Dienstag, 4. Januar 2011

Der Rat der Tiere

Viele Wochen reiste Faustinus durchs Land. So sah er noch mancherlei und begegnete den unterschiedlichsten Tieren, die zumeist sorgenlos und vergnügt in den Tag lebten.
Das „Glück der größtmöglichen Zahl“, ein Staatsziel, an dem im Staat der Wölfe noch eifrig gearbeitet wurde, schien in diesem Eselstaat bereits Realität zu sein; auch ohne Parolen von Freiheit und Sozialismus. Diese Esel hier hatten die Wahl gehabt – und sie hatten gut gewählt, als sie sich für die Freiheit und gegen die Knechtschaft entschieden. Die Freiheit, von der nicht nur die Philosophen redeten, war etwas, was da war und was jedermann überall spüren konnte. Und es war gut, dass es so war, auch wenn die Freiheit ein gefährliches Gut war.
Hatte der Kardinal mit seiner sophistischen Wendung, die Welt sei überall schlecht, nicht doch maßlos übertrieben?
Die selbstzufriedenen Gesichter der Tiere gaben ihm nicht recht; und die vielen Formen positiver Freiheit, die Faustinus nacheinander alle hätte erfahren und ausleben können, auch nicht. Freiheit an sich bedeutete schon Glück! Aber etwas daraus zu machen, sich zu verwirklichen, das konnte zum großen Glück führen. Früher hatte er etwas davon erahnt; jetzt fühlte er, dass es tatsächlich so war.
Endlich konnte er tun und lassen, was er wollte und ihm richtig erschien! Wer hätte ihn hier und jetzt daran gehindert, sich in den Wald zurückzuziehen und als frommer Eremit ein gottgefälliges Leben zu führen, bis in die Stunde des Todes?
Niemand hatte etwas dagegen.
Keiner warf ihn deswegen in ein finsteres Loch; keiner zwang ihn, arbeiten zu verrichten, die er nicht wollte und für die er nicht bestimmt war.
Hier musste er, der angehende Intellektuelle, keine Latrinen reinigen und auch sonst keine Tätigkeiten ausüben, die seiner Würde widerstrebten.

Faustinus wollte sich gerade zunehmend mehr um die eigenen Dinge kümmern, sein Leben planen und das große Glück, als ein konservativer Eselspolitiker an ihn herantrat, um ihn in die Pflicht zu nehmen. Das nationale Interesse, allgemeine Prinzipien der Moral und der Geist der Zeit verlangten danach, dass ein Entsprungener auch vor Gericht aussage und über seine Erfahrungen im Wolfsstaat berichte; dass er nicht schweige, sondern rede über die Diskriminierung der Eselsverwandtschaft und der vielen anderen Minderheiten im finsteren Osten; dass er über Tierrechtsverletzungen berichte und über allgemeine Verstöße gegen die ungeschriebene Charta Tiere überhaupt. Der höhere Kodex der Tierheit verlange danach, ein ethisches Paradigma, das nach dem letzten großen Kriege für alle verbindlich eingeführt worden sei. Der Wille zur Macht einiger Auserwählter und Starker solle von Anfang begrenzt, ja unterdrückt werden, auf dass es künftig keine Übertiere mehr geben würde, sondern nur noch Gleiche unter Gleichen, ganz egal ob sie körperlich groß waren oder klein.
Ein Tribunal sollte einberufen werden am Sitz des Tierrats in der nahen Bergrepublik, in der schönen Stadt am See. Prinzipielle Dinge sollten dort angesprochen, existenzielle Fragen, die alle Tiere betrafen; über Freiheit sollte geredet werden, über Recht und über Gerechtigkeit. Vielleicht auch über die tierische Würde und das Glück.
Konnte ein Pflichtethiker da Nein sagen und sich aus der Verantwortung stehlen, wo es um höhere Prinzipien ging – und um das künftige Glück der Vielen dahinter?
Die Freiheit verkam, wenn sie nicht erhalten wurde, indem man für sie stritt. Das war Faustinus seit langer Zeit bewusst. Also wusste er auch, was er jetzt zu tun hatte, selbst wenn der „lange Arm der Revolution“ drohend und vergeltend nach ihm greifen sollte.


Bald war es soweit. Die Abordnungen der Tiere reisten an aus aller Welt und Faustinus aus der Republik der Esel. Die Lebensgeschichte des Sylvaniers war bald erzählt. Wie schon so oft, berichtete er ausführlich von der heilen Welt der geborgenen Kindheit im Stall, von der Reise, von den Bedingungen und Umständen des Widerstands im Wolfsstaat, vom Bau des Schutzwalls mit den scharfen Palisaden und des Wassergrabens zum Meer, vom Alltag der Tiere, von der Jagd nach dem Knochen, von Pawlow, vom berechtigten Aufruhr der Entrechteten, von den Schutzflehenden und von den trüben Erfahrungen im Loch. Faustinus schilderte fast alles aus der Sicht des Augenzeugen, der einiges gesehen und auch manches auf der eigenen Eselhaut gefühlt hatte. Die meisten Tiere im Plenum hörten fasziniert zu. Grauen und Staunen vermischten sich in ihren Gesichtern. Andere wirkten fassungslos apathisch.
Doch ein paar verneinende Geister glaubten ihm nicht und schrien aufgebracht dazwischen:
 „Lügner“,
kläffte ein Schakal:
„Das ist doch alles nur ersponnen und erdichtet. Es gibt keine Tierverletzung im Staat der Wölfe. Ich selbst war einmal dort und bin recht trefflich bewirtet worden. Wölfe sind großartige Geschöpfe. Und jeder Rechtsbruch liegt ihnen fern!“
Die Hyänen klatschen zustimmend Beifall; nicht anders die Chamäleons und Warane im Saal, die Wendehälse, die Basilisken und die Harpien. Der sylvanische Esel war für sie Partei – und er redete nur über Dinge, die andere Esel hören wollten.


Eine Marionette war er in ihren Augen, ein Popanz, der tanzte, weil der Puppenspieler geschickt an den Fäden zog, ohne dass der tumbe Tor das Spiel durchschaute.
Faustinus aber fühlte sich frei – und nur der Wahrheit verpflichtet, der ganzen Wahrheit, zumindest der eigenen Perspektive.
Andere Tiere ereiferten sich und riefen wild dazwischen, fast wie damals in der Wolfsburg, als der Protest der Tiere losbrach.
Meinungen gab es viele im Gremium. Jede Abordnung hatte eigene Vorstellungen, wie mit den angeblichen Tierrechtsverletzungen im Wolfsstaat ungegangen werden sollte.
„Wir müssen sie anprangern! Und wir müssen es einem ausgewogenen Tribunal überlassen, sie zu sanktionieren oder sie zu verurteilen!“
meldete sich ein Falke, der schon früher eine Konferenz für Tierrechte ins Leben gerufen hatte.
Der große Kondor hinter ihm nickte zustimmend. Und auch andere Tiere pflichteten ihm bei.
„Freiheit und Brüderlichkeit!“ quakten selbst die Frösche.
„Und Selbstbestimmung und Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten“,
hielt die Hyäne erneut dagegen.
Grüppchen formten sich und kleine Parteien. Die einen waren pro, die anderen waren kontra – wie im richtigen Leben.
Plötzlich durchschallte lautes I – Aaa den Raum. Es klang schrill und kontrovers. Jeder der Eselsstaaten hatte einen Abgesandten geschickt, um seine Interessen zu wahren und die Prinzipien der eigenen Weltanschauung in aller Öffentlichkeit zu verteidigen.
„Frei nur ist, wer von seiner Freiheit Gebrauch macht!“ meldete sich ein Bergesel aus der heimischen Alpenregion, der genau wusste, wie man in der Auseinandersetzung mit den Mächtigen der Welt an der eigenen Freiheit festhält und am kleinen Glück. Dabei beruhigte ihn die gespannte Armbrust im Schrank und an die scharfen Pfeile im Köcher, die anders trafen als Cupidos Geschoss.
„Aber nur unter der Wahrung immerwährender Neutralität“
schränkte ihn ein anderer Esel aus der benachbarten Residenz ein. Faustinus horchte auf.


Diese unverkennbare Stimme mit dem prägnanten I –Aaa- Zungenschlag und dem unverkennbaren Schmäh hatte er doch schon einmal vernommen.
Und tatsächlich. Der vornehme Herr aus dem Park mit dem roten Kulturstrick am Hals versuchte hier wirklich, die Lage zu entkrampfen und auf Entspannung zu setzen. Nach der letzen großen Eselei war Völkerverständigung angesagt, nicht Konfrontation. Sicher gab es irgendwo die Möglichkeit eines Kompromisses, eine Lösung, die alle Seiten das Gesicht wahren ließ? Denn das Gesicht verlieren wollten weder Wölfe noch Bären. Schließlich waren sie daran gewöhnt, nur Andersdenkende an den Pranger zu stellen und abzuurteilen.
Letztendlich wunderte es den Waldesel aus Siebenbergen nicht mehr, als die Delegierten der „Replik der guten Esel“ gegen eine mögliche Klageerhebung votierten und die so genannten „bösen Esel“, die ihm Asyl gewährt hatten und eine neue alte Heimat, dafür stimmten.
Die Welt der Tiere war gespalten, vielfach gespalten. Es gab eine kalte Hemisphäre und eine warme; es gab Tiere mit wenig Futter und Tiere, die im Überfluss lebten; es gab ein „Reich des Bösen“ und ein „Reich des Guten“.
Wer, wo angesiedelt war, das war strittig.
Je nach Perspektive veränderten sich auch die Wahrheiten und die Bewertung der Wahrheiten.
Welcher Staat war wirklich neutral, welcher wahrhaftig demokratisch? Und hatten die scheinbar Guten endgültig den Verbrechen entsagt, für die sie die Bösen von Gestern angeurteilt hatten?
Faustinus wusste es nicht! Aber er hoffte, dass es so war, weil er als Idealist alter Schule den Glauben an das Gute aufrechterhalten wollte. „Wenn mir die große Liebe versagt bleibt, dann klammere ich mich immer noch an Glaube und Hoffnung“,
sagte er sich der Esel und fuhr fort, seine Version zu erhärten.
Obwohl der Botschafter der Bären heftig mit einem Holzpantoffel auf das Pult haute und lauthals „Nein“ schrie und „Veto“ wie die alten Römer, bildete sich eine große Mehrheit in der großen Vollversammlung des Tierbundes, die für eine Weiterverfolgung der Anschuldigungen stimmte. Die realistische Schilderung der Hetzjagd, des Aufruhrs und der Marter im Loch, den die vielen verwandten Tiere und Artgenossen ausgesetzt waren, hatte ihre Herzen erreicht. Mitleiden reichte nicht mehr aus, um Probleme zu lösen. Konkretes Handeln war angesagt, auch wenn das noch mehr Spannung schuf und aus einem kalten Krieg bald einen heißen machen konnte.
Prinzipien konnten nicht einfach so auf dem Altar der Unfreiheit geopfert werden.
Bevor Anklage erhoben wurde, sollte, als kleinstgemeinsamer Nenner und möglicher Kompromiss, eine Untersuchung angesetzt werden, die mehr Transparenz und Offenheit versprach. Mit diesem Zwischenergebnis im Gepäck schied der Sylvanier aus der schönen Stadt am See mit der Fontäne, die in das Licht des Himmels schoss, der Sonne entgegen.
Während Kommissionen tagten, Briefe hin und her gingen, während alle Welt auf einen Leitwolf blickte und auf die politische Kunst, mit welcher der Gefräßige sein armes Land regierte, schiffte sich Faustinus ein und reiste auf dem großen Alpenstrom hinab zum Meer, wo er Einkehr hielt und über viele Dinge nachdachte.
Er hatte seine Schuldigkeit vorerst getan, als Esel und als Tier; und er hatte sein Gewissen erleichtert, einem höheren Zweck verpflichtet. Je mehr Licht hinter die Mauer fiel, desto instabiler wurde die Welt der Dunkelheit.
Die Spechte hämmerten. Allmählich wurden die Löcher durchlässiger und manche Tiere freier.


Copyright: Carl Gibson

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