Samstag, 18. Dezember 2010

Der „Klub der Chamäleons" im „Feuerzungen –Archipel“

Kaum war Faustinus an Land gegangen, war er schon mittendrin im Leben, das hier auf dem Markt, auf dem Forum und unter den Säulen der Agora wahrlich pulsierte. Es war gute Sitte, dass sich alle Chamäleons des Eilands, die etwas mit schöngeistigen Dingen im Sinn hatten, einmal im Monat zusammenkamen. Sie trafen sich in einer weiten Heiligen Halle, die einstmals eine Akademie war und jetzt ein Musentempel und Kunstverein, kurz im „Klub“.
Wer etwas auf sich hielt im Inselstaat, war auch im „Klub“ – und wer nicht im „Klub“ war, der hatte nichts zu melden auf der Insel. Schließlich war dieser „Klub“ noch elitärer als die Partei.
Faustinus, der willkommene Gast, durfte in einer Ecke Platz nehmen. Dort saß er nun als stiller Beobachter und machte sich so seine Gedanken.
Wenn es stimmte, was Felix ihm damals in Sylvanien berichtet hatte, dann war viel Weisheit auf dieser Insel angehäuft. Diese Chamäleons hatten nicht nur den Asinismus gründlich studiert und die Grundzüge des universellen Animalismus; sie hatten auch noch - unverfälscht durch den Kulturimperialismus der Wölfe - die Dichter und Denker der Eselsnation in Ehren gehalten. Also war Faustinus nunmehr ein Lauschender an der Quelle, wissbegierig wie eh und je. Innerlich etwas aufgewühlt ließ er das rhetorische Geschehen rund um die lange Tafel auf sich einwirken wie einen Film im Lichtspielhaus. Dabei erinnerte er sich der Ausführungen seines Lehrmeisters Felix, der vor langer Zeit einmal diesen Archipel besucht und im Rahmen einer akademischen Disputation einen Vortrag gehalten hatte:
„Auf dem Archipel der Chamäleons jenseits des Donaudeltas im Schwarzen Meer kannst du die Wolfsdiktatur im Kleinen studieren – als Mikrokosmos, der auf einen Makrokosmos verweist.
Reise unbedingt dorthin, wenn sich die Gelegenheit bietet; schau und hör dich um – dann wird dir mach bittere Erfahrungen erspart bleiben, viel Kummer und Leid.“

Von einigen Dingen hatte ihm Felix seinerzeit berichtet … vom Wesen der Chamäleons, von Anpassung und Sektion, von Überlebensstrategien in feindlichem Umfeld, vom Wechsel der Farben, von  Tarnung und Täuschung, von der Lüge und der Notlüge, vom Opportunismus und von der Heuchelei, von Mutationen und Metamorphosen und von weiteren Phänomen der Existenz, die nirgendwo besser erfahren und studiert werden konnten, als im gut überschaubaren Zwergstaat der Chamäleons.
Dieser „Verein“, den Faustinus nun hautnah erleben durfte, hatte etwas Verbindendes und vermittelte den anwesenden Chamäleons ein Gefühl der Geborgenheit in geistiger Heimat. Die meisten Mitglieder sprachen noch den alt ehrwürdigen Dialekt von den Berghängen aus Madagaskar, manche beherrschten sogar die Hochform, den pathetischen Genus Grande, während andere dem Volk der Chamäleons gerne aufs Maul schauten und deshalb in der Mundart dichteten, im Sermo humilis aus der Gosse oder in jenem fernen Idiom, der heute nur noch bei den verwandten Drachen auf der Osterinsel zu vernehmen ist.
Schließlich war Mundart für einige der zarten Echsen Heimat, während anderen die altehrwürdige Tradition der Chamäleons bereits suspekt war, bis hinein in die Tiefen der Drachen-Identität.
Trotzdem ließen sie sich von ihrer Sprache tragen. Vermutlich weil ihnen keine bessere zu Gebote stand, übten die den Zungenschlag so gut sie es mit ihren überlangen Zungen vermochten und versuchten sogar mit mäßigen Erfolg, etwas vom Wohlklang des Jargons, den die größeren Dichter ihrer Nation geprägt hatten, selbst in Poesie umzusetzen.
Die meisten der Chamäleons aus der Agora zählten sich selbst Bildungselite der Insel.
Einige unter ihnen konnten sogar schreiben.
Andere fühlten sich gar berufen zu schreiben. Schreiben war diesen bereits ins kalte Blut übergegangen. Seitdem sie die Fibel beiseite gelegt hatten und mit ihr die Bibel, schrieben sie  und brachten ihre subjektiven Ergüsse zu Papier, besonders dann, wenn die heiße Mittagssonne ihre schillernde Haut durchdrang und die hehren Gefühle ihr pulsierendes Herz höher schlagen ließen. Die meisten aus der Gruppe schrieben so, wie man es ihnen an der Alma Mater der Feuerzungeninseln beigebracht hatte – kurz und bündig!
Sie reihten Subjekt an Prädikat und Prädikat an Subjekt und bildeten so kraftvolle Sätze, die für die noch unverfälschte Urwüchsigkeit der Chamäleons sprach. Das Malen und Notenlesen war nicht ganz ihre Sache. Die meisten blieben dem Wortkunstwerk verbunden, komponierten mit Wortmaterial und versuchten mit spärlichsten Mitteln, doch mit etwas Talent teils als Lyriker, Dramendichter, Essayisten und Romanciers, teils auch als Persönlichkeiten der Wissenschaft den Geist der Zeit zu bestimmen. Die Farbe von Tinte und Tusche variierten allerdings.
Mittelpunkt des Geschehens im Kunstverein war natürlich der erlacuhte Vorsitzende, ein Spiritus rector und Hans Dampf in allen Gassen, der den mächtigen Debattierklub mit noch mächtigerem Segen ins Leben gerufen hatte; aus strategischen Gründen, das versteht sich von selbst.
Der große Zampano, ein Chamäleon in besten Jahren, war der bestimmende Faktor, der allem, was gedacht, gesagt und geschrieben wurde, seinen Stempel aufdrücken musste. Mit seinem Plazet ging hier fast alles. Ohne seine Weihe aber ging nichts.
Die mächtige Einheitspartei der Farbtäuscher stand hinter ihm – hier im „Klub“ verkörperte er die Führungskraft des Eilands. Er war „die Partei“, ihr Kopf und ihr Gehirn, ihr Schild und Schwert.
Fast omnipotent war er auf der Insel, ein kleiner Pharao auf Abruf, ein Gottgleicher, der nur noch einen Gott über sich duldete: Draco hier …und den großen Lupus dahinter!

Faustinus sah sich neugierig um, er beobachtete, reflektierte, Typen und Charaktere studierend wie einst Theophrast und La Bruyére.
Der Vorsitzende tat das, was alle Vereinsmeier am liebsten tun, wenn sie nicht gerade organisieren, verwalten und planen: Er redete verliebt in das Gesagte. Schließlich hörte er sich gerne reden, besonders dann, wenn junge und reifere Chamäleons zugleich andächtig zu ihm hoch schauten, froh etwas von der Weisheit aus erlauchtem Munde mitzubekommen. Hinter dem Rhetor war ein vielsagender Sinnspruch auf die Wand aufgemalt worden:

Chamäleons aller Länder vereinigt euch!

Dieser Appell richtete sich zugleich an alle Tiere in der Hoffnung, der Lupismus würde eines Tages aller Kreatur zu Freiheit und Glück verhelfen. Der Vorsitzende war ein überzeugter Lupist! Ob er im Herzen auch bereits ein Wolf war, weiß man nicht genau.

Copyright:Carl Gibson

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