Samstag, 1. Januar 2011

Beim Inquisitor - zwischen Feuerzangen und Opferpyramide

In der Dunkelheit der Nacht, als die meisten Gefangenen bereits fest schliefen, wurde Faustinus von einer Wache zum Verhör abgeholt. Zunächst stutzte ihm ein grimmiger Dobermann mit scharfer Schere die wild urwüchsige Eselmähne zurecht, damit er würdig vor den Inquisitor treten konnte. Dann kamen zwei Schäferhunde und brachten ihn an den stillen Unort, wo der Untersuchungsrichter des Wolfsstaates seinen Amts pflichten nachkam.
Die Ankläger und Richter des Wolfsstaates übten ihren Beruf aus vaterländischer Überzeugung aus, als Wölfe und als überzeugte Lupisten, aus Liebe zur Wahrheit und vom Sinn für Gerechtigkeit erfüllt.
Wahr war aus ihrer Sicht alles, was das Wolfsein bestätigte, während alles, was dem Staat nützte gerecht war.
Die antiquierte Kaste der Strafverteidiger hingegen hatte man als nutzlos längst abgeschafft.
Partei und Staat hatten immer recht. Und wer vor dem Inquisitor landete, hatte etwas gegen Partei und Staat. Also war er schuldig. Zu beweisen war individuelle Schuld nicht – in der Regel reichte schon die „ungesunde Herkunft“, das blaue Blut in den Adern oder die Angehörigkeit zu einer Minderheit. Faustinus war das inzwischen bewusst. Er zitterte, als es durch die Katakomben ging. 
Dieser Weg vor den Richter kam einem Passionsgang gleich, dem Spießrutenlaufen durch eine dunkle Gasse, obwohl keiner mit Geißeln auf es einschlug. Denn er sah manche seiner Mistreiter vom Heldenplatz in den Folterkammern kauern, erschöpft und dem Tode nah. Die flinken Gämsen, der kräftige Eber, der Auerochs und viele andere Tiere dösten vor sich hin und harrten apathisch einer baldigen Erlösung: So oder so! Lieber sterben als weiter Qualen erdulden müssen.
Viele der inhaftierten Tiere weigerten sich nach wie vor, die neue Wolfsordnung anzuerkennen und das Kastenwesen im Staat der Gleichen, wo eine Art oben stand und alle Opfertiere Untertanen waren. Wie in der Protestaktion öffentlich kundgetan, beriefen sie sich dabei auf das „Naturrecht“, in dem sie ein „göttliches Recht“ erkannten, das seit Anbeginn der Welt da war und an das sich bisher alle Tiere gehalten hatten. Doch die Mächtigen im Staat, die nur an sich selbst dachten und an das Glück ihres Rudels, sahen die Dinge anders. Das Los der meisten Rebellen war längst besiegelt.
Selbst der edle Hirsch, der den Widerstand an vorderster Front angeführt hatte, war mürbe geworden und senkte hier entmutigt das Haupt. Er hatte seinem Ruf als Heros hatte er alle Ehre gemacht. Gekämpft hatte wie ein angeschossener Löwe! Und manchen Prätorianer hatte er aufs Geweih genommen, ihn durch die Luft gewirbelt wie einen Spielball, bevor ihn die übermächtige Meute zu Fall brachte. Jetzt waren Kraft und Stolz gebrochen. Das Selbstbewusstsein, vom freien Willen kündend, war auch dahin. Wie es schien, ließ selbst der stärkste Held die Hoffnung fahren.
Die peinliche Befragung mit den glühenden Zangen, den Daumenschrauben und dem Rad, hatten Spuren hinterlassen. Der edle Leib – ein Wrack! Der König des Waldes – nun eine erbärmliche Kreatur.
Der eklige Geruch von frischem Blut lag in der Luft. Auch roch es nach versengtem Fleisch. Die Hetzjagd kam Faustinus wieder in den Sinn – und die Schrecken der Hetze. Wie viel einfacher war es doch, sich zu fügen, ein braver Untertan zu sein, statt aufzustehn für Freiheit und Recht!?
Widerstand gegen die Staatsgewalt wurde, wie so oft in der Geschichte, schärfstens geahndet. Nach „kurzem Prozess“ vor dem so genannten „Tiergerichtshof“ der Wölfe folgte gewöhnlich ein Todesurteil, das rasch vollstreckt wurde, fast immer auf grausame Art vor den Augen der akklamierenden Untertanen.
Der Ort des Grauens: Die Pyramide im Hain, die zugleich als Tempel diente. Die Blutrünstigen befriedigten dort ihren Blutrausch im Terror. Diese Schau, die in karger Zeit das Brot ersetzen musste, kam nie zu kurz: Hirschen, Rehen, Wildschweinen und anderem Opfergetier wurden die noch schlagenden Herzen aus der Brust gerissen und zelebrierend verspeist. Fleisch essen, Blut trinken … das war die „neue Religion der triumphierenden Bestie“ … und je zarter das Fleisch war, desto höher der Genuss.
Auf größere Tiere wartete die Guillotine, ein fast schon vornehmer, sauberer Tod, der schnell eintrat und die Leiden verkürzte.
„Hoffentlich trifft mich das Fallbeil, bevor ich verzweifle oder schwach werde“,
sagte sich Faustinus, als er sich die Todesorgien ausmalte. Die Leiber von Ochsen, Pferden, Kamelen wurden gevierteilt und dann der Meute zum Fraß vorgeworfen. Wölfe, Hunde und mancher Vielfraß verschlangen alles, was sie erhaschen konnten bei dem großen Fest. „Blut … Blut … Blut“… - Das war wölfischer Gottesdienst, wobei nicht himmlische Heerscharen besänftigt werden sollten oder ein wölfischer Gott, sondern nur irdische Dämonen, die in kranken Gehirnen hausten. Die Hohepriester um Lupus und der geniale Führer selbst merkten jedoch nicht, wie sehr sie den Hass der Opfertiere auf sich zogen, wie sie ganze Völker von Untertanen gegen sich aufbrachten und damit den eigenen Untergang in naher Zukunft geradezu heraufbeschworen.
Der große Terror nährte den Widerstand. Doch der gottgleiche Pharao ließ weiter morden mit Lust und zum Ergötzen. Besonders schwere Sünder und Verräter von Volk und Staat wurden nach traditioneller Art auf das Rad gezogen und zu Tode gequält. Oder die Opfer wurden zur Belustigung der vielen Dummen im Land, die es auch unter Wölfen gab und der fanatisierten Anhänger, vor den Toren der Stadt im Wald der Zehntausend Pfähle auf eine lange Stange gespießt und so lange zur Schau gestellt, bis die verfaulenden Körper von selbst herunterfielen. Effiziente „Abschreckung“ nannte man solche Präventivmaßnahmen im Wolfsstaat. Vorbeugen war besser als heilen.
Wer – wie Faustinus - ausgezogen war, um das Gruseln zu erlernen, der konnte dies hier erfahren – und das kalte Grauen noch dazu.

Als Faustinus vor den Inquisitor trat, stand etwas Schweiß auf der Eselstirn; auch zitterte er wie die verachtete Mimose.
War das Angst, was ihn gerade beschlich?
Ungewissheit umhüllte ihn und dieses sonderbar mulmige Gefühl, das er so noch nie erlebt hatte, selbst während der Hetzjagd nicht. Der Großinquisitor, ein großer, grauer Wolf in blutrotem Talar musterte ihn ruhig und lange, so als wollte er die Tiefen der Seele durchdringen; dann winkte er der danebenstehenden Hyäne zu, den Vorhang zu lüften. Der Scherge gehorchte – und Faustinus sah, was Galilei schon hatte ansehen müssen, bevor er widerrief:
Ein Arsenal von Instrumenten, Folterwerkzeuge, die nur Schaudermelodien hervorbrachten in einer „Symphonie des Grauens“, ein Thema in unendlichen Variationen vom Heulen und Zähneklappern als Auftakt bis zum finalen „Todestanz“.
Mit diesem Instrumentarium war jedes erwünschte Resultat zu erzielen – und jede Wahrheit.
Faustinus schreckte zusammen. Das war ein Deja-vu –Erlebnis nicht ohne Auswirkung.
Ja, er hatte das „Leben des Galilei“ gelesen; und er wusste von Bruno, von Campanella, von Savonarola, vom „Hexenhammer“, von der „Cautio criminalis“ und von den Scheiterhaufen dahinter, die erlösten nach dem Folterakt.
Auch fühlte der Bedrängte deutlich, dass er den Martern in der „Jungfrau“ keinesfalls gewachsen war, noch den feurigen Zangen, weil keine irdische Kreatur solche Pein ertrug.
Faustinus merkte deutlich, wie sein Mut dahin schwand. Die Angst nahm zu.
Überlebensangst!?
War es feige, nicht zu widerstehen oder war es vernünftig?
War er nur nicht zum Märtyrer geboren? Sollte er sich nun selbst beweisen, was vom freien Willen noch übrig blieb, wenn schiere Gewalt waltete und nackte Willkür?
All die „Feuerproben“ und „Wasserproben“ der Kriminalgeschichte und die göttliche Vernunft sprachen dagegen. Kein irdisches Tier konnte übertierische Schmerzen ertragen, ohne daran zu zerbrechen.

Trotz dieser Einsichten unternahm Faustinus alles, um sich äußerlich nichts anmerken zu lassen. Sein innerer Zwiespalt, sein Verzagen und seine Todesangst, das alles war seine Sache. Der Inquisitor sollte nur einen Helden vor sich sehen, den ewigen Idealisten, der sich moralisch in Recht fühlte, einen Aufrechten, der für seine ethischen Überzeugungen selbst in den Tod ging, nicht anders als tausend Märtyrer vor ihm. Der Enthusiasmus seiner Jugend sollte ihm helfen, diesen Eindruck zu vermitteln.
„Was führte dich eigentlich in die Hauptsstadt? Und in welcher Angelegenheit sprachst du im Außenministerium vor?“
erkundigte sich der Befrager im roten Gewand, das sein graues Fell verhüllte und die Schwärze seiner Seele.
Ferne Vorfahren, die Hunde des Herrn, hatten einst die Inquisition erfunden als treue Diener ihrer irdischen Auftraggeber auf den Papststuhl, damals in der Provence noch höheren Wahrheiten verpflichtet – und dem fernen Seelenheil. Einiges vom Geist jener Zeit war noch lebendig und herüber gerettet worden in das Zeitalter moderner Diktaturen - an Methode und an perversem Bewusstsein: Nieder handeln, um ein edles Ziel zu erreichen!
Kriege führen, um in Frieden zu leben!
Davon konnte ein Waldeselchen noch etwas dazulernen. Der Großinquisitor war einer jener besonderen Bluthunde, die zur inneren Sicherung des Staates abkommandiert waren; ein Höllenhund im Dienst der wilden Vorfahren. Hyänen und Schakale unterstützten ihn neben anderen roh gebliebenen Wildhunden. So war es eben im Staat der Wölfe.
Die beiden Rottweiler am Portal des Außenministeriums hatten auch nur ihre Pflicht getan, als sie den Sicherheitsorganen Faustinus Ankunft im Ministerium meldeten. Schließlich war dem windigen Fuchs nie ganz zu trauen in einem Staat, wo jeder jedem misstraute. Jeder hatte irgendwo eine „Akte“
und jeder konnte jeden denunzieren: der Kardinal den Großinquisitor und der Großinquisitor den Kardinal … und vielleicht sogar den omnipotenten Gottgleichen auf dem Thron mit Zepter und Kronjuwelen in der Schublade, wenn die Zeichen der Zeit sich änderten. Wer konnte es wirklich ausschließen, dass im Fuchsbau nicht auch „Agenten fremder Mächte“ ein und aus gingen?
Oder dass der Kardinal selbst – vom Willen zur Macht durchdrungen – auf eigene Rechnung konspirierte?
Vielleicht war der schlaue Fuchs nichts weiter als ein schnöder Egoist, ein verkappter Klassenfeind gar, der, von Ressentiments geleitet nur Rache zu nehmen gedachte an Lupus und an der Wolfheit?
Diesen Diplomaten war nicht zu trauen!
Wo sie mit regierten, herrschte der Verrat.
Also war Vertrauen war gut, doch Kontrolle war noch viel besser. Das Diktum des gerissenen Bären von nebenan, jenes legendären Urvaters des Ursismus, bestand fort und galt auch im Lupistenstaat.
Was sprach gegen gesundes Misstrauen in einer Republik, wo jeder jeden verdächtigte und denunzierte?
War nicht ein Fuchs immer noch ein Fuchs – und eine Katze eine Katze? Die Eine ließ das Mausen nicht - genauso wie der Andere das Täuschen nicht lassen konnte. Die Fabel sprach dafür und bewies es – wie die Empirie der Wölfe, die von Pawlows Verhaltensforschungen überzeugter waren als von allen Freiheitstheorien des Idealismus. Und der Kardinal war kein einfältiger Wolf, sondern ein gerissener Fuchs, ein Durchtriebener mit einer feinen Schnauze, die künftige Entwicklungen riechen konnte wie einen Hammelbraten am Spieß.

Bevor Faustinus Näheres zum Zweck seines Besuches aussagte, überlegte er noch schnell, ob er diesmal bei der einen Wahrheit bleiben oder doch lieber auf eine der vielen Lügen setzen sollte – in einem Staat, wo es praktisch nur Lügen gab und das Festhalten an der Wahrheit gleich in den Kerker führte. Mit gespielter Frivolität sagte es dann fast beiläufig:
„Eigentlich wollte ich nur einen fernen Verwandten besuchen, der im Außenministerium Dienst tut, einen loyalen Esel aus unserer Region“.

Faustinus entschied sich damit für einen Pfeil aus dem Köcher, der nicht ganz frei war von Gift, der aber dem Waffenarsenal der Wölfe entsprach. Am Eingang zum Ministerium war ihm tatsächlich ein Domestik aufgefallen, ein Esel mit Kappe und in grauschwarz gestreifter Uniform, der fügsam schien und geduldig sein Dienst versah. Vielleicht war er der Chauffeur des Kardinals, der Privatsekretär oder der Gärtner?
„Und weshalb sagst du das nicht gleich?“
schnaubte der Sicherheitswolf immer noch vorwurfsvoll, doch etwas milder im Ton.
Vermutlich war es ihm nicht entgangen, dass einige tüchtige, konziliante und besonders flexible Esel und Ochsen in die Landesministerien eingezogen waren und dort eifrig gute Dienste leisteten. Sie dienten der Partei der Lupisten und dem Wolfssaat loyal – und sie erreichten damit auch manches Nützliche für die eigene Minderheit, wie sie meinten. Doch zu welchem Preis?
Hauptsächlich dienten diese Handlanger und Helfershelfer aus den Reihen der Esel und Ochsen nur ihren eigen Interessen sowie dem Wohl ihrer Sippe, das ihnen über alles ging.
Esel und Ochsen waren deshalb überall in der Wolfsgesellschaft anzutreffen, an der Akademie, bei der Zeitung, ja sogar im Gotteshaus. Nur das „Ministerium für Agitation und Propaganda“ blieb ihnen versagt. Kein Wendehals durfte dort hinein, auch kein Chamäleon.
Die Ratten hatten es für sich reserviert, Kanalratten und Wanderratten, heimatlose Gesellen ohne Ziel und Vaterland, aber im Dienst der Wölfe. „Desinformation“ und „Diversion“ – keiner beherrschte diese Künste besser als sie.

Der „Nepotismus“ aber galt als Staatstugend. Wer aus dem richtigen Stall kam oder über gute Beziehungen verfügte, war praktisch unangreifbar und genoss Narrenfreiheit, auch wenn er sonst ungebildet war und zu nichts nütze.
Gegen die Macht des Kardinals kam vorerst niemand an. Schließlich genoss dieser das absolute Vertrauen des Leitwolfs, der auf das diplomatische Geschick des bekannten Würdenträgers angewiesen war. Und der Kardinal schützte seine Vasallen. Das war dem Inquisitor wohl bewusst.
Grundsätzlich waren die Wölfe dazu bereit, jederzeit gegen alle zu kämpfen, ganz nach dem alten Leitsatz aus der Zeit des Urzustands: Jeder ist jedem ein Wolf. Und ein wahrer Wolf kann anderen ein noch schlimmerer Wolf sein, das wusste man im Wolfsstaat wohl.
Doch da es viele Feinde gab, mussten wenigstens einige von ihnen durch Verträge gezähmt, erpresst und in Schach gehalten werden. Der alte Rechtsgrundsatz, den die Wölfin seinerzeit Romulus und Remus ins Ohr geflüstert hatte, galt nur noch bedingt.
Wenn es ihm nützte, hieß es – frei nach Machiavelli – „pacta sunt servanda“. Sonst galt der Grundsatz, auch in ferner Berufung auf den Florentiner, Verträge seien da, um gebrochen zu werden.
Und wer konnte Verträge besser einfädeln oder auflösen als der Kardinal?
„Wenn der mächtige Kardinal erfährt, dass ich weiterhin grundlos in diesem Bau festgehalten werde, dann wird es großen Ärger geben!“
hörte sich Faustinus plötzlich pokern. Etwas musste er ja wagen, um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Der sanfte Rückzug des Großinquisitors hatte die Gegenoffensive provoziert. Diesen Vorteil galt es jetzt auszunutzen.
Auch einmal in die Trickkiste des Unlauteren greifen, die Grenzen austesten? Schließlich heiligte der edle Endzweck, freizukommen, alle Mittel!?
Unverhohlen drohen, das entsprach doch den Umgangsformen im Wolfsstaat? Aus einer spontanen Eingebung heraus setzte Faustinus mit dem Bluff alles auf eine Karte: entweder – oder!
Selbst das Ringen um Macht und Überlegenheit war nur ein Spiel, das zu gewinnen war, wenn man virtuos spielte. Wie gut, dass er vor lauter Langeweile im Stall auch das so nutzlose Kartenspiel eingeübt hatte, entgegen Schopenhauers Rat, das Pokern!
Jede Fertigkeit kann irgendwann einmal nützlich sein, selbst das Ausreizen und das Täuschen.
„Dann heiligt eben der edle Zweck das niedere Mittel“,
sagte sich der Sylvanier, um sein Gewissen zu entlasten und dachte dabei an Machiavelli, der scheinheilig, doch interessiert aus einen Fenster zugesehen hatte, als der aufrechte Reformator Savonarola auf einem Scheiterhaufen mitten in Florenz verbrannt worden war.
Wie es schien, wirkte der Trick. Leicht verunsichert und weit davon entfernt seine Befugnisse überschreiten oder gar den großen Kardinal provozieren zu wollen, verfügte der mächtige Inquisitor, man möge den Fuchs informieren.
Faustinus wäre sicher bald auch auf freien Fuß gesetzt worden, wenn nicht ein mächtiger Sicherheitswolf den Raum betreten und dem Großinquisitor in die Parade gefahren wäre.
„Dieser Esel ist ein Aufrührer!
Er war bei der Rebellion dabei. Sogar an vorderster Front. Ein Banner trug er der Meute voran mit einer Aufschrift, die zum Umsturz auffordert und zur Konterrevolution!“
wetterte der Vier- Sterne- General. In der Hierarchie der Mächtigen im Wolfsstaat ganz oben angesiedelt, gleich nach Führer und Kardinal, dem Großinquisitor ebenbürtig, wenn nicht gar übergeordnet, hatte hier ein gewichtiges Wörtchen mitzureden.
„Der Wolfsbiss an seiner Kehle spricht Bände – wie die Bilder unserer großen Überwachungskamera. Die Aufzeichnungen liegen vor, der Kerl ist überführt und reif für die Pyramide!
Ich rate zum „schnellen Prozess“, auch ohne Richter.
Hartes Durchgreifen ist angesagt, sonst wächst uns das Geschmeiß noch übern Kopf!“
Der Inquisitor war verunsichert:
„Kein Befragter hat ihn belastet, keiner kennt diesen Sylvanier näher … auch fehlt sein Name fehlte auf der beschlagnahmten Petition …“
So rechtfertigte sich der plötzlich zwischen die Fronten geratene Inquisitor. Mit dem Kardinal wollte er sich nicht anlegen. Genoss dieser Walesel aus Siebenbergen wirklich höhere Protektion, dann würde der Mentor sicher bald intervenieren oder gar vorbeikommen, um seinen Schützling rauszuhauen. Was dann?
Zweifel kamen auf, Selbstzweifel. Hatte er gerade versagt?
Im Stillen haderte der Inquisitor haderte mit sich selbst. Wie effizient waren die Methoden seiner Befragung noch?
Hatte er bereits zu viel Pein eingesetzt oder zu wenig Pein, um zu seinem Zweck zu gelangen?
Wie viel Schmerz kann ein Tier ertragen, bevor es das Gewünschte sagt oder bevor es tot zusammenbricht?
Während der Untersuchungsrichter zwischen den Stühlen sich stille Vorwürfe machte und grübelte, ließ der Prätorianer- General nicht locker:
„Ich habe mir die Esels- Akte bereits kommen lassen, auf schnellstem Weg über Kurier aus Siebenbergen. Klartext auch darin: Immer schon fiel er als störrischer Esel auf, als ein Rebell mit höchst abwegigen Ideen, er ist destruktiv von Anfang an.
Der Staat der Wölfe ist ihm suspekt. Ein Freimaurer ist er, ein Nihilist,ja ein Anarchist, der nur auf Vernichtung aus ist.
Was kommt nach dem Protest, die Bombe?
Gebt ihm eine Bombe – und er wird sie werfen!
Alles, was über seine Lippen kommt, ist Kritik, Zersetzung.
Statt gefügig zu sein, ist er nur stur: ein Esel eben, so wie er im Buche steht - und nichts als ein Esel!  
Alle Indizien belasten ihn wie seine ungesunde Herkunft. Die Salamifabrik ist der richtige Ort, wo ein Esel hingehört! Abführen!“

Faustinus zuckte zusammen. Also war es aus. Wo ein Inquisitor kuschte, war auch jede Gottheit machtlos.
In der Zelle angekommen, ließ er sich willenlos auf den kalten Boden sinken. Aus der Traum!
Als er am Vortag unsanft ins Gefängnis geschubst worden war, war ihm, oben am Portal, ein Leitspruch aufgefallen. Jede Hoffnung sollten die hier Eintretenden fahren lassen, hieß es dort, auf immer und ewig. Dante hatte es so in die Höllenpforte geritzt, nur weniger zynisch. Jetzt wurde Faustinus klar, wo er angekommen war.




Copyright: Carl Gibson

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