Mittwoch, 29. Dezember 2010

Penthesilea

Wohin Faustinus auch sah: Die Hauptstadt beeindruckte. Prachtbauten wie diese, von Kraft und Beständigkeit zeugend und von der Freude jener, die sie bewohnten, hatte er nur hier gesehen.
Auch die vielen Tiere hier, die ihn erneut an einen Termitenstaat erinnerten und an das wirre Gewürm des heimatlichen Misthaufens in sylvanischen Gefilden.
Etwas Makabres lag in der Luft, an das Räderwerk einer utopischen Fabrik erinnernd. Lebendige Roboter am Werk. Der Apparat funktionierte wirklich – nur wie im Albtraum!
Ganze Rudel Wölfe in allen denkbaren Farben marschierten durch die Straßen; Arbeiter- Kolonnen auf dem Weg ins Moor und in die Gruben, wo Kohle, Erz und Gold gefördert wurde.
Die Uniformierten defilierten sogar im preußischen Stechschritt auf dem Marsfeld. Wölfe und Hunderassen aller Art waren vertreten. Weiße Abordnungen aus den Norden; schwarze Wölfe aus dem Süden; graue und graubraune aus anderen Landesteilen. Nur ihr apathischer Gesichtsausdruck war ähnlich und der stets gesenkte Schweif. Und überall Unmengen Hunde.
Nie hätte Faustinus sich diese Rassenvielfalt ausmalen können. Jetzt erlebte er sie alle auf einmal : große und kleine, freundlich in den Tag blickende und bedrohlich wirkende, langhaarige und kurzhaarige, ja selbst nackte Schoßhündlein sah er munter herumspringen. Nur lebten die Kleinsten der Kleinen sehr gefährlich, weil sie als nutzlos eingestuft wurden und als Schandfleck galten für die große Familie der Hunde, die es seit dem Schöpfungsbeginn auf der Welt gab. Die Zeit des Spielens war längst vorbei wie die Zeit der Alten Ordnung.
Doch die kräftigen Rassen dominierten das Straßenbild; Angst einflößende Bluthunde, wild dreinblickende Höllenhunde und unzählige Kampfhunde mit fletschenden Zähnen.
Gezähmte Schäferhunde und wilde Wölfe waren kaum voneinander zu unterscheiden, schon gar nicht nominell. Denn manche Hunde hießen Wolf und einige Wölfe auch Hund.
Ein paar wenige Tiere namens Kynos hielten noch verbissen an ihrer griechisch- fanariotischen Herkunft fest, während Adelsprädikate seit langem verboten waren. Ehrwürdiges Aristokratentum, erkennbar an dem kleinen Wörtchen von mit Namen wie Wolf vonHund von  passte nicht mehr so ganz in die von Ausbeutung freie Zeit der Gleichen unter Gleichen –  in das aufgeklärte Zeitalter des Lichts, sondern wies zurück auf das finstere Mittelalter dunkler Kutten sowie auf Diogenes, den Hund, der, symptomatisch für seine Zeit, als Philosoph an einen Knochen knabberte und daran angeblich zu Grunde ging.

Die „Ausbeutung des Tieres durch das Tier“ war im Staat der Wölfe offiziell abgeschafft worden – wie die „Zensur“ auf dem Papier.
Faustinus sah sich um und überlegte– fehlte das nicht eine vertraute Spezies? Das Gegenstück zum Hund?
Wo waren die Katzen in diesem Staat?
Die Feinde alle Mäuse und Ratten?
Ausgestorben?
Verbannt?
Tatsächlich! Nur konnte Faustinus das nicht wissen.
Die Exodus-Stimmung im Wolfsstaat seit Lupus Regentschaft, die selbst manchen Bürger der Lüfte und Gewässer erfasst und aus dem Land getrieben hatte, war auch an den Katzen nichts spurlos vorüber gegangen. Die meisten Grazien waren längst über Berg und Tal. Sie waren fort gezogen, ausgewandert. Recht weit vom Machtbereich der Wölfe entfernt, jenseits der sieben Berge und der sieben Burgen hatten sie einen eigenen Staat gegründet, einen souveränen Amazonen-Staat ohne Wildhunde und Schakale, in welchem sich nur Mäuse und Meisen nicht ganz wohl fühlten.
Mit Penthesilea an der Spitze, gedieh der Staat prächtig – und überall ertönte freudiges Miau-Miau!
Wer sich Amazonien in böser Absicht näherte, bekam ihre scharfe Katzenkrallen zu spüren und die schneidigen Schwerter der Kriegerinnen, die sie vom Rücken ihrer flinken Rosse aus über jedermanns Haupt hinabsausen ließen.
Katzen, das weiß man, haben viel mit rebellischen Waldeseln gemein – vor allem den „eigenen Willen“ und recht eigene Vorstellung, was Freiheit und Lebensglück ausmacht. Auch hatten sie genaue Vorstellungen davon, wie „gestiefelte Kater“ beschaffen sein mussten, wenn sie am Stadttor herum lungerten oder untertänig um Asyl flehten.
Faustinus sah sich weiter neugierig um. Was war aus den  vielen anderen Tierarten geworden in diesem Zitadellenstaat?
Waren sie etwa auch schon auf und davon aus diesem Paradies, wo es nicht einmal die Schlangen aushielten?



Copyright: Carl Gibson:

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