Montag, 3. Januar 2011

Ein Wolf im Dienst der Esel

Der Zug ratterte durch die Nacht.
Gegen Morgen erreichte er wieder Grenzland. Schäferhunde stiegen zu und beschnupperten alles. Wonach sie wohl suchten? Dann folgten Esel in grauer Uniform.
„Ausweise vorzeigen“,
sagte einer der Grenzoffiziere im martialischen Ton und musterte dabei Faustinus mit einem stechenden Blick, der ihn zurückschrecken ließ:
„Wohin des Weges, Bursche?“
 erkundigte sich der Grenzer bestimmt.
„In die Republik der Esel will ich“,
antwortete der Reisende im grauen Fell selbstbewusst.
„Und in welche?“
kam es militärisch zurück. Unschlüssig, was er antworten sollte, zauderte Faustinus einige Augenblicke überlegend, was er erwidern sollte, ohne aufzufallen und anzurecken. Denn noch war er nicht am Ziel. Der Ton missfiel ihm ebenso wie der allzu bohrende Blick des Grenzers. Als der Soldat merkte, dass es mit der politischen Bildung des fremden und doch vertrauten Artgenossen nicht weit her sein konnte, erinnerte er sich seiner Mission und sagte dann fast schon mit einladend verführerischer Stimme:
„Hier, bei uns, im demokratischen Teil des Vaterlandes, leben die besseren Esel.
Nur Tiere, die gleich sein wollen; die jede Form von Ausbeutung eines Tieres durch ein anderes Tier ablehnen. Esel, die in freier Selbstbestimmung unter der weisen Führung der Einheitspartei und des obersten Esels eine neue Gesellschaft aufbauen wollen; eine Gesellschaftsordnung, in der auch die Ochsen und die Schweine gleichberechtigt am großen Endziel mitarbeiten dürfen!“
Viel Leidenschaft lag in den Ausführungen und der gesunde Patriotismus eines Esels, der seinen Staat wirklich liebt. Bestimmt hatte er das alles nicht zum ersten Mal vorgetragen.
„Schau in dieses Land“,
fuhr er verkünderisch fort, mit dem Pathos eines Propheten, der Milch und Honig verspricht, ohne zu ahnen, dass dieser Reisende durchaus den satanischen Unterton heraushören konnte.
Öffne deine Augen und vergegenwärtige dir die blühenden Landschaften, die in kurzer Zeit aus den Ruinen entstanden sind, dank der weisen Führung der Partei…und der Arbeit aller Esel …“
Die Worte des Demokraten erinnerten fern an die Leierkastenmusik, und sie riefen Töne wach, die Faustinus noch unlängst im Staat der Wölfe, vernommen hatte.
Das Lied der Lüge und der Heuchelei hatte eine ganz bestimmte Tonart. Und wer sie einmal im Ohr hatte, den täuschte sie nicht mehr. Versprechungen und ewige Vertröstungen?
Davon hatte er längst genug.
Doch wie sollte er den Monolog parieren, ohne selbst zu heucheln?
Also sagte er garnichts. Faustinus schwieg beharrlich und blickte auf das Meer der grauen Wohnburgen hinaus, an denen der Zug gerade quietschend vorüberrollte. Als der Grenzoffizier endlich gegangen war und der Zug weiterfuhr, quer durch das wechselvolle Land, saß Faustinus immer noch nachdenklich in sich versunken am Fenster und machte sich so seine Gedanken, ohne zu wissen, dass dieser noch junge Staat fortschrittlicher Esel seine gesamte innere und äußere Sicherheit einem Wolf anvertraut hatte.
Doch was war schon dabei?
War nicht anderswo auch der Bock als Gärtner tätig?
Wölfe wussten offensichtlich am besten, was gut war und was Lämmern, Ferkeln und Eselchen nützte.
Und tüchtige Wölfe wie jener im Sold der progressiven Esel, der dachte, handelte und sogar schrieb, beförderte das Wohl aller umso mehr – als Gleicher unter Gleichen natürlich.
Soweit die graue Theorie. Die Wirklichkeit jenseits des Fensters aber hatte nur noch wenig mit Frühling zu tun, noch weniger mit Brüderlichkeit, mit Sonne und Freiheit.
Die Verdammten der Erde waren immer noch da – und auch der Hunger, vor allem jener nach Freiheit!
Dafür war hier viel in Vergessenheit geraten. Die Werte des Aufbruchs, das gleiche Tierrecht für alle! Davon sprach längst keiner mehr. Als aufmerksamer Beobachter seiner Zeit sah Faustinus noch mehr von der grauen Wirklichkeit, davon einiges, was ihn wieder an die triste Wolfsburg erinnerte und an die imaginäre Utopie eines entstehenden Lichtstaates, der den Vielen nur Unglück brachte.
Faustinus sah lebendige Bilder an sich vorüberrollen – wie im Kino. Er sah bewegte und bewegende Szenen aus dem tatsächlichen Leben. Und er sah auch, wie überstörrische Esel im Stechschritt durch die Straßen paradierten, wie Pioniere Lobeshymnen intonierten und wie ganze Kolonnen von Trageseln, mit Steinen und Schaufeln bepackt, dem Schicksal ergeben zu den Baustellen marschierten.
Die Untertanen zogen müde dahin, einige von ihnen wieder jene Transparente schwingend, die Faustinus in der alten Kaiserresidenz so schmerzhaft vermisst hatte.
Die vertrauten Parolen aus dem Wolfsstaat waren wieder da - doch keine der Aufschriften und Losungen wies auf Freiheit hin, auf Tierrechte, auf Recht und Gleichheit vor dem Gesetz. Brüderlich verbunden war man wohl auch nur mit den mächtigen Schwarzbären im Osten, denen selbst die Wölfe gehorchten.
Während der Zug langsamer wurde und fast gemächlich durch die größeren Städte schlich ohne anzuhalten, vernahm der aufmerksame Ausreißer noch manches, was ihm das Blut in den Venen gefrieren ließ: Säbelgerassel, martialische Gesten der Kampfbereitschaft und das immer wiederkehrende Seid bereit!
Es schien so, als könnten die weltanschaulich anders gearteten Adler und Gänsegeier jederzeit einfallen, die Republik der Esel besetzen oder sie ganz in Schutt und Asche legen.
Früher nach dem großen Krieg, als in gemeinsamer Anstrengung der Schutt der Ruinen beseitigt und die ersten Apfelbäumchen gepflanzt  worden waren; als der Aufbruch noch mit den Händen zu greifen war und das Gottvertrauen noch in eine neue Zeit wies, sangen die Werktätigen noch aus voller Brust zukunftsweisende Lieder der Versöhnung wie „Brüder zur Sonne, zur Freiheit!“
Inzwischen aber stiegen andere Signale zum Himmel empor, weniger friedfertigere, ja kämpferische. Ein zweiter großer Krieg war zwar auch zu Ende, doch der alles entscheidende Kampf um den richtigen Weg aller Kreatur in eine lichtvolle Zeit hatte erst begonnen. Aufputschende Reden und lebhafte Schimpftiraden drangen an das sensible Eselsohr, verbale Attacken, die sich gegen angebliche Revanchisten richteten, gegen fremde Imperialisten, gegen die obskuren Feinde des Animalismus, gegen die mörderischen Falken und Geier vor der Tür. Faustinus staunte. Denn manche Parolen klangen sogar noch überzeugender als jene im Staat der Wölfe.
„Wenn Esel etwas angehen, dann tun sie das beharrlicher und gründlicher als alle anderen Tiere“! Das hatte man ihm früh eingeschärft, in der Hoffnung, einen tüchtigen Esel aus ihm zu machen. Etwas von dieser meisterhaften Tüchtigkeit auch in der Vernichtung war hier zu erahnen – der starre Blick geradeaus, der Marsch im Stechschritt und das zur Seite gelegte Gehirn!
Das waren aussagekräftige Tugenden der Neuzeit, die an Sparta erinnerten, an den Kampf der Arten und an da „survival of the fittest“!
Wie sollte man dabei nicht traurig werden?
„Ach, Freunde, nicht diese Töne! Lasst uns angenehmere anstimmen und freudenvollere“ …
sagte sich der immer auf Versöhnung bedachte Melancholiker. Er hatte schon zu viel gesehen und gehört.
Und er sah noch mehr, was ihn trübsinnig machte. Wohin Faustinus auch blickte; überall sah er traurige Esel zurückgelassen im Paradies, mit wehmütigen Blicken dem Zug in die Freiheit folgend. Viele sehnten sich nach einem Wert, den sie auf der anderen Seite der Grenze vermuteten, ausgerechnet im weniger demokratischen Bruderstaat, der so nahe lag und ihnen doch ferner war als der Mond, weil eine dicke, undurchlässige Mauer dazwischen war und eine Sense, die alle niedermähte, was im Streifen angetroffen wurde.
Was war aus dem Hammer geworden?
Und was aus der Sichel?
Der Tod ist ein Meister aus …
Makaber, makaber …
Unter dem ledernen Eselfell zog eine Gänsehaut auf wie damals auf der Reise, als er die Steinbrüche erlebt hatte, die Arbeiten am Kanal und am Grenzwall. Hinzu kam noch das Selbsterfahrene im Loch. Im Bauch kribbelte und rumorte es wieder unangenehm. Das alles waren zuverlässige Indikatoren. Kein Wunder, dass er überhaupt keine Lust verspürte, an einem der traurigen Bahnhöfe auszusteigen, um hier am Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung mitzuwirken.
Ob Arabella vielleicht hier ausgestiegen war?
Die dicken Koffer der Familie zeugten von einem gesunden materialistischen Instinkt – sie sprachen dagegen.
Also reiste Faustinus weiter und stieg erst aus, als er harmonische Blasmusik hörte, vertraute Klänge der Kindheit und ein gemütlicheres I – Aaa aus vielen Kehlen.
Eine Dorfkapelle spielte auf und unbekümmerte Esel tanzten um ein dickes Fass herum, um eine Bütt. Sie alle waren guter Dinge; sie lachten und sie freuten sich. Vermutlich feierten sie ein großes Eselsfest – sie feierten Kirchweih!




Copyright: Carl Gibson

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