Dienstag, 4. Januar 2011

Eine große Liebe und ein großes Unglück

Der Zeit des Wiederfindens folgten viele Tage der Wonne  – zwei junge Eselskinder in totaler Freiheit in der Idylle des Locus amoenus … - eine unbeschreibliche Situation. Und die gestrenge Eselsmutter war weit. Faustinus vergaß nun das erste Mal in seinem kurzen Leben für eine längere Weile alle seine großen Ideen und verlor sich im Taumel der Gefühle.
Kurz nach der Ankunft am schönen Ort hatte er mit der Niederschrift einer „Abhandlung über die Freiheit“ begonnen. Er behandelte darin die hohe Idee als großes „Thema mit Variationen“ und lotete alle Spiegelungen, Nuancen und Facetten des Freiseins von etwas und der Freiheit zu etwas so lange aus, bis die Euphorie verflogen und der Rausch verrauscht war.
Nunmehr aber legte er die graue Theorie zur Seite und schrieb genauso vernünftig und nachvollziehbar über des Lebens grünen Baum – er verfasste einen „Traktat über die Liebe“!
Liebe, Freiheit, Nächstenliebe! Das waren jetzt seine großen Themen – und hinter allem lockte Kunst, die Poesie und als unmittelbare Offenbarung des Göttlichen: die Musik. Sie sollte sein eigentliches Feld werden. Und da er inzwischen erkannt hatte, dass ein Liebeglück nicht unendlich ausgedehnt und erhalten werden kann, beschloss er dem flüchtigen Augenblick etwas Ewiges entgegenzustellen, etwas Sinnsetzendes, was lange Zeit anhielt, was ihn erfüllte und stärkte und auch den anderen nutzte, ein Kunstwerk!
Am besten gleich ein Gesamtkunstwerk! Geist und Poesie sollten zusammenfließen, sich mit der Musik verbinden, um dann, im alchemistischen Prozess zur höheren Wahrheit zusammengeschweißt, die empfindsamen Seelen der Esel zu erreichen und irgendwann auch ihren Verstand.
Die Theorie des Ganzen begründete er in einer eigens abgefassten neuen „Ästhetik“, aus der für jedermann ersichtlich war, dass seine ideelle Substanz über das System hinausging und mit offenen Strukturen arbeitete, die nicht zufällig waren, sondern streng durchdacht wie die „Kunst der Fuga“, die er immer wieder auch außerhalb der Musik hatte beobachten können.
Faustinus hätte alles auch einfacher angehen und eine kleine Fabel schreiben können unter dem Titel: „Ein Esel unter Wölfen“, ganz nach dem Motto: In der Kürze liegt die Würze! Oder, mit etwas mehr Mühe und Denkarbeit und frei nach Pico della Mirandola, eine Abhandlung: „Von der Würde des Esels und von seiner Mittelpunktstellung im Kosmos“.
Auch hätte er ein Märchen verfassen können mit einem nie einsamen Helden, mit einem ewig gut gelaunten Esel, der Dukaten spuckte, wenn man richtig an seinem Schwanz zog, über einen „glücklichen Goldesel“, der andere Esel magisch anzog – der keinen Schmerz kannte und keine Melancholie. Oder er hätte auch einen „modernen Eselsroman“ verfassen können, einen „historischen Eselroman“, in welchem ein wahrhaftig existenter Esel über die Zeit reflektiert. Damit hätte er sicher eine „neue literarische Gattung“ begründet, die die Zeit und das Denken der gelehrten Esel an den Akademien des Landes auf Jahrzehnte schwer beansprucht hätte.
Doch nein!
Faustinus wollte dem großen Zauberer nacheifern und ein Gesamtkunstwerk hervorbringen, wie es die Eselheit noch nie gesehen hatte!
Wahnsinn war das!
Das war seine Hybris!
Und gar sein Untergang?
Doch danach fragt ein Genie nie. Es handelt, weil es nicht anders kann. Also machte sich der angehende Tonsetzer an die Arbeit. Faustinus arbeitete in einsamer Abgeschiedenheit manchmal rund um die Uhr wie ein Getriebener und bis in Tiefe der Nacht hinein - so intensiv und lange, bis Arabella, vom ewigen Summen und den Selbstgesprächen aufgeschreckt, missmutig wurde und aufschrie:
„Mach das Licht aus und komm her ins Bett!“
Manchmal erwartete die Unersättliche vom ihm Dinge, die er nicht leisten konnte. Der ewig potente Esel des Mythos war eine Sache, die Realität des tatsächlichen Lebens war eine andere.
In Studien vertieft und mit großen Entwürfen beschäftigt, plätscherten ein paar Jahre dahin. Während der Liebende ganz nebenbei an den höheren Schulen des Landes nach der Weisheit suchte und nach einem höheren Sinn, ohne auch nur eines von beiden zu finden; während er, zum stattlichen Esel heranreifend, immer noch versuchte, aufklärend und ethisch handelnd die Welt zu verbessern, ganz nach der alten Überzeugung, jeder wahrhaftige Esel, der sie betrete, müsse etwas zu ihrer Vervollkommnung leisten, bevor er wieder abtrete, ganz egal in welchem Bereich, spielte Arabella verträumt auf dem Klavier, lies die Saiten der Harfe erklingen und ganz selten gar die eigene Stimme.
Wie oft hatten böse Zungen behauptet, Esel könnten überhaupt nicht singen. Arabellas Gesang war die Gegenprobe, die das Gerücht als grobes Vorurteil entlarvte. Kein lieblicheres I-Aaa war je an ein Eselsohr gedrungen, als an dem Tag, an dem Arabella zu ihrem Harfenspiel sang. Als Liebende auf die Minne gelenkt, las sie Troubadourlyrik und die einsamen Verse eines Walter von der Vogelweide; sie studierte die Einsamkeiten in Vincents Farben, ferner Rembrandts Schatten und Licht und vieles von großen Meistern anderer Kunstrichtungen mit so viel Eifer, dass ihr schon bald dabei die Lust am Studieren verging.
„Die Kunst macht traurig“,
folgerte sie eines Tages voller Resignation.
„Nicht Erhöhung und Aufstieg leistet die Kunst, sondern vielmehr den Niedergang führt sie herbei!
Wer sich mit einer Künstlerseele einlässt, ist selbst dem Untergang geweiht!“
schloss sie bald darauf und blickte argwöhnisch zu dem Verliebten hin, der gerade am Kopfsatz seiner großen „Freiheitssymphonie“ arbeitete, die dem Gesamtkunstwerk als Ouvertüre vorangestellt werden sollte. Allmählich hatte sie das Gefühl, links liegen gelassen zu werden. Nicht mehr der Muse galt die Muße, sondern nur noch der Kunst. Sie kam sich missachtet vor und unnütz wie das „fünfte Rad am Wagen“, vor allen dann, wenn Faustinus Freunde kamen, Freidenker und Künstler aller Art. Was wurde da aus ihrer eigenen Individualität?
War sie, die kreative Diva mit den vielen Kunstfertigkeiten, weniger wert als ein abstraktes Kunstwerk, das doch nur aus Ideen bestand und verirrten Emotionen?
Wie konnte dieser Esel von Welt, der einst ein feuriges Vollblut war, strotzend vor Sinnlichkeit und Vitalität, jetzt Fleisch und Blut derart verachten und sich auf einmal nur noch dem Wohlklang hingeben und dem Schönen Schein?
Was sollte das Geschwätz von der göttlichen Offenbarung über die Musik?
Konnte Musik wirklich Ideen transportieren und Programme?
Eine „Symphonie der Freiheit“?
Welch ein Hohn!
Mehrfach versuchte Arabella den Getriebenen von seinem unseligen Tun abzubringen, seine Manie zu bremsen und zu heilen. Sie bemühte Argumente und alle ihre Reize. Doch Waldesel Faustinus blieb stur und bei seiner Kunst, die er nicht stärker liebte als die Angebetete im Stroh, sondern nur anders.
„Erst die Verbindung der Liebe zum Nächsten mit der Liebe zur fernen Welt der Kunst macht wahrstes Eselsein aus!“
postulierte er versöhnend, um die aufziehenden Eifersüchteleien zu entkräften. Doch es half nicht mehr viel. Arabella verfiel den Heimsuchungen der Desillusion. Zunehmend sah sie die Welt nüchterner und sich selbst zum Handeln gezwungen. Es musste endlich Schluss sein mit den Irrationalismen und Fantastereien!
Eines Tages, als der poetische Tonsetzer auf der Suche nach neuer Inspiration im Wald unterwegs war und dem Gesang der Vögel lauschte, fasste sich Arabella ein Herz, riss die fast schon vollendete Partitur an sich und warf die „Symphonie der Freiheit“ kurz entschlossen in den lodernden Kamin.
Als Liebende musste sie den Dahinsinkenden vor dem Verderben bewahren; retten musste sie ihn; und ihn zurückholen in die Realität der tatsächlichen Existenz, denn die Kunst, das fühlte sie immer deutlicher, war kein Spiel mehr und kein gelinder Zeitvertrieb, sondern bitterster Ernst und Untergang.
Dann wäre sie mitgerissen worden in den Strudel!
Also rettete sie sich, indem sie ihm die Rettung nicht versagte – schließlich ist „alles was entsteht, auch wert, dass es zugrunde geht“, sagte sie sich und stocherte dabei wild in der Glut. Als der Tondichter kurz darauf das Zimmer betrat, konnte er gerade noch entsetzt dabei zusehen, wie die Flammenzungen den letzten Rest seines Schaffens verzehrten und alles zu Asche zerfiel.
„Was hast du getan, Unglückliche!“
schrie Faustinus auf, als er sah, dass der Teufel nun auch die Komposition geholt hatte:
„Mein Lebenswerk ist zerstört!
Nie mehr werde ich die gleichen Motive auf die gleiche Art gestalten können!
Einmal umgesetzt, sind alle Ideen verraucht; verloren sind sie und unwiederbringlich für alle Zeiten zerstört!
Mein Werk ist mit dahin!
Mein Schaffen und meine Lebenszeit, die endlich ist wie die Kraft meiner Jugend!
Ein alter Esel schafft solch Werk nicht mehr, wie ich es der Eselheit geschenkt hätte!
Mich hast du mit zerstört!
Denn was bin ich ohne mein Werk, das auch anderen gesagt hätte, wer ich eigentlich bin?“
Ja jammerte Faustinus und raufte sich die Haare. Die Seele hatte man ihm aus dem Leib gerissen, sein Innerstes zerstört! Was wussten andere vom Verlust des Kreativen, vom Schmerz des Verlustes?
„Gerettet habe ich dich, Unseliger!
Und dem Erblindeten gab ich zurück der Augen Licht“
rechtfertigte Arabella ihre Tat. Tiefstes Pathos erfasste sie und das bittere Leid einer verkannt Liebenden, der bald in Verbitterung umschlug. Faustinus merkte den Wandel wohl, konnte ihn aber nicht deuten. Zu groß war der eigene Schmerz über den unwiederbringlichen Verlust, der seine gesamte Existenz aus den Angeln zu heben schien.
Verzweiflung umgab ihn und Todessehnsucht. Von der Stunde an nahm ihn eine dunkle Melancholie gefangen und ließ ihn lange Zeit nicht mehr los. Die Schwermut lähmte sein Denken und Handeln fast vollkommen bis zu jenem Tag, an dem Arabella an ihn herantrat und gefasst sagte: „Entscheiden musst Du Dich – und wählen musst Du zwischen mir und deiner Kunst!
Unter deiner Kunst habe ich nur gelitten!
Sie bedeutet mir nichts mehr!
Bin ich nicht mehr wert als der Schöne Schein?
Aus der Tiefe meiner Seele hasse ich deine Musik und abgrundtief hasse ich auch …“
Faustinus hatte genüg gehört. Hinausrasend schlug er die Tür hinter sich zu.
Wie unergründlich war sie doch, die Liebe?
Und wie sehr glich sie der dunklen Melancholie: himmelhochjauchzend – und zutodebetrübt!
Bald danach fiel Faustinus wieder zurück in Traurigkeit und Apathie, unfähig einen lebensbejahenden Gedanken zu fassen. Der milde Thanatos stand ihm jetzt näher als der wilde Eros. Rosa war seine Welt nicht mehr; und auch nicht einmal grau, sondern nur noch schwarz wie die Galle der Alten.
Die Rosen waren verblüht und lagen welk am Boden. Die Liebe hatte einen hässlichen Riss bekommen wie der samtene Vorhang am Fenster. Die schönen Tage waren dahin wie die göttliche Harmonie, die alles bisher ganz ausgefüllt hatte.
Eine Liebe war dahin, die eine große Liebe war. An ihrer Stelle zog etwas auf, was unbegreiflich schien: der Hass!
Nackter Hass stellte sich ein, eine Emotion, die der Esel nur aus der Welt der Inquisitoren kannte und aus der Kehle der Hetzer im Propagandaministerium.
Aus Liebe und Hass sei die Welt entstanden, lehrte einst ein Philosoph in grauer Vorzeit. Inzwischen hatte der Hass die Liebe eingeholt und gar überflügelt?
Gestern noch lagen sie sich in den Armen, träumten, liebkosten und beschnupperten sich. Und heute - war das Parfüm verflogen!
Arabella konnte ihren über alles geliebten Faustinus nicht mehr riechen! Der Duft verkehrte sich zu Gestank.
Und das alles vielleicht nur deshalb, weil die auf Fortpflanzung bedachte, allkluge Natur es so eingerichtet hatte?
Die Macht der Gene war stärker als die Seelenwelt – und Ekel kam auf, wo sonst Lust war.
„Die Natur, die Natur“,
 jammerte der sensible Faustinus und erkannte, dass auch er äußerlich determiniert war, und dass auch sein Glück fremdbestimmt war von einer Allmacht, die keine Rücksicht nahm auf seinen freien Willen und auf sein innigstes Gefühl. Der blinde Fortpflanzungstrieb war stärker als jedes höhere Streben, und jeder Edelmut und forderte gnadenlos Tribut.

Tief gekränkt und enttäuscht horchte der Gescheiterte in seine Seele hinein überprüfend, ob er genauso abgrundtief hassen oder ob er überhaupt hassen konnte. Doch er fand nichts, was an Arabella abstoßend oder gar Ekel erregend gewesen wäre.
Und er fand auch keinen Hass. Das Gefühl war einfach nicht da, das sich gegen das geliebte Wesen und gegen andere gekehrt hätte. Selbst sein Denken war nicht in der Lage, Hass hervorzubringen, obwohl es gute Gründe gab, zu hassen.
„Vielleicht können bestimmte Charaktere überhaupt nicht hassen“,
folgerte Faustinus,
„wie andere nie zu wahrer Liebe fähig sind“.
Angeschlagen und geschwächt zog er sich in den eigenen Schmerz zurück, gab sich ihm hin und trauerte.
Große Werte hatte er eingebüßt, die Liebe und das momentane Glück - und das Grundvertrauen in die Welt dahinter. Unglücklich war er nun und seelenkrank. Unermessliche Verluste waren das, gute Gründe, lange zu trauern und tief.
Getröstet wurde er nur noch von weisen Gedanken der Philosophie, die fast alles zu erklären wusste, von der mitleidenden Poesie und von der göttlichen Musik, in die alles einmündete, Lieb und Leid, Trost und Schmerz, und die ihm mehr bedeutete als jede Offenbarung.


Copyright: Carl Gibson

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Das neue Buch von Carl Gibson: „AMERICA FIRST“, Trumps Herausforderung der Welt – Wille zur Macht und Umwertung aller Werte!? Jetzt im Buchhandel!

Das neue Buch von Carl Gibson:    „AMERICA FIRST“,  Trumps Herausforderung der Welt –  Wille zur Macht  und  Umwertung aller Werte!?   Jetzt...