Dienstag, 4. Januar 2011

Eigentlichkeit in Einsamkeit

„Was führt dich zu mir, Esel?“
fragte der steingraue Alte im Tonfall des väterlichen Freundes.

„Die Verzweiflung, verehrter Meister, die nackte Verzweiflung!
Alle meine Ideale sind dahin – und mit ihnen die Hoffnung!
Die Leere greift nach mir, das kalte, grause Nichts des Nihilismus –
der Horror vacui und der Mittagsdämon der Melancholie!“

klagte Faustinus, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.
Euphemismen waren hier fehl am Platz. Die Seele schmerzte – und er musste aussprechen, wie sehr er litt, obwohl er kein großer Dichter war. Als Faustinus merkte, dass ihm hier mehr als nur ein Ohr geliehen wurde, fing er an, seine etwas krumm geratene Lebensgeschichte auszubreiten mit all ihren Höhen und Untiefen, mit all den Aufs und Abs durch die Zeit, die den Lebenslauf ausmachten. Ein vollständiges Bild der Welt, aus der er kam, wollte er nicht einfangen, weil das nicht möglich war, doch einen Querschnitt daraus. Er blendete weit zurück und berichtete von der heilen Welt Concordias, vom despotischen Reich der Wölfe, von den Erfahrungen auf der Wanderschaft zum Meer, von den Heimsuchungen des Unbewussten, von dem Albdruck, der ihn belastete, von den vielfachen Verfolgungen, von Gewissensqualen, von Unruhe, Rastlosigkeit, von seinem Getriebensein.
Unverblümt berichtete er von den Schrecknissen im Wald, die seine Seele so nachhaltig erschüttert hatten. Schließlich kam er noch auf die Leiden aller Hilflosen und Ohnmächtigen im Loch zu sprechen, die sein Gewissen belasteten und der eigenen Glückseligkeit im Wege standen. Das Unglück der Welt, klagte er, mache auch ihn glücklos und erfülle ihn mit Leere. Seitdem der Glaube an die hohen Ideale gewichen sei, erfüllte ihn nur noch tiefe Trauer, eine sonderbare Melancholie, die ihn unfähig mache, große Gedanken zu denken und Bedeutendes zu leisten in Geist und Kunst. Nicht nur profane Gestalten aus Wirtschaft und Gesellschaft seien innerlich hohl und ausgebrannt, folgerte er, sondern auch Schaffende in ihrem gehemmten Drang.
So fühlte er!
Und Faustinus klagte noch heftiger, als er fühlte, wie das Reden befreite. Der Freund der Weisheit ließ ihn ausreden. Dann sagte er ruhig, doch mit leicht ironischem Unterton:
„Immerhin hast du schon erkannt, dass nichts konstant ist auf der Welt. Alles im Fluss – Panta rhei!
Auf immer und ewig. Selbst dein Selbst ist dem Wandel unterworfen. Greife nicht länger nach der Statik des Systems, nach der harmonischen Ordnung des Ganzen. Denn die gibt es nicht - eine Chimäre ist sie, ein Trugbild und Spiegelung des Scheins.
Lerne, mit dem Wandel zu leben, mit dem Werden und dem Neuwerden, mit der Offenheit in allem, auch im Denken.“

„Aber ich brauche doch ein Ziel, einen Sinn, Werte, an die ich mich klammern kann…“
winselte Faustinus wie ein Kranker, der nach dem heilenden Therapeutikum giert.
„Selbst ein Waldesel braucht ein Ziel, wenn nicht alles im Nichts zerfließen soll!“
„Vielleicht befreiest du dich aus der reinen Sphäre des Denkens und richtest Geist und Fühlen auf Bereiche, die du noch nicht erschlossen hast – auf die allmächtige Natur! Und auf die große Kunst, die lang ist, länger als unser Leben … Vielleicht erwachsen dir aus der Naturerkenntnis ein künstlerisches Schaffen und ein Werk, das sinnsetzend wirkt wie die Tat!“

Natur, Kunst – das waren tatsächlich Begriffe, die bisher von Eigennutz und gesellschaftlichen Fragen verstellt worden waren. Das waren andere Welten, neue Welten!
Doch was bedeuteten sie Faustinus, dem künftigen Werdegang? Offensive oder Rückzug?
Neue Prioritäten. Offenheit und Wechsel?
Heraklit statt Parmenides?
Jedenfalls war es der Wink mit dem Zaunpfahl, die Existenz weiter und tiefer auszuloten und nicht zu früh zu resignieren. Alles war eine Sache des reifen Bewusstseins, auch der Rückzug in die Einsamkeit.
„Lass’ uns ein paar Schritte durch den Wald gehen, ins Holz hinein. Holzwege sind nicht immer Sackgassen, sondern auch Wege, die dich im Leben halten – wie die Chance, die aus der Krise erwächst.
Der Weg schon ist ein Ziel.
Und die Gedanken sind reiner und klarer hier oben, gleich dem Blick über das Tal, der uns manches überwinden und vergessen lässt.
Hier oben im Licht lichtet sich auch das Denken.
Deshalb entstehen meine Werke gerade in dieser Abgeschiedenheit – und hier in diesen Einsamkeiten sollten sie auch gelesen werden.“

Faustinus spitzte die langen Ohren und lauschte mit Andacht, während der Alte strahlend schmunzelte im Gefühl, verstanden zu werden. Sie redeten noch hin und her – schwere Begriffe fielen, Begriffe mit Tragweite verbunden mit Anregungen, die dem aufgestiegenen Hoffnungslosen verdeutlichten, dass er immer noch am Anfang stand, stets am Rande des Abgrunds.
Allmählich erkannte Faustinus die befruchtende Wirkung der Einsamkeit und sah ein, dass Einsamkeit und Geselligkeit sich bedingende Phänomene darstellen.
Die reife Botschaft entströmte der Überfülle der Einsamkeit im wohl reflektierten Wort, welches das Wort eines Dichters und Denkers war. Das innere Glück des im Einklang mit der Natur lebenden Weisen spiegelte sich in den gütigen Zügen des Alten, die auch jetzt mild und versöhnlich waren. Das Glück leuchtete aus ihnen hervor wie das Licht der aufsteigenden Sonne an einem klaren Wintermorgen.
Bevor der Suchende schied, sah ihn der Eremit, der auch schon manche Irrungen durchlebt hatte, lange an, so als ob er die Tiefen seiner Wesenheit ergründen wollte, dann sagte er im sanften Ton des abgeklärten Weltbürgers:

„Gehe ihn zielstrebig weiter, deinen Weg der Erkenntnis.
Irgendwann wirst du dich entscheiden müssen, ob du der Welt weiterhin zugewandt lebst und für sie oder ob auch du dich zurückziehst in die Einsamkeit der reinen Kontemplation und in die Einsamkeit des Schaffens.
Du hast, wie es mir scheint, eine zarte Seele, die Seele eines Künstlers. Überlege deshalb, ob die profane Welt der Politik, in die du geraten bist, dich wirklich glücklich machen wird im Leben, ob die allzu gestrenge Wissenschaft das vermag oder die Kunst.
Das Wesentliche und deine ureigene Wesenheit musst du selbst herausfinden.
Vielleicht kannst du dann eines Tages etwas von dem, was du erkannt hast, an andere weiter geben, in welcher Form auch immer.
Kläre auf, Freund, und berichte anderen, was dir zugefallen ist an Erkenntnis. Denn die Unwissenheit, unser großer Feind, muss stets aufs Neue überwunden werden.
Wo Unwissenheit herrscht, haben Lüge und Täuschung freie Bahn. Dichter, Denker, Tonsetzer aber sind Schaffende – sie alle vermitteln die göttliche Botschaft wie Hermes.
Handle so, wie es dir dein Gewissen befiehlt – und nach den Gesetzen, die aus deinem Inneren stammen.
Doch handle – ungeachtet des Beifalls, der vielleicht ausbleibt.
Esel haben große Ohren und ein sensibles Gemüt. Aber sie haben auch einen verstockten Geist, der schwer ist wie die Last, die sie unfreiwillig tragen.
Finde heraus, was dein Sein in der Eigentlichkeit ausmacht – und lebe dann danach, konsequent Tag für Tag. Nicht der Schein des Scheins bestimmt, sondern dein Selbst, das dich führen und geleiten wird in dunkler Nacht wie eine leuchtende Fackel.
Erkenne dich selbst, finde den Urgrund deines Wesens und werde glücklich!“

Nach diesen etwas delphisch anmutenden Worten, die klangen wie die segnende Absolution der Prediger in den Tempeln, machte der Eremit eine längere Pause, so als ob er überlegte, der Weissagung noch etwas hinzuzufügen, etwas, was auf die Brutalität der Existenz verwies und auf die Gnadenlosigkeit der Welt, der alle unterworfen waren, die Zarten und die Groben. Schließlich warnte er im Ton leichter Verachtung mit der Zunge Zarathustras:

„Viel Heuchelei ist in der Welt und Niedertracht. Folge deinem Pfad, auch wenn sich Wegelagerer dir entgegenstellen und finstere Gesellen. Doch nicht sie sind deine wahren Feinde, sondern jene, die aus den Hecken schießen, statt mit offenem Visier zu kämpfen. Die Dunkelmänner aus dem Verborgenen fürchte, die Scheinheiligen, denn in ihnen ist viel Arglist und teuflische Bosheit. Wenn du nicht wachsam bist, werden sie dich vernichten.“



Copyright: Carl Gibson

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