Samstag, 18. Dezember 2010

Die Grünen und das Elefantenohr

Am anderen Ende der Tafel saßen die jüngeren und jüngsten Chamäleons. Ihre Hautfarbe war noch nicht ganz ausgeprägt. Grüntöne dominierten – und wenn sie sich regten und erregten, ihren Protest kundtaten, leidenschaftlich polemisierten und Programme verkündeten, deren Essenzen der Lebensphilosophie der älteren Chamäleons widerstrebten, schimmerten mit den aufwallenden Emotionen kräftige Rottöne durch die zarte Haut, Rot in allen Nuancen; von Rosarot, über Karminrot bis Bordeauxrot, waren alle Spielarten vertreten.
Farbe war nicht nur Tarnung, sondern Wesenheit, ureigenstes Sein, das nicht verleugnet werden konnte. Es gab Traktate über das Wesen der Wahrheit, über das Ding an sich – doch über das Wesen der Farben war noch nicht richtig geforscht worden.
Da winkte noch ein Nobelpreis!
Einige von ihnen waren grün hinter den Ohren. Und was sie sagten, war ebenfalls grün. Das grüne Gras, die grüne Wiese, das fetter grünende Laub der Dichtung und der Volksdichtung, all diese Grüntönungen hatten für sie keine besondere Bedeutung. Der immergrüne Urwald und die Geborgenheit der Heimat behagten den jüngeren Chamäleons nicht mehr. Sie wollten mit der Grünheit auch die alten Strukturen überwinden und über sie hinaus streben zu neuen, noch undefinierten Sphären …

In der Versammlung der Chamäleons, deren Arten so verschiedenartig waren wie die Nuancen ihrer farblichen Spiegelungen, fiel ein Chamäleon besonders auf. Es gehörte zur Gattung der Elefantenohrenchamäleons und machte seinem Namen ganze Ehre. Es saß da und schwieg.
Alles, was gesagt wurde, nahm es mit seinen großen Ohren auf und speicherte es in seinem Gehirn. Es galt als unerreichter Meister der Mnemotechnik und konnte alles rekonstruieren, was so in einer Sitzung gesagt wurde.
Kritischere Chamäleons, die sich von ihm beobachtet, ja gar ausspioniert fühlten, hatten ihm einen sinnträchtigen Spitznamen angeheftet, der gut zu seiner eigentlichen Mission passte. Der „Apostolische Nuntius“, so nannten sie es antithetisch, erleichterte später sein Gewissen in einem Beichtstuhl, der nichts mit dem katholischen Ritus gemeinsam hatte, irgendwo in einem grauen Haus der Wolfsstaat- Vertretung vor grauen Gesichtern früh ergrauter Eminenzen.
Eine Folge davon war, dass die Reihen der Chamäleons zunehmend dünner und die noch verbliebenen Aufrührer schweigsamer wurden.
Rechts unten an der langen Tafel hatte ein winziges Chamäleon seinen Platz gefunden. Es schimmerte in allen Farben des Regenbogens, so als hätte es sich noch für keine Leibfarbe entschieden. Während die anderen Chamäleons in ihren Manuskripten kramten, um begierig etwas im Kreis der Kundigen vorzutragen, hantierte die kleine Echse mit einem sonderbaren Ding herum, dass man sonst nur in den heiligen Messen der Katholiken anzutreffen pflegt. Es war ein Weihrauchfass, in dem etwas Kohle glühte.
Immer wenn der Vorsitzende, der gerade erst das Dichten aufgenommen hatte, die Grüße Dracos und der Lupisten- Partei übermittelte, wenn er die längst verinnerlichten Visionen von der künftigen Gesellschaft exponierte, in der alle Chamäleons gleich und den Wölfen gleichgestellt sein sollten oder einer der begehrten, selbst gestifteten Literaturpreise verliehen wurde, eine Laudatio gehalten und Ovationen entgegen genommen wurden, schritt das kleine Chamäleon zur Tat und hüllte - mit dem Vorsitzenden und seinen Beisitzern - den ganzen Raum in penetranten Nebel, der einigen weiblichen Chamäleons, die noch nicht richtig diniert hatten, den Kreislauf zerrüttete. Protest gegen den dämpfenden Myrrhe - Duft kam nur von der extrem linken Tischseite, wo eine antiklerikale Fraktion Platz genommen hatte.


Copyright: Carl Gibson

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