Mittwoch, 29. Dezember 2010

Leitwolf Lupus und der Ritus des Schießens

Und wo verbarg sich der Titan der Titanen? Der Leitwolf – der weiseste der Wölfe und unfehlbarste unter allen Geschöpfen?
Bestimmt saß er irgendwo verborgen vor den feindseligen Augen der Vielen in einem besonderen Bau mit vielen gut bewachten Eingängen und noch mehr geheimen Ausgängen. Dort folgte er seiner höheren Bestimmung als Raubtier und dachte im engsten Kreis des eigenen Rudels über die rosige Zukunft aller Untertanen nach, erfüllt von seiner Vision und geplagt von der Sorge, die verbündeten Bären im Osten könnten irgendwann und aus unerklärbaren Gründen doch noch aus der unheiligen Allianz ausscheren, um dann hier einzufallen, um das herrliche Land an sich reißen und das edle Volk der Wölfe für immer versklaven.
Das Bündnis der roten Tyrannen wurde nur von der Notwendigkeit zusammengehalten, den nordischen Geiern und Weißkopfseeadlern trotzen zu müssen – Kondor kontra Bär, das war der politische Status quo. Sonst aber bestimmte Argwohn die Beziehungen der roten Diktatoren, weil jeder wusste, dass er dem anderen nicht trauen konnte.
Seitdem es geheime Zusatzprotokolle in den internationalen Verträgen gab, war das Vertrauen dahin – auch unter den Roten, nach außen wie nach innen.

Die Einsamkeit des Diktators umhüllte ihn wie Algabal in seiner künstlichen Welt – und keiner konnte ihn von seiner ungeheuren Verantwortung befreien. Lupus trug sein Los wie seine Melancholie, die seinen Blick zunehmend verdüsterte und sein Herz schwarz verfärbte wie Galle.
Das gesamte Weltreich der Bären war durch Expansion entstanden, über Kraft und Stärke.
Wer konnte nun ihren künftigen Imperialismus aufhalten?
Die Elefanten vom Subkontinent vielleicht oder die Termitenvölker gleich daneben?
Die Wölfe jedenfalls waren jedenfalls nicht in der Lage dazu, noch nicht!
Sie mussten paktieren wie eh und je. Relative Unterwürfigkeit, das lehrte ihn die eigene Geschichte, ist immer noch besser, als die totale Versklavung.
Wölfe heulten nicht nur bei Vollmond, sondern sie fügten sich einst auch dem Halbmond, wenn dieser genügend Janitscharen ins Feld führte.
Das gebeugte Haupt wird vom Schwert verschont“,
lehrte eine alte Wolfsweisheit. Also galt es, mit den größeren und mächtigeren Bären koexistieren zu müssen. Geheimbünde waren ein gutes Mittel dazu und ein ewig gesenkter Schweif. Das war ein Gebot der praktischen Vernunft und der Staatsräson.
Ob der Absolutist des Wolfsstaates, Diktator Lupus, die benachbarten Bären, denen er seine geliehene Macht mit verdankte, wirklich liebte oder ob er sie nur fürchtete, konnte weder Esel Faustinus noch sonst jemand genau feststellen. Einiges deutete jedoch darauf hin, dass es auch zwischen so genannten Brudervölkern Animositäten und Rivalitäten gab, die etwas mit der Herkunft und der nationalen Identität zu tun hatten. Ursismus und Lupismus, Weltanschauungen, die sowieso bald in einen panideologischen Internationalismus aufgelöst werden sollten, konnten nicht ganz darüber hinwegtäuschen, das ein Bär ein Bär war, ein Wolf ein Wolf und irgendwo ein Esel auch ein Esel sein wollte.

Bisher hatte Faustinus Staatschef Lupus, der oft in der „Wolfsschanze“ hauste, noch nie zu Gesicht bekommen. Was er über ihn wusste, beschränkte sich auf Gerüchte, die von frechen Ketzern verbreitet wurden.
Verschwörungstheorien aller Art verbreiteten sich und sonderbare Geschichten. So hatte Faustinus munkeln hören, der oberste Leitwolf, würde auf der Jagd nicht nur auf rebellische Wildschweine schießen, auf hochtrabende Gämsen und uneinsichtige Hirsche, sondern mit Leidenschaft auch auf Braun- und Schwarzbären, die ihm manchmal schon vorab betäubt vor die Flinte getrieben wurden.
„Was strauchelt und wankt, das soll man auch noch stoßen“,
hatte er einmal irgendwo gelesen – und an dieser Form des Handels großen Gefallen gefunden.
„Alles Dekadente, alles unwerte Leben, ist wert, dass es zugrunde geht“,
reimte er sich seine Erneuerungsphilosophie zusammen, die eine alte Lehre des Willens zur Macht war.
Obwohl verkappt der Metaphysik nachhängend, der Lichtmetaphysik und dem alten Dualismus zwischen Gut und Böse, liebte Führer Lupus auch ganz profane Dinge wie teure Gewehre und den Kult des Schießens.
Wenn es größere Jagdanstrengungen in Forst und Wald zu vermeiden galt, ging er einfach in den reich bestückten Trophäensaal seines Bunkers, der sicherer und bequemer war als das Maginot- System und nahm dort die ausgestopften Tiergestalten aufs Korn, am liebsten seine imaginierten Feinde - dann ballerte er munter drauf los. Solche toten Ziele waren weniger entlarvend und gefährlich als eine unkalkulierbare Konfrontation mit dem quicklebendigen Meister Petz vor der Haustür, die schnell als Provokation aller Bären ausgelegt werden konnte; und sie erfüllten den gleichen Zweck. Alte Jagdinstinkte wurden so aktiviert und tiefer gehende Sublimierungsprozesse der Ressentimentbewältigung, die kaum ein Psychoanalytiker des Wolfsstaates durchschaute.
Wem fiel schon auf, wenn der Überwolf mit Lust auch auf Eisbären feuerte, auf den Grizzlybär aus Übersee, gar auf den kleinen Teddy in der Spielzeugkiste, weil auch er ein Bär war und das nur, um so die beladene Seele zu entlasten - oder das schlechte Gewissen, insofern es überhaupt existierte. Wenn er üble Laune hatte, schoss der Führerwolf mit der schwarzgekrausten Astrachan-Lammfellmütze, der gerne einen vollendeten Bogenschützen abgegeben hätte, einen Meister der Idemität, auch auf an die Mitgeschöpfe seiner Umgebung –  ebenso aus unergründlichen Beweggründen.
Geleiteten ihn Vorbilder?
Schließlich hatte der Oberste aller Bären seine Partisanen und Kampfgenossen ebenso öffentlich aufs Korn genommen, um sie dann am grünen Tisch mit einem Federstrich zu dezimieren, zu Tausenden!
Aber es gab auch Tabus, undankbare Zielobjekte.
Auf Steinadler am hohen Himmel feuerte Überwolf Lupus weniger gern, weil sie unerreichbar waren wie Satelliten auf ihrer Umlaufbahn, die hoch hinausflogen und Dinge sahen, die ein Wolf nie zu sehen bekam.
Auch vor Eulen hütete er sich. Sie waren ihm zu weise und brachten Unglück wie die zu schwarzen Raben, die zu eigenwilligen Esel und die merkwürdig stummen Fische.
Trotzdem gab es immer wieder gute Gründe, auf Andere zu schießen, auf verkrüppelte Hunde, auf Dekadente und die vielen „nutzlosen Parasiten“ draußen vor der Tür, die der „Gesellschaft des Lichts“ und dem edlen Geschlecht der Wölfe nur Schmach und Schande bereiteten.
Wenn  Überwolf Lupus es so bestimmte, waren alle Tiere des Staates vogelfrei und zum Abschuss frei gegeben. Und keiner hielt den Tyrannen davon ab, seinen Willen durchzusetzen. Von allen Repressalien verschont blieb nur einer, Gevatter Fuchs.



Copyright: Carl Gibson

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