Samstag, 18. Dezember 2010

Die Gruppe der rosaroten Utopisten

In dieser sektiererischen Gruppe mit eigener Programmatik dominierte das Rot in allen Schattierungen, vom Rosarot der Morgenröte bis zum blutgleichen Abendrot. Rot war eine Leitfarbe, die gelegentlich nur vom Schwarz der Anarchie zurückgedrängt wurde.
Sie trugen Bärte, opulent-buschige Vollbärte wie Marx und Engels, zierliche Ziegenbärte wie Lenin und rotbraune Schnurrbärte wie Trotzki oder schreckliche Schnauzer wie Stalin, je nach weltanschaulicher Präferenz, ferner wilde, ungekämmte Mähnen. Sie gaben sich unorthodox und antidogmatisch. Bis auf einige Kernsätze der wissenschaftlichen Dialektik, die sie irgendwo aufgeschnappt hatten, lehnten sie alle bürgerlichen Weltanschauungen und Heilslehren ab, vor allem die Metaphysik und noch mehr die Religion, in der sie einlullendes Opium erkannten und glaubten an die Einheit in der Vielfalt, wobei das Prinzip der Gleicheren unter Gleichen nie ganz in Frage gestellt wurde.
Einige trugen das Rot selbstbewusst und offen, um ihrem politisch lethargischen und verschlafenen Umfeld zu zeigen, dass sie auf der Höhe der Zeit waren, dass sie wussten, wonach die Zeit verlangte – oder sie signalisierten damit vorauseilenden Gehorsam und ideologische Fügung nach dem Motto: „lieber rot als tot“.
Einige trugen Lorgnetten, andere Brillen mit dicken Gläsern, ein weiterer hatte eine Lupe dabei, die ihm bei der Exegese eines kleinen roten Büchleins half, das ein ferner Geistesverwandter auf seinem langen Marsch verfasst hatte.
Eigentlich fühlten sie sich die Gruppe in diesem Kreis unwohl – und sie passten auch nicht ganz zu den gespaltenen Identitäten auf der Rechten des Vorsitzenden. Doch dieser hatte ihnen, nachdem sie durch höhere Fügung heimatlos geworden waren, Asyl angeboten und sie im großen Kreis der werktätigen Chamäleons aufgenommen. Da der Vorsitzende ein generöser Protektor war, der sich gar zum Gönner berufen fühlte, hielt er seinen dicken Schuppenpanzer auch über ihr exponiertes Haupt, obwohl der Tornado schon vorüber gezogen war. Auch bot er ihnen etwas von der geistigen Freiheit des Möglichen und hielt künftig drohendes Ungemach von ihnen fern.
Während die älteren Chamäleons überwiegend Autodidakten waren und wie Autodidakten reimten, zog sich bei diesen rosa- bis samtrotfarbenen Chamäleons, die keine Epigonen sein wollten und keine Dissidenten, die teils zu akademischen Ehren strebten, der Zug der Verneinung und des Widerspruchs bis hinein in die eigene Identität, die eine Gruppen - Identität war.
Seitdem sie die Die drei Musketiere mit Genuss und Gewinn gelesen hatten, wollten sie sein wie die Vorbilder – und nur noch in der Gruppe wollten sie auftreten und in der Menge und Meute, um so jede egomanische Individualität zu überwinden, ganz nach dem Motto:
Alle für einen, einer für alle!“
Dass Wölfe im Rudel lebten und jagten und dass Wildschweine sich zusammenrotteten, störte sie nicht weiter. In der Gruppe fielen die Fehler der Einzeltiere nie auf – und die Schuld des Individuums war dann auch gleich eine Kollektivschuld, natürlich nur bei den anderen.
Und was war die Konsequenz der Gruppe?
Die größere Gruppe natürlich: die Partei, die Einheitspartei aller Chamäleons!
Die Partei, die immer Recht hatte.
Wer in der Partei war, der konnte das Denken beiseitelegen oder es den Genossen überlassen, die für alle planten und dachten – oder noch besser ihrem genialen Führer!
Bei Draco war das Denken am besten aufgehoben! Und Draco dachte nicht nur – er handelte auch wie Lupus in der fernen Wolfsburg und wie Cesare Borgia, wenn es ein musste, auch mit dem Dolch im Gewande.
Ob die Gruppen - Disziplin der Roten noch gruppendynamisch funktionierte, wenn es einem existenziell an den Kragen ging?
Das fragte sich auch Faustinus, der ein Individualist war und einer, der sein Selbst nie preisgeben wollte.
Freisein von allen Zwängen, das war im noch wichtiger als Glück. Seit Faustinus das Märchen von den Sieben Schwaben gelesen hatte, wusste er, die Feigheit sei auch als Gruppen - Phänomen denkbar. Als zweifelte er an der Gruppe.
Schließlich waren die Drei Musketiere etwas Versponnenes und Romantisches, ein Roman eben - eine Fiktion!
Der Archipel der Chamäleons und die bedrohliche Welt der Raubtiere aber waren ebenso echt wie die Verbannungsorte im fernen Sibirien.

Einige aus der Gruppe der Roten litten sehr darunter, überhaupt Chamäleons zu sein, und sie schämten sich, von wendigen Chamäleons abzustammen, besonders von solchen, die schon so oft ihre Farben gewechselt hatten und ihre Namen.
Sie hassten gar ihre Herkunft und den steten Wechsel wie sie den Wind hassten, der alles veränderte, bis hin zur Selbstzerfleischung. Heraklit war ihr Leitstern nicht, eher Parmenides, der für starres Sein stand und für eine bereits vollendete Revolution.
Nicht der Kampf war für sie das Prinzip aller Dinge, sondern der Geist der Verneinung, die reine Negation.
Wenn sie Goethe zitierten, kam immer nur Mephistopheles das Wort. Sie verneinten mit Recht und waren überzeugt davon, dass besser nichts entstünde. Denn alles was andere Chamäleons der Sünde und dem Bösen zuschrieben, war überhaupt ihr Element.
Einigen von ihnen war das tiefere Leiden an der unerträglichen Welt, die sie nicht freiwillig verlassen wollten, sogar anzusehen. Andere, die schon schrieben, obwohl sie das Lesen noch nicht beherrschten, packten ihr Fühlen und Denken in kunstvoll gezimmerte Verse, in deren Symbolik das Sein genauso präsent war wie das Nichts, und in knappe Kurzgeschichten, doch so enigmatisch verborgen, dass Sinn und Sinnlichkeit bestenfalls erahnt werden konnten.
Manche von ihnen waren verbittert und enttäuscht, andere schwer frustriert:
Macht kaputt, was euch kaputt macht“,
riefen sie gelegentlich, um wenigstens etwas von den angestauten Aggressionen und Frustrationen abzubauen. Aber sie beließen es letztendlich bei Verbalismen, weil überhastete Aktionen und konkretes Zuwiderhandeln in der Wolfsrepublik schnell ins Auge gehen konnten. Schließlich waren Chamäleons mehr als andere Wesen auf ihre Sehorgane angewiesen!
Als Folge ihrer abweichenden Geisteshaltung, die viel mit dem Trotzalter der Grünlinge zu tun hatte, fühlten sie sich irgendwann auch im heimischen Urwald nicht mehr wohl.
Sie entflohen mental der biederen Welt einfacher Chamäleons, die arbeiteten, um zu leben und die sie deshalb aus der tiefsten Tiefe ihrer Seele verachteten und träumten von einer freien Insel in der Karibik, wo Honig und Rum in Strömen floss, von fruchtbaren Tälern in der Ferne, in utopischen Gefilden, wo gelegentlich ein Scherzo zu hören war und wo das pralle gelle Lachen, von dem Heine spricht und das ihnen hier längst abhanden gekommen war, wieder aufgefunden werden konnte.

Es waren illusionäre, schimärenhafte Chamäleons, immer auf der Suche nach der verlorenen Zeit, deren Denken im Surrealen und Ahistorischen angesiedelt war. Augustinus sagte ihnen genau so viel wie Boethius und Thomas von Aquin; dafür zitierten sie das lupistisch-ursistische Dreigestirn, darunter Engels, der wiederum Lenau zitierte, einen Dichter, dem auch einige dieser Chamäleons verbunden, obwohl sie seine Dichtung nur kurz überflogen hatten:
Das Licht vom Himmel lässt sich nicht versprengen, noch lässt der Sonnenaufgang sich verhängen, mit Purpurmänteln oder dunklen Kutten.“

Die Chamäleons, im Grunde liberale Tiere, liebten markige Leitsprüche, weil sich dahinter etwas von der verstaubten Idee der Freiheit verbarg; eine Idee, die sie ganz für sich behielten wie das eigene Purpur unter den manchmal schwarzen Kutten.
Einige Melancholiker aus ihren Reihen schlichen bereits am frühen Morgen hinaus in die Natur, um den Sonnenaufgang zu bestaunen als ummittelbare Farbenmystiker und verkappte Metaphysiker des Lichts, die den hellen Schein um die Corona über alles stellen, während andere den Sonnenuntergang schätzten, dessen mild versöhnliche, in allen anschaubaren Nuancen verklingenden Röte sie in den Bann zog. In den beiden Phänomenen, die scheinen und gleichzeitig sind, erkannten sie das Spiegelbild der Welt in ihrem relativen Sein. Und weil sie tiefer dachten als andere in der Tafel-Runde, hassten sie auch die biedere Vereinsmeierei der Gartenzwerge; manche vor allem nur deshalb, weil gerade die sylvanischen Chamäleons diese Tugend kultivierten. Und doch saßen sie hier mit am Tisch – kompromisslos im Kompromiss.


Copyright: Carl Gibson

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Das neue Buch von Carl Gibson: „AMERICA FIRST“, Trumps Herausforderung der Welt – Wille zur Macht und Umwertung aller Werte!? Jetzt im Buchhandel!

Das neue Buch von Carl Gibson:    „AMERICA FIRST“,  Trumps Herausforderung der Welt –  Wille zur Macht  und  Umwertung aller Werte!?   Jetzt...