Freitag, 31. Dezember 2010

Der Todesflug

Während der Esel weiter angestrengt überlegte, wie nun der Wirrwarr vieler Perspektiven zu deuten und aufnehmen sei, flog eine kleine Blaumeise durch das offene Fenster in den weiten Raum.
Lockten die Krümel vom Kuchen, den der Kardinal verzehrte, seitdem es kein Brot mehr gab?
Oder hatte das Vöglein sich verirrt im lichten Labyrinth?
Faustinus näherte sich dem Vöglein neugierig und unbedacht. Er wollte es gerade ansprechen, als die Meise aufgeschreckt hinwegflog, der Sonne zu, dabei aber das einzig offene Fenster verfehlte.
Ein Knall – das Vöglein prallte auf eine unsichtbare Wand aus blankem Glas, glatt und ohne Halt. Die Meise stürzte und fiel auf weißen Marmorboden. Doch sie bäumte sich wieder auf und flatterte der Freiheit zu.
Faustinus sah die Agonie, er sah das verzweifelte Ankämpfen gegen die unsichtbare Hürde. Und er fühlte etwas von dem Schmerz allen Lebens, das im Kampf um das Dasein oft an unsichtbare Wände stößt und im Todeskampf scheitert, ohne recht zu wissen, woran.
Von Mitleid erfüllt und in reinster Sympathie tierischen Mitleidens rannte der Esel auf das strauchelnde Vöglein zu, um irgendwie zu helfen, um das Mitgeschöpf aufzunehmen, um es in Freiheit zu setzen, auf den ersten grünen Ast am Baum hinter der Fensterwand.
Umsonst!
Von den edlen Absichten erkannte die Meise nichts. Von der großen Erscheinung in die Enge getrieben, panisch und von Furcht erfüllt, versuchte sie erneut zu entweichen. Das Vöglein bäumte sich auf, flatterte hoch, flog zwei, drei Runden durch den weiten Saal und stürzte dann, vom Außenlicht verleitet, erneut auf die helle Scheibe zu. Wieder hallte es dumpf – das war das Ende.
Die Meise fiel zu Boden, zitternd wie Espenlaub.
Ein Mitgeschöpf, ein willkommener Gast, der vor Augenblicken noch munter zwitschernd und voller Lebenslust die süßen Krümel aus dem Teppich gehackt hatte, endete auf dem keuschen Marmor. Letzte Zuckungen waren noch da, bevor sich das Leben aus der zarten Hülle verabschiedete.
Geschockt las Faustinus das Vöglein auf und betrachtete es stumm mit Ehrfurcht. Am kleinen Schnabel klebte etwas Blut. Jetzt regte es sich nicht mehr, es erstarrte.
Aus der Traum von grenzenloser Freiheit?
Die Scheibe hatte einen Sprung – auch sie war dahin … wie das Leben und das Erdenglück …
Vanitas vanitatum vanitas … Glück und Glas – wie schnell bricht das!?
Die Fensterscheibe war zu ersetzen, doch das Leben nicht. Etwas Einmaliges war dahin, eine Individualität, die es so nie wieder geben sollte. Das fühlte Faustinus tief – und er fühlte auch, wie Wehmut aufzog, die zur Schwermut auswachsen konnte.
Wie schnell aus Sein ein Nichts wurde!?

Und wie bezeichnend – der Rettungsflug in vermeintliche Freiheit war dem zarten Vöglein zum Verhängnis geworden; er hatte ihm das Genick gebrochen!
Das Gleichnis erschütterte Faustinus sehr, daran erinnernd, dass ein Eselschrei den Sinn der Schöpfung aufheben konnte. Ein großer Dichter war daran verzweifelt.
Regierte der Zufall oder gab es doch einen Plan, der auch Glück und Zukunft planbar machte?
Noch mehr erschütterte ihn das Tragische dahinter.
Ungewollt hatte er dieses Ende mitverschuldet. Edel handelnd war er herbeigeeilt, um zu helfen, um zu retten!
Und die Folge davon? Den Tod eines Mitgeschöpfs wurde so herbeigeführt. Ungewollt natürlich!
Hatte er aber trotzdem Schuld auf sich geladen, indem er handelte – aus altruistischem Streben heraus?
Gutes tun wollen – und doch Böses schaffen?
Faustinus erstarrte bei diesem Gedanken: unschuldig schuldig werden in der Tat?
So schnell wurde man selbst zur tragischen Figur!
War es da nicht besser, überhaupt nicht mehr zu handeln, vielmehr zurückgezogen zu leben in Abgeschiedenheit und trauter Einsamkeit … die Geschicke der Gesellschaft anderen überlassend?
Fragen gab es viele - nur Antworten blieben aus.

Der Kardinal stand stumm daneben. Er sagte nichts, wusste er doch, dass auch dieses Erlebnis nur ein Gleichnis war, welches sich täglich in vielen Formen ereignete, selbst im eigenen Bereich der Politik und auf höherem Niveau. Antizipierte der Vorfall die Zukunft, das eigene Schicksal gar?
Mikrokosmos – Makrokosmos?
Faustinus blieb verunsichert. Der Schock wirkte nach.
„Wir alle müssen noch dazu lernen, Eselchen. Dies war eine Lektion, die du noch verinnerlichen musst!“
So schloss der Fuchs und geleitete den Besucher dann freundschaftlich zur Tür.
„Aber was wird aus der Sondergenehmigung?“
jammerte Faustinus etwas enttäuscht, wohl wissend, dass Beziehungen alles bedeuteten und ohne die richtigen Beziehungen überhaupt nichts funktionierte in diesem Staat der Wölfe.
„Stelle erst einmal einen Reiseantrag – vielleicht helfe ich dir dann … doch kommt es auf dein künftiges Verhalten an … auf deine Haltung zur Republik.
Nimm dir ein Beispeil an mir! Auch ich bin nur ein bescheidener Diener dieses Staates, der allen Tieren eine Chance gibt. Andere aber, merke wohl, sind weniger zimperlich, wenn es darum geht, Eseln die Ohren lang zu ziehen.“

Darauf hin schloss sich die schwere Holztür mit einem Knall. Faustinus musste noch an den knurrenden Wachhunden vorbei, die jederzeit nach ihm schnappen konnten.
Prätorianer hatten freie Hand in diesem Staat – und manch einer meinte gar bei vorgehaltenen Hufen, die Garde sei ein eigener Staat im Staat. Diesmal besannen sich die Kampfhunde auf die Pflicht und ließen den Esel vorbei. Bald darauf stand er wieder auf der Straße, nur auf sich gestellt und allein.




Copyright: Carl Gibson

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