Montag, 3. Januar 2011

Esels- Latein – Von Recht und Gerechtigkeit, Brot und Spiele

Plötzlich aber erregten goldene Lettern seine Aufmerksamkeit, die eine hohe Fassade zierten. Oben an der Hausfront eines bedeutenden Gebäudes der Residenz, das fern an die Parteizentrale der Lupisten erinnerte, war vor langer Zeit eine Losung angebracht worden. Für alle Ewigkeit, wie es schien, war dort in Stein gemeißelt zu lesen:

IUSTITIA FUNDAMENTUM REGNORUM.

Schwerfällig buchstabierte Faustinus die drei Worte, die sich anfühlten wie Wackersteine im Bauch. Jetzt wusste er, wie sich ein Wolf fühlte, wenn er Kreide und Wackersteine gefressen hatte. Er wischte sich den Schweiß von der Denkerstirn und versuchte dann mit noch mehr Fleiß und Mühe, hinter den Sinn dieser gewichtigen Sentenz zu kommen. Latein war das, die Sprache des Faustulus und der Wölfin – und er erinnerte sich wieder an ein Fibelwort: „Per aspera ad astra!“
Dornig ist der Weg zu den Sternen!
Genie ist etwas Begabung und viel Fleiß! Das hatte ihm einst Mentor Felix eingepaukt, auch in Berufung auf den zweiten großen Tonsetzer der Kaiserresidenz.
Erst hinter den Schweiß hatten die gütigen Götter den Preis gesetzt, den Lorbeerkranz des dichtenden Denkers!
Wie gut, dass ihm bereits Sterne erschienen waren. Faustinus befand sich in der glücklichen Lage, etwas von der sibyllinischen Botschaft dieses Orakels entschlüsseln zu können. Lehrmeister Felix und ein uralter Mönch, der selbst sein halbes Leben im Loch verbracht hatte, statt im Kloster, hatten ihm noch rechtzeitig die Grundzüge des Latein vermittelt, bevor diese wahre Mutter vieler Sprachen im Wolfsstaat als Geheimsprache denunziert, aus den Schulen entfernt und schließlich als bürgerliches Relikt endgültig verboten worden war.
Der oberste Führer aller Wölfe hatte sich nach reiflicher Überlegung schweren Herzens zu diesem Schritt durchgerungen, obwohl Latein die Sprache seiner Ahnen war, die er auf den Index setzte – die Sprache der Wölfin!
Große Werke der Mensch- und Tierheit waren in ihr verfasst worden, Poesie und Philosophie, aber auch üble Satiren und Fabeln, in welchen nicht nur Esel verspottet und der Lächerlichkeit preisgegeben wurden, sondern auch andere Tiere, Füchse und Raben, Ochsen und Schweine – bis hin zum edelsten aller Tiere, dem Wolf:
Lupus in fabula?!“
Das war nackte Blasphemie!
Und, was noch schlimmer war, das war dekadente Blasphemie, reinste Destruktivität, die die Identität aller Wölfe untergrub und die sittliche Ordnung des Wolfsstaates gefährdete.
Angesichts solch gewichtiger Gründe musste letztendlich ein Verbot ausgesprochen werden, eines ohne Ausnahmen nicht nur gegen eine frivole Gattung, gegen Fabeln und Pamphlete, sondern gegen alle Satiriker und Komödianten, die den Ernst des Lebens verkannten und gegen das Medium Sprache selbst, in welcher all diese staatsgefährdenden Ketzereien ausgetragen wurden.
Ein Petronius war nur deshalb so gefährlich, weil sein Wort von einer großen Sprache getragen wurde. Also war Latein gefährlich und musste verschwinden.
Selbst der Fuchs musste auf eine moderne Diplomatensprache umsteigen und alle künftigen Verträge in „Wölfisch“ aushandeln. Den schweren Entschluss der ambivalenten Maßnahmen rechtfertigte der Führer, der zugleich oberster Ideologe des Staates und omnipotenter Gesetzgeber war, in seinem Memorandum „Über das Heulen der Wölfe an sich“, in welchem er öffentlich darlegte, wann und wie zu heulen sei und wer mit wem in welcher Sprache zu heulen habe.
An gleicher Stelle verfügte der dem Archaischen zugeneigte Führer Lupus, dass das vielschichtige und nuancenreiche Heulen in der Sprache der Wölfin reformiert und durch einige „urtümliche Laute“ ersetzt werden sollte. Alles Große sei einfach, meinte er. Dahinter stand die persönliche Überzeugung des Führers, alle Dissidenz und Ketzerei im Staat resultiere nur aus einer viel zu komplexen Sprache, die ein verworrenes Denken nach sich zog.
Ergo mussten einfache Sprachstrukturen her, archaische Laute aus der Urzeit, die zum Symbol der Wolfheit passten, die aber jede Form von Ketzerei unmöglich machten.
Einfache Sprache, einfaches Denken, keine Rebellion!
Verbot war Mittel des Machterhalts. Nur über geheimste Überzeugungen verlautete nichts in dem Memorandum.
Also konnte Faustinus nicht alle Geheimstrategien durchschauen und sie in sein Nachdenken einbeziehen. Ganz auf sich selbst gestellt und auf sein fragmentarisches Wissen von der Welt, knobelte er weiter, bis es endlich dämmerte: Recht, Grundlage, Reich?
Dann kombinierte er grammatikalisch so lange hin und her, bis etwas dabei herauskam, was Sinn machte. Denn eine Welt ohne Sinn konnte es sich nicht vorstellen, seitdem er jenen Politiker hatte schwafeln hören, dessen Erklärungen mit zwei bis drei Worten auszukommen schienen: „macht Sinn“, „macht keinen Sinn“. So wurde über Wohl und Wehe großer Projekte entschieden, auch über Kunst. „Pragmatiker“ redeten so, nicht entrückte Dichter!
Wie mancher schwindsüchtige Schriftsteller seiner Zeit, der vor der großen Form zurückschreckte und auf knappe Geschichtlein zu setzen, ohne Anfang, ohne Ende und oft auch ohne Sinn, war jener Berufspolitiker ein Meister des Kurzen und der knappen Sentenz, überzeugt, dass Sinn und Unsinn oft dicht beieinanderliegen!
Wenn das nun hier so da stand in goldenen Lettern und in Stein graviert, für alle gut sichtbar, und wohl schon seit ewigen Zeiten, dann musste die Botschaft sicher eine besondere Tragweite haben.
„Die Justiz oder das Recht – das Fundament, der Grundstein der Regentschaft, der Macht“?
analysierte  Faustinus weiter. Diese Esel hier vertrauten wohl irgendwann der Rechtsstruktur an sich?
In der guten alten Zeit vielleicht, als das Reich noch ein Reich war, als es noch Könige gab und Kaiser – und es gut war, dass es so war!?
Doch die Tage der Monarchien waren längst dahin … und die Imperien waren fast zu Staub zerfallen, während die Cäsaren vorn vorgestern in Museen und Kunstgalerien verstaubten.
Mit der „Welt von Gestern“ war aber auch ihr guter Geist dahin –  die Beschaulichkeit der Freiheit und das bescheidene Glück.
Jetzt herrschten andere Tiere im Palast nach anderen Regeln der Regierungskunst.
War es auch das Recht, das sie lenkte – und die Gerechtigkeit?
Oder geleitete sie nur die „positive Setzung“, das Gesetz, das sich täglich änderte und das von keinem Esel der Welt mehr durchschaut werden konnte?
„Unwissenheit schützt vor Strafe nicht“, hieß es heute, so als ob alle Regierenden im Besitz des absoluten Wissens wären – über die Doktoren Allwissend und Faustus hinaus.
Ein Esel konnte heute schuldlos schuldig werden – wie in der attischen Tragödie, nur weil er in einer komplexen Gesellschaft lebte, deren Wirrwarr jedes auch noch so geniale Eselsgehirn überforderte.
Was gestern Recht war, kann heute nicht Unrecht sein“,
hatte er einst einen alten Schergen behaupten hören, der es weit gebracht hatte in der Politik.
Viele Esel, die früher schon „Ja“ gerufen hatten und „Heil“, stimmten ihm dabei zu, klatschten sogar Beifall. „Ja-und-Amen-Sager“ gab es viele hier, unter Wölfen und Schafen – auch willige Claqueure.
Doch was verstand ein naiver Waldesel aus Siebenbergen von den komplizierten Zusammenhängen einer pluralistischen Gesellschaft? Noch war noch er klein –und sein Herz war noch rein, obwohl seine blauen Augen schon manches gesehen und seine feinen Ohren schon manches gehört hatten.
War er auch noch unschuldig?

Das zersetzende Grübeln war nicht abstellen. Immer wieder verfiel er Faustinus dem Analysieren und Werten. Dabei trottete er weiter stadtauswärts auf den Tummelplatz zu, wo ein übergroßes Rad die Menge anlockte, ein Riesen-Spielzeug, ein Riesen-Rad. Dort war der Tiere wahrer Himmel. Dort waren sie Tier, und dort durften sie so sein, wie sie waren, unmittelbar und sie selbst.
Brot und Spiele – das lenkte ab von der „Großen Politik“, von den Fehlern, vom Versagen, von den vielen drückenden Sorgen der Regierenden, die nichts Geringeres anstrebten, als das grüne Weideglück der ganzen Herde und duftendstes Heu für einige sowie Zuckererbsen und frische Feigen für andere.
Am Prater stieg Faustinus ein in das Riesenspielzeug der Neuzeit, ließ sich hochschaukeln und sah sich dann die Welt von oben an. Die Perspektive wandelte sich. Die vielen grauen Esel unter ihm schrumpften nunmehr zu Würmern zusammen – und gleich wurden dort unten auf einmal alle Probleme kleiner.
„Vielleicht werde ich auch künftig tapfer hinauf steigen, hinaus aus dem Dunst, um die Welt klarer zu erkennen“,
sagte sich der Entzückte, über die Stadt hinwegblickend, über Lustgärten und Paläste, bis in die Weiten des Weinlandes von Gumpoldskirchen und bis zum Waldrand hin, wo ruhig Rehe ästen. Andere Esel hielten es ebenso; nur zogen sie vielleicht andere Schlüsse.
Im Nu verrauschten die angenehmen Stunden des kurzen Glücks. In letzter Sekunde eilte er dann zum Hauptbahnhof und zu den Zügen. Als Faustinus den Bahnsteig erreichte, sah er gerade noch die rote Schlussleuchte seines Zuges im Nebel verschwinden. Der Zug, mit dem er eigentlich weiter wollte, war bereits auf und davon - und mit ihm Arabella. Für immer?Arabella!
„Ach, Eselherz, was ist dein Glück? Ein schnell geborner, und kaum gegrüßt, verlorener Augenblick!“
So seufzte Faustinus mit einem längst verblichenen Dichter der Spätromantik, an den hier in der Residenz noch eine Gasse erinnerte, eine Statue und viele wiederkehrend Verse sinnender Melancholie. Dann trottete er ziellos von dannen. Der Schmerz des Verlustes überkam ihn mit Macht und verdunkelte sein Bewusstsein.



Copyright: Carl Gibson

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