Samstag, 18. Dezember 2010

Fürst Draco

Gleich über dem frommen Spruch hatten die Klubmitglieder das Porträt ihres Gouverneurs angebracht, des Statthalters aller Chamäleons, der hier im Archipel das war, was Lupus im Reich: Ein uneingeschränkter Despot, ein Diktator und Tyrann, ein Vollstrecker des Lupismus mitten im Meer– mit ausgestreckter, gespaltener Zunge in tiefstem Rot, so als wollte er allen wertvolle Weisungen geben, wie die künftige Gesellschaft der Chamäleons aufzubauen sei. Ein Hauch von Utopia hing in der Luft, der Traum von einer besseren Zeit.
Faustinus hatte sich kundig gemacht: „Draco XXIII.“ – unter diesem Namen kannte man den Despot, entstammte dem berühmten Geschlecht der Drakonen. Seitdem der Archipel dem Meer entstiegen war, herrschten hier die Drakonen – und was sie verkündeten, war Recht.
Der Führer aller Chamäleons lebte abgeschottet und wirklichkeitsfern in einer stillen Bucht des Atolls im eigenen Garten Eden auf einer immergrünen Insel, die kein Normalsterblicher betreten durfte. Nur die loyalsten der Loyalen, die Hohenpriester, hatten dort Zugang, manchmal auch nützliche Gestalten wie der Vorsitzende. In der Bucht antichambrieren zu dürfen, um einmal in das Heiligtum vorgelassen zu werden in der Hoffnung, den Führer aus der Ferne in Augenschein zu nehmen, war das Privileg überhaupt auf der Insel. Wem es zuteilwurde, der hatte es geschafft!
Trotzdem war Draco nur ein kleiner Fürst, ein Inselkönig, der sich schutzflehend dem mächtigen Lupus aus der Wolfsburg unterworfen hatte, während Lupus selbst, was öffentlich nicht eingestanden wurde, dem noch gewaltigeren Ursus untertänig war.
Sie und noch ein paar andere unterwürfige Satrapen und Vasallen bildeten ein Netzwerk der Machterhaltung, das sie „Pakt“ nannten. Pakt, das ist etwas, was zu halten ist, bedeutete eigentlich nicht viel mehr als Slavenmoral, als Fügung in eine Struktur der Macht, wobei die Hierarchie nach der Anzahl der Bataillone festgelegt worden war. Wer sich dem „Pakt“ unterwarf, gab die eigene Seele, die Wesenheit, die Identität auf und erhielt dafür die Garantie, unter bestimmten Bedingungen weiter leben zu dürfen, natürlich gemäß dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, dessen Spielregeln in dieser Hemisphäre von Ursus bestimmt wurden.
In diesem Satrapen - System war Draco XXIII. zwar der letzte auf der hierarchischen Leiter, doch auf der Weihnachtsinsel war er Cäsar und gottgleicher Pharao in Einem. Das genügte ihm.
Es war nicht genau bekannt, ob der Führer aller Chamäleons zur eierlegenden Kaste gehörte oder ob er lebende Chamäleons zur Welt brachte. Keine Chamäleon - Dame hatte je sein Harem lebend verlassen – und die fünfhundert Prinzen und Prinzessinnen lebten nur in der Verbotenen Stadt, deren dicke Mauern Fußvolk und Feindesheere abhielten. Keiner aus dem vornehmen Klub der Chamäleons war ihm je persönlich begegnet, bis auf den Vorsitzenden, der ihm sogar die scharfen Krallen küssen durfte.
Das Götterbildnis an der Wand musste den Todgeweihten genügen.
Und es genügte.

An allem durfte gezweifelt werden auf dieser freiesten aller Inseln, nur an König und Kaiser nicht.
Wer Draco infrage stellte, der stellte die göttliche Struktur der Welt infrage. Das aber bedeutete etwas, was keiner hier wollte:
Chaos und Untergang.
Ergo war das Zweifeln ganz außer Mode gekommen. Descartes Schriften waren auf dem Index, wie alle anderen Irrlehren, die eine Alternative boten zur einzig gültigen Wahrheit.
Die einzige Monade, die Quintessenz alles Wahren, Schönen und Guten, die „conditio sine qua non“ bestialischer Existenz, das war der Lupismus, die geläuterte Form des historisch- dialektischen Ursismus, eine Lehre, die dank Lupus zu dem geworden war, was sie war. Der geniale Lupus, auch Titan der Titanen genannt, hatte richtungsweisend für alle Wölfe und Chamäleons, ja für die Völker der Tierheit das vollbracht, was Aton einst für Ägypten schuf:
Er nahm alle Irrlehren der Zeit und formte eine gültige Wahrheit daraus, den Lupismus, einen Monotheismus der Bestien, zu dem sich alle bekennen konnte, die keuchten und fleuchten auf der Welt, ganz egal ob Esel oder Waran.
Man glaubte einfach. Und weil die Partei der Lupisten immer im Recht war, ja für das Recht kämpfte, hatte sie auch immer recht – hier und dort.

Wer verstohlen zum Bildnis des Draco hoch schielte und dem Gegenblick standhielt, ohne zu erschaudern, konnte manche Farben schimmern sehen in allen Facetten des Regenbogens, deren Nuancen wechselten wie das Porträt des Dorian Gray. Die Außenhaut des Führers schimmerte rotbraun und war genau so enigmatisch undifferenziert wie seine Gesinnung.
Der Staat bin ich – war eines der Lieblingszitate Dracos, munkelte man im Verborgenen. Andere Tyrannen inspirierten ihn ebenso wie große Dichter und Philosophen.
 „Ich bin die Insel des Lichts im Meer der Finsternis“,
deklamierte er manchmal wie Nero, wenn er sinnend eigene Oden und Hymnen intonierte und die erträumten Visionen in Poeme fasste, stets darüber sinnend, einmal die ganze Insel in Flammen aufgehen zu lassen, wo sie doch aus Feuer entstanden war:
„Wenn der Vulkan nicht zu mir kommt, dann gehe ich ihm etwas entgegen“,
kombinierte Draco, erfüllt von mystischer Sehnsucht nach Untergang, noch mehr nach dem Eingehen in die Ewigkeit über die Geschichte gleich Empedokles. Heroisch konnte er dem Mythos etwas auf die Sprünge verhelfen, wenn er selbst sprang - vom scharfen Kratergrat hinab in die Glut der Lava, zum Erdmittelpunkt hinab – zum Aufgehen als Element in allen Elementen, in Transsubstantiation, Ewigkeit werdend.
Was wäre Empedokles ohne seinen legendären Sprung – ein Windebändiger … mit Eselshäuten?
Fatalismus umhüllte den gottgleichen Göttersohn. Das Schicksal musste ertragen werden, indem man nachhalf, es zu vollenden, so zu vollenden, dass der Mythos der Geschichtsschreibung erhalten blieb: Draco der Dreiundzwanzigste – ein Ewigkeitstreber jenseits von Gut und Böse? Vertraute hatten ihn manchmal murmeln hören – nach mir die Sintflut, besagte ein Gerücht.
Der selbst dem Absoluten zustrebende Führer stotterte zwar etwas in einer merkwürdigen Aussprache, die irgendwo auf eine dekadente Herkunft verwies, sonst aber galt er als weiser Mann, als Freund der Philosophen und Dichter.
Draco liebte Kunst wie Literatur und hatte, großherzig, wie er war, in einem Anflug von liberaler Gesinnung eines Tages sogar die Zensur offiziell abgeschafft, was er alsbald bereute.
Fabeln wollte er in seinem Reich keine hören, auch sonst nichts Moralisierendes und Mehrdeutiges.
Deshalb fanden sich Äsop und Lafontaine auf dem Index wieder, gleich neben Descartes und Voltaire.

Wer Dracos täuschend echtes Wandbild genauer betrachte, konnte meinen, die Augen folgten dem Betrachter, doch nicht zärtlich lächelnd wie Mona Lisa, sondern argwöhnisch und ernst wie das Auge der Gottheit im Tempel. Von seiner hohen Warte aus schielte der Führer tatsächlich in die Welt, seine kriechenden Untertanen musternd und beobachtend.
 „Gott sieht dich“,
Das hatte man den Chamäleonkindern schon früh im Religionsunterricht beigebracht, um ihre Moral zu stählen.
„Und der Führer sieht dich auch“ –
hieß es dann später in der Dorfschule, auf der Alma Mater in der Stadt, auf dem Forum und auf dem Markt.
Das Auge des Führers war immer da und überall.
Und wo kein Auge zu sehen war, dort war bestimmt sein Ohr.
Kaum einer wagte es wirklich, den Blick keck forschend fragend zum Bildnis des Führers zu erheben. Wer hatte schon seine Mimik voll unter Kontrolle – und den verräterischen Wechsel der Farben? Schon die zarteste Regung der Seele konnte die Wangen röten und so eigenen Gedanken verraten; Zweifel, ketzerische Ideen konnten schnell zum Verhängnis werden.
Wer trotzdem genau hoch sah, musste sich fragen, war der überlebensgroße Rostbraune im Rahmen noch ein zartes Chamäleon - oder war der Gottgleiche bereits ein Waran?
Nach dem großen, die menschliche Rasse vollständig ausrotteten Atomschlag hatte es angeblich Mutationen gegeben überall in der Tierwelt. Hypertrophe Übertiere waren so geschaffen worden – und Untertiere. Gewaltherrscher Lupus war ein solches Übertier, kein Wolf, sondern ein Werwolf, eine Bestie von … - vielleicht gehörte Draco zu gleichen Kategorie der einsamen Tyrannen im Turm? Wer konnte es wissen?


Copyright: Carl Gibson

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