Mittwoch, 29. Dezember 2010

Der Wald der Zehntausend Pfähle

Faustinus war bereits eine gute Weile auf dem Heimweg nach Siebenbergen, als er unweit der Wolfsburg auf einen Wald von Pfählen stieß. Die Spitzen der unzähligen bleichen, in den Boden gerammten Stangen zeigten bedrohlich nach oben.
„Welch sonderbarer Anblick!“
wunderte sich der Esel. Bei so viel Verwunderung übersah er einen alten Bekannten aus dem Wald, den Raben, der zufällig auch da war. Hoch oben auf einem fahlen Pfahl thronend, blickte dieser in die Welt, teilnahmslos über Zeit und Leid erhaben. Unheil, das er oft schon hatte kommen und gehen sehen, beeindruckte ihn nicht mehr. War das der gleiche Rabe, der in mitternächtiger Stunde an das Fenster leidenden Dichter pochte, ihnen vorkrächzend, was zu Papier zu bringen war?
„Kra, kraaa!“
tönte es jetzt aus der Höhe.
 „Iii- Aaaa!“,
meldete sich Faustinus zurück, erfreut eine vertraute Stimme zu hören.
„Wie kommt es, Freund, dass diese Bäume keine grünen Laubkronen haben, kein Geäst, nur spitze, bedrohliche Stämme?“
Der Rabe räusperte sich etwas, um dann bestimmt zu erwidern:
„Das ist der Wald der Zehntausend Pfähle, Freundchen! „Eine Richtstätte, Ort der Vergeltung, der höchsten Strafe!
Wehe dem, der hier ankommt!
Der weiße Knochenberg dort drüben spricht eine deutliche Sprache!“

Anschließend erzählte der weise Bewohner der Lüfte dem staunenden Waldesel aus Siebenbergen, wie ein Schreckensherrscher des Wolfsstaates, ein Urahn des Lupus bereits vor langer Zeit diese Vergeltungsart eingeführt hatte, um die Feinde des Vaterlandes einzuschüchtern und abzuschrecken, die von außen ebenso wie die eigener Gegner im Innern.
Besiegte Feinde der Wolfswelt, die sich seinen Zugriff nicht entziehen konnten, wurden entweder ohne viel Federlesen zur Richtbank geführt, gerädert, gevierteilt oder in ganzen Scharen hierher getrieben und „auf den Pfahl gezogen“. Der Despot, den sie bald darauf den „Pfähler“ nannten, ließ alle einfach aufspießen – bei lebendigem Leibe!
Dann mussten die zappelnden, winselnden und vor Schmerzen aufschreienden Opfer auf dem Pfahl hängen, über den oft erst nach Stunden eintretenden Tod hinaus, solange bis ihr verwesender, in Stücke fallender Leichnam von Geiern und dem Wind davongetragen wurde. Die Haufen bleicher Skelette der Opfer wurden irgendwann zu einem großen Berg zusammen geschaufelt und so der Vergänglichkeit überantwortet. Die Knochenpyramide war noch da – das Golgatha der Vielen!
Diesmal schauderte es Faustinus sehr. Schließlich war er nicht ausgezogen, um das Gruseln zu erlernen, um Grauen, Horror und Terror, Angst und Schreckens an einem Unort der Bestialität zu erfahren, sondern um lebenswichtige Erkenntnisse zu sammeln, um das eigene Glück zu beflügeln.

Was lehrte diese Geschichte?
Auch mit den Wölfen der Jetztzeit war nicht zu spaßen. Die jüngst erst miterlebte Hetzjagd meldete sich wieder zurück – und mit ihr die Angst, die ihm ins Mark kroch.
Ein Esel, eigentlich ein friedfertiges und braves Tier, das sich schon mit etwas Gras begnügte, war doch ein recht exponiertes Wesen in dieser rauen Wolfswelt.
Trotzdem: Freiheit und Lebensglück konnten nur über die Selbstbehauptung erreicht werden. Das wussten selbst die Chamäleons.

Zurückgeworfen auf die nackte Existenz überlegte Faustinus jetzt reiflich, ob er der Einladung des Fuchses folgen und hinter die Mauern der Festung blicken sollte. Schließlich lebten in der Festung fast ausschließlich Wölfe sowie treu ergebene Hunderassen, die von den wilden Wölfen kaum noch zu unterscheiden waren. Das Bewusstsein und die Uniform determinierten selbst den Körperbau und machten aus mancher Kreatur eine Bestie mit wölfischem Antlitz.
Vor ihm lag die "Wolfsschanze", ein anderer Schreckensort, wo zarte Waldsesel bestimmt nicht allzu viel ausrichten konnten.
Sollte er es trotzdem wagen, über die Schwelle zu treten? Schließlich verstand er sich als Grenzgänger, der einiges wagt – über Erkenntnis und empirische Erfahrung hinaus?
Sollte er hineingehen in die Höhle seiner natürlichen Feinde und die Schattenbilder der Wolfswelt ausloten, bevor er das Wesen des Wolfs zu beurteilen wagte?
Oder war das Hybris, gar Dummheit?
Sollte er eindringen in die Katakomben der Macht, wo sich der alte Diktator, der sicher kein Freund der Esel war, verschanzt hatte?
Und was wäre … wenn es käme wie in jener Fabel des Äsop mit dem zahnlosen Löwen, der nicht mehr jagen konnte? Der aber mit List einfältige, gutgläubige Tiere in seine Höhle lockte, um sie dann gnadenlos aufzufressen, nur weil er weiterleben wollte?
Sollte Faustinus es vielleicht sogar versuchen, ins Ministerium zu gelangen, um den begehrten Pass zu erhaschen, jene Sondergenehmigungen, die es vermutlich nur dort gab?
Faustinus fühlte ein mulmiges Rumoren im Bauch, ein Gefühl, wie er es damals im Gebüsch erlebt hatte, als er unfreiwillig der Hetzjagd zusah und damals über dem Abgrund an tosenden Strom. Angst kam nun auf, unbestimmte Angst: Existenzangst.
Sein oder Nichtsein?
Das entschied sich in solchen Augenblicken. Da er aber im Grunde seines Wesens ein echter Heros war, bereit, es jederzeit mit jedem Lindwurm aufzunehmen, schob er jede lähmende Vernunft beiseite, fasste sich ein Herz und klopfte mit dem Vorderhuf gegen das mächtige Stadttor.
„Wer da?“
fragte eine unverfälscht raue Stimme. Ein Wolfsgesicht schickte sich an, durch das Guckloch zu blicken.
„Ein loyaler Untertan – ein Esel“
antwortete der inzwischen schlauer gewordene Faustinus mit schmeichelnder Engelszunge, so als ob er gerade erst Kreide gefressen hätte.
„Und was führt dich in die Wolfsschanze, Jüngling?“
forschte das Raubtier in Uniform weiter.
„Der mächtige Kardinal hat mich hergebeten – Auf die Parteihochschule soll ich, dorthin, wo die Eliten der Wolfswelt ausgebildet werden. Der hohen Kunst der Diplomatie soll ich zugeführt werden … und einiges über Völkerrecht, Tierrecht und wölfisches Staatsrecht soll ich wohl lernen“
gab der zunehmend mutiger werdende Waldesel zurück.
Die wohl gewählten Worte waren sein Ausweis. Unsinnig klang das alles nicht. Da stand also kein ganz gewöhnlicher Esel an der Pforte, um Einlass in die Festung bittend, sondern einer, der wirklich zum Wolf werden wollte; ein gelehriger Esel, eine künftige Zier und Zierde des Wolfsstaates nach innen wie nach außen.
Schließlich übte man Toleranz im egalitären Staat, zumindest auf dem Papier, propagierte die Koexistenz aller Kreaturen und schloss sogar zwischenstaatliche Verträge, die den Frieden sichern sollten, während man in Geheimbund mit den Bären insgeheim zum Krieg rüstete. Der Pförtner hatte die Parolen verinnerlicht und gab den Weg frei:
„Du darfst passieren!“


Copyright: Carl Gibson

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