Mittwoch, 29. Dezember 2010

Tyrannenmord

Der Führer aller Wölfe war eigentlich überall und nirgendwo. Wohin Faustinus auch blickte, stieß er auf ein Porträt des allpräsenten Duce in jugendlicher, idealisierter Darstellung mit dem visionären Blick.
Ganze Künstler-Armeen im Staat waren sichtlich darum bemüht, den „Sohn des Lichts“ in hellstem Glanz erstrahlen zu lassen, ganz nach dem Motto, was wäre die Sonne ohne den Führer, dem sie leuchtet.

Fast hätte Faustinus ihn einmal leibhaftig zu Gesicht bekommen, an jenem denkwürdigen Tag als er – in einer Prätorianer-Schildkröte verborgen – durch Siebenbergen reiste und sogar in Eselsburg Station machte.
Nicht Utopia suchte er dort, sondern potjomkinsche Dörfer – und friedfertige Schweine, die aus Patriotismus und von Opfergeist berauscht freiwillig zur Schlachtbank liefen.
Und er fand sie auch!
Ketzerische Ideen durchzogen schon damals das rebellische Eselshirn. Gedanken an Auflehnung, an Widerstand, an Rebellion drängten sich auf bis hin zur Vorstellung eines gezielten Tyrannenmords, der einige Probleme gelöst hätte. In alten Kulturen handelte man so, wenn der Ostrakismus seine Wirkung verfehlt hatte. Und selbst der große Cäsar hatte es erfahren müssen.
Wer hatte diesen Leitwolf auf den Thron gesetzt?
Das Volk etwa?
Oder hatte er sich aus niederen Beweggründen an die Macht geputscht wie die meisten Gewaltherrscher dieser Welt?
Entsprach es der göttlichen Ordnung, dass dieser sonst höchst bescheidene Wolf das gewichtigste Amt im Staate bekleidete?
Hatte ihn die weise Vorsehung an jene Stelle gesetzt als Walter und Verwalter des Weltwillens – oder hatte ihn nur der Zufall in einem günstigen Augenblick der Geschichte danach schnappen lassen?
War er der Größte, der Stärkste, der Schönste unter allen Wölfen und somit ihr natürlicher Führer?
Oder hatte er nur aus Selbstsucht zur Macht gegriffen wie andere mittelmäßige Usurpatoren vor und neben ihm?
Fragen über Fragen?
Wenn niemand antwortet, dachte der philosophisch geschulte Esel, dann müssen die Wahrheiten aus den Fragen erkennbar sein – oder, kombinierte es weiter, aus den Fakten auf der Straße.



Copyright: Carl Gibson

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