Samstag, 18. Dezember 2010

Die toten Dichter … und die fidelen Lebenden

Das schauspielernde Chamäleon, das auch eine lyrische Ader hatte, schätzte die Klassiker der Antike sehr; nicht nur Aristophanes und den frivol ungezügelten Petronius, sondern vor allem den großen Ovid, besonders dessen Metamorphosen.
Wenn der Vorsitzende gelegentlich etwas aus der Farbenlehre vortrug oder jene Lieblingsstelle aus Faust deklamierte, die Leidende fast zur Verzweiflung trieb, hielt der Schauspieler mit seinem Ovid dagegen und tröstete den Gefährten mitfühlend mit dem ewigen Wandel der Dinge, der nicht einmal Götter verschonte.
Hatte nicht Ovid bereits alles antizipiert, richtungweisend für die späteren Dichter, für alle Vergänglichkeitskoryphäen der Romantik, von Byron, über Lamartine bis hin zu Heine und Lenau?
War nicht alles Werden und Vergehen doch nur ein heimlich still vergnügtes Tauschen?
Die Chamäleons wussten von dem Waldlied – denn sie verehrten ihren romantischen Dichter, da er in vielem war wie sie, zart, sensibel und zerbrechlich.
Manche taten es dem von der Zensur verfolgten Aristokraten gleich und führten, neben ihrem bürgerlichen Namen, öffentlich auch ein Pseudonym, einen Künstlernamen, hinter welchem sie ihr Selbst verbargen und ihre Identität. So lebten sie versteckt vor der Schere des heimischen Zensors im Verborgenen, ganz nach der Forderung des Epikur, im grünsten Garten unter den buntesten Rosen, in stiller Einsamkeit.
Zurück zur Natur, war auch ihre Maxime. Dafür scheuten sie die Offenheit der Lichtung.
Auch ihre Kunst verbarg sich in einem Labyrinth oder in der Schublade. Einige Chamäleons schrieben nur, weil sie nichts zu sagen hatten; andere zweifelten überhaupt an der Macht der Worte und zogen sich schweigend in die Tarnung zurück, ganz nach dem Motto montanischer Lupisten:
Wenn du geschwiegen hättest, wärest du ein Philosoph geblieben.“
Wer wollte schon als Dummkopf auffallen?!
Also schwiegen viele wie Lykophron, der dem Wort misstraute und es irgendwann ganz verachtete. Wenn sie gelegentlich dann doch noch mit einem Opus an die Öffentlichkeit traten, dann nur unter einem Pseudonamen – oder am besten gleich anonym.
Mit offenem Visier kämpfen, das war ihre Sache nicht. Wenn einer unbedingt aufs Korn genommen werden musste, dann am besten aus dem Busch heraus.
Weshalb überhaupt Farbe bekennen?
Als Chamäleon noch dazu?
Und welche?
Weshalb Blößen riskieren, sich exponieren?
Die Welt war schlecht – und eine natürliche Farbe, die doch die wahre Seelenverfassung spiegelte, konnte einem schnell zum Verhängnis werden, wie der Eselschrei bei Kleist.
Nur die Mutigsten unter ihnen legten sich Decknamen zu, aus welchen gelegentlich noch etwas von der edlen Herkunft durchschimmerte. Sie setzten auf wohlklingende Künstlernamen wie
Leon Camel oder Camel Leon;
auch auf kunstvolle Anagramme wie Noel Lemac oder Lemac Noel.
Das war nur eine Frage des Bewusstseins.
Einige aus der Reihe der gebildeteren Chamäleons, die den gesamten Debattierklub nach einem verehrten Urchamäleon umbenennen wollten, namentlich nach Ignotus, dem Erzchamäleon, der sein Volk so sehr liebte, dass er gerne alle anderen Tierarten totgeschlagen hätte, hatten sogar eine überdurchschnittliche Begabung, manche gar Talent. Nur bei der Umsetzung kriselte es gelegentlich.
Eines der aufstrebenden Kriechtiere, das immer schon ein kleines Buch herausbringen wollte und bereits schon mit einer baldigen Veröffentlichungszusage des Vorsitzenden rechnete, laborierte daran, wie die Leere zwischen den beiden Buchdeckeln auszufüllen wäre. Als es nach längerem Nachsinnen auf nichts kommen konnte, formulierte es eine Grundfrage der Metaphysik, indem es postulierte, an sich bestünde kein Seiendes, vielmehr aber: Nichts, kaltes grauses Nichts!
Mit dem Nihilismus, Pessimismus, Skeptizismus und anderen destruktiven Geisteshaltungen wollte es trotzdem nicht in Verbindung gebracht werden. Denn solch bürgerliche Strömungen des Ungeistes bedeuteten in der positivistischen Welt der Lupisten und Ursisten nichts als Ketzerei, Aufruhr und letztendlich Anarchie - und somit eine Zukunft im finster kühlen Loch.
Wie sollte ein Wärmeliebender das durchstehen?

Ein anderes Chamäleon mit philosophischen Ambitionen hatte fünf Jahre nachgedacht, bis ihm eine originelle Idee aufstieß. Jetzt, als diese endlich Form anzunehmen schien, klagte es bitterlich und raufte sich die kaum noch vorhandene Mähne – jemand hatte ihm den großen Wurf geklaut und es damit an den Rand der Verzweiflung gebracht.
Wie schrecklich!
Andere Chamäleons waren eher der zynischen Sorte zuzurechnen, in ferner Berufung auf Diogenes in der Tonne. Sie waren teils psychologisch geschult und glaubten an die Publikumswirksamkeit ressentimentgeladener Literatur.
Sie spekulierten auf das Ressentiment der Schlechtweggekommenen, die gerne darüber lasen, wie anderen zugesetzt wurde. Nur war ihre Kunst zu spotten höchst mittelmäßig. Trotzdem fühlten sie sich der hohen Schule Heines verpflichtet und der seiner Vorgänger und Nachfahren, in den Akademien des Hohns und der Verhöhnung.
Von Misanthropie erfüllt, lasen sie gelegentlich im Wintermärchen, in der Romantikkritik, aber am liebsten im Schwabenspiegel – denn die suevischen Chamäleons um sie herum, von den einige den Stallgeruch noch nicht abgelegt hatten, galten ihnen als besonders verächtlich – als Prototypen des kleinbürgerlichen, engstirnig denkenden, spießigen Chamäleons, das nur kriecht, statt zu rebellieren und das den Geist der Zeit noch nicht erfasst hat.
Wenn die Erregung groß war, funkelte und glitzerte der ganze Raum in allen Farben des Sonnenlichts, wie in der Schatzkammer eines Märchenkönigs. Dann hatte der Vorsitzende, dem man in absehbarer Zeit ein größeres Standbild vor dem Klub errichten wollte, große Mühe, das kreative Chaos der Chamäleons zu besänftigen.

Die meisten Chamäleons hatten keine eigenen Überzeugungen. Das Kollektiv dachte für sie. Nur eine Minderheit der Echsen liebäugelte mit der Staatsideologie, mit dem selig machenden Lupismus oder mit der etwas radikaleren Form von nebenan, dem Ursismus. Als Staatsbürger einer Exklave der Wolfsrepublik verhielten sie sich stets loyal. Und obwohl sie als bunte Echsen in die Welt gesetzt wurden, waren sie im Herzen schon Wölfe – und im Bewusstsein!
Einige bildeten schon die Ansätze eines grauen Fells aus, ganz so wie es in der Wolfsburg getragen wurde.
Wenn die Chamäleons morgens aufstanden, hielten sie immer eine Feder in den Wind, um festzustellen woher er weht. Danach richteten sie ihr Fähnlein aus. Das geschah nur aus Lebensklugheit. Man hatte gelernt sich anzupassen, um zu überleben. Wenn einer sie deswegen des Opportunismus bezichtigte, verwiesen sie auf die hehren Vorbilder im Staat, welche diese Geisteshaltung täglich vorlebten und kultivierten.

Viele liebten die Wende und die Kehre.
Philosophisch neigten sie zum Relativismus mit einer Tendenz zum Perspektivismus, auch ohne Nietzsche. Einige waren immer noch Anhänger der Sophistik, während die meisten sich in einer Aussage Heraklits gut aufgehoben fühlten: panta rhei – alles fließt.
Schließlich kamen wir alle aus dem Wasser!
Alles Statische und Starre war den Chamäleons fremd. Denn Starrheit bedeutete irgendwann Tod. In Grunde ihres Wesens waren sie wendige, dynamische Geschöpfe.
„Weg von der Wahrheit an sich, hin zur Wahrheit für mich“,
sagten sie sich immer wieder. Manches Chamäleon war selbst ein kleiner Proteus, immer verwandlungsfähig und flexibel, ganz so, wie die moderne Gesellschaft es erwartete – und wie die Farben wechselten, so wechselten die Wahrheiten.
In der Dichtung, die manchmal schwindsüchtig und krank ausfiel, aber euphemistisch als exaltiert bezeichnet wurde, war sowieso alles offen und fast alles erlaubt.
Was verstand man überhaupt unter Wahrheit?
Und welche Wahrheit interessierte hier auf dem Eiland in der Sonne? Die Wahrheit der Politiker vielleicht?
Oder jene der Kunst?
Oder fragte jemand gar nach dem Wesen der Wahrheit?
Danach hatte sich schon der Urahn aller Chamäleons erkundigt, ohne recht zu wissen, ob man nun die Dichter aus dem jungfräulichen Staat der Chamäleons vertreiben solle oder nicht.
Denn es hatte sich herumgesprochen, dass Dichter lügen. Doch dieser Streit war längst überwunden. Die Chamäleons fuhren fort, auf ihre Weise die Welt zusehen. Und wer hätte ihnen widersprechen sollen?
Hatten sie doch eine Perspektive inne, die sonst kein anderes Geschöpf aufweisen konnte. Sie blickten, wenn die Augen um sich selbst rotierten und jeden Winkel des Erspähbaren ausloteten, gleichzeitig in die Gegenwart, in die Vergangenheit und in die Zukunft.
Also sahen sie wesentlich mehr als andere Geschöpfe, und sie erkannten mehr.
Menschen hätten da neidisch werden können, wenn es sie noch gegeben hätte.
Trotzdem folgten die meisten aus ihrer Schar den Vorgaben des Führers aller Chamäleons, den Anweisungen Dracos, der über den Vorsitzenden und die Altmeister zu ihnen redete.
Sie wussten alle, was ein modus vivendi ist,
welche Hautfarbe gerade opportun ist und wie man die richtigen Namen und Nuancen findet, um getarnt und angepasst zu überleben, ohne viel über Wahrheit zu diskutieren – und über ihr Wesen – die Freiheit.

Nur wollte keines von ihnen zu den Opportunisten gerechnet werden. War doch der stete Wechsel bei Chamäleons wesensimmanent. Seitdem die Rotpigmentierten die Macht an sich gerissen und das Sagen hatten, waren Überlebensstrategien genauso wichtig wie einst unter den Braunscheckigen.
Wer nicht an die Schaufel wollte oder zum Steineklopfen in den Steinbruch, der musste die Gesetze der Anpassung genau studieren und einhalten.
Hatte nicht schon Charles Darwin, der große Naturforscher, die Schuppenechsen auf Galapagos studiert, jene Ur - Drachen, ferne Verwandte der zarten Chamäleons aus der Jurazeit, um dann für alle zu postulieren, dass Anpassung alles ist?
Die See-Echsen hatten es ihm vorgemacht, dass man in den schwarzen Tiefen des finsteren Meeres genauso überleben kann wie auf den Gipfeln der Vulkane, als Lindwurm neben der glühendem Lava und dem giftigen Qualm des Schwefels aus dem Bauch der Erde. Das survival of the fittest in dem großen, turbulenten struggle of life galt auch für sie.

Und zeigte nicht der Wendehals, inzwischen kein seltener Vogel in Europa, richtungweisend über die Gattung hinaus, allen anderen schrillen Vögeln, was eine wahrhaftige Wende ist?
Und die Sepia im tiefen Ozean, der ein virtuoser Lyriker aus Italien einen Gedichtband gewidmet hat, die selbst meisterlich das Farbenspiel beherrscht, wappnet sie sich nicht, wenn Gefahr droht, mit neuen Farben und schüttet gar noch Tinte aus?
Im Existenzkampf überleben nur die Angepassten, die Flexiblen, die Geschmeidigen und die Glatten, die man nicht leicht greifen kann, die biegsam sind, dem Bambus gleich, der nachgibt, wenn der Taifun aufkommt, während die stolze, asinische Eiche starr im Sturm zerbricht.

Die jüngste Geschichte hatte es vielfach offen gelegt – ja selbst die Volksweisheit der montanischen Kriechtiere spricht davon:
„das gebeugte Haupt wird nicht vom Schwert getroffen – es bleibt verschont!“
Die Nibelungen waren einst in grauer Vorzeit an ihrer Starrheit zerbrochen – nicht an der Treue, die heut noch ein Wert ist!

Viele Chamäleons hatten ihren Hegel gelesen. Diejenigen, die seinen Traktatus zur Geschichte auch verstanden hatten, dachten jetzt historischer, dialektisch zur Synthese hin; aber sie dachten auch biologisch und existenziell.
Das Leben selbst ist über den Prinzipien angesiedelt. An dieser Maxime, die weniger vornehm war als nützlich, wollten die meisten auch künftig festhalten. Wen wunderte es, dass einzelne Chamäleons ganz erstaunliche Kehrt - Wendungen vollzogen und im Beruflichen besondere Karrieren gemacht hatten!?
Ein Bergchamäleon, das in seiner Jugend noch mit legeren Sandalen durch die Gegend gelaufen war, immer an der Schule und dem Abschluss vorbei, dass in Aufruhr und Protest gar mit Pflastersteinen geworfen hatte, ohne eine Vorstellung davon, auf wessen Haupt sie niedergingen, hatte es bis zum zweitmächtigsten Mann im Staat gebracht; während ein anderes Chamäleons, das einst so genannte Terroristen vor dem Kadi verteidigte, nunmehr die gleiche Spezies vom Ministersessel aus jagte.
Das waren eindeutige Vorbilder für die Jugend, die konkret veranschaulichten, was mit einer bewussten Wende und einer gezielten Kehre erreicht werden kann. Über solche Kehren hätte Heidegger nur noch gestaunt.



Copyright: Carl Gibson

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