Mittwoch, 8. Dezember 2010

Von Witz und Lachen




Die gesamte Kindheit hindurch genoss Faustinus die Heiterkeit des Lebens, denn er war ein Frohsinnsgemüt und oft zum Lachen aufgelegt. Je besser der Witz war, desto herzhafter konnte er lachen.
Manchmal, wenn er gerade etwas Lustiges von Voltaire, Heine oder Nietzsche gelesen hatte, lachte er sogar mitten in der Nacht auf, wenn alle anderen Tiere längst ihren bunten Träumen nachhingen. Hell lachte er und ungehemmt, manchmal mit Tränen in den Augen. Richtiges Auflachen - das war seine Art, sprühenden Geist auszukosten. Wo andere Esel Altäre aufbauten, Seth huldigten und anderen Schutzgöttern der Eselheit, hatte der kleine Waldesel aus Siebenbergen einen Parnass errichtet, eine ewige Heimstätte für Dichter und Denker aller Kulturen. Büsten vieler Tonsetzer waren dort zu sehen, Dichter der Weltliteratur und große Denker beginnend mit alten Naturphilosophen und verschrienen Sophisten bis hin zu Kant und noch über diesen hinaus. Das war seine „Siegeshalle“ und sein nachhallendes „Walhalla“!
Viele lachende Philosophen waren dort ausgestellt, heitere Lichtgestalten aller Jahrhunderte, die selbst gern gelacht und deren Taten zum Lachen angeregt hatten  – und auch ein paar Griesgrämige, die schlecht gelaunt mit trüber Brille auf der Nase das Universum studiert und dann pessimistische Traktate verfasst hatten, um dann doch Pans Flöte zu spielen und als Freunde der Tierwelt das Mitleid anzumahnen: die Sympathie als Symphilosophie.
Das Lachen regte an und auf; das Lachen befreite – und das Lachen beglückte auch!
Liebend gern erzählte Faustinus deshalb die lustigsten Geschichtlein weiter und lachte im Kreis der Gefährten erneut auf. Nicht nur er, viele Sylvanier hatten Humor, vielleicht weil Humor etwas mit Leben zu tun hat und mit Überleben!
Nur war nicht etwa das Lachen über andere gefragt, sondern das Lachen über Phänomene, über das Allzutierische und über sich selbst; selbstironisches Lachen  war angesagt, bis hin zu herben Späßen, die das barocke Wolferl zu Besten gab oder der zauberische Zarathustra, der ein Schelm war als Dichter. Der Feuerpriester Nietzsches verneinte, was zu verneinen war, und er bejahte auch, was bejaht werden musste, je nach Gestimmtheit und Perspektive. Er lobte den freien Willens und verhöhnte die trägen Esel als „Ja-und-Amen-Sager“, indem er sich als Narr selbst hinterfragte - und als Dichters, als einer, der manchmal gerne log, weil Dichter die Wahrheit verdrehen müssen, um die große Lüge aufscheinen zu lassen und als solche zu entlarven - jene über die Welt und die über das Selbst.
Sich selbst in Frage stellen – und dann selbstironisch über sich lachen, das war etwas, was noch erlernt werden musste in der so ernsten Welt. Waren Esel doch dumme und störrische Tiere, gleichzeitig aber auch fügsam und bereit, jede Last zu tragen und jedes Leid auf sich zu nehmen.
Wie manches im nur des Reimes Willen geschah, musste der Esel als bloßes Mittel zum Zweck herhalten, als schlecht gewähltes Tertium comparationis, im Dienst der Dichter – doch nimmermehr an sich!

Wie alles Verkürzte verkannte auch diese schlecht gewählte Allegorie die Wesenheit der edlen Tiere! Obwohl es ihm nicht leicht fiel, versuchte Faustinus manche Verspottung hinzunehmen, fatalistisch und fügsam, wie schon von höheren Individuen hingenommen worden war – eben mit Humor.
Gleichzeitig wurde ihm aber auch bewusst, dass es auch Grenzen des Lachens gab und Grenzbereiche des Selbst und Abgründe bestialischen Seins, über die nicht mehr gelacht werden konnte. Anstand, Würde und das Maß, die goldene Mitte der Alten, markierten den imaginären Limes, den Rubikon, der nicht überschritten werden durfte. Denn jenseits des Ethos lauerten Hybris und Sünde.


Copyright: Carl Gibson

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