Samstag, 18. Dezember 2010

Von den Künsten der Chamäleons

Einige der kreativen Chamäleons, die auch Mal auf der Geige kratzten oder auf dem Piano klimperten, beherrschten gar die hohe Kunst der Klangmalerei.
Während sie Debussy hörten, tönten sie mit Worten herum, statt zu komponieren oder Farben zu mischen. Sie suchten nach dem gelben Klang und fanden nur den blauen Dunst. Künstlerpech!
Doch sie fügten sich in ihr Schicksal und machten darauf ein Epitaph. Nur einige Pragmatiker unter ihnen, wussten die Gunst der Zeit zu nutzen und Farben und Töne in bare Münze umzuwandeln.
Ein besonders schlaues Chamäleon komponierte Hymnen und Ovationen, indem es uralte, viel gesungene Kirchenlieder nahm und parodistisch geschickt, wie einst Brecht ein paar Worte veränderte, die ergreifende Melodie aber beibehielt. So erklangen in strenger klassischerer Form ganz neue Inhalte:
Ich bete an – die Kraft des Führers“…
oder „Großer Führer wir loben dich“…und
Zu dir, zur dir, mein Führer“…-
das waren gern gehörte Lieder, die auch von anderen Chamäleons mit Inbrunst gesungen wurden.
Draco hörte solch panegyrische Hymnen gern – und selbst Lupus, der Wolfsdiktator von nebenan, fand bald mehr und mehr Gefallen an den Kreationen seiner mitwohnenden Nationalitäten, je öfter er selbst darin vorkam.  
Chamäleons waren immer schon einfühlsame Wesen, die im vorauseilenden Gehorsam die intimsten Wünsche ihrer Eliten erahnen oder von den Lippen ablesen konnten.
Ein anderes Chamäleon hatte sich darauf spezialisiert, kunstvolle Führer-Porträts anzufertigen. Es malte das oberste Chamäleon und den obersten Wolf freiwillig, gelegentlich aber auch Mal einen Bären oder Ochsen auf Bestellung und für den Export. Dabei zog es stets die idealisierende Stilrichtung der gezielten Verfremdung vor und favorisierte lebensoptimistische Farben aus dem rotbraunen Spektrum. So entstanden überlebensgroße Gemälde, die den runzlig schrumpeligen Waran und den weißgrauen Wolf aus dem Bunker noch in voller Jugendblüte zeigten.
Tyrannische Ungeheuer wirkten da nur noch wie brave Schoßhündchen oder kleine, freundliche Drachen aus dem Bilderbuch. Fast jedermann vergaß bei der Betrachtung der großen Kunst, dass die dargestellten Bestien täglich ihre Blutopfer einforderten.

Manchmal durfte auch die Gattin des Insel - Führers mit aufs Bild, eine Schlangenechse, neben und mit dem Waran in eine lichtvolle Zukunft schreitend, über rote Teppiche, die mit Rosen übersät waren, während Sonne und Mond sich vor den beiden Lichtgestalten verneigten.
Da solche Gemälde und Lobeshymnen, die neben einzelnen Privilegien auch viel Ruhm und Ehre einbrachten, wurden auch noch andere artistisch begabte Chamäleons auf den Plan gerufen. Die ganze Kunst nahm eine neue Wende. Der Ästhetik - Begriff wandelte sich und passte sich den Bedürfnissen der Gesellschaft an.
Die „Führer“ war allpräsent – auf der Insel und im Wolfsstaat. Bildhauer schufen ihre Büsten, Architekten ihre Paläste, Choreografen ihre Bühnen und Cineasten ihre Filmrollen, bis alles so ablief, wie die Mächtigen es haben wollten.
Gab die Realität nicht viel her, wurde alles frei inszeniert, bis der Mythos die wirkliche Person verdrängt hatte – und bis alle, verwirrt vom aufklärenden Logos, bald nur noch an den Mythos glaubten. Selbst die Poeten des Archipels waren sich nicht zu schade, das Genie der Führer in orgiastischen Versen zu preisen, solange bis die gesamte Wirklichkeit der Staaten nur noch um einen Fixstern kreiste, um den despotischen Erdenfürst, der die Stellung eines alten Überbegriffs eingenommen hatte. Nietzsches Wort:
 Gott ist tot“,
erhielt seither eine neue Bedeutung und einen neuen Sinn –
Heil dem Führer!“
Doch das war alles normal.
Niemand regte sich über solche Entwicklungen auf. Schließlich gab es fast nur Diktaturen auf der Welt.

Chamäleons sind geduldige und brave Tiere, nicht nur in östlichen Gefilden. In der Regel wurden in diesem Klub der lebenden Kreaturen nur Gedichte vorgetragen, kurze Gedichte und bestenfalls sehr kurze Geschichten.
Kurz – das war ein Schlüssel- und Leitwort.
Nur der Reim darauf war verboten.
Oft waren es knappe Verse, die keiner verstand. Das war gut so. Denn dann unterblieben die Deutung und die decouvrierende Diskussion. In Diskussionen kam sowieso zu viel Ketzerisches hoch – und das konnte gefährlich werden.
Keiner konnte es voraussehen, wie der Apostolische Nuntius alles aufnahm, wertete und weitergab. Seine Geheimnisse waren gefürchtet, obwohl er nur ein „freier Schriftsteller“ war und als solcher quer durchs Land reiste.
Seit jenem Tag, als jene Kindergeschichte vorgetragen worden war, in welcher ein der Finsternis zugewandter Despot den Bewohnern des Landes das Licht versagte, das stolze Licht, das der Mutter Nacht Rang und Raum streitig macht, durften keine Kindergeschichten mehr gelesen werden.
Auch keine Fabeln und Parabeln.
Die Geschichte von dem Löwen, dem der Rat der Kleintiere die Erhöhung seiner Fleischration vorschlug, war den Oberen der Chamäleons ebenfalls zu zweideutig erschienen.
Selbst die Internationale sollte nicht mehr gesungen werden. Denn dort kam ein Wort vor, das eigentlich ein Unwort war, ein Wort, das – zumindest in der drakonischen Textfassung - die gottgegebenen Rechte aller Chamäleons einforderte.
Nur noch das Summen der erhebenden Melodie in Moll war zulässig. Gehorsam war dafür gefragt – und das Unterlassen von Goethe- und Schillerzitaten, in welchen ein anderes Wort die Gemüter verwirrte: Freiheit, Freiheit, Freiheit!
Zuviel Freiheit“, verkündete Draco, „wird die Freiheit vernichten.“

Also bestimmte er selbst, wie viel Freiheit zulässig sei in seinem Archipel.
Die Folge der vorauseilenden Fügung bestand darin, dass die Kinderbuchautoren unter den Echsen dem Zirkel genauso fern blieben wie die Nachfahren des Äsop – und bald auch jene von Aristophanes und Petronius.
Es ziemte sich bald auch nicht mehr, über Lysistrate zu sprechen; geschweige denn frauenemanzipatorische Stücke aufzuführen, wo man doch bei den Chamäleons nicht genau wusste, welchem der Fruchtbarkeitssymbole die Priorität galt. Die Sitten waren in Gefahr!
Im Prinzip durfte in diesem freiheitlichen Zirkel sogar gelacht werden, auch gespottet.
Nur nicht über alles.
Nur über Minderheiten ohne Lobby, über nationale und religiöse.
Doch über wen sollten die Minderheiten lästern?
Einige Chamäleons, die sich als Minderheit in der Minderheit verstanden, kamen auf eine Lösung und lästerten – in einem gesunden Anflug von Masochismus – über sich selbst.

Das entsprach der Selbstkritikforderung, die auf dem letzten Parteitag der röteren Chamäleons für alle postuliert worden war. Höchst offiziell durfte nur der Klassenfeind verhöhnt werden, der die Zeichen der Zeit immer noch nicht erkannt hatte und der immer noch an alten Zöpfen hing.
Die Frivolität des zotigen Petronius war passé. Gegenstand und Charakter der Satire musste stimmen – und sie mussten stets im Einklang stehen mit den weisen Weisungen des Führers, der über den Nuntius mithörte.
Dafür waren im Kampf gegen den rückständigen Klassenfeind, dem nun nicht mehr ganz so beizukommen war wie in früheren Zeiten, alle anderen Mittel erlaubt. Das Feld der fiktionalen Belletristik, wo es nicht mehr um Wahrheit ging, war genauso legitim wie der Bereich der strengen Wissenschaft, die bei den Chamäleons, die schon lange die Weltgeschichte beobachteten, fast hoch im Kurs stand wie die eigene Kunst.


Copyright: Carl Gibson

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