Mittwoch, 29. Dezember 2010

In der Wolfsburg - vom Wesen der Wölfe

Faustinus betrat die gut ausgebaute Festung mit erneutem Staunen. Solche Gräben, solche Mauern mit tausend Schießscharten hatte er noch nie gesehen. Nur Vauban hatte noch so gebaut.
Diese Wehranlage schien uneinnehmbar. Er war beeindruckt. Doch da war noch mehr, was sich seinen Augen entzog. Unter dem Verteidigungswall, in den Katakomben, verbarg sich eine Stadt unter der Stadt: Der Führer- Bunker, in welchem die Elite des Wolfsstaates, geschützt von bissigen Prätorianern, jede Krise der Welt unendlich lang überleben konnte, selbst eine Naturkatastrophe oder einen verheerenden Atomschlag.
Davon ahnte der junge Esel nichts.
Zielstrebig schritt Faustinus durch die Straßen, dem Herz der Hauptstadt zu, wo er die Schaltzentrale der Macht vermutete. Und in der Tat. Da war die große Prachtallee elysischer Felder mit den mächtigen Platanen und den imposanten Bauten auf beiden Seiten.
Ein Triumphbogen am Ende der Allee kündete von der Tapferkeit der Ahnen wie die hohe Säule am Circus, eine Kolumne, welche DIE Wölfin trug.
Alle Zivilisation und Kultur des Alten Kontinents, das wusste jedermann in diesem Staat, rührte von dieser Wölfin her!
Nicht aber von Eseln oder sonstigem Getier.
So lehrte es die offizielle Doktrin.
Faustinus wunderte sich ob all der geballten Pracht.
Das war die erste Stadt aus Stein, die er sah. Fest und unerschütterlich war hier gemauert worden, nicht auf Sand war hier gebaut worden oder mit schnell verwitterndem Sandstein, sondern solide mit echtem Fels aus dem Vulkan, überall nur pechschwarzer Basalt oder schimmernder Rosengranit, Sicherheit und Beständigkeit vermittelnd wie bei den Pharaonen – alles für die Ewigkeit.

Mancher Esel und Ochse hatten hier mitgebaut an der Zwingburg und ein System zementiert, das noch viele Tausend Jahre zu halten schien.
War das alles ein Hort der Autarkie, gar ein Bollwerk des „Neuen Tieres“?
Oder war das doch nur ein großes Gefängnis, wo alle Tiere des Staates ihrer Freiheit und Selbstbestimmung beraubt wurden, ein Ort der Knechtung und Ausbeutung für Nichtwölfe und Wölfe selbst?

Wie war das noch einmal mit der „Ausbeutung des Tieres durch das Tier“?
Hatte man die Knechtung nicht längst abgeschafft in dieser angeblichen „Welt der Gleichen“?
Die drückende Atmosphäre ließ Ahnungen aufsteigen und das Gefühl, diesen Mauern endgültig entfliehen zu wollen, wenn möglich selbst dem Staat der Wölfe:
„Wenn mir Freiheit etwas bedeutet, dann muss ich bald raus aus dieser Begrenzung. Sonst wird es nichts mehr mit dem großen Lebensglück! Innerhalb solcher Mauern werde ich mich wohl nie frei entfalten können“,
räsonierte Faustinus ahnend, die Gleichberechtigung auf dem Papier verdecke nur die Diskrepanz zwischen tierischem Ideal und wölfischer Wirklichkeit.
Dem Wesen gemäß leben und handeln, in der Eigentlichkeit sein, so stellte sich Faustinus die sinnvolle Existenz vor. Alles andere würde zu Unglück führen und ins Verderben. Das fühlte er jetzt schon. Der Wille zum Ausbruch aus der Beengtheit verlieh im Flügel.
Sicher wäre er auch gleich in den Himmel geflogen wie Bellerophon auf Pegasus, wenn er es gekonnt hätte. Doch er war nur ein Waldesel in einem Eselsleib ohne Flügel; und das war ihm bewusst.
Leicht gehemmt und mehr betrübt als zuversichtlich schritt Faustinus weiter den Boulevard entlang, das Auge auf die wuchtigen Ministerialgebäude gerichtet, die sich hier aneinanderreihten wie Perlen an der Schnur.
„In einem dieser Prachtbauten wird der Fuchs daheim sein, der schlaue Kardinal! Von hier aus wird er die Geschicke des Wolfsstaates bestimmen, die inneren wie die äußeren, als Walter und Verwalter,“, rätselte Faustinus.
Natürlich konnte er nicht ahnen, dass seine Zufallsbekanntschaft aus dem Wald, der gerissene Fuchs, in Wirklichkeit noch mächtiger war als der Diktator selbst. Viel Macht konzentrierte sich in seinen Klauen. Er war der Erste Minister in der Regierung und der erste Diplomat.
Darüber hinaus war der schlaue Fuchs auch noch der geistliche „Fürst“ im Atheistenstaat, „Hüter des wahren Glaubens“ und Herr aller Schriftgelehrten, Pharisäer und Philosophen im Land.
Wenn es sein musste und die Pflicht rief, versah er auch noch des Amt des „Großinquisitors“ und des „Obersten Richters“ im Wolfsstaat, ganz nach dem Motto: „Wozu soll es viele geben, wenn ein begabtes, in allen Künsten begnadetes Übertier alles bewältigen kann, was mit Machterhaltung und Machtentfaltung zu tun hat.“   

Hinter allem war der Fuchs der große Strippenzieher, der Puppenspieler aus dem Verborgenen, während Führer Lupus selbst, der Muße und der Musen ergeben - ohne es recht zu wissen - nur eine Puppe war.

In der schönsten Villa am Platz, wo früher gesalbte Häupter ein und aus gegangen waren, hauste heute die „Partei“.
Die „Lupisten“ hatten es sich behaglich eingerichtet in dem Bau, währen der Führer selbst im „eigenen Palast“ residierte. Ein "Geschenk des Volkes an den Führer".
Der Märchenpalast galt als Mittelpunkt des Kosmos, ein achtes Weltwunder und als das wohl majestätischste Bauwerk der Tierwelt weit und breit.
Die gesamte Wolfsnation und alle ihre mitwohnenden Nationalitäten, Auerochsen, Esel, Schafe, Bergziegen und Wildtiere hatten hier Jahrzehnte lang geschuftet, manch ein Untertan sein ganzes Leben lang, um diese Einmaligkeit zu schaffen.
Jetzt stand er da, der "Palast", gigantischer als Mensch und Tier ihn je gesehen. Das „Haus Gottes“ im fernen Rom mit all seinen Kuppeln und Fresken hielt einem Vergleich nicht Stand.
Ja selbst der berühmte „Turm von Babel“ wirkte blass daneben wie ein Schatten.

Vollendet war das Werk noch nicht. An einem Flügel wurde immer noch gebaut. Und weil manches knapp war oder ganz fehlte im Staat der Wölfe, ließ der letzte Schliff noch auf sich warten:
„Die Schöpfung ist auch noch nicht vollkommen“
tröstete sich der Diktator gelegentlich, wenn er vom einsamen Turm herab  Reich und Ruinen überblickte.
Die „Creatio imperfecta“ auch hier!?
Aber der Wolfsstaat war ja noch eine Welt im Werden … auf dem Weg nach Utopia … und ins neue Atlantis der Wälder.

Als Faustinus an der großen Palast- Baustelle vorbei kam, verschlug es ihm wahrlich den Atem. Eine Stimmung wie im Albtraum: Unzählige Wölfe, Hunde und andere Tiere rannten die Treppen hoch und hinab. Doch nicht chaotisch und wild, vielmehr zielgerichtet in eigener Ordnung so wie bei den Termiten im Nadelwald.
Jedermann hatte seine Aufgabe und erfüllte seinen Zweck. Fiel einer müde zu Boden oder ganz aus, wurde er ersetzt. Alles schien in eine eigene Atmosphäre getaucht, gespenstisch anmutend. Diese Organisation hatte Faustinus noch nirgendwo erlebt. Sie funktionierte – und sie schien absolut: Keine Widerrede! Gehorsam nur, blinder Gehorsam?
War das letzte Fünkchen Freiheit bereits aus diesen Mauern gewichen?
War alle Kreatur nur noch Rädchen im großen Getriebe der Macht?
War das hier das Ebenbild des große Laufrads der Unfreiheit, von dem Felix einst gesprochen hatte, das „Rad“, das rollen musste bis zum Sieg, zum End- Sieg, auch wenn es die Vielen mitriss im wilden Strudel?

Faustinus fühlte die eigene Ohnmacht – und er sah das Bild der ewigen Versklavung der Vielen, die keine Wahl hatten, mit eigenen Augen.
Durfte er da überhaupt mitmachen, ohne schuldig zu werden?
Durfte er wegsehen, wenn Unrecht geschah?
Musste er das alles feige erdulden oder gar mitwirken beim grausen Werk der Macht?
Oder galt es, dagegen zu sein und mutig dagegen zu stehn in Wort und Tat?
Gab es ein Recht auf Widerstand, gar eine moralische Pflicht, sich dem Unrecht entgegen zu stellen durch die aktive Tat? Durfte der Tyrann weiter leben? Oder galt es, ihn zu entfernen, um die Demokratie zu retten?
Schmerzliche Identitätsfragen drängten sich ihm auf und quälten ihn, Fragen, die über die eigene Identitätsfindung hinausgingen.

Was war aus dem Tier geworden, aus dem Esel und aus dem stolzen Wolf?
Untertanen?
War selbst der Wolf auf den Hund gekommen, der stolze Isegrim?
Wer war überhaupt ein Wolf und wer der Hund?
Das war hier die Frage!
Da Faustinus früher gelegentlich auch von wölfischen Lehrern unterrichtet worden war, kannte es sich in der wölfischen Geschichte etwas aus und wusste, dass die Wölfe einst herrliche Tiere waren: Einsame Wölfe, aber frei, eher bereit asketische Entsagung zu ertragen, als den zugeworfenen Knochen im Rudel.
Das Gut aller Güter war nun schon längst dahin, dem Bewusstsein entschwunden, während der nimmersatte Wolfsmagen immer noch leer war. Nur Phaedrus kündete von freieren Tagen, in grauen Mythen und Legenden und mancher klassisch gebildete Historiograf, der sich der vornehmen Herkunft bewusst war.
„Zukunft braucht Herkunft,
verkündeten die Ideologen des Wolfsstaates ergänzend:
Wer würdig im Konzert der Tiere mitzuspielen, ja gar die Führung übernehmen will, der muss sich seiner edlen Herkunft bewusst sein“.
Das „Ja, ich weiß, woher ich stamme“, wurde zum Wiegenlied des Wurfes in der Höhle. Bevor alle im Rudel mitliefen, sangen es die Jungwölfe bei den Pionieren, dann in der Partei, die es später gar zum Schlachtgesang im Kampf gegen die Ungläubigen erheben und ertönen ließ.
„Die Katze lässt das Mausen nicht – und der Wolf nie das Jagen“,
hieß es dann in einer Sentenz, die bald zum geflügelten Wort wurde.
„Ein Wolf ist ein Wolf und bleibt ein Wolf“
verkürzte man es in Rückbesinnung auf die eigene Geschichte.

In grauer Vorzeit als Faustinus ferner Verwandter, ein gewisser Faustulus, die beiden verwaisten Büblein Romulus und Remus fand, die bis dahin von einer Wölfin gesäugt worden waren, genauer von DER Wölfin, die hier in Bronze gegossen auf der Kolumne stehend in die Welt ragte, lebten die Wölfe noch in der Geborgenheit der eigenen Familie, im schützenden Rudel. Sie jagten nur dann, wenn der Hunger sie Antrieb, nicht wie in jüngster Zeit, aus Tötungsabsicht oder Vergeltung.
Ein Wolf war ein Wolf – als solcher dachte und handelte er. Er war ein Teil der Natur – und was er tat, war natürlich. Abstrakte Kategorien wie die „Wolfheit“ waren noch nicht erfunden.
Doch dann kam dieses abstrakte Denken mit seinen metaphysischen Zielsetzungen. Und mit der missverstandenen Metaphysik des Lichts kam der Wölfe Niedergang.
So kam der edle Wolf auf den Hund. Selbst der freiheitliche Steppenwolf, der lange sich allein genügte, der einsamer lebte als andere Tiere, der als Grenzgänger und Außenseiter einsam strauchelte, kam so auf den Hund.
Der Wolf, der eigentlich hinauf wollte zu höheren Sphären, wurde schwach und bald auch dekadent. Während das „edle Tier“ in ihm verfiel, fielen Mächtigere in schwach gewordenes Reich ein, rohe Übertiere, Löwen, Tiger, Bären, Adler und Geier. Sie unterwarfen die Wölfe für lange Zeit, bis zu dem Tag, als Führer Lupus fast aus dem Nichts auftauchte, um den alten Wolfsgeist zu beschwören und das Wiedererwachen der Wolfsnatur zu verkünden.
Da Wölfe von Geblüt aus aber trotzdem Herrentiere waren und irgendwo auch blieben, nicht nur zur Demut und Fügsamkeit bestimmt, unterwarfen sie ihrerseits die Schwächeren, darunter nahe Artverwandte, die domestizierten Hunde, ferner Hyänen und Schakale, später auch die kaum noch wehrhaften Esel, Ochsen und Auerochsen, die Ziegen und die Schafe, die Gänse, die niederen Nager und machten sie zu Dienern. Unzählige andere Tiere mussten sich ihnen ergeben und fügsame Vasallen sein, selbst alte Feinde aus Nordafrika, Ratten, Heuschrecken und andere Plagegeister, die immer schon Brunnen vergiftet und Pest wie Cholera eingeschleppt hatten.

Seitdem Lupus, der riesigste und rücksichtsloseste aller Wölfe, wenn auch nicht der klügste, zur Macht gekommen war, galten sogar weite Teile des eigenen Volkes als versklavt. Eine Hierarchie hatte sich herausgebildet ein Kastensystem: Die Gleichen und die Gleicheren.
Dass das Heer der vielen Gleichen bald nur von wenigen Gleicheren beherrscht wurde, fiel nach einiger Zeit kaum noch auf. Selbst Wölfe werden mit der Zeit zum Gewohnheitstier, fügsam und unterwürfig. Einiges schien natürlich wie die Form der Pyramide der Macht, die im Führer kulminierte.
Das Gesetz des Waldes, der Kampf des Starken gegen den Schwachen, das die Natur so vorgegeben hatte, schien sich ebenfalls im Staat zu spiegeln. Die Pyramide der Macht war gottgewollt, gestützt auf Naturrecht als göttlichem Recht.
So kam es dann auch, dass bald hatte nur noch einer das Sagen hatte – der Führer!
Alle anderen führten seine Befehle aus.
Hinter dem Einen aber standen – nicht nur, für die meisten Augen verborgen, der omnipotente Kardinal als Strippenzieher der Macht – sondern die „Ideologie des Lupismus“ als Spiegel der göttlichen Ordnung im Himmel, die, wie es immer wieder hieß, das „Wohl aller“ im Auge hatte und deren Dogma unfehlbarer war als das Wort des Papstes.
„Vielleicht funktioniert die ganze Welt nach diesem Muster, das der himmlischen Hierarchie nachempfunden ist“, sinnierte Faustinus in Weitertappen, als ihm eine fremde Stimme aus dem nahen Busch etwas zuflüsterte.
„I-aaa, aaa-I,“
vernahm er einige fast winselnde Laute.
„Trolle dich von hinnen, Bursche, solange es noch Zeit ist, sonst fängt man dich ein, legt dir ein Joch an und schleift dich gleich zur Baustelle, wo du bis an das Ende deiner Tage Lasten schleppen und Karren ziehen darfst, Sylvanier!“
Faustinus sah sich um, glaubte er doch das Sing-Sang-Idiom eines Landsmannes vernommen zu haben. Die überdeutliche Warnung erschreckte ihn – denn er hatte schon davon reden hören, die Prätorianer würden herumstreunende Gesellen aller Art, besonders Intellektuelle und Künstler, einfangen und zur Arbeit verpflichten, zur Zwangsarbeit hier am Palast, am großen Kanal, im Steinbruch oder in den Bleigruben. Noch bevor er Näheres in Erfahrung bringen konnte, war der Unbekannte auf und davon.


Copyright: Carl Gibson

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