Samstag, 18. Dezember 2010

Von der Wissenschaft, vom Kriechen und vom aufrechten Gang

Nicht selten waren deshalb wissenschaftliche Vorträge angesagt; Referate zu chamäleonspezifischen Themen auf empirischer Grundlage.
Pawlow hatte ein Experiment durchgeführt, dessen Ergebnisse für Chamäleons verbindlich waren. Eines der konservativen Chamäleons, eine Art Emeritus, dessen Haut in den letzten Jahrzehnten schon paar Falten geworfen und leichte Patina angesetzt hatte, wollte über die „Geschichte der Chamäleons“ in diesem Raum berichten.
Er beabsichtigte, von ihrem tragischen Auszug aus Madagaskar zu reden, von ihrer Wanderschaft, von den Folgen des Exodus, auch von einstigen Privilegien und Freiheiten hier auf dem angeschiedenen Eiland in der Sonne, von den gebrochenen Versprechungen, von den Stigmatisierungen und Verfolgungen, denen sie als mehrfarbige Kriechtiere ausgesetzt waren.

Farbe bot nicht immer Schutz. Farbe exponierte. Farbe kontrastierte. Farbe trennte.
Sie konnte auch zum Stigma des Aussätzigen werden, wenn es nicht die Richtige war.
Eine andere Echse hatte einen Vortag über die ewige Wiederkunft des Gleichen geplant, als Absetzung von den ausgiebig erörterten „Verwandlungen“, in Anlehnung an Heideggers Nietzsche-Interpretation.
Eine jüngere Kandidatin, von der man noch nicht genau wusste, ob sie bereits ein Ei gelegt hatte, wollte über die „Kunst des Täuschens“ sprechen, als psychologische Fertigkeit und existenzbestimmende Kategorie unter besonderer Berücksichtigung existenzieller Implikationen bei der Wahl der Lebensabschnittsgefährten. Denn nicht alle Chamäleons waren monogam. Keine Chance, da zu geschlechtsspezifisch. Ferner über Potjomkinsche Dörfer und Fassaden.
Dann meldete sich eines der bärtigen Chamäleons zu Wort; ein fortschrittlich rebellierendes Chamäleon mit Barbarossa- Rauschebart, das in einem Werk Orwells geblättert hatte, welches dieser, gesellschaftlich ganz unten angekommen, aus der Clochard-Perspektive geschrieben hatte. Es ereiferte sich gegen die abgedroschenen klassischen Themen und plädierte dafür, einen selbst entworfenen Vortag zu halten, nicht in der Hochsprache aller Chamäleons, sondern im sermo humilis der Entrechteten und im Jargon der Gosse, der jetzt als fortschrittlich galt; und zwar zum Aufrechten Gang.
Buh - Rufe schallten durch den Saal. Der frivole Vorschlag führte zum Eklat:
„Kriechtiere können nicht aufrecht gehen!“
rief ein echter Patriot aus der rechten Ecke.
„Wir krochen immer schon und werden ewig kriechen“,
bestärkte ihn eine andere konservative Echse.
Einige Chamäleons hatten schon viel Wein getrunken, andere Bier, albanischen Cognac, Cuba Libre und Pfefferminztee aus Ägypten. Auf einmal gab es kein Halten mehr. Gläser flogen wir durch die Luft. Einige feuerrote Echsen schrien auf und glühten vor Wut. Der Vorsitzende musste erneut seine ganze Autorität in die Waagschale werfen und wieder mit Macht die Gemüter besänftigen.
Während das kleine grüne Chamäleon eifrig mit dem Weihrauchfass hantierte und die einlullenden Duftwolken hochsteigen ließ, meldete sich ein in der Wissenschaft ergrauter Professor zu Wort, den man bisher allgemein übersehen hatte. Der gutmütige, schüchterne Alte, ein Ausbund an Versöhnung und Harmonie, versprach mit schwacher Stimme einen Vortag über die „Faszination der Farben“.

Es wurde still im Raum, dann wieder laut. Da der Musenkreis, vom Geist Georges schon weit entfernt, noch nicht alle demokratischen Gepflogenheiten geopfert hatte, wurde abgestimmt. Es wurde knapp. Doch am Ende erzielte der Professor, der als konziliante Natur allgemein beliebt war, eine Mehrheit.



Copyright: Carl Gibson

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