase vom Apennin, ein aggressiver Wendehals von der Ostsee, der gerade seine Mauerhöhle eingebüßt hatte, einige Spatzen aus den Dolomiten, ein zottiger Eber mit schlammigen Borsten, scharfen Eckzähnen und bedrohlichem Blick aus dem Spessart, graue Mäuse aus römischen Katakomben, Ratten aus New York, ein Fischreiher von den Friesischen Inseln, ein Kormoran aus Ägypten, eine wendige Königskobra, ein Aasgeier aus Indien sowie ein kleines Rudel graubrauner Wölfe aus den hochgelegenen Tiefen der schwarzen Karpatenwälder Sylvaniens.
Jeder zeigte deutlich, was er an Argumenten in die Waagschale der leicht schielenden Justitia werfen wollte. Der Pfau bäumte sich vor dem Paradiesvogel auf, formte die glänzenden Schwanzfedern zum Fächer und stolzierte als das Ding an sich in Sachen Farben, durch den Raum, ohne auch nur ein Wort über die eigene Pracht zu verlieren. Er setzte auf die Unmittelbarkeit der Sache selbst, auf das Wesen der Farbe und auf ihre Magie und ergreifende Wirkung, auf den Schönen Schein selbst, die auf die Faszination der Brechung des Lichts und auf die metaphysische Dignität des Schönen Scheins. Andere Beobachter, die von der Tristesse der Grauheit schon lange genug hatten, sahen die Dinge ähnlich.
Nur die Wölfe und der krächzende Geier, die allesamt existenziell dachten, hatten keinen Sinn dafür. Als sie, in intuitiv instinktiver Erinnerung an den letzten erlegten Pfau und an den besonderen Geschmack seines Blutes, den zahmen Vogel so einherstelzen sahen, waren sie kaum noch zu halten. Der Instinkt, der mächtiger ist als jede Wahrung von Sitte und jede Räson, meldete sich und drohte durchzubrechen. Während das verrückte Hormonspiel einsetzte, der Speichel floss und die wilden Wölfe genauso zu reagieren drohten wie ihre domestizierten Nachkommen; während alle erlebten, dass sich Pawlow doch auf der richtigen Fährte befand, auf einer, die auch dem Menschen jeden Humanismus austreibt, schien das freie Geleit, das man dem Pfau zugesichert hatte, in Gefahr. Luther hatte einst Worms verlassen dürfen. Der Pfau, dem die fletschenden Zähne seiner animalischen Mitgeschöpfe nicht entgangen waren, durfte es auch, obwohl der Geier dies noch zu verhindern suchte. Doch der Prächtige wusste nun, was ein konditionierter Reflex ist und wie gefährlich es sein kann, positivem Recht zu vertrauen in einer Welt in immer noch der Grundsatz gilt: „homo homini lupus“, für die Menschen – und für die Tiere. Er floh mit Grausen und eilte davon, schneller als er je gerannt war, mit dem festen Vorsatz, nie wieder an einer ähnlichen Veranstaltung teilzunehmen, nie wieder eine Meinung zu haben und nie wieder für etwas einzustehen.
Auch die vielfarbigen Urwaldvögel flatterten geschockt davon, in friedlichere Gefilde der Natur. Und die bunten Fischlein entschwanden im Blau der Fluten. Zurück blieben nur das alte, nahezu farblose Chamäleon und der graue Ministerial - Esel, der obsiegt hatte.
Die Welt war grau, nicht nur in der grauen Stadt am Meer, und sie sollte auch grau bleiben.
Das alte Chamäleon zog späte Konsequenzen aus dem Vorgefallenen. Nie wieder sah man es nach der juristischen Disputation in gewohnter Farbenpracht. Es senkte sein Haupt, legte sich einen grauen Kapuzenmantel zu, warf ihn über die gebeugten Schultern und behielt ihn selbst im Verein an. So konnte keiner, der ihm begegnete, auf Anhieb feststellen, dass der ehrwürdige Herr der Wissenschaft eigentlich ein Chamäleon war.
Den Artgenossen im Verein blieben die Erregungen seiner Seele künftig erspart. Grau wurde später die Leitfarbe des Systems im Archipel und im Staat der Wölfe, der einst lebensnah mit dem Rot der Rose angetreten war, mit dem Rot der Revolution.

Als Faustinus wieder in der Feluke saß und sich von dem gutmütigen Ochsen aufs Festland schiffen ließ, ging ihm noch vieles von dem durch den Kopf, was er gesehen und gehört hatte. Manches kam ihm wie im Traum vor und wirkte verschwommen; anderes war luzid, nackt, brutal und lebensecht, so, als sei er bei allem dabei gewesen.



Copyright: Carl Gibson

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen