Samstag, 11. Dezember 2010

Idylle und Melancholie



Am nächsten Morgen kam mit der wiederkehrenden Sonne neue Zuversicht auf. Die schwärzesten Gedanken waren durchdacht und durchlitten.
Das schreckliche Gewitter war vorbei. Und die Winde hatten alles verweht, auch die Leiden. Die Luft war so rein wie die Seele des kleinen Waldesels. Und liebliche Vogelstimmen drangen jetzt an sein Ohr. An ihren bunten Liedern kletterte eine Lerche selig in die Luft. Die Wiese um ihn herum war ein Blütenmeer. Es duftete nach Nektar und Ambrosia. Und die Bienchen machten sich auf, um die Pollen zu sammeln für die Nahrung im Winter.
Das muntere Treiben in der Natur machte dem Wanderer erneut Mut weiter zu schreiten.
„Im Grünen, im Grünen“ Das vertraute Motiv war wieder da, die Waldeslust, das pralle Leben in göttlicher, beseelter Natur. Nach dem Erlebnis des bleichen Wüstensands sah das fette Grün der Baumkronen nun noch fetter aus.


Zärtliche Musik erfüllte Faustinus Gemüt und holde Poesie. Die Waldbegeisterung der Romantiker stellte sich wieder ein und das pulsierende Leben in allen Formen, Naturphänomene unmittelbarer Art, die ihm Auftrieb gaben und zusätzliche Kraft, den Weg durch Flusstäler und über Pässe zum Strom hin fortzusetzen.
„Wie seltsam das Leben doch waltet“, wunderte sich Faustinus, der alle Ereignisse und Begebenheiten später gründlich zu analysieren pflegte, immer den tieferen Sinn im Sinn.
„Manchmal muss man nur still abwarten, bis die trüben Wolken vorüber ziehen und die Wetterfront sich lichtet!
Die Winde, die vergänglich sind und doch ewig wehen, tragen alles davon und über die Zeit hinaus.
Und manchmal handelt man nicht selbst, sondern etwas handelt in uns!
Ein Etwas, ein höherer, undurchschaubarer Wille, durchzieht uns und bestimmt für uns; eine Kraft, die uns auch denken und dichten lässt!
Ist es das Unbewusste, der blinde Weltwille, der uns durchströmt?
Ist es das dionysische Weltprinzip, das alles wirkt und schafft?
Ein alles durchdringendes Prinzip, das durch das Apollinische nur begrenzt wird, um wahrnehmbar zu sein?
Und sind wird heiter und harmonisch gestimmt wie ein Flügel, wenn Einzelwille und Weltwille zusammen fallen?“
Solches kombinierte das Eselchen mit Lust.


Spekulieren, Erkenntnisstreben, ja das gesamte Philosophieren muss mit Freude betrieben werden, wenn es das Leben fördern soll!
Als Faustinus endlich den mächtigen Danubius weit unten im Tal durchs Land schlängeln sah, war er fast schon wieder der Alte, der ewige Optimist, der seinem zweiten Namen alle Ehre machte – ein nach höherem Sein suchender Wanderer auf dem Weg durch die Welt, ein Grenzgänger des Denkens, der offenen Auges seinem Ziel entgegen strebt.

Der Abstieg von den Hügeln fiel nicht schwer. Bereits nach ein paar Stunden Dauermarsch hatte Faustinus das Ufer erreicht: Hier strömte er und verströmte sich, der große Strom Europas – „Hister“, so nannten ihn die Römer. In der Sprache der Nachfahren der Wölfin und bei allen Eseln weit und breit war der Strom weiblich – „Die Donau“!



Ein heiliger Fluss wie der Nil und Vater Rhein! Eine eigene Welt, nicht nur für Fische!

Faustinus staunte – das Licht der Fluten, diese Weite!
Wasserüberflutete Auen überall; Schilfrohr und alte, krumme Trauerweiden, deren herabhängenden Äste die Wasseroberfläche berührten.
Doch von Trauer war hier keine Spur: Die Frösche quakten vergnügt in den Tümpeln und durchbrachen mit ihrem Gequake den Chor tausender Rohrsänger und das Geschnatter von Wildenten und Blässhühnern, die in verborgenen Nestern ihre Eier ausbrüteten. Ein eitler Schwan glitt majestätisch über das Wasser und musterte den jungen, fremden Waldesel aus der Ferne. Die Überfülle pulsierender Natur war greifbar – eine ungetrübte Welt, ein Idylle!
War das vielleicht der Ort, wo auch ein armer Esel auf ewig glücklich sein konnte?
Der stets auf Wahrheitsstreben und Lebensglück bedachte Faustinus sah sich neugierig um, entdeckte aber keine Artgenossen weit und breit.
Wo waren die Esel in diesem Paradies?
Konnte er also glücklich werden inmitten de anderen Tiere, wenn die vertrauten Esel weit waren?
Würde er sich in diesem Reich nicht bald einsam fühlen, obwohl so viele glückliche Tiere um ihn herum lebten; Kreaturen, die genießerisch den Tag auskosteten und die unmittelbaren Freuden, die er schenkte? Faustinus verharrte im Staunen vor dieser Welt.

So musste der Garten Eden bestellt gewesen sein, lange vor dem großen Sündenfall, der Gottheit und Kreatur entzweit hatte. Oder unmittelbar nach der Sintflut, als die Tiere der Arche Noah entstiegen waren, um vom Berg Ararat aus einen neuen, sittlichen Anfang zu wagen in einem harmonischen Staatsgebilde, ohne Feindschaft, ohne Krieg – damals, im Goldenen Zeitalter, als die Schöpfung noch intakt war und die Tiere glücklich? Da Faustinus im behüteten Concordia aufgewachsen war, suchte er überall nach Concordia, während andere nur das Eldorado im Sinn hatten, Reichtum, Erfolg, mehr Haben als Sein.
Sicher erwartete ihn eine ähnliche Idylle auch im Land der Esel?
Nur dorthin gelangen musste er schon selbst.
Sein Fern-Ziel trieb Faustinus wieder an und die Erwartung eines Glücks von Dauer.
„Nicht den Augenblick will ich genießen, das Hier und Jetzt, sondern ein Glück, das lange wehrt und bis ins hohe Alter reicht“, sagte sich das naive Eselchen, bevor es munter trabte weiter. Zuversicht war jetzt in ihm und viel Gottvertrauen.


Während Faustinus weiter dem Strom entlang auf das Meer zusteuerte, traf er auf eine Stelle, wo die träg dahin fließende Donau enger wurde und tosender, an einen schmalen Durchbruch. In Jahrmillionen hatte der stete Tropfen den Stein ausgehöhlt, um sich sammelnd mit Wucht ins Meer zu ergießen.
„War der Wassertropfen mächtiger als der Stein?
Vielleicht war auch Milde stärker als Macht?
Wie schade nur, dass Esel nicht noch älter werden, um herauszufinden, welches Prinzip am wirkungsvollsten ist“,
räsonierte Faustinus beim Anblick des Werkes, dass die erhabene Natur in Jahrmillionen geschaffen hatte.
Von einer mächtigen Felsklippe aus ließ er seine Blicke in die Ferne schweifen – hinüber an das andere Ufer der Donau zunächst, nach Süden, wo angeblich etwas freiere Tiere lebten, wenn auch nicht glücklichere. Dann sah er hinab in die schäumende Flut, die etwas von dem silbernen Licht der Sonne zu ihm hoch spiegelte. Faustinus genoss den Rundumblick, der neue Ziele ausmachte und auf neue Ideen verwies - und der gleichzeitig ein Blick zurück war in die Weiten der Geschichte.

Die Römer hatten hier einst Brücken gebaut, bevor sie als Eroberer übersetzten, um ihr Weltreich zu vergrößern. Davon waren noch ein paar Ruinen auszumachen; alte Steinhaufen, vom Zahn der Zeit zernagt. Zunehmend nachdenklicher geworden, setzte sich der Esel auf einen Stein, den die Natur zum Verweilen geformt hatte, allein zwar, doch noch nicht vereinsamt.
„Verweile doch – es ist so schön … hier! Genieße den Augenblick!“  

Ohne  recht über die intuitiv eingenommene Pose nachzudenken, saß der Denker da, das Kinn auf ein Vorderbein gestützt, wie einst Walter, der Troubadour und Ovid, der andere große Dichter, weiter unten am Meer.
Faustinus verharrte lange an dem schönen Ort, zunächst heiter, euphorisch, ja entrückt, himmelhochjauchzend,  dann aber - nach dem Umschwung von Dur in Moll - wieder zu Tode betrübt, mit tieftraurigem Blick, wie schon tausend andere Melancholiker vor ihm, die Ähnliches durchlebt und durchlitten hatten.
War es nicht Herz zerreißend, dass alles Erhabene und Schöne vergehen und auch das Herrlichste verwehen wusste in der Zeit, ohne aufgehalten zu werden?
Sinnend starrte er in die Flut, in der alles vorüber floss und dahin schwand.

Sahst du ein Glück vorüber gehen,
dass nie sich wieder findet,
Ist’ s gut in den Strom zu sehen,
wo alles wogt und schwindet.

Keiner konnte zweimal in den gleichen Fluss steigen: Alles war im Fluss – „Panta rhei“- Der Dunkle hatte es so gesehen – und die Melancholiker der Romantik ebenso … der eigene Lieblingsdichter.
Dass Werden vollzog sich da unten als permanentes Neuwerden.
Wie viele große Lyriker ganzer Völker hatten die Vergänglichkeit beklagt, ihm Nachdenken darüber fast verzweifelnd? Nun sollte Faustinus den Augenblick ertragen, ohne auf Dauer dem nieder ziehenden Pessimismus zu verfallen?
Das Wüstenerlebnis kam wieder hoch mit ähnlichen Heimsuchungen, die den müde gewordenen Wanderer überfallen wie Diebe ihr ahnungsloses Opfer in der Nacht. Als Faustinus so nach innen horchte, hinein in das eigene Herz, wo einige Forscher der Tierakademie den Seelenurgrund und den Sitz der Seele vermuteten, vernahm er wieder eine schwache, doch durchdringende Stimme aus der Tiefe der Brust, die klang wie ein Ruf aus einer anderen Welt. Erneut war es die Botschaft eines unbekannten Dämons, die jetzt an sein Ohr drang, eine schrille Stimme der Verzweiflung, die ihn erneut aufforderte,  alles nieder zu werfen und ihr zu folgen.
Wohin?
Über den Abgrund hinaus, in das Rätsel der Schöpfung, ins Nirwana?
Das Wasser schäumte trügerisch und verlockend.
Faustinus zögerte.
Sollte er jetzt springen?
Endgültig Schluss machen mit dem Leiden in einer Welt, die nicht ganz die seine war?
Rettung finden, Erlösung finden in einer besseren Welt, in der sanften Welt des Hades, wo Seth regierte, der heilige Esel aus der Wüste, und wo vielleicht auch kleinere Esel besser aufgehoben waren als in der rauen Unvollkommenheit der Wolfswelt?
Sollte er jetzt in einem letzten Erkenntnisakt das Geheimnis lüften und hinter die enigmatische Schöpfung blicken?
Der Reiz war übermächtig wie das Verlangen, Nein zu sagen, wo die Zeit des Ja doch vorüber schien.
Bevor er sich zur letzten Entscheidung aufraffte, zum Sprung in die Freiheit und endgültige Gewissheit, blickte Faustinus noch einmal wehmütig zum Himmel, vielleicht, um sich mit einem letzten Gruß für immer von einer Welt zu verabschieden, die ihm nicht ganz hold gewesen war. Der Himmel schwieg. Doch von unten im Strom glaubte er einen Weckruf vernommen zu haben, der ihn vom Sturz in die mörderische Fluten abhielt. Ja, die mahnende, ihm Einhalt gebietende Engelsstimme kam aus dem Wasser.




Copyright: Carl Gibson

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