Samstag, 1. Januar 2011

Der Coup

Ihr Gegenspieler aber sah die Dinge anders. Als der Kardinal die Höhle betrat, nahmen ihn die kampfgestählten Jäger in Empfang. Ihr Halsband mit den vier großen Sternen und ihr mächtig aufgerichteter Schweif verrieten, dass sie Tiere höchster Rangordnung waren, während ihr Blick die Handlungsweise des Kardinals immer noch voll zu missbilligen schien. Bevor die verduzten Prätorianergeneräle ihrem Unmut Luft machen konnten, schnitt ihnen der gerissene Fuchs das Wort ab. Er ging in die Offensive – mit einem Vorwurf, unberechtigt, doch kunstvoll konstruiert und auf Wirkung bedacht:
„Macht mir nur nicht diesen Novizen kaputt“,
zischte mit fast feinselig halblauter Stimme der Kardinal.
„Dieser Sylvanier da draußen ist ein Esel nach meinem Geschmack, gutmütig, naiv und unverdorben – dazu ist er ein Waldesel mit Charisma … und Augenmaß!“
Natürliche Talente bringt er mit, Fertigkeiten höherer Art, die unserem Staat noch sehr nützlich sein können.
Wahrlich, größere Dinge habe ich mit ihm vor … aber ich muss ihn noch formen, bevor ihn andere verderben. Solange sein Idealismus noch da ist, romantisch und verträumt, wird er uns nützlich sein, ohne dass er davon Wind bekommt“,
schob der Fuchs hinterher, mit mephistophelischer Zunge. Er war ein Meister der Täuschung, der höheren Intrige – andere instrumentalisieren, das war sein Spezialgebiet.
Die Generäle reagierten verwundert. Leicht ungläubig warfen sie sich gegenseitig fragende Blicke zu, so als ob sie nicht recht nachvollziehen konnten zu können, wovon Fuchs da redete:
„Ein gut dressierter Esel kann von strategischem Interesse sein. Auch für diesen Staat. Dieser Bursche ist noch knetbar. Zu Besonderem ist er von mir auserkoren. Mit etwas Glück werde ich einen Diplomaten aus ihm machen, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Einen wahrhaftigen Macher! Wenn die Zeit dann reif ist, wird er unser Land in der Völkergemeinschaft vertreten - ich werde ihn einführen, in den Rat der Tiere, wo er im natürlichen Habitus auftreten wird – als Esel … in wölfischer Mission! Und ich, der Rotfuchs werde dabei sein!
Das, Prätorianer- Wölfe, das ist der Clou: Die allmächtige Natur wird uns im eigenen Fell besser tarnen als jede Tarnkappe der Märchenwelt: Ein Esel und ein Fuchs als wahrhaftige Repräsentanten des Wolfsstaates – das schafft Akzeptanz auf makropolitischer Ebene. Das spricht für eine tolerante Minderheitenpolitik und für ein gemäßigtes politisches System. Solcher Liberalismus kaschiert das Wesen unserer Staatsreligion, die imperialen Bestrebungen, künftige Kriegsabsichten und den wahren Charakter unserer Rassenideologie.
Die Welt will betrogen sein. Helfen wir ihr dabei!
Überwolf Führer Lupus, unser weiser Lenker und Leiter, ist längst eingeweiht in diesen Plan.
Lasst mich ruhig gewähren! Erledigt eure Arbeit auf eure Weise, doch pfuscht mir in diesem Fall nicht ins Konzept!“.

Die intellektuelle Schärfe des Kardinals hatte etwas Kompromissloses, dem die Militärs rhetorisch nicht ganz gewachsen waren. Offensichtlich hatte das Geheimprojekt wirklich den Segen des Führers, dem machiavellische Spielereien nicht abhold waren. Divide et impera – teile und herrsche durch Täuschung! Gut war alles, was die Macht konsolidierte und ausbaute.
Nicht zufällig wurde Lupus Wolfskopf von einer Lammfellmütze verhüllt, aus schwarzem, gekraustem Astrachan- Fell, für das gleich mehrere frisch geborene Lämmer ihr Leben hatten hingeben müssen. Und manchmal, wenn er auf Reisen ging, verhüllte sich gleich der ganze Wolf.
Ein Wolf, der im Schafsfell daher kam?
War das kein Signal seit jeher, kein richtungweisender Wink, der auf Wohlwollen des großen Führers hinwies?
Der Kardinal war auf dem richtigen Weg mit seiner umfassenden Tarnkappenstrategie!
Wer als Schaf daher kam, friedfertig und blöd, der hatte Kredit, der hatte schon gewonnen, noch bevor die Wolfszähne zum Vorschein kamen: „Ziehe deine Krallen ein,
tauche deine Wolfsfüße in Mehl und fresse ausreichend Kreide,
dann wird man dich für eine arglose Geiß halten oder für ein frommes Schaf, das Gras frisst und kein Blut trinkt.
Verschleiere deine wahren Absichten und täusche, bevor andere dir zuvorkommen und dich arglistig täuschen!“
Das war sein Credo und ein Grundzug der praktischen Philosophie im Staat der Starken, die nach neuem Lebensraum und bald nach der Weltherrschaft streben sollten.
„Und wie soll die Umsetzung des großen Plans konkret funktionieren?“ wunderte sich einer der Generäle in einem leichten Anflug von misstrauischer Gegnerschaft.
„Der Sylvanier will doch dieser Republik den Rücken kehren, schnell anhauen will er, um sein dickes Fell zu retten, bevor es auf der Trommel landet! Auf und Davonmachen will er sich in einen Eselsstaat, einfach auswandern wie andere Esel auch, wenn ich richtig informiert bin?“
gab der zweite General zu bedenken.
„Eben“,
entgegnete der Fuchs,
„gerade daraus erwächst unsere Chance!“
Leise, so als ob unberufene Ohren mithören könnten, fügte er noch hinzu:
„Wir werden ihm sogar helfen, galant aus diesem Staat heraus zu kommen, ohne Blessuren und fern vom Märtyrertum, um dann dort dafür zu sorgen, dass er schnell der mächtigen Desillusion verfällt, die ihn bald enttäuscht und reumütig in unsre Arme zurücktreibt … in unsere Armee!
Wenn er selbst zu uns zurückkommt, freiwillig, aus eigenem Antrieb, aus eigener Überzeugung, dann ist er gänzlich unser.
Doch erst wenn seine Illusionen vollständig zerstoben und für immer verloren sind, erst wenn er seinen naiven Idealismus und seine Romantizismen von Verbrüderung und Gerechtigkeit überwunden hat, haben wir ihn wirklich – als Untertan, als freiwilligen Sklaven. Erst dann können wir ihn voll und ganz für unsere Sache einsetzen.
Als existenziell Geläuterter wird er sein Eigenbrötlertum eingebüßt haben, das Gefasel vom freien Willen und von der freien Selbstbestimmung des Individuums! Dann wird er auch kein störrischer Skeptiker mehr sein, sondern ein williger Esel, aus dem bald ein bewusster Wolf werden kann – aus Überzeugung. So wird aus ihm jener Typus Tier, den die moderne Gesellschaft der Wölfe braucht, paradigmatisch für die gesamte Tierwelt der Zukunft!“

Die Generäle schluckten einsichtig und fast schon begeistert.
Genial war der Exkurs. Das war moderne Bewusstseinsbildung und subtilste Vereinnahmung. Solche psychologischen Verrenkungsstrategien hätten sie selbst dem Fuchs nie zugetraut. Also leitete der Hüter des Glaubens nicht ganz zufällig auch das Amt des Auswärtigen! Der Widerstand der Prätorianer war gebrochen:

„Stellt ihm die Sondergenehmigung aus, heute noch, geleitet ihn zum Bahnhof, setzt ihn in den ersten Zug gen Westen, in ein Abteil erster Klasse, wenn es sein muss, und lasst ihn ziehen!
Der Esel soll das Ziel seiner Wahl nennen; und er soll sich schleunigst auf den Weg machen, auch mit dem Schiff, über die Brücke auf Schusters Rappen oder mit der Dampflok - das ist ihm freigestellt. Nur soll er möglichst schnell weg, damit er bald wieder da ist.
Denn wir brauchen Esel seines Schlages, das sehe ich jetzt ein, hier und jetzt und später …“

So ertönte der resolute Befehl des Generals. Der Kardinal schmunzelte triumphierend wie einer, der beim Kartenspiel einen Stich gemacht hat. Dann strich er wieder versöhnlich mit der Pfote über sein Ziegenbärtchen, wandte sich hurtig ab und ging. Mit Faustinus gab es nun nichts mehr zu bereden. Abwarten war vielmehr angesagt. Der Köder war ausgelegt. Mal sehen, ob das Opfer anbiss.

Der Walsesel war durch die überraschende Entlassung aus dem dunklen Bau auf einen Schlag in lichte Freiheit versetzt worden - er befand sich auf dem Sprung … in eine neue Situation und Perspektive. Der veränderte Zustand mit dem schon winkenden Glück berauschte ihn wie jener Eimer angegorener Apfelmost, den er einmal überhastig ausgetrunken hatte und ließ ihn für Augenblicke die andauernden Leiden seiner Mitgeschöpfe vergessen. Obwohl er kein Egoist sein wollte, dachte er jetzt erstmals nur an sich selbst. Alles hatte doch noch eine gute Wendung genommen, auch wenn er sich das alles nicht erklären konnte.
Das Leben war eigentlich schön, fand Faustinus.





Copyright: Carl Gibson

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