Mittwoch, 29. Dezember 2010

Der Traktor

Hin und wieder las Faustinus unfreiwillig Sätze, aus welchen der Geist der Zeit und einzelne Grundzüge der lupistischen Weltanschauung des Wolfsstaates mehr als nur hervor schimmerten. Denkwürdige Botschaften waren da herauszulesen, die allen verdeutlichten, besonders aber den Nichtwölfen im Staat, wohin der Wind wehte und welcher Erlösungsweg einzig und allein zum Endziel führen würde.
Du bist nichts – der Wolf ist alles“,
verkündete da ein Transparent. Faustinus vernahm es mit Schrecken. Bisher hatte er sich als Individuum gesehen!
Und nun war er ein Nichts?
Konnte aus vielen Nichtsen ein Wert entstehen, gar ein Volk?
Eine andere Aufschrift lehrte:

Traktoren müssen rattern bis zum Sieg!

Es war allen bekannt: Der Oberste Rudelführer, das absolute Alpha-Tier,
setzte seit längerer Zeit auf Industrialisierung.
Das "Stahlkochen" müsse so forciert werden, der Maschinenbau ebenso, damit der quantenähnliche Technologiesprung vom "Zeitalter des Schafs" in das Zeitalter des Traktors in nur wenigen Jahren zu bewältigen war.
Es musste schnell gehen mit der Schaffung des „Neuen Tiers“ und der Errichtung der der Glückseligen-„Gesellschaft des Lichts“ – denn selbst ein Überwolf lebte nicht ewig.
Lupus hatte ein Zeitproblem, das Problem des Spätgeborenen, der alle früheren Fehler der Vorfahren ausbügeln will. Die Untertanen sollten spüren, wie ernst es ihm war.
Die Krönung seines Lebenswerks wollte Lupus selbst erleben.
Ein paar Fünfjahrespläne noch … und schon winkte das hehre Ziel – das Glück der Vielen … der vielen zum Glück verdammten Sklaven!

Ja, so dachte Lupus, der bei Gott kein allzu strenger Denker war – und alle Parolen an der Hauserfront kündeten von den hehren Gedanken. Der Fortschritt der nahenden Epoche des Lichts war bereits überall sichtbar. Selbst Blechmünzen verewigten die stolze Zeit.
Bevor Faustinus seine letzten, matt klingenden Taler gegen eine Portion Gerste einzutauschen bereit war, berauschte er sich noch einmal am Klang des Geldes.
Eines der Blechstücke nahm er aufmerksamer unter die Lupe, drehte es hin und her, ergriffen von der kräftigen Bildsprache der Münze, alles tiefe Allegorien und Symbole, die von einer lichtvollen Zukunft der Wolfsgesellschaft kündeten. Die gütige Sonne war da zu sehen, das Sinnbild des Lichts seit jeher und in allen Kulturen, stilisierte Weizenähren und ein paar Erdölbohrtürme als Metaphern des aufziehenden Wohlstands. Ferner, doch thronend über allem:
der Traktor.

Alle Minnesänger des Wolfsstaates hatten bereits ein Gedicht auf ihn gemacht; sie besangen den Traktor in Lyrik und Prosa - sie machten Hymnen auf ihn, wobei bereits im Prolog proletkultistisch betont wurde, dass ihr "Traktor" ein "wirklicher Traktor" sei, ein realistischer aus Erz und keine ambivalent interpretierbare Metapher.

Intuitiv nach anderen Symbolen und Allegorien suchend, zog Faustinus ein weiteres Geldstück hervor – und was erkannten seine verwunderten Augen?
Da war noch ein Traktor, aber "in Kupfer", mit Pathos und mit grüner Patina.
Doch diesmal war es nur der Traktor „an sich“, einer, der für das Kommende stand, für die tosende Lokomotive, für die Rakete - als Wunderwaffe und zum Sternenflug.
Was war die mehrtausendjährige Herkunft gegen dieses Fortschrittssymbol?
Der Traktor - das Gefährt schlechthin, geradezu prädestiniert, die Arbeitskraft aller trägen Zugtiere zu ersetzen.
Wer brauchte da noch Esel, wo es den Traktor gab?
Als Traktor-Fahrer vielleicht?
Wohl kaum!
Solch Fortschrittsmaschinen würden künftig bestimmt nicht von rückständigen Eseln bedient werden, noch von trägen Wasserbüffeln, Yaks oder Auerochsen, nur von besonderen Wölfen mit Talent und Qualifikation: die Auserwählte am Lenkrad: Wölfe, die sich voll und ganz zur egalitären Klasse bekennen, zur Omega-Klasse.
Ihr Wesensmerkmal war der ewig gesenkte Schweif und die bereits in heiligen Büchern formulierte Überzeugung, dass die Letzten einmal die Ersten sein werden.
Das A und das O, das I und das A, das war nun der Traktor – die conditio sine qua non der Wolfswelt, ohne die nichts mehr möglich sein sollte. Ein Trost nur, dass es kein Panzer war.




Copyright: Carl Gibson

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Buch 2016 - Autor, author, auteur Carl Gibson: Bücher, books. livres - , Neuerscheinungen. Information zur Buchmesse 2016 in Frankfurt am Main. Carl Gibsons umfassende Herta Müller-Kritik jetzt im Buchhandel!

Neue Buch-Veröffentlichungen des Instituts zur Aufklärung und Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Europa im Jahr 2016,...