Freitag, 31. Dezember 2010

Widerstandsrecht und Widerstandspflicht - Ethische Reflexionen im Loch

Obwohl staatliche Willkür Faustinus nicht ganz verschont hatte, war sein Schicksal bisher recht gnädig verlaufen. Erst jetzt wurde es ernst hier im finsteren Kellerloch, aus dem es kaum ein Entrinnen gab.
Wer hier ankam, durfte alle Hoffnung fahren lassen – er war verloren, wenn nicht noch ein Wunder geschah.
Die Zelle war feucht und kalt. Allein kauerte Faustinus in einer Ecke, abgeschnitten von den anderen Protestlern, die vielleicht noch unglücklicher waren als es selbst.
Dann und wann waren Tierlaute zu hören, schwaches Gewinsel und Gejammer, traurige Töne, die durch den Kerker hallten.
Was nun? Während die Stunden ereignislos dahin strichen, versuchte der gebremste Recke sich auf die neue Situation einzustellen, so gut es ging. Er hatte überlebt – das war immerhin etwas. Die Zunge, Maul und Rachen fühlten sich ausgetrocknet an; der Magen knurrte.
Wo blieb das kostbare Nass aus der Quelle, ohne das auf Dauer selbst ein Esel nicht überleben konnte?
Und der Hafer, die Gerste und das Heu?
War es der Hunger, der sie hier dezimieren sollte?
Eine noch tiefere Nachdenklichkeit überkam den Sylvanier beim Anblick der vielen kleinen Wunden am Körper, für die es kein Balsam gab. Bedeuteten sie ein baldiges Ende?
„Nur gut, dass wir Esel von Natur aus duldsam sind und zäh. Wahrhaftig, die Stoiker unter den Tieren sind wir – und das bisschen Askese darf uns nichts ausmachen.
Esel können manches ertragen und noch lange ausharren, wenn andere bereits verzweifeln. Indem ich nicht verzage, werde meinem Geschlecht Ehre machen, selbst wenn es die Wölfe in Rage bringt“,
spornte er sich selbst an.
Als Faustinus einst im zarten Kindesalter an der Krippe auf einem Happen Heu herum kauend das Lesen und Sinnieren für sich entdeckt hatte, war noch nicht absehnen, wozu die vielen Maximen und Aphorismen der Alten je gut sein sollten. Jemand hatte die Sentenzen hoch oben an der Schuppendecke ins Holz geritzt wie Montaigne – und der kleine Faustinus hatte sie begierig aufgesogen wie ein Schwamm das Wasser. Lange hatte er dann auf einzelnen Sätzen herumgekaut, manches gar wiedergekäut, bis alles bestens verdaut worden und verstanden worden war, bis die Weisheiten ihm nicht mehr eine Last waren, sondern zum Segen.
Nun, wo die Gier des Fressens längst überwunden war und mit ihr auch andere niedere Formen der Lust, verfügte Faustinus über die Fertigkeit, fast nur noch in geflügelten Worten zu reden, ohne befrachtet zu sein wie andere Esel.
Ein ethisch fundiertes Ethos bestimmte sein Denken und Handeln.
Hier, in Ketten, konnte er den Wert des angehäuften Wissens konkret überprüfen und existenziell feststellen, was davon graue Theorie war und was tatsächliche Substanz.
Würde die Idee des Freiseins auch aufrechterhalten werden können, wenn Daumenschrauben angesetzt wurden?
Bei manchem Denker der Antike waren philosophische Aussagen durch Erfahrungen aus dem tatsächlichen Leben gedeckt; bei den neueren weniger. Zenon, Aristoteles, Seneca - sie alle hatten die Bitterkeit der Verbannung erlebt, das Ausgestoßensein und das Gezeichnetsein. Ihren Essenzen vertraute Faustinus deshalb am meisten.
Doch was war mit der eigenen Lebenserfahrung?
Sie musste trotzdem selbst gemacht werden – und zwar auch hier an einem freudlosen Ort, in dieser Alma Mater der Katakomben! Das irdische Jammertal bot einen guten Einstieg dazu. Hier im Loch war der vielfache Schmerz greifbar und die alles beherrschende Angst.

Felix, sein Lehrmeister in vielen Dingen, hatte ihn frühzeitig mit dem Denken der Alten vertraut gemacht, mit dem Licht der Antike, mit Epikur, mit Seneca, mit den Verbannten jener grausamen Zeit, mit dem äußerlich so schlichten Sokrates ebenso wie mit dem noch weitaus genügsameren Diogenes von Sinope, dessen Gestus oft stärker wirkte als Tausend Bände abstrakter Literatur.
Nichts weiter brauchten diese Einsamen, Ausgesetzten und Zwangsexilierten zum Überleben als ihren freien Willen und die Freiheit der Gedanken, die selbst in Ketten noch frei blieben. Die Freiheit des Willens, Gott als das Gute und Gerechte im Herzen und die Gestirne über dem Haupt, das machte das wirklich freie Tier aus, auch im finstersten Keller.
Die Gestirne am hohen Himmel, den eigenen Leitstern und den gütigen Vater hinter den Wolken konnte Faustinus zwar nicht sehen, aber er ahnte ihre Anwesenheit, fest überzeugt, dass sie da waren und an seinem Schicksal teilhatten. Diese Gewissheit bewahrte ihn vor letzter Verlassenheit.
War die Welt – trotz gelegentlicher Heimsuchungen des Bösen in vielen Erscheinungsformen – im Grunde gut und sinnvoll eingerechtet, dann konnte auch jederzeit ein „Deus ex machina“ eingreifen und ihn wie all die anderen Mitleidenden vor dem Untergang retten. Solche Überlegungen trösteten ihn – und erst jetzt, in tiefster Not, begriff er den wahren Nutzen von Philosophie und Religion.

„Esel sind intelligente Wesen, zu Höherem bestimmte Tiere, die sehr wohl zwischen Gut und Böse unterscheiden können, zwischen Wahrheit und Lüge oder erdichteter Fiktion und Realität“,
räsonierte Faustinus weiter. Grundfragen philosophischen Denkens trieben ihn an, da seine Philosophie dem Leben nützen sollte.
„Cui bono“, auch hier?
Er dachte nicht nur so „an sich“ und „als ob“ – Philosophieren war Leidenschaft, Passion als Lust und Pathos. Hier in der Zelle war er dem Wesen der Dinge näher, vor allem dem Leiden, das hier existenziell war und somit echt.
„Wahre Philosophie muss mithelfen, das konkrete Leben zu bewältigen, alle Probleme des Lebens. Leistet sie das nicht und verliert sie sich gar in ästhetisierten Abstraktionswelten, dann ist sie nutzlos für das Leben, nichts als Spiel und Gaukelei!“
Die Katze hinterm warmen Ofen zog das angenehm Nützliche dem harten Fußtritt vor – und selbst ein Esel war nicht vernarrt in die Knute. Jedes Langohr merkte deutlich, ob es geschlagen oder gestreichelt wurde. Und es vergaß nie, nach dem Grund der Marter zu fragen, wenn sie wie eine göttliche Strafe aus dem Nichts auf seinem Rücken niedergingen. Peitschenhiebe als Antrieb?
So hatten Pharaonen und Aztekenfürsten gebaut!
Ganze Weltreiche waren so errichtet worden, aber auch wieder zerfallen, weil das oft versprochene Glück der Vielen letztendlich ausgeblieben war. Das war schon in alttestamentarischen Zeiten so, als treue Eselinnen fragend philosophierten, immer auf der Suche nach Ursache und Wirkung, nach Recht und Gerechtigkeit. Und heute war es sicher nicht anders. Die äußere Hülle wechselte; doch wesenhafte Werte und Unwerte der Kreatur blieben über Jahrtausende und Kulturen hinweg konstant.
Wer waren die eigentlichen Feinde eines unscheinbaren Waldesel?
Der Wolf, der Hund, der Geier? Oder war es nur die pervertierte Form ihrer Hülle?
Waren nicht alle Tiere gleich lebensberechtigt und zum Glücklichsein bestimmt, obwohl die Natur sie mit unterschiedlichen Funktionen ausgestattet hatte?
Und war es nicht die alle Geschöpfe verachtende, zynische Ideologie dahinter, die einzelne Tiere konditionierte und manipulierte wie den Pawlowschen Hund, um ihnen ein dekretiertes Glück aufzuzwingen, nach dem es sie überhaupt nicht verlangt hatten?
 Jawohl, die Ideologie war es, die falschen Ansätze und Grundlagen der Ideologie – und die Unfähigkeit der Versklavten, dies zu durchschauen.
"Wacht auf, Verdammte dieser Erde"
summte nun auch Faustinus bei diesen Ketzereien vor sich hin, dabei an den alten Wisent denkend, der einst im Widerstand aktivierte, erfüllt von den Idealen der Revolution, der an das Gute im Tier geglaubt hatte; in jener Zeit des Aufbruchs, als alles so hoffnungsvoll begann, bevor die ersten Köpfe rollten. Rebellionen und Revolutionen fressen manchmal ihre Kinder auf … und ihre Helden!
Kampfszenen kamen wieder hoch im Streit um höhere Ideale. Jetzt sah er sah auch den alten Wolf mit der Standarte, den zum edlen Tier Geläuterten; und er hörte, was der Mutige emphatisch ausrief, bevor er fiel:

„Freiheit, Freiheit, Freiheit!“,
„Es lebe das heilige Reich der glücklichen Tiere!“

Lange Zeit war auch dieser graubraune Rebell ein begeisterter Wolf gewesen, ein Überwolf, eine „Bestie“ gar, die mit anderen Wölfen heulte, marschierte, ein Krieger, der auf der Suche nach neuem Lebensraum gen Osten zog, um dort in blutiger Schlacht blind Befehle auszuführen, verbrecherische Führer-Befehle aus dem Bunker.
Erst als er mit eigenen Augen sah, wen die Hetzjagd traf, durchschaute er auch die falschen Befehle – und er fand noch die Kraft, sich von seinen Kameraden loszusagen, vom Irrweg ins Verderben.

Ein sterbendes Rehkitz hatte ihm die Augen geöffnet. Das sinnlose Opfer blühenden Lebens ohne Berechtigung bewog ihn spät, doch nicht zu spät, sich endgültig von der „Ideologie der triumphierenden Bestie“ loszusagen, in den Widerstand gegen die Tyrannis zu wechseln, ein Banner anzufertigen und gleich in mehreren Sprachen darauf zu schreiben:

„ICH KLAGE AN!“

Die Ehre der wahrhaftigen Wölfe, die auch Tiere waren, rettete dieser mutige Einzelwolf mit seiner entschlossen Tat fern der Verzweiflung! Und auch das künftige Zusammenleben seines Volkes im großen Kreis der zivilisierten Tiere weltweit nach dem Abschütteln der Tyrannis, die irgendwann kommen würde.
So war die brave Tat des anders handelnden Wolfs wohl gemeint.
Also gab es nicht nur bestialische Wölfe?
Im Nachdenken darüber, ob es ein auch heute ein Widerstandsrecht gab oder gar eine Pflicht, Widerstand zu leisten, wenn erneut die Tyrannis drohte, kam er auf eine Frage, die vielleicht zur Schlüsselfrage seines Hierseins werden konnte:
„Was haben wir eigentlich verbrochen?“
Dies fragte sich Faustinus immer wieder, ohne auf eine verbotene Handlung zu kommen.
Entsprach es nicht der Bürgerpflicht, elementare und verfassungsrechtlich garantierte Rechte friedlich einzufordern, Verstöße und Machtmissbrauch anzumahnen?
Irgendwo war Faustinus doch noch etwas naiv, eben weil er ein unerschütterlicher Idealist war, ein Optimist, der immer noch romantischen Vorstellungen nachhing und Visionen von harmonischer Verbrüderung und universellem Glück. Diese Ideale aufzugeben viel ihm schwer, selbst hier im Loch, wo alles dagegen sprach und ein anderes Denken gefragt war, ein klares, realistisches. Von den Ereignissen ausgezehrt und ermattet, doch eher hoffnungsvoll als traurig döste er irgendwann ein.



Copyrigh: Carl Gibson

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