Montag, 3. Januar 2011

Arme Schlucker oder vom Nichten des Nichts

Nur einige Wenige am Straßenrand konnten nicht teilhaben an der Beschaulichkeit. Es waren die Heruntergekommenen, die Außenseiter, die Stigmatisierten und Ausgegrenzten; solche, die selbst auf Distanz gingen und andere, die aus vielen Gründen unerwünscht waren im Klub der Saturierten. Das Lebensglück war ihnen nicht allzu zu hold gewesen. Traurig standen sie da, hörten dem Leierkastenspieler zu , meditierten über den Inhalt ihrer leeren Taschen und Bäuche. Ihr Leben hatte einen andern Klang. Das Nichts war für sie kein Grundproblem der Metaphysik, sondern eines der tatsächlichen Existenz. Ihr Nichts war sehr konkret und fast greifbar. Trotzdem fragte einer frech:
„Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr nichts?“
Und ein anderer aus der Schar der Habenichtse räsonierte über die missratene Schöpfung aus dem Nichts, die nicht hatte glücken können, weil sie per se und ex nihil eine creatio imperfecta war.
Das Nichts war sehr präsent in ihrer Welt und nichtete sie an wie die Nichtse drumherum, die nicht mehr waren, als der Raum, den ihre Körper ausfüllten. Verpestete Luft ließen einige zurück als Hinweis auf den Geist der Welt, der die Zeit bestimmte.
Einige aus der Schar der Armen am Wegrand hatten nicht mehr bei sich, als sich selbst, ihr selbstestes Selbst und ihr zottig zerzaustes Fell, das auf ein hartes Nachtlager im Männerheim verwies.
Manchmal kam ein mildtätiger Bürger vorbei, der noch an die abstrakte Eselheit glaubte und an metaphysische Welten hinter der allzu tierischen Welt und warf den Hungernden, dem Ethos vom Mitleid und Mitleiden verpflichtet, ein paar Brosamen in den Napf.
Unter den bettelnden Tieren gab es nicht nur Taugenichtse und Tagediebe, Bohemiens, Clochards, Gescheiterte und Versager aller Art; da waren auch ein paar gefallene Engel darunter, verkannte Genies, verkappte Gesamtkünstler und sogar einige angehende Opportunisten und Demagogen, die einmal als Politiker Karriere machen wollten. Letztere, in der Regel sophistisch begabte Esel, zählten zu den Machttieren und Alchemisten der Neuzeit, die aus Wasser Wein zauberten und das Blaue vom Himmel herunter logen, wenn sie das Maul öffneten. Vom Willen zum Überleben und vom Willen zur Macht erfüllt, suchten die meisten von ihnen nach einer politischen Heimat, weil sie die gesellschaftliche Geborgenheit verloren hatten. Theophrast, Molière und La Bruyère hätten ihre wahre Freunde an solchen Charakteren gehabt – und natürlich der witzige Voltaire!
Von den vielen, neuen Eindrücken fasziniert, ja begeistert, nahm Faustinus all seine Sinne zusammen und lauschte weiter in die Runde. Die Natur hatte ihm nicht nur einen scharfen Verstand gegeben, sondern auch ein stattliches Paar Ohren zum Zuhören. Also nahm er auch das auf, was so nebenbei in den Wind gesprochen wurde, alles ohne Unterlass analysierend, die Laute wie den Sinn der Worte. Sprache - das war Identität und Selbstbewertung. Manches Gescheite vernahm er, aber auch vieles, was er nicht genau zuordnen konnte.
Die meisten Tiere in dieser Stadt redeten frei und ungeniert. „Zensur“ fand hier offensichtlich nicht statt. Über Gerechtigkeit hörte es räsonieren und über den Weltfrieden, teils in der gepflegten Hochsprache der Esel, deren Grundlage einst ein eigenwilliger und fetter Mönch gelegt hatte. Faustinus konnte allem folgen, was so daher geplappert wurde, obwohl sich das hier gesprochene Idiom mit dem kräftigen Akzent recht merkwürdig anhörte. Diese Intonation war ihm völlig neu, speziell die Betonung der Vokale - das vielsagende, sonst kurze I wurde hier in der Kaiser-Residenz unendlich lang gezogen ausgesprochen - und das wohlklingende Aaa noch viel länger. „Iiiiii-  Aaaaaa, Iiiiii-  Aaaaaa“, tönte es überall.
Doch plötzlich rüttelte ihn etwas auf. Ein gelangweilter Herumstreuner war gerade dabei, über irgendwelche Tschuschen zu schimpfen. Und er schimpfte laut und penetrant. Nur,“Wer waren diese Tschuschen – und was hatten sie verbrochen?“
Fragte sich Faustinus.
„Ein bedrohliches Nomadenvolk aus dem Osten? Finstere Gestalten aus Nubien, von den Hängen des Kaukasus oder aus den Tiefen der Mongolei, wilde Nachfahren Attilas oder des Dschingis Khan? Schakale, Warane oder Gänsegeier, die in die Republik einzufallen drohten, nachdem das Reich der heiligen Nation fast schon verblasst war?“
„Tschuschen“? „Kanaken“? „Lutheraner“? „Barbaren“!
- Alles rätselhafte Ausdrücke, die Faustinus im fernen Sylvanien noch nie vernommen hatte. Selbst das große Buch Weltwissenschaft, wo die schwierigsten Begriffe erklärt wurden, kannte nichts von diesem Schimpf. Selbstherrliche Hellenen hatten manchmal so geredet, Cäsaren, die die Welt beherrschten und Grenzzäune errichten. Doch hier und jetzt, diesseits des Limes aus Maschendrahtzaun gab es die schrillen Töne immer noch! Auch nach den Erfahrungen mit Hetze und Hass. Redeten hier Unberufene oder solche, die sehr genau wussten, was sie sagten und was sie bezweckten?
„Die Tschuschen sein an unserm Elend schuld“, verkündete ein dunkelbrauner Maulesel lauthals, so als ob er den Urgrund des Bösen in der Welt ausgemacht hätte. Gottseidank wurde ihm widersprochen.
Ein anderer Zeitgenosse, der offensichtlich mehr von Toleranz hielt und von tierischer Nächstenliebe, stemmte sich dagegen. Breit und lang gezogen wie eine gerade strapazierte Ziehharmonika waren seine Argumente, doch von tieferem Einblick und Gefühl getragen:
„Jo, waas regst dich so auf! Was kennen denn die Tschuuuschen dafür, dass sie Tschuuuschen sein. Wie du ein Prolet bist und ein Prolet bleibst, so sind Tschuschen eben Tschuschen, weil die Natur sie dazu gemacht hat. Doch es sind immerhin friedfertige Tiere wie du und ich – und keine blutrünstigen Wölfe wie jenseits des Eisernen Vorhangs!“



Copyright: Carl Gibson

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