Montag, 3. Januar 2011

Esels- Melancholie ... und Xenophobie

Mutlos und traurig ging zum Strom hinab, der träge dahin floss und blickte in den Strudel:

Sahst du ein Glück vorüber gehen,
dass nie sich wieder findet,
Ists gut in einen Strom zu sehn,
wo alles wogt und schwindet.“  

Große Dichter hatten die gleichen Erscheinungen der Vergänglichkeit schon vor ihm erlebt, den vielfachen Verlust, der sich wie ein schleichendes Gift durchs Leben zieht und bei jedem anders ausfällt. An einer alten Weide am Ufer des Stromes, der ihn weiter unten fast für immer aufgenommen hätte, sank der Bergesel nieder, um auszuruhen von den prägenden Eindrücken des Tages, der ihm mehr Erkenntnisse über die äußere Lebenswelt beschert hatte, als sein halbes Leben hinter dem Maschendrahtzaun.
„Fürwahr, das Reisen bildet“,
sagte sich der müde Faustinus. Verstand und Vernunft haben etwas davon – und die Herzensbildung, die auf Dinge verweist, die Augen nicht sehen können.
Der sprechende „Wels“ kam ihm wieder in den Sinn – dann die „Eule“ und der „Rabe“. Alte, weise Tiere des Tages und der Nacht, der Höhen und der Tiefen, Götterboten und Zauberer, die viel gesehen und gehört hatten; die mit Göttern redeten und mit Poeten.
Fiedelnde Musikanten lagerten früher hier und leidende Barden – jetzt litt nur noch ein zarter Waldsesel aus Sylvanien, der einiges aufgegeben und etwas verloren hatte.
War sie für immer dahin, die große Liebe?
Arabella wurde mehr und mehr zum magischen Fixpunkt seiner Gedanken. Faustinus war verliebt und konnte nur noch an sie denken. Und dabei hatte er sie doch nur kurz gesehen, die Zeit eines Wimpernschlags vielleicht. Trotzdem hatte es eingeschlagen – wuchtig wie ein Kugelblitz aus heiterem Himmel. Süße Träume – schmerzvolle Träume. Sie war verloren, und wohl für immer …

Während Faustinus sich selbstquälerisch abmühte, den großen Verlust zu überwinden und an andere Dinge zu denken, an die Vergangenheit, an die Zukunft, an den Sinn von Sein und an andere Grundfragen der Denkwissenschaft, prasselte ein Sommerregen herab. Es blitzte und donnerte jetzt wirklich; und die traurig herabhängenden Zweige der Weide boten nur dürftigen Schutz. Unter dem Sturzbach im Hochgebirge war es ihm einst nicht besser ergangen. Wieder wurde er durch und durch nass und begann leicht zu frieren. Die wärmende Sonne war weit. Urplötzlich wurde es kalt in der Fremde.
Wie schön war es doch damals ihm trockenen Stall, und wie gemütlich, wenn draußen die Regentropfen mild ans Fenster pochten und jeder Esel sein Heu genoss, zwar mitten unter Wölfen, doch in der Geborgenheit des heimischen Stalls. Und hier – in der Freiheit der fremden Welt, war er nur ein einsamer Esel, einer, um den sich niemand kümmerte; ein Wanderer, der seinem Schicksal überlassen blieb, auch bei Wind und Wetter, im Hagelgewitter und in den Stürmen der Nacht, bei klirrenden Eis und keusch kaltem Schnee. Todessehnsüchte kamen auf und finstere Melancholie – wie damals am Abgrund weiter unten am Stromlauf, wo sich schon einmal sein Schicksal fast entscheiden hätte.
Was bist du für einer?“ hörte er plötzlich eine unwirsche Stimme aus der Dunkelheit der aufgezogenen Nacht.
„I – Aaa“ - „Ich bin ein Esel unter anderen Eseln und nichts Animalisches ist mir fremd“,
antwortete der Sylvanier. in der Hoffnung, dieser Kernsatz des Asinismus, der eine höhere Synthese des Animalismus war, würde sofort verstanden werden und selbst bei Nichtseseln Anklang finden.
„Hörst, du, wie der da spricht? Ganz und gar ohne Schmäh“
wunderte sich eine zweite Stimme aus der Dunkelheit.
„Das ist bestimmt wieder so ein Tschusche aus dem Osten, ein armer Schlucker, der sich hier breitmachen will …“.
Noch bevor der Neuankömmling etwas erwidern konnte, drohte die erste Stimme erneut:
„Schau, verzieh dich schleunigst aus der Residenz, Bursche, und recht flott, sonst werden wir dir Beine machen! Herum streunendes Bagasch brauchen wir hier nicht … Für schrille Gestalten, wie du eine bist, für Lumpazi- Vagabunden deiner Art, haben wir draußen in Traiskirchen ein Lager errichtet. Dort ist gut für euch gesorgt.
Jedem das Seine
Faustinus zuckte zusammen. Das Wort „Lager“ ließ ihm den Schreck ins Mark fahren – ebenso der Ausspruch, den schon andere Zyniker auf den Kopf gestellt hatten, Linke und Rechte. Unerquickliche Erinnerungen schossen hoch. Das blutige Pogrom im Wald war plötzlich wieder da, einiges Unschöne aus dem Loch und manches, was es über die jüngsten Lager in allen Ecken der Welt gehört und gelesen hatte.
Stand nicht jener ominöse Spruch, der von Mönchen erfunden und auch von Marx zitiert wurde, über der Pforte einer solchen Einrichtung, genauso pervertiert wie das Wörtchen „frei“ an ähnlicher Stelle? Freiwerden durch Fronarbeit und dabei jede Hoffnung fahren lassen? War er nicht eben diesem tierverachtenden Zynismus entflohen? Faustinus wirkte geschockt und maßlos enttäuscht; er hatte genug gehört.
Wenn die Ordnungshüter dieser Stadt so redeten, was konnte man da von den Elenden aus der Gosse erwarten?
Außerdem waren soviel Gastfreundschaft und Nächstenliebe auf einmal nur schwer zu ertragen. Überzeugt, noch nicht in der wahren Republik der Esel angekommen zu sein, trottete er trotz Wind und Wetter zum Bahnhof zurück und setzte sich gleich in den erstbesten Zug in Richtung Sonnenuntergang.
„Die nächste Morgenröte kommt bestimmt“, tröstete er sich. „Zunächst muss ich über den Tag kommen und mich stets aufs Neue motivieren. Positiv denken, aber nicht positivistisch, heißt die Parole – und zu neuen Ufern lockt der neue Tag! Ein neuer Tag wir auch ein neues Glück bereithalten!“

Dann schüttelte er mit den Regentropfen aus dem Fell auch die trüben Gedanken aus dem Kopf.
Von einigen Lasten befreit verfolgte er sie weiter, seine Bahn … in der Bahn.
„Lerne Leiden, ohne zu klagen“, fügte es dann noch fatalistisch hinzu, einen Spruch, den ihm ein alter Esel eingehämmert hatte. Schließlich war auch er ein stoischer Esel, während das Leiden wohl Teil der Wesenheit der Esel war.
„Duldsam lebten die Esel seit jeher – doch nicht gebeugt. Und was mich nicht umbringt, macht mich stärker“, sagte sich Faustinus dann noch in Rückbesinnung auf einen alten Aphorismus, der nicht nur von dem Schnauzbärtigen unter den neueren Philosophen bemüht worden war. Den Zurückgelassenen im Loch ging es wesentlich dreckiger, wenn sie überhaupt noch am Leben waren.
Wieder half ihm die Philosophie. Sein Optimismus war nicht zu erschüttern, da er begriffen hatte, dass sich der freie Wille eines Stoikers jederzeit über das Leiden erheben konnte. Der weise Epikur, den er noch mehr liebte als die trockenen Stoiker, hatte ihn das gelehrt verbunden mit der Erweckung des Sinns für die Freuden des Lebens und das Glück. Letztendlich war er frei und konnte das eigene Schicksal angehen und es gestalten.
Optimus hatten sie ihn genannt – und auch diesem Namen wollte er Ehre machen. Irgendwo vor ihm lag vielleicht doch der Sonnensstaat aller Esel, ein besserer vielleicht als dieser hier, einer, der keine Utopie war. Dorthin, wo Philosophen uneigennützig und weise regierten, wo Werte noch geachtet und umgesetzt und wo die Würde des Esels noch etwas wert war, dorthin zog es ihn mit Macht. Zur Freiheit zog ihn sein Herz, weil nur sie die letzte Erfüllung möglich macht. Vielleicht winkte im neuen Leben auch ein neues Glück.


Copyright: Carl Gibson

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