Samstag, 11. Dezember 2010

Großer Mittag



Das Eselchen trampelte weiter ins Tal hinab, im Kopf wenig versöhnliche Gedanken.
War es gut so, dass sich im Existenzkampf der Arten das Angepasste und Starke durchsetzte, während das Niedere und Schwache auf der Strecke blieb?
War das, was die Natur so eingerichtet hatte, gottgewollt?
Und konnte Gott eine Natur zulassen, die ohne Moral war?
Je mehr Faustinus von der Welt wahrnahm, desto unzufriedener wurde er.
Der Rabe, der eigentlich schweigen wollte, hatte in seiner Geschwätzigkeit zu viel verraten und den Suchenden ungewollt gehemmt. Einen unglücklichen Esel hatte er aus ihm gemacht, einen, der mit Concordia fast alles verloren hatte, die Geborgenheit der Heimat und jetzt auch noch das Grundvertrauen in das Leben selbst. Worauf durfte er noch hoffen, wenn es ungerecht in der Natur zuging und überall Unheil drohte?


Die schwarzen Wolken schoben sich jetzt vor die Sonne und verfinsterten die Welt. Während ein Sturm aufzog, der Faustinus zwang, in einer Grotte Zuflucht zu suchen, kullerten ein paar Tränen aus seinen Augen.
Regnete es schon?
Aus dem lebensfrohen Esel aus dem lustigen Stall war ein armer Wanderer geworden, ein Fremdling ohne Ziel und Vaterland, der traurige Lieder sang wie einst die zarten Dichter der Romantik. Die Romantik, ach, damals hätte er leben sollen!
Halb ohnmächtig vor Schmerz und Trauer ließ er sich fallen. Resignation umhüllte ihn. Faustinus fühlte, dass es  bald aus sein konnte, dass es zu langsam Ende ging mit der Wanderschaft und vielleicht sogar mit  ihm. Am liebsten wäre er für immer in dieser Grotte geblieben, um auf dem weichen Moos zu sterben. Faustinus hatte oft über den Sinn seines Sein nachgedacht, über das unbestimmte Los der Esel und der Eselheit - und auf einmal war die gesamte Sinnstruktur zusammen gebrochen. Das Leben hatte plötzlich jeden Sinn verloren.
Nihilismus umfing ihn, der Horror vacui hauchte ihn an, das Nichts der Leere statt einer  ausfüllenden Lehre.
Wozu überhaupt noch weiterkämpfen wie Don Qichotte und Sisyphus, wo doch auch jenseits des Stromes alles Leben nur Leiden war –
und das pralle Leben selbst eine gewaltige Passion?!
Und das Land der Verheißung, das Land der Väter, das Land, wo Milch und Honig fließen sollen, wo es fettestes Grün gab und aromatischstes Heu, das Land der Esel, es war noch so weit entfernt, unerreichbar weit. Faustinus hatte bereits darüber berichten hören in kurzweiligen Geschichten älterer Esel, die schon dort waren während der Weltkriege. Helden, die selbst die eine oder andere Eselei auf den Weg gebracht hatten, nicht nur zum Wohl der Eselheit und der Kultur aller Esel, hatten ihm das Schlaraffenland farbig ausgemalt.
Doch auch jenes Paradies war ein Fernziel wie die Glückseligkeit, wie die Jugend ohne Alter und das Leben ohne Schmerz und Leid, ohne Kummer und Tod.
Bei diesen fruchtlosen Überlegungen ohne befriedigende Antworten wurde Eselchen Faustinus immer missmutiger und schwermütiger. Die schöne Natur erschien ihm auf einmal weniger angenehm; und ihm Lied der Vögel in den Zweigen vernahm es nur noch bittere Klagen. Plötzlich kamen ihm nur noch traurige Lieder in den Sinn, Volksweisen und Kunstpoesie, die er einst im Stall vernommen, damals aber noch nicht recht verstanden hatte; lyrische Melodien mit einprägsamen Reimen und ergreifendem Gehalt, die etwas von dem Schmerz, der auch in ihm war, festhielten und wiedergaben. Jetzt bekam der eine oder andere unreflektiert in trautem Kreise mitgesungene Vers eine neue Bedeutung. In Faustinus Ohr formten sich bald Töne, die lauter wurden und deutlicher. Sinnend lauschte er den inneren Elegien, um dann irgendwann aus voller Kehle mit sonorer Stimme mitzusingen, laut wehklagend, ohne an die Gefahr zu denken, die überall im Unterholz lauerte :

…warum meide ich denn die Wege,
 die andere Wanderer gehen,
 suche mir versteckte Stege…

habe ja doch nichts begangen,
das ich Tiere sollte scheuen,
ach welch törichtes Verlangen,
treibt mich in die Wüsteneien…

Kaum hatte es das Schreckenswort, das nicht weniger bedeutete als Untergang und Tod, ausgesprochen, als ihm auffiel, dass sich die Natur seines Umfelds deutlich veränderte. Der Boden unter den Hufen wurde sandiger und bald bestand er nur noch aus Sand. Das Grün vergilbte und wurde karger. Bald waren nur noch ein paar kümmerliche Disteln zu sehen und stachelige Kakteen, deren Dornen nichts Gutes bedeuteten. Dornenvögel schwirrten durch die Luft und sangen ein wehmütiges Lied vom Sterben.
Und der Weg war weg.
Weg ist, wo etwas weg ist!
Solches hatte er einmal einen Phänomenologen des Weges verkünden hören.
Jetzt war er selbst auf dem Holzweg – und in der Sackgasse vielleicht? Holzwege?

In manchen Gegenden bedeuteten sie Rettung vor der See, in anderen nur Verirrung und Untergang.
Wohin des Weges, wenn kein Weg mehr da war?
Verzweiflung kam auf. Es fühlte sich wie im Labyrinth – gejagt von Minotaurus, doch ohne den Faden der Aridane und ohne einen kundigen Mephostophiles als Cicerone an seiner Seite.
Trotzdem ging das Eselchen weiter – der aufsteigenden Sonne entgegen, weil Stehenbleiben gleich war mit Sterben.
Während die Wüste wuchs, nahm der Mut ab und der Trotz, der alles antrieb.
Der Geist aber blieb noch eine Weile rege – Faustinus erinnerte sich …
Hatte es nicht auch die großen Suchenden in die Wüste verschlagen? Und jene, die in stiller Einkehr ihr Selbst finden wollten – und Gott dahinter?
Ganze Heerscharen von Anachoreten hatten in der Wüste gelebt, mit und ohne Esel.
Seth, ein zwielichtiger Urahn aller Esel, ein Heiliger und ein Teufel, kam er nicht einst aus der Wüste!?
Und die großen Stifter der Weltreligionen zogen sich in das Sandmeer zurück, um Einkehr zu halten und um das Bewusstsein frei zu machen für die Erkenntnis von Gut und Böse?
Buddha hatte in der Wüste meditiert,
ebenso Jesus und Zarathustra?
Alte Propheten, Prediger und Dichter hatten dort dämonische Heimsuchungen erlebt - und sie hatten trotzdem den Versuchungen böser Geister widerstanden!
Eselchen Faustinus fühlte, wie solch anstrengende Gedanken seine Kräfte aufzehrten und das letzte Wasser in seinen Adern, welches sein Denken aufrecht erhielt. Das Blut wurde dicker, die Luft dünner, der Leben spendende Sauerstoff knapper, je höher es hinausging. Leichte Halluzinationen stellten sich ein, ohne dass Faustinus viel davon merkte. Irgendwann wurde der Durst übermächtig; allmählich trocknete der  Esel aus. Das schlecht versorgte Gehirn weitete sich, schwoll an, um bald ganz zu streiken. Erst kurz vor dem Delirium erkannte Faustinus die warnende Symptome des überbeanspruchten Körpers. Wasser musste her! Ein Königreich für einen  Eimer von dem köstlichen Nass hätte er angeboten, wenn er den eines besessen und ihm irgend jemand hier in der Einöde zugehört hätte.
Doch nirgendwo in der Gluthitze sprudelte eine Quelle. Jede rettende Oase war weit.
„Wohin soll ich mich nun wenden?“
fragte sich das Eselchen und blickte hinauf zur gütigen Sonne, die hoch im Zenit stand und ihm gnadenlos Hirn und Fell verbrannte. Nirgendwo war Schatten, noch sonstige Linderung.
Der Große Mittag brach an und mit ihm eine stille Verzweiflung, die das Eselchen so intensiv noch nie erlebt hatte, wurde übermächtig. Exponiert stand Faustinus zwischen Sein und Nichts, nur auf sich selbst gestellt. Wer konnte ihn hier und jetzt noch retten?
Vielleicht hätte es doch auf dem kühlen Moos sein Leben aushauchen sollen, statt hier im heißen Wüstensand unter Schlangen und Skorpionen elendig zu verenden?
Aus der mächtigen Düne, die ihm den Horizont verstellte und jede Perspektive, starrte ein bleiches Gerippe hervor. Und doch war hier auch Leben – und Hoffnung?
Ein Erdmännchen spähte neugierig aus einem Erdloch. Eine Echse turnte auf zwei Beinen und eine geschmeidige schnelle Schlange huschte hurtig über die Glut. Faustinus kämpfte sich die Düne hoch und sah sich um. Sand, nur brauner, heißer Wüstensand. Fast am Horizont war eine gescheckte Hyäne zu sehen, die aus einem Grab winselte. Und ein Geier kreiste wartend durch die Luft. Leben und Tod lagen hier im Widerstreit – das Werden und Vergehen, hier hatte der Lauf der Welt ein Gesicht.
War dies das eigene Ende?
Faustinus wollte sich gerade ein letztes Mal fallen lassen, um die geschundene Seele auszuhauchen, als er halb im Delirium, halb im Wachzustand eine schwache Stimme zu vernehmen glaubte:

„Halt ein!
Warte ab!
Ruhe dich aus!“
hörte er die Stimme rufen.  War es der Mittagsdämon?
War das ein guter Dschin der beseelten Natur oder ein böser geist, der nun zu ihm redete? Oder war alles nur eine Trübung des Bewusstseins, das ohne Wasser nicht mehr unterscheiden konnte?
So etwa klang die Stimme der Melancholie in der Wüste, die zum Zweifeln verleitete, zur Sünde, dann zum Abfall von wahren Glauben - schließlich von Gott. Mancher Einsiedler und Wüstenschiffer war bei solchem  Sirenengesang verzweifelt.
„Eile fort! Spute dich!“
 mahnte die Stimme eines anderen Geistes. Faustinus war verwirrt: Wessen Aufforderung sollte es nun folgen?
Dem Niederziehenden oder dem Erhebenden, wo doch das erste Prinzip Erlösung versprach und das zweite endloses Weiterleiden?
Das Bewusstsein wurde noch trüber und trüber, während das Dilemma der Entscheidung  erhalten bleib.
Wie sollte der Austrocknende und vollkommen Erschöpfte in der Glut des Mittags noch zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden können, hier am Nullpunkt der Existenz, wo ihm jede kräftigende Nahrung fehlte und vor allem das lebenserhaltende Wasser?
Was war noch echt - und was war bereits Täuschung?
Durfte er, der einst ausdauernde Esel, jetzt schwach und träge werden? Und durfte auch er der sündhaft tückischen Acedia verfallen, die seinerzeit selbst die verehrten Vorbilder Augustinus und Petrarca beschlichen hatte?
Die Todsünde verwies auch auf den drohenden Tod.
Das Denkvermögen nahm in der Gluthitze weiter ab. Irgendwann würden Verstand und Vernunft versagten den Dienst endgültig versagen. Das ahnte Faustinus. Da er aber unbedingt weiter leben wollte, bündelte er noch einmal alle mentalen und körperlichen Kräfte, fest entschlossen, das letzte Gefecht zu wagen.
„Wenn ich mich jetzt aufgebe, bin ich für alle Zeiten tot und kann nicht mehr mitverfolgen, wie es weiter geht auf dieser doch so schönen Welt. Bäume ich mich aber auf und laufe nach ein Weilchen weiter, bis zum letzten Atemzug, dann kann es sein, dass ein Deus ex machina auftaucht und mich aus dieser Hölle rettet“
Also trottete Eselchen Faustinus weiter, halb apathisch, halb intuitiv, ohne Kompass und ohne Leitstern in der Nacht.
Kurz vor letzter Ermattung fand er wieder glücklich aus dem Todesmeer hinaus.
Hatte eine Gottheit in gerettet?
Hatte der Zufall seine Schritte gelenkt – und ein dumpfer Trieb, im dunklen Drange, der ihn immerfort  antrieb?
Oder war es doch nur der eigene störrische Wille, der Wille eines Waldesels aus Siebenbergen, dem er Rettung und das Weiterleben verdankte?
Am schattigen Ufer eines rauschenden Bächleins ließ sich Faustinus
fallen und sog gleich gierig und mit allerletzter Kraft etwas von der kühlen Kostbarkeit in sich hinein, reinstes Wasser ganz nah am Ursprung, das ihm besser schmeckte als der köstlichste Wein. Ein Überlebenstrieb, der in ihm war, hatte ihn her zum Wasser geführt. Und das heilige Wasser, aus dem einst alles entstanden war, weckte die Lebensgeister und holte Faustinus bald gesund in die Welt zurück.

Als bald darauf die Besinnung wieder kam und mit ihr das klare Denken, wurde Eselchen Faustinus bewusst, dass so etwas wie Taufe in ihm vorgefallen war: Er hatte die Katharsis des Purgatoriums erlebt, eine Vorhölle, die seine befleckte Seele wieder schneeweiß färbte.
Die Wüste hatte auf ihre Weise nicht nur Glaubensstifter, Propheten und Anachoreten geläutert, wieder erweckt  und zur wahren Gesinnung geleitet, sondern auch Poeten, Philosophen und einen Waldesel. Solch erquickende Erkenntnisse geleiteten das geplagte Tierlein in einen langen Schlaf.



Copyright: Carl Gibson

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