Samstag, 18. Dezember 2010

Der Vorsitzende

Natürlich saß der Vorsitzende, der den großen Führer aller Chamäleons in der kleinen Provinz zu vertreten hatte, am Kopfende der langen Tafel. Dort konnten ihn alle sehen – und auch er hatte alle im Visier. Seine Haut strahlte im glänzenden Purpur. Er war wohl genährt wie alle Chamäleons, die in der Partei waren. Pralles Rot wäre ihm zu verräterisch erschienen. Er neigte zur Kardinalsfarbe, die in diesem Kreis nur ihm zustand wie manche Tugend. Purpur hatte eine besondere Note. Und der Vorsitzende liebte das Besondere. In der Tiefe seines Herzens jedoch verehrte er das Rot der Rose in der Faust des Arbeiters. Denn auch er kam von unten, wie alle im Archipel, die es zu etwas gebracht hatten - und nie wieder wollte er in das Elend der Steinbrüche zurück, nie wieder, das hatte er sich geschworen, auch auf die Gefahr hin, sich einer Rückgrat und Hirnamputation unterziehen zu müssen. Hauptsache der Magen blieb erhalten; schließlich war doch der ewig volle Magen das wichtigere Organ und der Garant der Glückseligkeit auf Erden.
„Was nutzt mir alles tiefere Denken und alle Weisheit der Staatsführung, wenn der Darm knurrt“
 – und nicht nur Warane haben einen langen Darm!
Denkerisch sympathisierte er natürlich mit den größten aller Denker, speziell mit den Thesen der Nachfahren Hegels. Und auch als Literat war er ganz ein Mensch der Synthese.
Deshalb verehrte er ganz unorthodox gerade Goethe, ausschließlich Goethe. Denn Goethe war für ihn ein Kristallisationspunkt, der alles an Literatur zusammenfasste, was vor ihm war, und der alles antizipierte, was nach ihm kam. Wer sich mit ihm ausreichend beschäftigte, konnte auf alle anderen Geister verzichten. Goethe war die Synthese schlechthin. Und in seiner weiten Dichtung war es Heros Faust, wo alles verdichtet zusammenlief. Der Tragödie erster Teil – das war für den Gebildeten das Werk schlechthin, der Homer der Neuzeit, ja mehr noch: die Quintessenz der Antiker in einem Buch!
Der Vorsitzende liebte Faust über alles, weil Faust auch Don Juan war – und Ahasverus!
Faust, das war der Mythos des leiden Lebens in seiner Gespaltenheit. Besonders jene Stelle deklamierte Draco leidenschaftlich und oft, wo Fausts innerer Zwiespalt offenbar wird – denn die eigene Wesenheit wurde ihm bewusst: Zwei Seelen hab ich, ach, in meiner Brust …Der Vorsitzende deklamierte die gleiche Erkenntnis immer für sich selbst und für andere, vor allem dann, wenn er morgens in den Spiegel sah und wenn er anderen zu erklären hatte, dass Weiß auch schwarz und Schwarz auch weiß sein kann. Das entsprach dem real existierenden Perspektivismus und der Realität der Dinge in einem Staat, in dem noch nicht alles perfekt war.
Sein und Schein, Wahrheit und Täuschung, Traum und Wirklichkeit – das waren Folterinstrumente, die sein aufrichtiges Gewissen täglich marterten. Alle um ihn sahen etwas von seinem einsamen Leiden – aber sie verstanden ihn nicht.
Die scharfe Zunge, die auf entsprechendes Denken und hohe rhetorische Schule verwies, hatte einen großen Spalt, ganz wie sein Bewusstsein und seine Seele. Das Dilemma daraus war schwer zu lösen. Deshalb las er nicht mehr fromm in „Entweder- Oder“, sondern nur noch in der Philosophie des „Als-ob“. Kierkegaard war ihm noch suspekter als Nietzsche, da Letzterer das Janusköpfige im Denken nie endgültig verworfen hatte. Es gab noch ein „Jenseits von Gut und Böse“ – das machte Hoffnung … für alle Tiere, für die gesamte Tierheit …
Und ein Waran, edler als alle Wölfe und Werwölfe, war seit jeher zum Denken bestimmt, zum vorausschauenden Denken, richtungsweisend für das machiavellische Handeln dahinter.

Als Edelchamäleon hatte sich der Vorsitzende natürlich auch mit der Farbenlehre Goethes beschäftigt und genoss inzwischen den Ruf einer Koryphäe in Sachen Reflexionen und Spiegelungen, von Nuancen und Facetten aller Erscheinungen des Lichts in allen denkbaren Formen. Des Pudels Kern des Chamäleons, sein wahrer Urgrund, sein Wesen, das war das als Farbe wahrgenommene Licht in allen Spektralfarben des Regenbogens. Hinter allem stand eine gewaltige Metaphysik des Lichts, von der die meisten anwesenden Chamäleons nichts ahnten. Die einen, weil sie zu ungebildet – und die anderen, weil sie noch zu jung waren. Nur einige frönten im Verborgenen dem Isis - Kult und lasen unter der Bettdecke ein paar Gedichte verbotener Dichter.

Die Progressiven im Kreis, die Nachgeborenen der Braunhäutigen, sangen heimlich die Internationale in drakonischer Fassung. Allein der Vorsitzende und zwei, drei der älteren Chamäleons an seiner rechten Seite, die bereits in die Welt der Esoterik eingetaucht waren, wussten von den wahren Tiefen der Lichtmetaphysik, von ihrer Faszination und von ihrem Zauber.
Nur sie kannten die enigmatischen Gesetze der Spiegelungen und Täuschungen und das Phänomen des ewigen Wandels als der einzigen Konstanten.
Und nur sie wussten, was der Vorsitzende meinte, wenn er seine Zwei- Seelen-Lehre pathetisch verkündete.


Copyright: Carl Gibson

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