Mittwoch, 29. Dezember 2010

Führer Lupus Visionen von Zucht, Züchtung durch Züchtigung und vom Exodus der Esel

Was wurde aus Eseln der Enklave Sylvanien, wenn sie künftig nicht mehr als Tragtiere gebraucht wurden? Salami für den Export?
Schnelle Devisenbringer?
Schaurige Gerüchte gingen um, die manchem Esel Existenzangst einjagten. Eines dieser Schreckensgerüchte besagte, der grimmige Lupus wolle bald alle Eselssiedlungen Sylvaniens niederwalzen und schleifen lassen, auch die Burgen, die Kirchen und die Totenacker, um neues Land zu gewinnen für Zucht und Züchtung.

 „Wir sind ein Volk ohne Raum“,
hatte Führer Lupus erst jüngst auf dem Parteitag der Lupisten verkündet,

„wir sind ein aufstrebendes Volk, dass sich nehmen wird, was ihm von Natur aus zusteht. Die Vorsehung hat uns in ihrem weisen Schöpfungsplan über die Esel gestellt, über die Pferde und die Schafe!
Also ist es göttlicher Wille, wenn der Wolf sich das nimmt, was ihm zusteht.
Heute gehört uns Wolfland,
morgen Sylvanien und übermorgen wird uns das Land der trägen Bären gehören …
und schließlich gehört uns die ganze Welt“.

Lupus war im Herzen ein wahrer Wolf, auch wenn er äußerlich mit dem internationalistischen Ursismus kokettierte.
Und als Wolf gedachte er sein Imperium so lange auszubauen, bis die ganze Welt eine Wolfswelt war – und jede Bestie dem Wolf unterworfen.
Das war seine große Vision!
Und die dummen Esel vor der Haustür?
Das sollten die ersten auf der langen Liste der Opfer sein, die das große Werk ermöglichten.

Das zweite Gerücht klang etwas „humaner“, wie man in früherer Zeitrechnung zu sagen pflegte.
Alle sylvanischen Waldsel sollten alsbald ins Ausland verkauft werden. Die mächtige Eselrepublik im Westen hätte sich bereit erklärt, alle reinrassigen Esel aufzunehmen, vor allen aber die Gebildeten und die handwerklich begabten aus ihren Reihen.
Mautiere und Maulesel würden unter Umständen zwar auch akzeptiert, allerdings erst nach einem ausgiebigen Sprachtest …
und zum halben Preis.

Waren die braunen Waldsesel erst weg, sollte die lästige Minderheiten-Enklave für alle Zeiten vom Erdboden verschwinden, am besten, ohne zivilisatorische Spuren zu hinterlassen.
Die altehrwürdige Eselsburg würde bald in Wolfs-Stadt umbenannt werden oder, etwas vornehmer in Lupus-Ville, während alle kleineren Stallungen. Gehöfte, Dörfer den Bulldozern und Planierraupen  überantwortet würden.
Die "Systematisierungspläne" lagen bereits in der Schublade des Führers, der fast täglich eigenhändig noch daran feilte, um ihnen so den letzten Schliff zu geben.

 „Wer neue Werte schaffen will, muss erst alle alten Werte vernichten … er muss zum Brecher werden … wenn es sein muss auch zum Verbrecher!“

murmelte Lupus gelegentlich vor sich hin, wenn er die schweren Aufgaben im Geiste durchging. Zum "Verbrecher" zu werden, dazu trieb ihn sein Opfergeist wie seine Entschlossenheit, in die Geschichte einzugehen, wo sich allerlei Verbrecher tummelten. Was wussten die Domestiken davon mit ihrer angeborenen Sklavenmoral?  
Abgesehen von Kardinal, der die Zerstörung Sylvaniens insgeheim ermutigte, verstand ihn kaum noch jemand im Bunker.
Auch war keiner da, der seine Unfehlbarkeit in strategischen Dingen angezweifelt hätte. Früher Lupus hatte früher einmal etwas über den Aufstieg und Fall der Weltreiche gelesen, über Irrungen und Wirrungen und einiges als gut befunden …
Konquistadorenbewusstsein …
Erobererkost …
saftige Steaks vom Rind und Schwein …
kein Getreide wie in den Legionen der viel zu schnell dekadent gewordene Römer.
Die Cäsaren – das waren  allesamt wahre Meister des Schleifens, Zerstörer wie die Pharaonen vor ihnen.
So wollte es also auch Lupus halten mit den störrischen Eseln im Land, die sich einst selbst zum "Herrenvolk" aufgeschwungen hatten vor ihrem schweren Fall.
Waren diese Berg- und Flachlandesel aus Sylvanien und dem Donauraum erst vertrieben, konnte die große Systematisierung der Siedlungen umgesetzt werden mit. Neuer Lebensraum für künftige Wolfsgenerationen stand dann zur Kolonisation bereit, agrarische Nutzflächen für Mais zur Schweinemast.
Noch größere Schweinemastbetriebe wurden dann möglich und noch leistungsfähigere Schlachthöfe.
Zucht und Züchtung … durch Züchtigung – das waren Lieblingsgedanken des Führers.

Etwas von der Lehre vom „Willen zur Macht“ hatte er begriffen, wenn auch nicht alles.
Wenn der Führer nicht an Krieg dachte oder an imperialistische Expansion, dann verzehrte ihn die Sorge um sein Volk, das seine Rolle in der Geschichte immer noch nicht gefunden hatte. Seinen „Nutzen zu mehren“, lag ihm am Herzen.
„Vivat, crescat floreat“,
rief Lupus manchmal aus. Das Volk der Wölfe möge leben, wachsen, aufblühen und gedeihen bis es das größte und mächtigste war auf der Welt.
Dort, wo die Natur versagt hatte, war wissenschaftlich nachzuhelfen, auf der Grundlage neuester Erkenntnisse der „Tierethik“ natürlich.
Neben der „Opfertier-Züchtung“ sollte ein „Lebensborn“ eingerichtet werden – und „Zuchtanstalt für reinrassige Wölfe“, wo die tapfersten und fruchtbarsten aller Rudeltiere sich mit edelsten Wolfsjungfrauen paaren und dann – frisch, fromm, fröhlich und frei – unablässig Nachkommen zeugen sollten.
Die patriotischen Wölfinnen aber waren auserkoren, rund um die Uhr zu gebären, ohne Restriktionen und ohne Unterlass reines Wolfsblut für die Front zu produzieren bis zum Endsieg!
So sah das Lupus in seiner Zukunftsschau. Und so wollte er es auch, weil er ein charismatischer Führer war … mit Augenmaß!

War das alles nun zum Lachen, ja zum Totlachen?
Oder war das alles nur unendlich traurig?
Aus der Sicht der Esel, der Rindviecher und der Schweine bestimmt.
Die zahlreichen Gerüchte, die unterwegs an sein Ohr gedrungen waren, verunsicherten Faustinus sehr. Der Weg zu den Sternen und Sonnen war weit und steinig – nicht nur für Esel, auch für einfache Wölfe.

Zweifel krochen wieder hoch und bedrängten ihn arg. Waren die meisten Tiere dieses Staates nur Marionetten einer Führerclique, selbst die zahlreichen Omega-Wölfe, die immerhin noch über allen mitwohnenden Tierarten im Land angesiedelt waren?
Und wo blieb der Widerstand, die Opposition?

Das Räsonieren war nicht abzustellen … Wohin er auch blickte: Parolen, überall Losungen in roter Schrift auf weißen Leinen. Der eine oder andere Farbtupfer erinnerte an Blut, an Opferblut …und an die grause Opferstätte, die irgendwo versteckt im Wald lag.

Es lebe Lupus und der Lupismus!

Es lebe die Partei der Wölfe! 

Es lebe der „Titan der Titanen“, das „Genie der Karpaten“, unser einziger und innig geliebter Führer Lupus!

Solches war überall zu lesen.
Große Dichter der Wolfsnation hatten diese nationalistischen Superlative ersonnen, als Quintessenz alles Wahren, Schönen und Guten des Wolfsstaates. Die Vision künftigen Wohlstands und des Glücks der Vielen war da bereits vorweggenommen, denn wer sich für den Führer entschied, sagte Ja zur eigenen Glückseligkeit.
„Heil Dir, Sphären-Lenker, Cäsar und Gott“
hatte seinen eigenen Klang – und man musste im Herzen ein Wolf sein, um ihn voll zu verinnerlichen.
Hinter den Botschaften an die wölfischen Untertanen stand der Aufruf, ja die Aufforderung an alle anderen Tiere aus Wald und Flur wie aus den ghettogleichen Stallungen, alsbald zum Wolf zu werden.
Eine schnelle Bewusstseinsveränderung war angesagt und wurde aus pragmatischen Überlegungen und aus Gründen höherer Staatsraison sogar eingefordert: Denn der künftige Wolfsstaat konnte nur groß, mächtig und schlagkräftig sein,
wenn alle Untertanen mit den Wölfen im Chor heulten,
wenn alle hinter der gleichen Idee,
wenn alle hinter dem Führer standen.
Gleichschaltung aller Tiere war ein Staatsziel der Wolfsrepublik.
Das Geheimwort für den großen Plan: Assimilation.

Doch davon wussten nur wenige Eingeweihte. Der Fuchs, der ein Meister vieler Künste war, auch der staatsphilosophischen, aber kannte die Vernichtungs und Expansionspläne. Weltherrschaft, das war etwas nach seinem Geschmack. Schließlich hatte er alles selbst ausgeheckt.



Copyright: Carl Gibson

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