Donnerstag, 9. Dezember 2010

Was der Gipfelstürmer auf der Wanderschaft erlebte





Das dunkle Dickicht, die umgestürzten Bäume, widerspenstige Hecken, tiefer, klebriger Morast und andere Unwägbarkeiten, die seinen Weg zu hemmen drohten, überwand Faustinus schnell.
Wo ein Wille ist, sagte er sich, dort ist auch ein Weg. Auch wenn dieser nicht als solcher zu erkennen ist.
Und Faustinus hatte es eilig. Die bange Vorstellung, ein Trupp geharnischter Wölfe könne bald eintreffen, ihn am Schopf packen, um ihn dann  unverzüglich zum „vaterländischen Einsatz“ in den Steinbruch zu schleifen, verlieh seinen Beinen Flügel. Der niedere Sklave eines wölfischen Tyrannen wollte er nicht sein. Schließlich war er nicht einmal ein Wolf, sondern ein anderes Wesen.
Sein patriotisches Eselherz schlug für die Republik, ganz besonders aber für die ferne Republik der Esel, deren Staatsform angeblich demokratisch war und auf der Würde aller Tiere fußte. Davon hatte Faustinus schon oft reden hören im Stall.
Jenes Arkadien, das von fleißigen Eseln wieder auf gebaut und zum Wohlstand für viele geführt worden war, nachdem die Lektion der Geschichte gewirkt hatte, gab es irgendwo in Europa, nur recht weit von den sieben Bergen entfernt. Es lag dort, wo die Sonne abends sank, dort, wo die Quelle des Danubius ans Licht sprudelte und dort, wo die Wälder schwarz waren und tief wie die Seele eines Esels.
Dort, im neuen Garten der Hesperiden zog der Adler frei seine Bahnen am Firmament. Und die Vögel sangen dort schon am frühen Morgen, ohne von der Katze aufgefressen zu werden.
Noch verlockender aber war jenes Elysium, weil es auch „Heimat war für alle Esel“, auch für die von der Geschichte Versprengten – als die Urheimat aller Esel seit Anbeginn der Welt.
Einst dorthin zu gelangen, in jenen Garten Eden, davon träumte Faustinus schon lange. Wenn es eine Erfüllung gab, ein Lebensglück, dann schummerte es vielleicht dort, im diesem neuen, wahrhaftigen „Atlantis“?
Denn frei sein in einer Gesellschaft vereinter Esel, das musste Glück bedeuten!
Wenn dann noch eine große Liebe dazukam, die geistige Erfüllung und der ewige Gleichklang der Seele, dann war das Lebensglück sicher vollkommen, spekulierte Eselchen Faustinus.
Die Spekulation bot dem Spekulierenden vielfältige Möglichkeiten und erschloss ihm neue Welten, insofern er nicht am falschen Ort spekulierte und über das verkehrte Thema.
Eigentlich war Faustinus ein geistiger Esel von stoischem Format – nur niedere Tätigkeiten wie das Lastentragen, Schleppen und Ziehen, zu denen die meisten Esel seit Jahrtausenden verdammt schienen, entsprachen nicht unbedingt seinen Vorstellungen vom letzten Lebensziel. Schmerzen erleiden konnte einen gesunden Esel kaum glücklich machen, selbst dann nicht, wenn das Fell trocken war und der Magen voll. Glück und Glückseligkeit mussten anders beschaffen sein, das fühlte der Wanderer lebhaft. Vielleicht fand er auf seinem Gang zu höherer Erkenntnis auch eine Brücke in die Freiheit oder ein Schiff, das ihn in die Unendlichkeit hinaus fuhr.
Der Steg wurde enger, der Weg mühsamer. Doch mit Gott im Herzen und mit dem gestirnten Himmel über dem Haupt, ließ er sich nicht beirren und ging zuversichtlich weiter auf dem Weg der Tugend, den schon andere Wanderer vor ihm beschritten hatten.
Im Herzen war er immer noch ein Romantiker mit einen tieferen Sinn für Rückbindung und einer noch tieferen Sehnsucht nach dem Ursprung der Dinge und ihren Ruhen in göttlicher Harmonie. Die Poesie der Romantik ergriff ihn immer dann am eindringlichsten, wenn er im Grünen weilte, wenn er die göttliche Natur um sich fühlte und die Einsamkeit des Waldes, die ihm keine Last war, sondern ein Lust.


Im Grünen, im Grünen … sang er vor sich hin.
Vergnügt pfiff Faustinus sein Liedchen wie das tapfere Schneiderlein, wie der gutmütige Muck und wie andere Helden, die allesamt auszogen waren, um die Höhen und  Tiefen des Lebens und seine Begrenzung zu erfahren:

Wie ruhig geh ich meinen Pfad,
Wie still ist mir zu Mut,
Es dünkt mir jeder Pfad gerad
Und jedes Wetter gut.

Und komm ich früh
Und komm ich spät,
Ans Ziel, das mir gestellt,
Verirren kann ich mich doch nie,
O Gott in deiner Welt.

Was war Maß und was Hybris?
Wo rebellierten die Halbgötter gegen die Ordnung von Kronos und Zeus?
Das Bewusststein bestimmte alles, im Wald und sonst wo. Der Heitere blickt stets zuversichtlich in die wohlgeordnete Welt göttlicher Harmonie. Und Eselein Faustinus Optimus war seit je her eine heitere Frohnatur mit viel Sinn fürs Fabulieren und für die ernsteren Dinge hinter der lehrreichen Fabula.
Wer konnte ihm eigentlich noch etwas anhaben?
An sich war es jetzt schon frei – und er fühlte sich auch unendlich frei.
Ja, selbst im Loch, in finstersten Kerker, wo es jederzeit landen konnte, würden seine Gedanken frei bleiben und alle Schranken sprengen!
War das kein Trost?
Ein metaphysischer Trost, den Spötter verlachten?
Mit Gott im Herzen und angetan von der Botschaft jenes großen Philosophen Wolf, den er verehrte, obwohl er Wolf hieß, ging es weiter in den Tannenwald hinein.
Alles war gut eingerichtet in der Welt und aufs Beste bestellt. Rotkäppchen hatte daran geglaubt und die Geiß mit den sieben Geißlein, ebenso Augustinus und Thomas, Meister Eckart und eben der große Philosoph Wolf!
Jener Wolf, der auch von Eseln abstammte, hatte viele dicke Bände verfasst; eine ganze Bibliothek, deren Substanz von der perfekten Schöpfung kündete, diese zementierte und vielfach rechtfertigte. Die Schlange im Paradies, das wusste schon Goethe, war Teil dieser gottgewollten Kreation aus dem Nichts. Sieben Leben  hätte Eselchen Faustinus gebraucht, um Wolfs Schrifttum gründlich zu studieren; und dies, obwohl Esel recht alt wurden.
Doch wann hätte es dann leben sollen?
Aus dieser frühreifen Einsicht heraus beschränkte Faustinus sich auf die Quintessenz von Wolfs Philosophie, die besagte, dass alles aufs trefflichste eingerichtet sei in dieser besten aller möglichen Welten.
Aus der Sicht der Wölfe konnte dies sogar stimmen – doch aus der Sicht eines zarten Waldesels auf steinigem Pfad sah alles allmählich etwas anders aus.
Waren die spitzen Dornen der Hecke, der Treibsand, der Sumpf um ihn herum und der drohende Abgrund nur Trübungen des Bewussteins, die der geistig noch Unvollkommene erst richtig werten musste?


Copyright: Carl Gibson

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