Donnerstag, 9. Dezember 2010

Die Rechtfertigung





Es dauerte Tage, bis die große Feier zu Ehren des obersten Rudelführers verrauscht war und die gemeinen Wölfe wieder zur Besinnung kamen. Eine Gruppe unter ihnen, denen die gesamte Sicherheit des Waldes übertragen worden war, tummelte sich bereits hellwach und war dabei, den Nutzen einer solchen Zusammenkunft für das Wohl des Staates auszuloten. Schließlich war die Führung des Wolfsstaates um das Wohl aller besorgt, die Esel nicht ausgeschlossen und arbeitete mit Hochdruck an der Umsetzung des höchsten Staatsziels, am größten Glück der größtmöglichen Zahl. Einfachen Tieren hätte man solch weit reichende Weichenstellungen denkerischer Art nie übertragen können – und einem Esel schon gar nicht, weil Esel und Ochsen als biblische Tiere  rückwärtsgewandt waren, stets bestrebt den Fortschritt in seinem Lauf aufzuhalten, statt ihn zu fördern.
Die Sicherheitskräfte analysierten jetzt all das, was anders gewesen war als sonst, was womöglich gegen den Geist des Aufbaus verstoßen hatte und was sich schon im Ansatz künftig gegen die ungeschriebenen Gesetze des Waldes richten konnte. Dabei kamen sie auch auf den kleinen Waldesel, dessen Aufmüpfigkeit Aufsehen erregt hatte.
„Weshalb hast Du nicht mitgegessen, nicht mitgesungen und mitgetanzt?“
fragte ein barscher Inquisitor auf dem Revier, wohin Faustinus kurz darauf zitiert worden war.
„Gefallen dir, Blödkopf, unsere Sitten nicht … und unsere Gebräuche? Oder missfallen dir gar unsere Gesetze … und das  System dahinter?“
„Aber ich habe doch gegessen, gesungen, getanzt!“
verteidigte sich das Eselchen leicht entrüstet und überzeugt, guten Willen gezeigt zu haben und erstaunlich viel Konzilianz.
„Nur auf deine Weise, Knabe, nur halbherzig … und so ganz nach deiner Fasson.
Doch sind wir hier nicht im liberalen Preußen, Bürschchen!
Du lebst im Staat der Wölfe und unter Wölfen. Das Edikt von Nantes ist bei uns fehl am Platz, wie alles, was, was sonst noch mit Toleranz zu tun hat. Toleranz bedeutet Schwäche!
Wir aber sind Wölfe, gesunde Wölfe! Keine Decadents!
Neue Werte bestimmen unser Volk – auf neuen Tafeln.
Wer mit uns lebt, muss mit uns heulen.
Und wer unser Brot isst und unsere Braten, der muss auch unserer Lehre folgen, und zwar der reinen Lehre, die auch ungetrübt umgesetzt werden soll. Abweichler wollen wir nicht!
Und Ketzer dulden wir hier nicht! Schreibe es dir das hinter die langen Ohren, Eselchen, solange Du sie noch hast, sonst…“

Jungesel Faustinus horchte auf. Wieder drangen ernste Drohungen an sein Ohr.
 „Freunde, was sind das für Töne!“ fragte er sich.
„Lasst uns doch freudenvollere anstimmen, angenehmere und hoffnungsvollere…“
Doch noch ehe er die optimistische Botschaft versöhnender Symphonik treffend formulieren und aussprechen konnte, setzten ihn die viel beschäftigten Ordnungskräfte vor die Tür.
Es war ein Schuss vor den Bug, eine deutliche Warnung. Bau und Baustelle blieben ihm vorerst erspart.
Vermutlich gab es Dringlicheres zu erledigen als die Maßregelung eines verdächtigen Waldesels. In anderen Ecken des Waldes, wo sich zahlreiche Wildschweine angesiedelt und prächtig vermehrt hatten, waren einige unorthodox-abweichlerische Thesen in die Baumrinde geritzt worden, Parolen des Widerstands, die zur Erhebung gegen die Allmacht der Wölfe aufriefen. Jetzt musste schnell durchgegriffen werden, um die Funken zu löschen, bevor es zu einem verheerenden Flächenbrand kam, der Wald und Flur vernichtete und gar die ferne Wolfsschanze bedrohte.
Wie üblich wurde eine große Vergeltungsjagd angesetzt, eine klassische Hetzjagd nach englischem Muster; eine Hatz!
Das Halali erklang und rief zum einseitigen Gefecht! Nur richtete sie sich diesmal nicht gegen Meister Reinekes Stammesgenossen, die als Fleisch fressende Raubtiere zu den Verbündeten zählten, sondern nur gegen die Abtrünnigen unter den Tieren, gegen das Schwarzwild und das gegen das  Rotwild, das aus den Wald und Parlament gefegt werden sollte. Hirsche standen wider auf der Abschussliste, die königlichen Symbole des Alten Reiches, ferner die sanftmütigen Rehe, die nicht so recht in die Wolfswelt passten, ferner Steinböcke, Bergziegen und archaische Wisente, die rückständig wirkten wie die Esel, vor allem aber Wildschweine.
Die immer kräftiger werdenden Keiler mit ihren todbringenden Hauern konnten den Wölfen gefährlich werden. Alles Getier in Wald und Flur, selbst harmlose Eichhörnchen und Hasen,  Auerhähne und Wachteln, Wildenten und Fasane, mussten sich in Acht nehmen, um nicht der Acht zu verfallen.
Wer sich zufällig zum Prinzip der Friedfertigkeit und Koexistenz bekannte und dies auch öffentlich kundtat, musste um sein bisschen Leben besorgt sein – und rennen, wenn das Halali erklang!
Schon früher, als der kleine Faustinus noch verträumt im Stall stand und auf einem Bündel Stroh herumkauend über Wolkenkuckucksheime meditierte,  waren solche Pogrome losgetreten worden - gegen die  Friedfertigen in der Natur, gegen Andersgläubige, gegen Andersdenkende und minderwertige Minderheiten. Kleinsein, Schwachsein und Anderssein waren Zustände, die überwunden werden mussten auf dem Weg zum hohen Staatsziel.
Grün war eine suspekte Farbe.
Und ökopazifistische Anschauungen waren schon damals verschrienen und wurden wie Anarchismus geahndet. Doch jetzt erst merkte er etwas davon.
Vieles war inzwischen noch schlimmer geworden. Gewalt breitete sich aus. Wer aufmuckte, wurde so lange durch Wald und Flur gejagt, bis er erschöpft zusammenbrach. Selbst das stärkste Herz wurde irgendwann schwach, wenn Angst und Verzweiflung es in die Enge trieben. Auf diese schreckliche Weise wurden alle untreuen, ja staatsfeindlichen Bewohner aus Wald und Feld ausgemerzt wie Unkraut in den edlen Saaten. Sie sollten untergehen, weil sie den Staus quo der wölfischen Republik in Frage zu stellen wagten, weil sie für neue Sitten eintraten und alte Freiheiten einforderten - in Berufung auf eine längst vergessene Konvention, die in Augsburg  einst auch von den Vorfahren der Wölfe unterzeichnet worden war.
Doch die Zeit der eingehaltenen Verträge war ebenso abgelaufen wie die Tage der sittlichen Ordnung und Moral. Von schauerlichen Pogromen im Wald hatte Faustinus aus Berichten erfahren, die Entsprungene weiter gegeben hatten, Augenzeugen der Gemetzel. Mehr und mehr wurde ihm nun bewusst, dass es bald schon das nächste Opfer sein konnte, als rückwärtsgewandter Angehöriger einer Minderheit im Wald. Und was zählte schon ein unscheinbarer Grauesel in einer Welt der Raubtiere, wo die Starken alles waren und der Schwache nichts?
Jetzt war guter Rat teuer. Er wusste weder ein, noch aus. Traurig blieb er mit seinen Sorgen und Zweifeln allein. Die Entwicklungen der letzten Tage hatten es auf einen Schlag reifer gemacht und vorsichtiger. Das Gefühl der Geborgenheit in der Welt und das unverfälschte Glück der Kindheit waren dahin, ohne dass es dem hehren Endziel näher gekommen wäre. Und lange noch war es kein richtig ausgewachsener Esel, fähig zu großen Taten und zu mancher Eselei. Das Leben rief – und Faustinus folgte dem Ruf.


Copyright: Carl Gibson

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