Samstag, 11. Dezember 2010

Der Wels



Keine Meerjungfrau redete plötzlich zu ihm, keine Nymphe und keine verführerische Sirene, sondern ein Fisch, ein ferner Verwandter jenes Butts aus dem Märchen, der Wunder wirkte und Hybris bestrafte!
Und dabei hatte Faustinus immer geglaubt, Fische seien stumm!
Der mahnende Schutzengel aus der Tiefe kam in der Gestalt eines uralten Welses mit Schnurrbart, den man in der Abenddämmerung mit jenem Wal hätte verwechseln können, der Jonas ins Leben zurückgeworfen hatte.
Ja, die dahin strömende Zeit oder Poseidon selbst hatten den Waller vermutlich im Strom vergessen und ein kleines Seeungeheuer aus ihm gemacht. Kein Fischernetz hatte je seiner Kraft widerstanden. So war er alt geworden, mild und weise:
„Hat die gütige Sonne dein Bewusstsein getrübt, Eselchen?“
rügte ihn der Wels.
„Was versprichst du dir davon, hier zum Grund zu sinken. Da unten in der Tiefe ist es dunkel und kalt.
Ein Esel kann dort nichts erkennen!
Auch überleben wird er bei uns kaum!
Bleib’ deiner Erde treu, graues Langohr, rate ich dir. Denn streben kannst du nur, solange du lebst!“
Der beim feigen Davonschleichen aus Leben und Verantwortung ertappte Waldesel wankte verblüfft zurück. Die Erde hatte ihn wieder – und er  schämte sich.
Heroisch wäre das doch nicht gewesen, was er gerade vorhatte? Auch ritterlich nicht, noch edel! Bei genauerer Betrachtung wurde Faustinus bewusst, was ihm fast unterlaufen wäre:
eine Eselei, eine besondere Eselei!
Das Gefühl hätte ihn fast verleitetet und in die Irre geführt, nicht letztes Erkenntnisstreben! Eine kurze Sinnestäuschung wäre ihm zum Verhängnis geworden. Er, der konsequente Rationalist, der vernunftbegabte Waldesel aus Siebenbergen, wäre fast der Emotion zum Opfer gefallen, einer Laune, einer eine Gestimmtheit. Um ein Haar hätte ihn die Verzweiflung mitgerissen; ihn, einen heiligen Esel, ein anbetungswürdiges Geschöpf, das von der großzügigen Natur doch auch mit einem prächtigen Verstand ausgestattet worden war.
Und ein sprechendes Seeungeheuer aus den Untiefen der Zeit musste ihn zur Räson rufen; ihn zurückwerfen in die Existenz wie einst der biblische Wal einen anderen armen Sünder!
Allmählich klärte sich Faustinus Bewusstsein wieder – die Einsicht kam zurück und der kritische Eselsverstand. Faustinus erkannte den Frevel, seine Hybris, jenen fatalen Übermut, der ihn schier das Leben hätte kosten können.
Jede Aussicht auf künftige Erkenntnis wäre tatsächlich für immer dahin gewesen – jedes künftige Glück und jede Lebensfreude. Das alles sah Faustinus jetzt ein. Und diese Einsicht war ein gutes Mittel, doch noch eine Weile dem Lauf des Lebens zu zusehen, es mit zu gestalten, um so zu erfahren, wie es weiter ging auf dem Planeten Erde und hoch oben im Himmel sowie in den Untiefen des Universums, dessen Galaxien noch so unerforscht waren wie die Dunkelheit auf dem Grund der Ströme. Meere und Ozeane.
Vielleicht wurden neue Sterne geboren, die noch wilder funkelten als der eigene Leitstern dort, den Faustinus schon aus den Augen verloren hatte! Vielleicht tauchte ein strahlender Komet am Firmament auf … mit neuer Spannung - Lust und Lebensfreude, die leibhaftige Liebe des sublimen Eros hinter der abstrakten Liebe zur Wahrheit?
Und vielleicht winkte hinter allem am Ende gar das große Glück in Ewigkeit?
Wahrscheinlich war das nicht, doch immerhin möglich.
Und ein spekulierender Metaphysikus, folgerte Esel Faustinus, erschließt alles Mögliche im Denken.
Wenn Fische redeten, das wusste Faustinus bereits aus dem trefflichen Märchen von dem Fischer und seiner Frau, das er in seinen Reflexionen über Hybris unzählig oft wieder und wieder gelesen hatte, dann ging es um Augenmaß, um bestrafte Verstiegenheit und um rechtes Wollen, hinter welchem immer ein gesunder Eselsverstand vermutet wurde. Also gab er seine Vermessenheit gerne zu.
„Wie beneide ich euch, Fische. Ihr lebt ihm kühlen Grunde, im geschmeidigsten aller Elemente – und doch seid ihr unendlich frei!
Frei wie der alte Rabe im Wald, der eigentlich ein Adler ist!“
„Wassergeschöpfe sind noch freier als alle Bewohner der Lüfte“,
entgegnete ihm der Waller.
 „Schließlich sind wir Fische sind viel länger auf der Welt als Vögel, die auch aus dem Wasser herstammen wie Archäopteryx  und Phönix.  Wir können überall hin schwimmen, wo es unser Element gibt, rund um den Erdball, auch in die kältesten Regionen des Planeten, auch dorthin, wo kein gefiederter Zeitgenosse leben kann. Selbst in den schwarzen Untiefen des Ozeans bewegen wir uns virtuos, in Dunkelheiten, die noch kein Sterblicher ausgeleuchtet hat.
Erkenne sich selbst, hat dir der sibyllinische Rabe geraten.
Die Götter haben dir vier Hufe gegeben und ein starkes Kreuz.
Nutze diese Gaben - und nutze auch den Tag … gemäß deinen Fertigkeiten – bete und arbeite,
faste und genieße,
lache und freue dich,
achte die Schöpfung und wahrlich, Esel, ich rate es dir,
bleibe der Erde treu!
Denn da hat Gott dich hingestellt, da hast du deinen Platz,
sie nährt dich redlich, wenn auch manchmal im Schweiße deines Angesichts, aber sie ist dein Element, während das meine das Wasser ist.
Vertraue dem Wort eines alten Fisches, der einiges beobachtet und einiges erkannt hat;
 und setze deinen Weg fort – mit Zuversicht, jenseits aller Melancholie! Vielleicht wirst du dein Erdenglück finden, nachdem du suchst und die Welt der Esel, wo du eselsgemäß leben kannst.
Trachte, sie zu finden und auszuloten.
Doch erst wenn du dein Selbst  gefunden hast, das Seelenruhe und Seelenheil bedeutet, wirst du erkennen, was wahre Glückseligkeit ausmacht!“

Faustinus glaubte den guten Mentor Felix reden zu hören. So vertraut klang das alles – und so luzid, so locht und deutlich! Die Klarheit war nun da, nur die Methode fehlte noch, um die Pläne umzusetzen, um die Ziele auch zu erreichen.
„Also soll ich weiter zur Mündung hinab, zum weiten Meer – oder doch lieber gleich zur ursprünglichen Quelle hinauf, Wels, wohin muss ich…“
Der Wels überlegte, dann gab er halblaut zurück:
„Vielleicht trägt dich ein Schiff hinaus in die große Freiheit, wenn du eines findest. Vielleicht musst du kehrt machen und gegen die mächtige Strömung schwimmen, zur Quelle hin.“
Erfolgsrezepte konnte er keine anbieten, nur Denkhilfen, Anregungen, guten Rat, der auf Erfahrungen beruhte und auf gültigem, überprüfbarem Welt-Wissen.
„Aber können Esel überhaupt schwimmen oder gar tauchen …?“
wehrte sich Eselchen Faustinus wieder verunsichert. Es wurde still.
Eine Antwort bekam er nicht mehr. Ein Jammer!
Der Wels war auf und davon, hinab zum Grund, in die ruhige Geborgenheit der Nacht; in eine Welt, die da war, vor der aber weder Esel noch Wölfe etwas wissen konnten.




Copyright: Carl Gibson

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen