Donnerstag, 30. Dezember 2010

Faustinus und der Kardinal – Machiavellismus und „Wille zur Macht“

Noch bevor Faustinus mehr herausfinden konnte, erreichte er das Ministerium für auswärtige Angelegenheiten, in welchem er den Wirkungsbereich des Kardinals vermutete. Der Fuchs, das war die einzige bekannte Seele in diesem großen Bunker. Also musste er zu ihm und ihn um Hilfe bitten. Schließlich war er hierher zitiert, nein, sogar eingeladen worden. Vielleicht würde der Kardinal ihm gar zu einem Pass verhelfen, zu jenem selten gewährten Privileg, die Grenzen des Wolfsstaates einmal passieren zu dürfen. Wie gerne wäre er doch über die Brücke am Strom geschritten oder im legendären Transeuropa-Express in das Land der Esel zu fahren! Andere, die schon dort waren und wieder kamen, hatten viel Gutes berichtet.
Doch welch ein Schreck! Zwei neuzeitliche Höllenhunde an der Pforte, Rottweiler mit Argusblick bewachten das Haus, entschlossen, als ob sie den Eingang zum Hades schützten:
„Was willst du hier, Esel?“
schnaubte ihn einer der Hunde an. Faustinus zuckte zusammen. Das kurze, mürrische Gebell klang gefährlich. Die einstigen Metzgerhunde schienen in ihrer Aufgabe aufzugehen, offensichtlich jederzeit bereit, zuzubeißen und unberechtigte Eindringlinge zu zerfleischen, wenn die Situation es erforderte.
Solche Viecher brauchte der Staat. Sie waren Teil der berüchtigten Prätorianer-Garde des Führers, die wiederum „Schwert und Schild“ der Lupisten- Partei war, einer Partei, die immer recht hatte, weil sie das Recht war. Es waren pflichtblinde Gehilfen der Macht, Handlanger und Schergen, die das ihnen Aufgetragene zuverlässig erledigten, ohne über den tieferen Sinn ihrer Tätigkeiten nach zudenken. Schließlich wurden Kampf- und Wachhunde fürs Zupacken bezahlt, fürs Kopfabbeißen, nicht für mentale Verrenkungen aller. Das merkte selbst ein Esel auf Anhieb.
„Zum Kardinal bin ich einbestellt!“
konterte Faustinus keck und tat so, als sei er wirklich herzitiert worden.
„Und in welcher Angelegenheit?“
erkundigte sich der zweite Rottweiler barsch.
„Die ist streng vertraulich“
pokerte der Sylvanier weiter, da er inzwischen gelernt hatte, die ganze Wahrheit nicht immer offen zu legen. Der Trick wirkte. Während einer der Rottweiler hoch rannte, um den Minister zu verständigen, wurde dem Waldesel bewusst, dass er sich selbst schon auf dem Weg befand, ein guter Wolf zu werden. Gerade hatte er das zweite Mal gelogen – und dies nicht ohne Lust. Das Gaukelspiel, das Jonglieren mit den Wahrheiten, das gezielte Täuschen, dies waren wohl einige Schlüsselfertigkeiten, um in diesem Staat zu Macht und Ehre zu gelangen, um respektiert zu werden wie der Fuchs. Die Lüge hatte also durchaus ihre Existentberechtigung im Staat der Wölfe und vielleicht auch darüber hinaus …?
Inzwischen kam der Kardinal die mächtige Marmortreppe herunter ins Foyer, ganz in einen silbergrauen Mantel gehüllt, wie ihn der Polarfuchs in gewissen Regionen trägt. Vom einst rostbraunen Fell und dem buschigen Schwanz war ebenso wenig zu erkennen wie von der Gesinnung des Staatsmanns, der ganz nebenbei auch noch die Interessen der ohnmächtigen Kirche im Land wahrnahm. Die Kirche im Staat war längst zur Staatskirche geworden und hatte sich der Wolfspartei untergeordnet, während die polytheistischen Religionen der Tiere allesamt im Lupismus aufgegangen waren, bis hin zum elitären Vulpismus, den selbst der Kardinal nicht hatte retten können. Dafür aber behielt er sein edles Fell und den buschigen Schweif.
Auf seinem Kopf war heute kein Hut zu sehen, dafür aber eine fahle Perücke, die gut zur Rolle und noch besser zum Pelz passte. Der Fuchs war frisch gepudert und duftete nach Rosenöl. Das Teuerste war ihm gerade gut genug. Nur die zarte Schnauze und der ewig skeptische Blick erinnerte noch an den schlauen Fuchs aus der Fabel, an jenen Meister Reineke, dem Eselchen Faustinus unlängst ganz zufällig im finsteren Tannenwald begegnet war.
Der Fuchs ging freundlich auf das zarte Tierlein zu, es herzlich umarmend, so als ob er es schon seit langem sehnsüchtig erwartet hätte. Dabei flüsterte er ihm einige Worte ins Ohr, die keiner der argwöhnisch herschielenden Rottweiler verstehen konnte.
„Du bist fürwahr ein politisches Talent, Freundchen“,
sagte er mit leichtem Hohn.
„Das ging mir erst richtig auf, als ich dich aus den Augen verloren hatte, damals unter grünen Tannen hinter den sieben Bergen. Später habe ich Erkundungen über dich anstellen lassen und in deiner Akte gelesen. Dein Werdegang ist vielversprechend und verpflichtet zu Höherem. Du hast zweifellos das Zeug zu einer staatsmännischen Karriere, Faustinus. Der Geist strahlt aus dir hervor wie einst aus Luzifer. Zweifellos verfügst du auch über Begabungen, die ich gern fördern würde, wenn du bereit sein solltest, die politische Führungskraft der Partei anzuerkennen und dich ihrer Autorität zu unterwerfen. Nicht blind wie die tumben Prätorianer an der Pforte, die allesamt auf den Führer vereidigt wurden, muss dein Fügen erfolgen, sondern aus der Einsicht heraus, als überzeugter Lupist diesem Land dienen zu wollen, diesen modernen, vielfach entwickelten Staat, der bald auch einen neuen Gesellschaftstyp hervorbringen wird – das „neue Tier“!
Wir Bürger des Wolfsstaates arbeiten alle am Fortschritt, an unserer gemeinsamen Zukunft, indem wir die Direktiven der Lupisten- Partei und ihres genialen Weltenlenkers Lupus umsetzen, Freundchen!
Wölfe, Füchse, Hunde, Gänse, Ziegen und andere mitwohnende Nationalitäten …  wirken an dieser Aufbauarbeit mit, jeder an seinem Platz und auf seine Weise … und du, Esel, kannst dabei sein, nicht im Steinbruch wie deine Artgenossen aus Sylvanien, sondern hoch oben sogar, wenn du dich denn rechtzeitig auf die richtige Seite schlägst, auf unsere und an meine Seite!
Höchste Erfüllung verspreche ich dir .., und, wenn man so will, bestimmt auch etwas Erdenglück am Ende deiner Ziele.“

Faustinus horchte auf, ohne zu antworten. Was war das? Eine Predigt? Gezielte Indoktrination nach der Art der Lupisten? Ein Köder? Zuckerbrot und Peitsche?
War das nicht zu viel an Perspektive auf einmal? Als guter Esel hatte Faustinus gelernt, erst zu fressen und dann gründlich zu verdauen. Mit schweren Gedanken war es ähnlich, gerade jetzt, wo es um existenzielle Weichenstellungen ging. Also erwiderte er vorerst gar nichts und wartete ab.
Doch die Lehrstunde war noch längst nicht zu Ende. Kurz daraufhin führte der Minister seinen stummen Gast in einen weiten Prunksaal mit unzähligen Spiegeln und forderte ihn auf, sich ungezwungen umzusehen. Ein großer Kaiser hatte das Spiegelkabinett einst einrichten lassen, frei nach dem Vorbild von Versailles, um sich selbst jederzeit nach Lust und Laune zu spiegeln, nachdem er die Geschichte von den „neuen Kleidern“ gelesen hatte.
Wer hat was an!? Das war auch hier die Frage!
Also spiegelte jetzt auch Waldesel Faustinus sein Konterfei und staunte dabei nicht schlecht, was die Reflexion ihm so alles vorgaukelte. Bisher hatte er zu wissen geglaubt, wie ein Esel in Wirklichkeit aussah – nicht gerade göttlich, nur grau mit überlangen Ohren und einem mächtigen Schädel, der auf die nahe Verwandtschaft mit Pferden verwies. Doch diese Spiegelungen hier verzerrten seine schöne Narziss- Gestalt ins Bizarre: Eine Fratze stierte ihn jetzt an, ein „fremdes Gesicht“, das ihm Angst einjagte:
„Bin ich das oder bin ich’ s nicht“
rätselte Faustinus. Ein sich wandelndes Trugbild verwies darauf, dass den Augen nicht immer zu trauen ist und das vieles verzerrt erscheint, was echt sein will.
Der Fuchs beobachtete die emotionalen Regungen seines Gastes und Opfers aus dem Hintergrund schelmisch grinsend, weil er die ernüchternde Desillusion des naiven Waldtrottels erwartet hatte. Verunsichern, feste Werte erschüttern, ablenken, das hatte Methode seit Descartes. Wankelmut und erste Zweifel kamen auf. Faustinus wurde unsicher.
„Eigentlich wollte ich Sie, werter Kardinal, nur um einen winzigen Gefallen bitten“, stammelte der Waldesel verlegen.
Mit schmeichelndem Unterton, der bereits auf künftige Talente und Fertigkeiten verwies, fügte er dann noch hinzu:
„Als Mann der Kirche und als Diplomat von Weltformat sind Sie sicher die einzige Persönlichkeit in diesem Staat, der ich voll vertraue und deren Rat ich mich blind ausliefern würde.“
Der Fuchs hörte die Engelstimme aus der auch sonst gesangfreudigen Kehle des Esels mit Entzückung. Er schmunzelte. Die Kunst des Schmeichelns – eine Tugend an sich, um in dieser Welt voran zu kommen. Dieser sylvanische Esel hatte in der Tat ein unbestimmtes Etwas, was ihn immer wieder in Erstaunen versetzen, was ihn stets aufs Neue überraschen konnte. Die gottgegebenen Gaben des Esels anerkennend, meinte erwiderte der Kardinal:
„Fürwahr, das hast das Zeug zum großen Diplomaten. Und vielleicht solltest du wirklich mein Schüler werden. Unter meiner Ägide kannst du mit deinen Begabungen noch viel zum Gedeihen des Wolfsstaates beitragen, zu seiner Erhaltung, Konsolidierung und späteren Expansion, denn wisse Freund, dem Wolfsstaat ist Höheres bestimmt. Er wird wachsen, blühen und gedeihen wie das Land hier seit Romulus und Remus - auch ohne Heirat, vielleicht auch ohne Krieg – und er wird selbst über das Reich der Bären hinauswachsen.
Du bist Teil dieser großen Nation und auserkoren, ihren aufwärts strebenden Weg durch die Geschichte mit zu gehen. An meiner Seite und unter meinem Schutzschild ist dir der Aufstieg sicher in dieser Gesellschaft, die Durchtriebene braucht und Verwegene des Geistes.
… Dein Lebensglück!? Wenn du es antreffen solltest, Freundchen, dann winkt es dir hier!“
Als das Lockmittel ausgeworfen war, wandte ihm der Kardinal, dessen Wesen etwas leicht Diabolisches hatte, den Rücken zu und ging einige Schritte im Mantel verhüllt durch den Raum wie Mephostophiles, um die tiefgründigen und folgenschweren Worte wirken zu lassen. Nach einer Weile fragte er dann ganz unverblümt:
„Bist du bereit, in meine Dienste zu treten und mein Novize zu werden, mein Famulus?
Du ahnst es vielleicht!
Tausend Künste beherrsche ich und spiele virtuos auf einer breiten Klaviatur! Wenn du entschlossen bist, können wir einen Teil des Weges gemeinsam gehen.
Mit mir kannst du groß werden und erfolgreich, obwohl du nur ein Esel bist. Im Staat der Wölfe werden tüchtige Köpfe gebraucht, selbst schlichte Waldesel aus Siebenbergen.“
Faustinus hörte die gut gemeinten Empfehlungen des Zynikers und die Heilsbotschaft dahinter. Und Faustinus hörte auch die großen Verlockungen der Satanszunge, die klang wie  der der Klang des Goldes. Die Stimme des Mittagsdämons in der Wüste hatte ähnlich geklungen, zur Versuchung verführend, zum Zweifeln und zum Abkehr von der richtigen Bahn. Doch er ließ sich nicht gleich kirre machen, noch irre. Zwei Begriffe hatten ihn hellhörig werden lassen. Ein Novize sein, ein Domini-canes oder Canes Domini, das wollte er nicht.
Noch weniger wollte er ein Famulus sein wie Wagner, der trockne Schleicher, ein Pendant und Spießer, der mit gieriger Hand nach goldnen Schätzen gräbt und froh ist, wenn er Regenwürmer findet!
Geistige Dienerschaft, ja!
Die hatte er in Studien schon hinter sich gebracht. Doch duckmäuserische Servilität und unkritisches Unterwerfungsbewusstsein – Eintreten in die Exekutive eines repressiven Systems in einer offensichtlichen Diktatur, das wollte Faustinus nicht.
Karriere hin, Laufbahn her - nimmer wollte er ein „Handlanger der Macht“ sein, auch kein „Schreibtischtäter“ und kein „geistiger Brandstifter“, kein Panegyrikus und keiner, der Gewalt und Unterdrückung stützte – in welcher Form auch immer.

Lieber wollte er arm bleiben, ganz unten, als oben und ohne Ehre. Innerlich aber wollte er frei sein wie seine Vorväter vor den großen Vernichtungskriegen, in welchen die Wert- und Welt-Ordnung zeitweise auf den Kopf gestellt worden war und Wölfe über Esel erhoben wurden.
Jetzt gar mit diesen Wölfen heulen?
Das Erlebnis des Pogroms, der blutigen Hetzjagd im Wald, saß Faustinus noch tief im Mark und erschütterte ihn jedes Mal, wenn er daran dachte.
Die Erfahrungen der nackten Wirklichkeit wirkten stärker als das „Eiapopeia vom Himmel“ in ferner Zukunft, das doch nur volksverdummendes, einlullendes Opium war.
Jetzt fühlte Faustinus es noch deutlicher: Im Grunde wollte er nur weg aus diesem Staat, der ihm noch fürchterlicher und finsterer erschien als das kälteste aller Ungeheuer – und das noch bevor er irgendwie schuldig geworden war.
Er wollte weit weg sein von Willkür und Terror, weit weg von den Fängen und Verstrickungen der Macht, an deren Ende nur Sünde und Scheitern warten. Noch hatte er zwar nicht allzu viel Schreckliches am eigenen Leib erfahren oder gesehen auf seiner Erkundungsreise durch das Land jenseits der sieben Berge; doch was es bisher konkret erlebt hatte, das reichte schon, um sich für immer gegen die hier praktizierte Lebensart offener Gewalt zu entscheiden.
Am liebsten wollte unter Seinesgleichen leben, frei unter anderen Eseln, unter zivilisierten Eseln, um sich voll und ganz der alten Kultur der Eselheit zu ergeben, der Kunst und der Wissenschaft, in höherer Hingabe an die Tierheit, vor allem aber der Philosophie, an deren Ende nicht nur die Weisheit, sondern sicher auch das große Glück wartete. „Eigentlich wollte ich nur an Ihren Einfluss appellieren, um an einen Reisepass heranzukommen, damit ich etwas weiter reisen kann, über die Grenzen dieses Staates hinaus…“
gab Faustinus letztendlich kleinlaut bei, aber nicht weniger direkt als das bewunderte Vorbild.
Klartext war jetzt angesagt - und nicht das ewige Herumschleichen um den heißen Brei, das Füchse viel besser beherrschten als die sturen Esel.
„Und wohin willst du denn eigentlich reisen?“
erkundigte sich der Kardinal mehr rhetorisch, da er sehr wohl wusste, wovon alle sylvanischen Waldesel träumten, um dann gleich leicht irritiert,  zu kontern:
„Die Welt ist überall gleich schlecht –  keiner braucht dort im Ausland einen naiven Waldesel aus Siebenbergen. Das kann ich dir versichern. Ich kenne die Welt jenseits des großen Grenzwalls. Seeadler oder Wanderfalken sind auch keine besseren Tiere. Der Kondor fliegt zwar hoch hinauf, doch das Bewusstsein der vielen Spatzen dort kann ihm dorthin nicht folgen. Viele sind auch nur Raubtiere wie die Wölfe – wahre Geier der Lüfte, die unerbittlich zuschlagen, wenn sie verlockende Beute erspähen. Der Wille zum Überleben gilt auch in der Luft. Und der Wille zur Macht bestimmt überall, auch oben - und jenseits von Gut und Böse. Die Macht, das ist eine außermoralische Kategorie und oft, das haben nicht zuletzt die Esel der Welt demonstriert, auch eine unmoralische. Die Natur hat es so eingerechtet. Wir alle müssen töten, um zu überleben. So oder so. Und der Imperialismus der Bären hat sein Gegenstück im Imperialismus der Geier. “
Faustinus schluckte, als hätte er einen Kloß im Hals, der ihm Atem und Argumente abschnürte. Trotzdem fing er sich wieder:
„Aber ich will doch nur reisen, um meinen engen Horizont etwas erweitern, nicht um feige ausreißen oder um mich der Verantwortung zu entziehen.
Erkennen will ich, was die Welt ausmacht und überprüfen will ich, was hinter dem Tellerrand ist.
Selbst unseren Nachbarstaat, das große Bärenland, will ich erkunden – aber noch lieber das Land  meiner Vorväter, meiner Ahnen von jeher: die „Republik der Esel“!“
Esel hatten eine würdige Herkunft – und Zukunft braucht Herkunft; davon hatte er bereits gehört.
„Und in welche Eselsrepublik willst du reisen?“
hakte der Kardinal tückisch nach, wohl wissend diesen Candide so weiter zu verunsichern.
„In welche?“
wunderte sich Faustinus, ohne die Verblüffung verstecken zu können. Der Kardinal lachte innerlich auf, um dann selbstgefällig zu konstatieren:

„Wenn du nicht hinter den sieben Bergen, unter spukenden Burggeistern blassen Gespenstern, Werwölfen und sonstigen Untoten aufgewachsen wärest, nicht in jenen Gegenden, wo der Mythos den Logos ersetzt, dann wüsstest du, dass es seit dem letzten großen Vernichtungskrieg gleich mehrere Eselsstaaten gibt.
Die heilige Nation der Esel, die über Jahrhunderte groß und mächtig war und einst die halbe zivilisierte Welt beherrschte, jene historische Macht, die lange auch uns Füchse und Wölfe hier unterdrückt hat, lebt heute gespalten, zerschlagen in mehreren Staaten verteilt, wobei jeder dieser Staaten glaubt, die legitimen Rechte aller Esel zu vertreten und der wahre Eselstaat zu sein.“
Jetzt dämmerte da etwas. Am Meer hatte Faustinus schon einmal etwas vernommen, was in diese Richtung wies.
„Zu den Guten will ich! Jenen Staat will ich kennen lernen und erleben, in welchem die guten Esel in Eintracht leben, untereinander - und in göttlicher Harmonie mit allen anderen Tieren“,
ereiferte sich Faustinus halb euphorisiert, um dem abgebrühten Kardinal zu signalisieren, dass die Gesetze der Moral ihm noch etwas bedeuteten. Der Kardinal hatte keine Ahnung davon, dass der kleine Faustinus einst von einem Eremiten erzogen worden war, in „ora et labora“ und in „carpe diem“,  – und zwar nicht nur zur Freiheit, sondern auch zu Wahrheit, zu Gerechtigkeit und zu anderen Tugenden, die das Leben lebenswert machen und dafür sorgen, dass ein Esel jeden Morgen guten Gewissens in den Spiegel blicken kann, ohne auf die Fratze eines Monsters zu stoßen.
Vom Glück hatte ihm der Weise nichts erzählt, wohl weil er annahm, dass es sich selbst einstellte, wenn Werte und Tugenden regierten. Eigentlich war Faustinus nie ein „störrischer“ Esel gewesen, sondern immer nur ein „stoischer“. Und Stoiker waren allesamt willensfreie Charaktere und vornehme Geister.
Nur hatte die Welt nie etwas davon bemerkt, weil die Philosophie mit ihren Segnungen längst in Vergessenheit geraten waren.
„Nur welche sind die Guten?“
höhnte der Fuchs.
„Jeder Eselstaat behauptet dies von sich.
Wer jedoch ist wirklich gut?
In jedem Staat müssen die Esel arbeiten; in dem einen besser, in dem anderen weniger gut; wer da wen ausbeutet – und welche Esel gleicher sind als andere Esel, das ist Interpretationssache. Das wirst du noch früh genug erfahren, wenn du einmal dorthin gelangen solltest. Ernüchterung wird sich dann einstellen und schwere Desillusion!
Im Eselstaat lebt man auch nicht besser als in diesem Staat. Brot und Spiele auch dort!
Die Masse meint, sie würde regieren. In Wirklichkeit aber regiert eine kleine Elite aus dem Verborgenen heraus mit dem Mittel der Volksverdummung, die seit den Römern die gleiche ist. Dort hört man dein geliebtes „I – Aaa“ zwar öfter, während hier das „Hau– Hau“ ertönt. Sonst aber gibt es kaum Unterschiede.
Die Essenzen, auf die es ankommt, sind die gleichen, hier und dort – Freiheit, Wahrheit, Gerechtigkeit! Das sind Chimären, denen man nachjagen kann, wenn man nichts Besseres zu tun hat.
In der Realität aber behauptet sich der „Wille zur Macht“. Glaube es mir, Eselchen, ich bin mehrfach dort gewesen und habe mich redlich umgesehen.“
Nach diesem alles relativierenden, ernüchternden Disput des Staatsmannes und Winkeladvokaten, der alles sprachlich in sein Gegenteil verkehren konnte, war Faustinus etwas kleinlauter geworden. Trotzdem blieb er bei seiner Position und hielt wacker dagegen:
Aber weshalb lässt man nicht wenigstens uns, die Esel, frei reisen oder wegziehen, wenn es uns hier im Staat der Raubtiere nicht mehr gefällt? Und die Schweine, die Schafe und die Rindviecher … ?“
Wie so oft dachte er nicht nur an sich selbst, sondern auch an das Los der vielen Geknechteten im Staat, in deren Sicht er sich gut hinein versetzen konnte. Schließlich saßen fast alle Minderheiten in einem Boot im Strudel unterwegs in eine ungewisse Zukunft.
„Das geht nicht – viele gute Gründe der Staatsräson sprechen dagegen“,
konterte der kühle Kardinal.
„Wer würde sonst die Arbeit machen hier in der Hauptstadt und im Staat?
Wir Füchse, wir sind Strategen!
Die Wölfe, das sind Krieger!
Doch ihr Esel, Rinder, Schweine, ihr seid allesamt gute Arbeitstiere, zum Teil noch mit technischen und technologischen Fertigkeiten.
Ihr könnt flotte Traktoren bauen und ganze Flotten; Boote, die unter den Wellen den Winden trotzen, dem Tornado und dem Taifun, die auf hoher See hinausfahren, um mit ihren Kanonen Politik zu betreiben und Diplomatie; ihr könnt Raketen in den Himmel schießen, um sie auf fremde Köpfe fallen zu lassen; Katapulte könnt ihr zimmern und Katakomben bauen; ihr könnt sogar, wenn es sein muss, aus Stroh auch Gold spinnen wie Rumpelstilzchen; und auch sonst noch manch nützliche Dinge, die der Staat zum Überleben braucht.
Ihr seid das Salz der Erde hier in diesem Staat, der Katalysator zum Wachsen, Blühen und Gedeihen.
Und, das sage ich dir im Vertrauen, Freundchen, ihr seid nicht nur tüchtig und geschickt, ihr seid auch ein guter Faustpfand für Zeiten, wo es vielleicht enger wird auf der Welt und bedrohlicher.
Weshalb sollten wir euch in Massen ziehen lassen?
Für Almosen?
Ein baldiger Exodus nützt nur unseren Feinden und stärkt sie noch! Schließlich sind uns nicht alle Eselstaaten freundschaftlich verbunden. Einige pflegen gar Pakte mit Geiern und Falken.“
Der Sylvanier merkte, dass er nun mitten in der großen Politik angekommen war, auf einem Schachbrett, wo es nur ein schwacher Bauer war, der mit den Mächtigen nicht richtig mithalten konnte. Weltwissen hatte dieser schlaue Fuchs und Welterfahrung, während Faustinus selbst den „Principe“ vorschnell aus der Hand gelegt hatte, ohne gründlich darüber zu reflektieren, ob der Zweck tatsächlich die Mitte heiligt!
Jetzt stand er da wie ein begossener Pudel, der seinen Kern verloren hatte, ohne die staatsräsonierenden Überlegungen dieses Machtpolitikers ethisch parieren zu können. Die Argumente fehlten und die Gegenargumente.
Noch bevor Faustinus resignierend die weiße Flagge ausrollte, geleitete ihn der Fuchs zurück zur großen Spiegelwand:
„Welches dieser Bilder ist nun dein Ebenbild, Eselchen?
Wer bist du wirklich?
Ist das dein Selbst – oder doch nur ein Zerrbild deines Selbst?“
Solches fragte er provokativ und antwortete zugleich sibyllinisch wie das Orakel von Delphi, in dem er vornehm schwieg.
Faustinus hatte jetzt ein echtes Identitätsproblem!
Wer war er nun wirklich, Doktor Jeckyl oder Mister Hyde?
Jeder Hohlspiegel brach das Bild anders und offenbarte neue Reflexionen und neue Fratzen. Was entsprach nun tatsächlich der Wirklichkeit?
Was war echt – und was war Täuschung?
Durfte man den Sinnen noch trauen, wenn sie alles verzerrt erkannten? Und wie entschied das Herz, wenn der Verstand versagte?



Copyright: Carl Gibson

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Buch 2016 - Autor, author, auteur Carl Gibson: Bücher, books. livres - , Neuerscheinungen. Information zur Buchmesse 2016 in Frankfurt am Main. Carl Gibsons umfassende Herta Müller-Kritik jetzt im Buchhandel!

Neue Buch-Veröffentlichungen des Instituts zur Aufklärung und Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Europa im Jahr 2016,...