Mittwoch, 29. Dezember 2010

Die „bestia triumphans“, Dekadenz und große Gesundheit - Der Lupismus als neuer Weg zum Heil

Auf dem Marsfeld, wo das Volk der Wölfe dem tapfersten aller tapferen Helden ein Denkmal errichtet hatte, war Lupus in Erz verewigt. Ein Stangenmeer mit Wolfsköpfen umsäumte ihn, zottige Häupter, deren hohle Rachenschlunde aufheulten wie Äolsharfen, wenn ein kräftiger Wind aufkam. Das war wölfische Kunst vom Feinsten und imposantes Kriegsgejaule zur Einschüchterung aller Feinde aus den diplomatischen Missionen von nebenan. „Psychologische Kriegsführung“ nannten das die Wölfe.  Die Verbreitung von Angst und Furcht waren effiziente Vehikel der Machtausübung – nach innen wie nach außen.
An den hoch aufgerichteten Standarten war dazu noch abzulesen, wie viele bis zu den Zähnen bewaffnete Rudel im Feld standen. Dazu Kampfparolen in blutroter Schrift, die nicht nur dem Eselsnaturell widerstrebten. Ihre Botschaft war eindeutig. Alles deutete auf den Endsieg der wölfischen Rasse hin, im Geistigen zunächst über die noch umzusetzende „Umwertung aller Werte“ und dann konkret im Schlachthaus und auf den Schlachtfeldern des Alten Kontinents. Dem Niederringen aller inneren und äußeren Feinde würde dann die „neue Gesellschaftsordnung“ folgen, eine „neue Ordnung“, die ausschließlich dem Erdenglück der Vielen verpflichtet sein sollte – als Herdenglück aller Tiere. Eine „neue Ethik“ musste her, an der alles künftige Handeln ausgerichtet sein sollte.
In markanter Absetzung von Philosophen der dekadent gewordenen Menschheit, von Humanisten und Reformatoren, die viel zu lange unbeirrbar an der Kategorie des menschlichen Menschen festhielten, obwohl bereits Hobbes ganz andere Dinge verkündet hatte, musste im Wolfsstaat das Diktum der „bestialischen Bestie“ zum Durchbruch gelangen, ganz nach der Auffassung: lieber ein gesundes Tier als ein dekadenter Mensch.
Diese Erkenntnis war Programm. Schließlich war Dekadenz gleichbedeutend mit Schwäche, baldigem Absterben, ja Aussterben, während die „große Gesundheit“ einer rosigen Zukunft gleichkam.
So sah das – nicht unwesentlich inspiriert vom Kardinal – Führer Lupus, der geniale Vordenker des zunehmend autarker werdenden Raubtierstaates, richtungweisend für eine ganze Welt der Raubtiere, in der der Stärkste regierte, weil es die Natur, in der sich die göttliche Ordnung spiegelt, so wollte.
Alle anderen Ideologen und Pharisäer des Staates, darunter auch Esel und Hornochsen von der Akademie, folgten ihm gerne. Schließlich hatte Lupus die Bärtigen der Geistesgeschichte gelesen und zum Teil auch verstanden, von den streitbaren Sophisten über Platon, Aristoteles und Machiavelli bis hin zum Walrossschnäuzigen aus Sils-Maria, den Rauschebärtigen und dem mit dem Ziegenbart. Einiges hatte er recht gründlich studiert, so lange, bis das Beste herausgelesen war, was die Bärte an Weisheit verbargen: den Willen zur Macht in Verbindung mit dem Klassenkampf der Entrechteten und Besitzlosen gegen die Reichen und Korrupten.
Als guter Eklektiker formte Lupus ein System daraus, eine Weltanschauung, die allen bisherigen Utopien und Heilslehren überlegen war: die Diktatur der Wölfe als ultimative Entfaltungsform von Willen zur Macht in moderner Gesellschaft.
Aus der Lehre vom Willen zur Macht des Übertiers in Verknüpfung mit der Emanzipationsphilosophie der Entrechteten aller Länder erwuchs schließlich ein Denken, das den noch weit verbreiteten Animismus,  den Animalismus, ja selbst den „dialektischen Ursismus“ überflüssig machte und aufhob, alles zu einem verschmelzend – zur Überphilosophie der Macht, zum Lupismus.

Viel Seherisches hatte er bei den struppig Haarigen, die sich auch optisch dem Tier näherten, vorgefunden, vieles, was von der Überlegenheit der Bestie kündete, vom Weg zur Macht und vom Willen zur Macht.
Mit Wolfsmilch herangereifte Helden, kluge Sophisten und starke Renaissancewölfe hatten bereits einiges antizipiert und der Tyrannis der Antike wieder zu Glanz verholfen. Dank Lupus visionärer Weitsicht wurde „die Bestie“, ganz egal ob blond oder braun, nun wieder zum „Maß aller Dinge“; und die Konsequenz daraus, das große Ziel der Wolfheit, das war die „bestia triumphans“.

Davon waren bald alle überzeugt, vom Führer aller Wölfe, dem Leitwolf an der Spitze, bis zum letzten Hund im Loch. Die Vasallen aus dem unmittelbaren Umfeld des Führers riefen untertänigst „Hau-Hau“ und applaudierten im vorauseilenden Gehorsam.
„Hoch lebe Lupus“, skandierten sie im vereinten Chor!
„Hoch lebe der Lupismus – unser Weg zum Heil“
und
„Hoch lebe die Bestie!“
Solches war überall zu hören in den Straßen der Wolfsburg.

Der Ausspruch:
„Den Lupismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf“,
wurde zum geflügelten Wort in ganzen Staat. Und ein redlicher Esel wie Faustinus, der es immer ehrlich meinte, war wieder mal der Dumme.

Das allmächtige Schicksal hatte den Oberwolf, der sich in einer günstigen Stunde der Geschichte an die Macht geputscht hatte, nicht nur zum ersten Krieger im Staat bestimmt, sondern auch zum einsamen Vordenker für sein Volk und, das vergaßen viele, für die gesamte Tierheit.
Die Emanzipation aller Tiere lag ihm am Herzen – ihr galt seine Sorge bei Tag und Nacht.
Die Wölfe sollten nun vorausgehen wie Kolumbus, wie Konquistadoren und Pioniere, entdecken, erobern, Wege schlagen, um so die Bahn zu bereiten für die Kommenden.
Aus den viel zu lange in Höhlen Hausenden, aus Einsamen von vorgestern sollte bald ein Volk entstehen … ein neues Rudel … und aus ihm das Übertier – gottähnlich mit Wolfsgesicht, mit dem Bewusstsein der triumphierenden Bestie, ein Wesen, dass ich zum gegenwärtigen Tier verhalten würde wie einst der arme Mensch zu Gott.

Auf diesen „qualitativen Sprung“ kam es Lupus an, wobei das Übertier nicht etwa einer regulativen Idee gleichsam, sondern echt war aus Fleisch und Blut. In stillster Stunde kamen ihm die großen Gedanken, in Abgeschiedenheit, allein. Die Anderen brauchten nur zu folgen in der Umsetzung seiner Vision.

Die Einsamkeit war sein Element und die Entrücktheit des Bunkers.
Was war dem strengen Denken des Führers zuträglicher als ein tiefes Erdloch, in das kein Sonnenstrahl eindringen konnte und auch kein Wehgeschrei darbender Untertanen?
Das Licht war in ihm und strahlte aus ihm hervor. Selig, die um ihn waren, um sich in seinem Nimbus zu sonnen.
Da er aber immer nur im Bunker hockte, umgeben von wenigen Domestiken, die ihm frisches  Opfer-Fleisch brachten als Erobererkost, nahm er die Welt nur aus seiner Höhlenperspektive  wahr. Wo Dinge waren und Wesenheiten, sah er nur Schatten.
Aber er war überzeugt davon, dass seine subjetive Bertachtung Objektivität an sich war, ergo Maß und Maßstab für alle. Was er dann aus den Tiefen des selbst gewählten Kerkers verkündete, war Gesetz – und keiner wagte zu widersprechen; auch die edelsten Wölfe nicht, die sich ihrer Pflichtethik unterwarfen und einem heiligen Eid, den sie dem Leitwolf geschworen hatten. Über das Gelöbnis banden sie sich an ihn wie an einen Gott, legten sich für alle Zeiten fest, bis hinein in den Märtyrertod und opferten dabei alles andere, was aus ihnen ein edles Tier hätte machen können.

Faustinus wusste nicht so recht, was es denken sollte. War das der Geist der Zeit – oder doch nur der Ungeist?
Gab es überhaupt einen Zeitgeist – oder drückten die "großen Individuen" wie die neue Wolfs-Bestie von … der Zeit ihrem Stempel auf?
Wem sollte er folgen?
Dem Klang der Neuzeit, der viel Abwechslung versprach oder der verworrenen Welt der Bücher, in denen tausend Irrlehren weiter lebten,
wo doch die Zeit Klarheit brauchte?
Jetzt passierte gerade die Hochschule für Führungskräfte, wo in der Regel nur privilegierte Wölfe studieren durften, Lupisten, Wölfe von edelstem Geblüt, der Ahnenreihe mindestes bis zur Wölfin zurückzuverfolgen war, die künftige Elite der Wolfsrepublik, und bestenfalls ein paar handverlesene Esel oder Schweine mit Ausnahmenehmigung.


Copyright: Carl Gibson

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