Dienstag, 4. Januar 2011

Der Gang zum Eremiten

Weit oben auf den Höhen des Schwarzwaldes hauste ein greiser Eremit. Die Stadt und mit ihr die frühere Wirkungsstätte an der alten Universität hatte er seit langem verlassen, um den Rest seines schon erfüllten Lebens nur noch der Wahrheit zu weihen und dem göttlichen Sein dahinter. Stündlich redete er mit Gott und lebte mit ihm in trauter Zweisamkeit, ohne die Enttäuschungen zu erfahren, die ihm im Kreis der Vielen bereitet worden waren.
Der Markt um den Dom war ihm genauso fern und fremd wie die Fliegen des Marktes und die Brunnenvergifter im Tal, die rücksichtslos jede Quelle beschmutzten, wenn sie daraus tranken. Abgeschiedenheit und Stille herrschten dort oben – und manchmal auch das Getöse eines Wintersturms, der alles zu Tod erstarren ließ.
Einsam war der Alte gelegentlich auch, doch ohne zu vereinsamen. Das Gespräch mit den Toten hielt ihn wach und schärfte seinen Verstand mehr und mehr. Er lebte in der Natur und mir ihr, ohne Gott außerhalb von ihr zu sehen. Und das machte ihn zufrieden und weise.
Gelegentlich kamen Freunde zu Besuch, die Eule, der Rabe und manchmal sogar der Fuchs. Die meisten Esel im Tal aber hatten bereits vergessen, dass es den Alten überhaupt noch gab.
Zu ihm hinauf zog es Faustinus in seiner Not. Rat wollte er suchen und Trost finden, denn alte Esel, sagt man, verfügten über besondere Weisheit, weil mancher Irrtum längst hinter ihnen lag. Das sagte ihm auch die eigene Vernunft und das Wenige, was er aus dem Schrifttum des Alten gelesen hatte.
„Wer groß denkt, kann auch groß irren“,
hatte er einmal verkünden hören. Ja, auch der Alte hatte groß gedacht, und, wie böse Zungen behaupteten, zu spät Nein gesagt damals, als es keine Zeit mehr war zum Ja.
Hatte auch er eine Schuld auf sich geladen, die nach Sühne schrie?
Büßte er jetzt für Schwäche und Versagen?
Mit solchen Gedanken befrachtet stieg Faustinus den Berg hinauf, auf engem Pfad, bis zur Baumgrenze. Dort oben, wo der scharfe Wind wehte, stand die Hütte des Lebensweisen - ein karges Reich aus Holz im Stein.
Faustinus pochte an die Tür. Nichts regte sich. Nach einer Weile klopfte er wieder gegen das Holz, schüchtern, ungeduldig, aber auch erwartungsvoll, bis ein
„Wer da? Herein“
ihm Einlass bot.
Der Alte saß sinnend am Fenster die Weite des Tales im Blickfeld. Zufriedenheit erleuchtete das milde Gesicht. Es roch nach frischem Heu. Heimisch heimatlich war es hier, fast alles aus Holz. Schriften aller Art stapelten sich ungeordnet auf dem Tisch, ganz so, als ob die Sinnstruktur der Welt im Chaos schlummerte.
Ein paar optische Instrumente für die Himmelsbeobachtung und ein kleiner Globus in der Ecke signalisierten, dass die kopernikanische Wende auch die entlegensten Höhen der Bergwelt erreicht hatte, während der Ätherwellenempfänger auf die noch zu überwindende Technik verwies, auf die „Kehre“ und den rettenden „Deus ex machina“ dahinter.
An Felix’ Künstlerspelunca erinnerte einiges, der einst ähnlich gelebt hatte im fernen Concordia. Alles im Raum war auf das Wesentliche reduziert, auf das Lebensnotwendige.
Wahres Sein war schlicht - eine harte Pritsche, ein Eimer mit Wasser von der nahen Quelle und die offene Feuerstelle, in welcher ein Flämmchen züngelte. Auf die Ursprünglichkeit kam es an, nicht nur hier oben, sondern an sich und auf die Rückbesinnung auf die eigentlichen Werte, die ein bewusstes Existieren ausmachten.
War es nicht immer so?
Große Geister hatten nicht viel anders gelebt - Empedokles, Heraklit, Diogenes, Sokrates und Epikur!
Alles, was da war, hatte seinen Sinn. Überflüssiges fehlte, wobei die Leere auf das Sein verwies und die Wirklichkeit auf die Eigentlichkeit der Existenz.
„Hier reifen andere Gedanken heran“,
sagte sich Faustinus in aufrichtiger Bewunderung – war das die fromme Einfalt in stiller Größe?
War diese Lebensform die Quintessenz des geistigen Daseins?


Copyright: Carl Gibson

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