Dienstag, 4. Januar 2011

Götterdämmerung

Schwarze Gewitterwolken zogen auf. Auch der politische Himmel verfinsterte sich. Die unheilige Allianz der Bären und Wölfe wurde mächtiger, nicht zuletzt dank des schlauen Kardinals, der weiterhin höchst geschickt die Strippen zog.
War er der große Puppenspieler in diesem Spiel der Macht? Seine Kunstfertigkeit, subtil Zwietracht zu sähen und zu spalten, sorgte dafür, dass es weiter kontrovers und unruhig zuging im Konzert der Völker, dass die Bösen nicht mehr im Lager der wilden Bergbewohner, sondern in der Welt der Lüfte vermutet wurden.
Divide et impera!
Die Macht, das hatte ihnen allen der Florentiner eingeschärft, musste nicht nur gewonnen, sondern auch erhalten werden – nach innen und nach außen.
Also störte der Geist der Eintracht. Die „Symphonie der Freiheit“ toste nur noch schwach in wenigen Köpfen. Ein paar Musiker, die zugleich auch Philosophen waren, glaubten noch an ihre Mission, alle Kreatur zu versöhnen und alle Welt im „harmonischen Zusammenklang“ zu einen, während die Krieger längst die Säbel schärften.
„Der Krieg ist der Vater aller Dinge“,
postulierte einer ihrer Vordenker – und alles, was Rang und Namen hatte in den Etagen der Macht, pflichtete ihm bei.
Para bellum“, meinte dann nicht ganz uneigennützig der Weißkopfseeadler – und alle anderen Falken und Aasgeier klatschten kopfnickend Beifall.
Nur der Walsesel aus Siebenbergen saß ohnmächtig mittendrin, mit Sorge beobachtend, wie die Könige der Lüfte immer schärfere Dolche schmiedeten, jederzeit bereit, sie einzusetzen wie Cesare Borgia, Armeen auszurüsten und Bären wie Wölfe in einem Krieg vernichtend zu schlagen, wenn das Todrüsten in Friedenszeiten versagte.
Ein alter Kondor, der schon im letzten Krieg manchen Lorbeer verdient hatte, allerdings auf der falschen Seite, hatte diese äußerst wendige „Strategie“ mit entwickelt und war gerade dabei, sie weiter zu optimieren als vor aller Augen Kräfte auftraten, um all dies zu verhindern. „Flexibel antworten“ war angesagt – und wenn es sein musste, im „flexibel response“ alle anderen totschlagen!
Die gurrenden Tauben von Guernica, blökende Schafe, ja selbst ein geläuterter Kondor, in neuen Farben und mit hehren Zielen muckten auf. Zunächst unscheinbar und friedfertig, dann aber umso militanter. „Grün“ wie die Poesie der Romantik war ihr Herz – und ihre Seele war rein wie die Seele eines Kindes vor der Erbsünde.
Vom Frieden sangen sie immerfort mit Blumen im Haar, zur Liebe bereit und nicht zu neuen Kriegen.
Sie lehnten es ab, andere mit scharfen Pfeilen zu verletzen. Dafür warfen einige von ihnen, wenn es ein musste, von aufrichtigem Protest erfüllt mit Steinen, bis aufsteigende Falken dem Spuk ein Ende bereiteten.
Am Rande des Geschehens stand Faustinus, fast wie damals beim Aufruhr in der Wolfsburg – als kritischer Beobachter. Und doch war er auch mittendrin, nur ohnmächtig wie immer.
Wie konnte ein Einzelner dem Verhängnis begegnen, gar diese Entwicklungen aufhalten?
Wo war seine Position in aufgewühlter See; und wo sein Hafen?
Wie sollte er sich verhalten in einem Konflikt, der nicht ganz der seine war? Schließlich hatten ihn nur die Umstände in die Sphäre der Politik gedrängt; nicht der Ruf, noch die Berufung!
Wonach verlangte die Zeit?
Das Volk der Esel war gespalten wie die Tierheit. Vom Gebot der nationalen Identitätserhaltung bestimmt und aus pragmatischen Gründen hatte sich ein Teil der Nation zur immerwährenden Neutralität verpflichtet – obwohl unschwer vorauszusehen war, dass die Ewigkeit manchmal sehr kurz sein kann. Während die Neutralen mit beiden Verehrern kokettierten wie eine Jungfrau, die sich ziert, ohne sich entscheiden zu können, hielten die selbst ernannten Demokraten weiterhin an Utopia fest.
Sie schufteten mit Hingabe am Modell des „neuen Esels“, geschützt von Bären, Wölfen und anderen Hilfstruppen aus östlichen Steppen, während die Esel das Abendlandes sich den Mächtigen der Lüfte verpflichtet fühlten. Ihr Wappentier, der stolze Adler mit den scharfen Krallen, verwies auf die alten Bande.
Der Status quo - Kalter Krieg, ein Zustand, der Unheil bedeutete. Faustinus war einiges bewusst – und nicht nur ihm. Die künftige Konfrontation der Blöcke und somit der nächste große Krieg würde wahrscheinlich im Land der Esel ausgetragen werden, heißer und verheerender als alle anderen Kriege vor.
Esel würden über andere Esel herfallen und sich so lange bekämpfen, bis alles in Schutt und Asche lag. Der Untergang der Esel war ebenso wahrscheinlich wie der Untergang des gesamten Abendlandes!
Und dahinter?
Das Ende des blauen Planeten Erde, der unvergleichlich einmaligen Perle im Weltall?
Der Sylvanier erlebte das Bild des Urknalls in der Vorstellung und sah im apokalyptischen Szenario, wie alle Pracht und Herrlichkeit der Welt in chaotischem Licht aufging. Hinter dem Albtraum keine Lösung! Wie war das Dilemma zu meistern?
Buridans Esel wäre der Unentschlossenheit erlegen. Doch wie handelte ein aufgeklärter Esel der Neuzeit nach den Erfahrungen in tausendjährigen Reichen?
Lieber rot als tot?
Den Wölfen das Feld überlassen?
Die Würde und alle anderen Errungenschaften freiheitlicher Revolutionen ad acta legen? Zum glücklich unglücklichen Sklaven mutieren in der Hoffnung auf einen zugeworfenen Ballen Heu?
Diese Perspektive schied aus, obwohl sie existenzieller Natur war und physisches Weiterleben bedeute!
Was ist ein Esel ohne Würde? Nicht mehr als der Wurm im Misthaufen, wo auch er hätte verbleiben können!
„Wer Aaa sagt“, kombinierte Faustinus,
„muss auch …“.
Er konnte nicht anders!
Er war ein Esel aus Fleisch und Blut, denkfähig, mit Vernunft ausgestattet und sogar noch zu Höheren bestimmt in Geist und Kunst. Durfte er das alles preisgeben – auch die erlebten Erfahrungen von Hetzjagd und Lochs noch dazu? Kraft und Stärke zeigen und alle Schwächeren totschlagen, war das die Antwort?
War die Bestie das Maß aller Dinge?
Oder gab es auch ethische Schranken und moralische Selbstbeschränkungen im Zusammenleben der Tiere?
Große Zweifel stiegen auf, moralische Zweifel und Zweifel existenzieller Natur. Schließlich waren alle betroffen; das Los der gesamten Tierheit stand auf dem Spiel.
 „Ein Spielball in einem undurchschaubaren Gefüge bin ich“,
haderte Faustinus mit sich selbst.
„Einen Tod werde ich sterben müssen! Und ich werde mich entscheiden müssen … wie Herkules am Scheideweg und Buridans Esel vor den Haufen.
Ich werde wählen müssen zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis, Freiheit und Sklaverei - zwischen Sein und Nichtsein.“
Nur war das Zusammenleben im Tierreich kompliziert geworden, die Entscheidungskriterien komplex.
Was nun?
Rot wollte er nie werden wollen, denn rot war unfrei – aber sterben wollte er auch noch nicht. Gab es da noch einen Steg zwischen Entweder- Oder, einen individuellen Weg dazwischen? Und bestand dieser im geordneten Rückzug in die Wissenschaft und Kunst, wobei das Rückzugsgefecht auch ein sinnvolles Agieren war?
Als vernunftbegabter Esel und aufgeklärter Rationalist versuchte Faustinus sein künftiges Leben erstmals zu planen, obwohl er wusste, das das Leben selbst dunkel und zutiefst irrational war.
„Mophostophiles, wo bist du?“
Hörte man den Ringenden gelegentlich rufen. Doch der Dämon verweigerte sich wie die verborgene Gottheit dahinter. Kein „Deus ex machina“ nahte, um den Zweifelnden zu erlösen. Je übermächtiger die Skepsis wurde, desto deutlicher schwand Faustinus’ Interesse an der großen Politik und an diplomatischen Missionen. Weltengrauen kam auf. Bald hieß es für ihn nicht mehr: Umwertung aller Werte und Neuwertung aller Werte, sondern nur: Gibt es eigentlich noch einen Wert, der die Existenz mit Sinn erfüllt - oder ist die gesamte Wertestruktur bereits zusammengebrochen?
Ein gewichtiges Problem mit existenzieller Tragweite – für alle!
War alles eitel, war alles nichts – sinnlos, ganz egal, was man tat und wie man handelte?
Schwärzester Nihilismus umwehte sein Gehirn. Er fragte hier und fragte dort; doch nichts, was er in den hehren Hallen der Geistesschmieden vernahm, hatte etwas mit dem tatsächlichen Leben zu tun und mit der Welt, in der er lebte. Die Scheinphilosophie stand in Blüte, sie wucherte, log und stahl sich an der Verantwortung vorbei.
Ekel kam auf, existenzieller Ekel, ein Gefühl, das Faustinus bisher noch nicht erlebt hatte.
War dies die Frucht der höheren Erkenntnis. Hatte Schopenhauer doch recht, wenn er meinte, der Intellektuelle leide am meisten – und alles bewusste Leben sei Leiden?
Die Liebe drohte zu verfliegen – und Gott war weit. An was sollte ein armer Esel noch glauben, worauf hoffen in dieser verfahrenen Weltlage?


Copyright: Carl Gibson

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