Dienstag, 4. Januar 2011

Das Eselsfest

Vergnügt schlenderte Faustinus durch die verwitterten Gassen des Bergdorfs. Kuhfladen überall und duftendes Heu. Das Heu verwies auf das Angenehme der Existenz, während die Kuhfladen auf ihre Gefährlichkeit hindeuteten. So ein zum Ausrutschen prädestinierter Kuhfladen konnte einem unachtsamen Esel schnell das Genick brechen. Das Bild der Meise kam ihm wieder in den Sinn, die auf dem Flug in die Freiheit an einer unsichtbareren Glaswand gescheitert war. Aufmerksamkeit war angesagt auf der Bahn in die Welt. Denn gerade dort, wo die Geborgenheit am unmittelbarsten erschien, lauerte das Verhängnis.
Gleich bei seiner Ankunft im Land der hohen Klippen und tiefen Gletscherseen war Faustinus mitten in einem Fest gelandet, das sich über Tage hinzog und immer noch anhielt. Ein Eselsfest moderner Art wurde da gefeiert, lustig und laut, doch gesittet und keusch, ein Fest des Erntedanks, an dem die Esel huldigend zum Himmel blickten und dabei nicht vergaßen, sich selbst zu feiern.
Schon früher im alten Babylon und bei den Pharaonen in Ägypten hatte es Eselsfeste gegeben, zu Zeiten, wo der Esel noch eine viel verehrte Gottheit war. Damals umkreisten alle Todgeweihten den Esel noch wie ein heiliges Kalb, das Wohlstand für alle versprach, wie einen Minotaurus als Ausbund von Kraft und Fruchtbarkeit. Seth, der mächtige Gott der Unterwelt, der über die Seelen der Verstorbenen bestimmte, über ihre Wanderung im Jenseits und über ihre Reinkarnation, hatte etwas von einem Esel. Und der Esel stand damals noch eindeutiger im Mittelpunkt des Kosmos als heute, geliebt und geehrt von vielen. Leider war jene holde Zeit längst verflogen - und ein Esel war auch nicht mehr das, was er einmal war.
Trotzdem feierten die Bergesel sich selbst mit ihrem Fest; einfach so. Es waren allesamt freisinnige Esel. Obwohl sie sich asketischen Traditionen verpflichtet fühlten, dem Dulden und dem Darben, dem Fasten und der Genügsamkeit; und obwohl sie auch sonst recht konservativ dachten, waren sie, wenn Feiern angesagt war, der lauten Blasmusik ebenso zugetan wie dem geschmeidigen Ringeltanz und den sinnlichen Freuden unmittelbarer Art dahinter, die jedermanns Puls lauter schlagen ließen: Gerstensaft, Eselinnen und Gesang, das war der Kern ihrer Weltanschauung, um den sich alles drehte – ferner Spiele aller Art und Reisen an das immer gleiche Ziel. Die Welt konnte so einfach sein, wenn man sie nicht selbst komplizierte! Und in der überschaubaren Einfachheit wurzelte ihr Glück.
Keiner aus ihren Reihen sprach je von ideologischen Utopien, von gesellschaftlichen Errungenschaften der Tierheit, von Gemeinschaftsleistungen und freiwilliger Arbeit, von höheren Dingen und Pflichten in lichtvoller Zukunft. Das Eiapopeia im Himmel feierten sie mit irdischem Manna in flüssiger Form. Sie lebten allesamt im Hier und Jetzt und freuten sich des Daseins, indem sie ihrer guten Laune freien Lauf ließen.
Die Blechbläser spielten auf und manche Esel, die noch tanzen konnten, schickten sich auch an, ein Gegenüber zu finden und das Tanzbein zu schwingen.
Die einen tanzten den guten alten Kontratanz, andere hielten sich an den steirischen Ländler oder sie legten eine flotte Polka aufs Parkett, deren Zweivierteltakt aus den böhmischen Wäldern herüber geschwappt oder von fahrenden Sängern mitgebracht worden war. Musik und Tanz hatten immer schon etwas Verbindendes und etwas dionysisch Animalisches, das an die Wurzel der Eselheit ging und noch darüber hinaus.
Die ersten Melodien waren kaum verklungen, als ein heller Dreiklang auf der Trompete Damenwahl ankündigte.
Wie schade“,
seufzte Faustinus, der auch gerne mitgemacht hätte.
„Niemand kennt mich hier – und ich werde zusehen müssen, wie andere Fohlen tanzen und die Geliebte umarmen.“
Leichte Wehmut kam auf und der Schmerz eines zarten Herzens, das sich fremd und verlassen fühlt.
Der Kummer verflog aber gleich, als eine holde Eselsmaid auf den Burschen zu trat und ihm liebliche Worte ins Ohr sang:
„Eselchen, komm tanz mit mir, meine Hufe schwing ich mit dir.“
Der verblüffte Faustinus ließ sich von so viel Anmut gern bezirzen und vergaß dabei schnell die Grazie der angebeteten Arabella, die weit weg war und die er vielleicht nie wieder sehen würde; und dies, obwohl sein Herz immer noch ihr gehörte.
Sie tanzten. Arm in Arm und Herz an Herz drehte Faustinus die blonde Lorelei so lange im engen Kreis, bis es ihnen schwindlig wurde. Ein Taumel hatte das Eselpärchen erfasst und der göttliche Rausch des Dionysos, der vom gereichten Rotwein noch gesteigert wurde. Himmlische Töne erklagen im Eselsohr. Irgendwo im Verborgenen spielte ein mephistophelischer Geiger auf, ein wahrer Meister des Fiedelns! Virtuos und hingebungsvoll geigte er einen Teufelswalzer herunter, der zum Mitmachen zwang und dem keiner im Saal entrinnen konnte. Das Dionysische nahm überhand, während alles Apollinische zerstob.
Ein Bacchusfest war das, archaisch und barock zugleich, eine moderne Eselmesse mit eigenen Freiheiten und Sakramenten mitten im Herz des Abendlandes unterm Gipfelkreuz – nichts war hier verboten und alles war jetzt erlaubt wie im Karneval: Verzückung und Entrückung!
Viele verliebte Esel ergaben sich der einzigartigen Stimmung; gelöst und selbstvergessen walzten sie über das Parkett wie im Märchen, schwelgten in Bildern und träumten von den schönen Stunden danach, bis die roten Schuhe zertanzt waren und der Tanzbodenkönig halbohnmächtig dahin sank.
Doch Faustinus, der von Kindesbeinen auf das Tanzen eingeübt hatte, hielt sich tapfer mit den Entrückten aus voller Kehle jubilierend. Das geballte Glück entlud sich im Freudengeschrei – und ein nie gehörter Zusammenklang harmonischer I – Aaas erfüllte den Saal. Ekstase überall - Verzückung und Entrückung, fern von Verstand und Vernunft, jenseits des Rationalen, eine bestialische Orgie, die sich jeder Wertung entzog. Als die Kräfte irgendwann nachließen, ließ sich Faustinus einfach fallen und streckte alle Vier von sich.
Das Sichfallenlassen!
Das war eine neue Erfahrung und zugleich eine existenzielle Notwendigkeit, die er, der Pflichtethiker aus Überzeugung, sich bis dahin noch nie geleistet hatte. Es war eine Form der Selbstbefreiung, die auch noch glücklich machte. Denn das Sichfallenlassen und das wohlverdiente Ausruhen danach töteten den lange angestauten Ärger ab und befreiten die Seele gleich dem reinigenden Lachen.
Auch Ablassen und Nichtstun können zur Glückseligkeit führen - das fühlte Faustinus wohl, doch an die reinigende Katharsis dachte er jetzt nicht. Vielmehr gab er sich der Lösung hin, die Freisein von Zwängen bedeutete.
Alle Sorgen waren auf einmal verflogen. Neben ihm im allergrünsten Gras lag ermattet die holde Eselsmaid und blickte ihn verliebt an wie damals, in Arkadien. Faustinas Haupt ruhte auf seiner starken Schulter. Das war die Geborgenheit der Liebe.
Das war der Born der Lust und Freude, das pralle Leben selbst …
Dann wurde es dunkel und nur der Mond sah, was ferner geschah.

Am Tag danach, als sich alle Wallungen und Regungen wieder beruhigt hatten, trat ein älterer Bergesel in Lederhosen und mit einem Gamsbart am grünen Hut auf Faustinus zu, um ihm eine Eröffnung zu machen und um eine Sache anzusprechen, an der vielleicht sein Glück hing. Der mächtige Rauschebart war einer jener Männer im Eselsstaat, die etwas zu sagen hatten, zumindest in der Bergregion und in dem schmucken Dorf, einer, der Einfluss hatte, und der etwas bewirken konnte, wenn er es wollte.
„Wie  wir alle sehen konnten, fühlst du dich recht wohl hier bei uns? Willst du nicht gar für immer hier bleiben, bei uns im Tal und diese holde Maid freien, die zufällig meine Tochter ist, ein Freier werden unter anderen Freien?
Hier kannst du heimisch werden und vielleicht auch glücklich?“

Er redete freudig wie ein Hirte, der gerade ein verlorenes Schaf wieder gefunden hat. Als er dann aber merkte, dass die verlockenden Aussichten nicht gleich mit sprühender Begeisterung aufgenommen wurden, schwächte er alles wieder ab, indem er das Unwahrscheinliche relativierte: 
„Wie es scheint, zieht es dich doch stärker hinaus ins weite Land?“
Faustinus war überrascht und wusste nicht so recht, was er antworten sollte. Die Aufforderung zur Festlegung auf einen Ort kam zu plötzlich. Still überlegte er. Seine Gedanken schweiften ab zur blonden Faustina, und dann zu Arabella mit dem pechschwarzen Haar und den roten Backen und an die Vorstellung vom Ewig Weiblichen dahinter. Er sah die blutroten Geranien in den Fenstern, den Maibaum vor der Kirche, die bunten Bänder am Wegrand; und er spürte den Duft des Kuhfladens vermischt mit dem Geruch von frischem Heu.
Eine Idylle!
Ein Hort des Seelenfriedens, der Ruhe und Geborgenheit! Kindheitsgefühle wurden wach, kindliche Glücksgefühle in jugendlicher Brust, verbunden mit der Vorstellung, den liebreizenden Augenblick für immer zu wahren.
„Würde das Glück bei mir bleiben, wenn ich hier ausharrte“,
fragte er sich.
„Würde ich es hier festhalten und bannen können für immer?“
Oder war das Dauerglück nur eine Chimäre, der man umsonst nachjagte, ein Trugbild der Täuschung und Enttäuschung?
Die ungetrübte Idylle der Bergwelt verzauberte ihn. Doch es war nur das Abbild jener heilen Welt aus Siebenbergen, die er schon hinter sich gelassen hatte, als er Concordia verließ und sich erstmals auf Wanderschaft begab, ins Hochgebirge und dann dem Strom entlang zum fernen Meer.
Was würde ihn hier festhalten?
Der gleiche Stall am anderen Ort? Die neu entdeckte Heimat und der Frieden der Heimat, Werte, die er schon überwunden zu haben glaubte und die doch in ihm schlummerten?
Durfte er noch einmal in eine kleine Welt zurück, obwohl er schon über den Tellerrand des Ptolemäus hinaus geblickt hatte? Und das, ohne vorher die Möglichkeiten der weiten Welt ausgelotet zu haben?
Was wurde aus der Eselheit, wenn sich die genialsten unter ihren Söhnen und Töchtern ins Mittelmaß zurückzogen, in die falsche Selbstbeschränkung?
Durfte er nur glücklich sein und im Schönen Schein verweilen, während die Pflicht rief und die Verantwortung vor der gesamten Schöpfung? Faustinus zauderte eine längere Weile, um dann doch noch auszuweichen:
„Eigentlich wollte ich noch einiges sehen von der weiten Welt, ihre Substanz erkennen und ausloten, was sie im Innersten zusammenhält. Ausbilden will ich mich noch und dienen, um dann etwas Tüchtiges zu leisten in Wissenschaft und Kunst, denn zum Parnass zieht es mich und zu den Musen. Ja, selbst ans Kreuz will ich mich gern schlagen lassen, wenn mir dafür noch Großes gelingt! Mit etwas Fortune will ich ein berühmter Kompositeur werden, ein Instrumentenbauer der Zukunft, der neue Wege geht in der Musik, einer, der die Grenzen sprengt und der die Eselheit auf seine Art revolutioniert und dann die ganze Welt der Tiere!“

Die enge Begrenzung war Faustinus Sache nicht. Er war breit angelegt und mit manchen Talenten ausgestattet, die darauf warteten, zur Erfüllung zu gelangen. Wohin er sich entwerfen sollte, wusste Faustinus zwar noch nicht. Doch er fühlte, dass er weiter musste, weg vom statischen Sein und hinein in die Dynamik der Existenz, auch wenn diese abenteuerlich verlief und auf dem schmalen Grat zum Nichts. Auf halben Weg ausruhen und erstarren, das war nichts für ihn.
„Lieber heroisch Scheitern als trivial leben und gelangweilt auf den Tod warten“,
sagte er sich und wandte sich von seinem Wohltäter ab. Der Gipfelstürmer redete aus ihm und der Unbehauste, der Fremdling ohne Vaterland aber mit hehren Zielen.
Faustinus hatte das Bewusstsein eines Märtyrers, der bereit ist, für eine höhere Idee alles zu opfern, auch das Lebensglück und das Leben. Eigentlich war er ausgezogen, um, frei zu sein und um letztendlich glücklich zu werden. Doch schon jetzt fühlte er, das noch einiges über dem kleinen Erdenglück angesiedelt war, die Berufung und das zu schaffende Kunstwerk, aus dem vielleicht das letzte Glück erwachsen konnte – die erfüllte Sehnsucht.
Viel Idealismus war noch in ihm. Und je mehr er nach innen horchte, desto deutlicher nahm er es war. Was er nicht sah, war die Verblendung des Narzissten, der sich selbstherrlich über andere erhob und der Verstiegenheit verfiel wie sein Ahnherr Luzifer, der ein Engel war, bevor er in die Hölle abstieg. Die Hybris brachte viel vor den Fall.
Faustinus wusste davon, doch er ahnte nicht, dass auch sein Weg bald hinab führen sollte, statt hinauf.
„So, so“
wunderte sich der Schultheiß und merkte dabei, das dies doch kein ganz gewöhnlicher Esel war, sondern einer, der hinaus zog, um die Welt zu erobern, indem er sie  gestaltete. Ob er dabei letztendlich glücklich wurde, das stand in den Sternen. Doch die waren nicht immer zu sehen. Damit war schon alles geredet.
Faustinus verabschiedete von den neuen Freunden, ohne Faustina nach ihrem richtigen Namen gefragt zu haben. Ein amouröses Intermezzo war sie für ihn – und er für sie wohl ein Don Juan auf Urlaub?
Erst als er wieder allein wandelte und einsamer und einsamer wurde, fühlte er den Verlust.
„Über edle Geschöpfe habe ich mich hinweggesetzt, über ihre Verbundenheit und ihre Liebe!
Hoffentlich rächt sich das nicht einmal!“
So haderte er mit sich selbst. Der Weg zu den Sternen, von dem die Alten redeten, war mit Dornen gepflastert, auch für Esel, vor allem dann, wenn der seine sich ihm entzog. Das wurde ihm mehr und mehr bewusst. Beschreiten wollte er den Pfad aber trotzdem, zumindest versuchen wollte er ihn.
Trieb ihn der Ehrgeiz vorwärts oder der verborgene Wille zur Macht, der in jeder Kreatur schlummert, die überleben will?
Trieb ihn künftiger Lohn und die Aussicht auf Ruhm und Ehre? Oder war es allein der Drang, die eigenen Möglichkeiten auszuloten und bis an die Grenze zu gehen, bis hin zur Selbsterfüllung und dem letzten Glück als Telos, als Endziel?
Ein Sinnsuchender war er immer noch und ein ewig Fragender:
„Wenn ich meinen Weg gehe, den Weg hinauf zum Licht des Himmels, das alles erhellt und alles Böse bannt, das Gerechtigkeit schafft für alle Tiere, dann kann auch ich glücklich werden“,
monologisierte der Waldesel aus Siebenbergen.
„Doch wenn ich mein Lebensglück von anderen abhängig mache, vor allem von der Liebe der anderen, dann werde ich vielleicht unglücklich werden wie mancher Liebende am Wegrand.“
Die feurige Liebesnacht hatte ihn schlaugemacht. Noch mehr die Ernüchterung danach, als die Glut erloschen war. Da seine Seele immerfort nach Liebe schmachtete und nach göttlicher Harmonie, hätte er sich gern richtig verlieben wollen, für längere Zeit, für immer. Doch was folgte, wenn die Gefühle verflogen wie die Flammen des Feuers, wenn die Substanz verbrannt war?
„Kunst und Wissenschaft sind lang! Und sie sind sicher beständiger als die Liebe“,
sagte sich Faustinus und beschloss, die große Liebe zunächst hinten anzustellen, um frei zu sein für das Beständige, das auf die Ewigkeit schielte.


Copyright: Carl Gibson

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