Sonntag, 2. Januar 2011

„Heim ins Reich …“

Am Bahnhof angekommen, ging Faustinus zum Fahrkartenschalter und wartete geduldig ab, bis der alte Ochse hinter der Scheibe aufzublicken geruhte, um endlich nach dem Bestimmungsort zu fragen.
„Heim ins Reich…“
gab der Esel selbstbewusst zurück. Den Ausdruck hatte er oft vernommen in Concordia, wenn die Alten über die Zukunft der heiligen Eselsnation debattiert hatten. Inzwischen wusste er genau, wohin er wollte. Auch vertraute er darauf, der historisch dialektisch geschulte Staatsdiener in fast schon leitender Stellung würde das Quäntchen Ironie verstehen. Etwas Humor war immer noch da im Wolfsstaat, wenn auch nur schwärzester Galgenhumor. Vorfreude kam auf.
Dass er das noch erleben durfte!
In Gedanken war Faustinus schon auf und davon. Das Gefühl künftiger Freiheit, das ihn gleich nach der Entlassung aus dem Loch überkommen hatte, durchströmte ihn immer noch. Es war ein dionysischer Rausch, ekstatisch und unmittelbar.
Eine ganze Menge heißen Glücks pochte jetzt in den engen Adern; und das junge Herz schien schier vor Aufregung zu zerspringen. Es war das Glück der Antizipation und das Glück einer großen Erwartung. Sicher würde das Glück noch mehr werden und noch intensiver wallen, wenn die Freiheit greifbar war wie die Liebe und die letzte Sehnsucht erfüllt? Der offensichtlich schwerhörige Ochse hatte es weniger eilig. Mit dem Eifer eines geduldigen Beamten, der, wenn er nicht gerade mit offenen Augen schläft, nie recht weiß, wie er dem Herrn die Zeit stehen soll, nahm die dicke Hornbrille ab, musterte den wilden Träumer und fragte dann noch einmal ungläubig:
 „Wohin willst du nun wirklich?“
„In die Eselsrepublik! Einfache Fahrt!“
„Und in welche?“
hakte das Rindvieh nach.
Dieser Waldesel wusste scheinbar nicht, dass es seit dem letzten großen Krieg auf dem Alten Kontinent gleich drei Eselrepubliken gab, die mehr feindlich als friedlich nebeneinander ko-existierten: eine föderative, eine neutrale und eine demokratische, wobei die föderative demokratischer war als die demokratische und die neutrale demokratisch war und liberal.
Da der blauäugige Faustinus zum Antworten nicht in der Lage war, stellte ihm der recht weitsichtige Ochse eine Fahrkarte nach eigenem Ermessen aus; eine, die bis zum entlegensten Punkt der am weitesten entfernten Eselsrepublik reichte. Dann händigte er diese dem Esel aus, nicht ohne ihm auch noch eine gute Reise zu wünschen. Innertierische Solidarität machte sich da bemerkbar und die alte Allianz renitenter Krippentiere.
„Den Lupismus in seinem Lauf, halten weder Ochs noch Esel auf!“
Der Spott der Wölfe hallte nach, auch im Ochsenschädel. Und es sah fast so aus, als wäre der Ochse am liebsten gleich mit in den Zug eingestiegen.
Solche Fahrkarten wurden nicht alltäglich ausgestellt, das war dem Rind bewusst. Und wer mit der Sonne reisen durfte, der war entweder ein Spion in geheimer Mission, ein Privilegierter aus dem Rudel der Wolfsnomenklatur oder sonst ein seltener Glückspilz, der es irgendwie geschafft hatte.
Kaum eine Stunde späte dampfte die Lok los. Dicker schwarzer Rauch verhüllte die Sicht. Und als der Rauch endlich verflogen war, lag die Wolfsresidenz längst hinter den Reisenden.
Alle Abteile waren belegt. Faustinus hatte einen Fensterplatz ergattern können. Jetzt saß er da und blickte erwartungsvoll hinaus in die freie Natur, neuen Eindrücken und Erfahrungen entgegenächzend. Loch und Steinbruch hatte er fast schon vergessen, auch die Wehklagen der ehemaligen Leidensgenossen.
Der Zug rauschte und ratterte. Die Gegend, die Faustinus vor Tagen dem Sonnenaufgang entgegen schreitend noch mühevoll auf Schusters Rappen durchwandert hatte, war immer noch dieselbe; nur sah sie jetzt verändert aus. Der Blickwinkel des Betrachters hatte sich geändert und seine Gestimmtheit – also veränderte sich auch die Wahrnehmung. Alles kam ihm jetzt anders vor, entfernter, entrückter und, wenn er die Schrecknisse der letzten Tage für Augenblicke verdrängte, auch schöner. Der Schöne Schein nahm ihn wieder gefangen; und die Zuversicht steuerte den Gang seiner Gedanken.
Bald kam ihm die Außenwelt vertrauter vor. Die Wälder Sylvaniens waren schon zu sehen, Täler, Flüsse und die roten Zinnen alter Eselburgen auf den sieben Bergen. Wohin Faustinus auch blickte auf der Fahrt durch das heimatliche Sylvanien, überall sah er die bunten Fassaden der schmucken Stallungen, wo Verwandte hausten, siebenbergische Waldesel, Maulesel, Maultiere und andere Bastarde, die völkisch nicht genau zugeordnet werden konnten. In jedem Fall waren es liebe Tiere, denen nichts Tierisches fremd war, Tiere, noch vielfach durchdrungen vom Geist eines konservativen Animalismus, der den Anfeindungen der Lupisten und Ursisten wacker standhielt. Einige Eseldörfer waren schon niedergerissen worden – Vorboten der Systematisierung und Lebensraumgewinnung. Andere Ortschaften sollten noch folgen, so lange bis die Systematisierung aller Eselssiedlungen zur Aufhebung der Unterschiede zwischen Esel und Wolf geführt hatten, bis alles Spaltende und Trennende überwunden war zwischen Esel und Wolf, Lamm und Bär, Wildsau und Ziegenbock, auch in der Religion.
Immer noch beteten nicht aufgeklärte Tiere zu alten Götzen, gingen noch zur Messe, glaubten an die seligmachenden Versprechungen der Metaphysik in vielen Formen und ließen sich – dem hellen Licht des Lupismus zum Spott – vom tödlichen Opium der Kanzel einlullen wie Säuglinge auf dem Rübenacker.
Weit und breit sah der Reisende arbeitende Tiere: Jedes stand an seinem Platz, tat etwas Sinnvolles, etwas, was gut für den Staat der Wölfe war und für die Allgemeinheit. So wurden die Wassergräben tiefer, die Zwingmauern höher und mehr und mehr Wolfsstatuen säumten den Wegrand.
Führer Lupus war überall. Wo früher weiße Wegkreuze aufgerichtet waren, Hermes- Stelen, Votiv- Zeichen und andere Symbole geistlicher und weltlicher Macht, ragte nunmehr ein heulender Wolfskopf in den Wind. Der grausige Ton der Äolsharfe, den Faustinus bereits in der Wolfsburg vernommen hatte, war wieder da, wild und schaurig, das Rattern der Räder, ja selbst das Aufheulen der Zugsirene vor dem Tunnel übertönend. Furcht und Beklemmung stellten sich ein – wie einst vor antiker Schlacht. Der Schrecken drohte jetzt vom Wegrand her, an die Welt erinnernd, welcher der Esel doch zu entspringen gedachte. „Hoffentlich naht bald die Grenze … und mit ihr die greifbare Freiheit mit ihrem Glücklichsein“,
tröstete sich der Reisende, im Stillen weiter bangend. Konnte jetzt noch etwas dazwischen kommen und den Ausbruch in die Freiheit zunichtemachen?
Ungewissheit, Furcht und Zuversicht wechselten. Wie angenehm war es doch, die bedrohliche Welt hinter sich zu lassen, nach neuen Ufern strebend wie die Suchenden der Mythen!
Jetzt war auch er ein Odysseus auf unbekannter Fahrt, ein Kolumbus auf den Weg ins Blaue! In ferner Zukunft winkte sicher die Erlösung und das Glück aller Tiere!? Nur war es noch weit dahin. Faustinus’ Gewissen regte sich wieder, das schlechte Gewissen und die Stimme der Verantwortung, die ihn zwang, an das Los der anderen zu denken, an die Mitgefangenen im Bau und an die etwas Freieren im großen Gefängnis der Wolfs- und Bärenwelt hintern hohen Wällen und Stacheldrahtzaun. Ob die Schaffenden dort unten in Feld und weiter Flur jetzt schon glücklich waren, wenigstens einige aus ihren Reihen?
Machte Arbeit wirklich glücklich und frei?
Eine eherne Aufschrift über einem Ghetto kündete davon, zynisch alles Leid verhöhend. Wie viele „Helden der Arbeit“ waren gleichzeitig bemüht, ihre Brigade zur besten aller Brigaden zu machen?
Wie viele Arbeiter wetteiferten und gaben alles, um den Fünfjahresplan in nur viereinhalb Jahren zu erfüllen, um so den Geiern im fernen Abendland zu zeigen, was lupistische Gesinnung bedeutet und ursistischer Kampfgeist!? Schließlich begannen der Klassenkampf und die Auseinandersetzung der Ideologien mit der Arbeit jedes Einzeltiers vor dem eigenen Stall und der Höhle!
„Du bist nichts, dein Volk ist alles!“ – Das Leitmotiv auch hier. Die Gedanken kreisten, vorwärts und dann zurück. Manches war aus dem fahrenden Zug schwer zu erfassen. Doch wer genauer hinsah, konnte mehr erkennen: Die Mimik vieler Tiere war verwischt und ihre Haltung war überdeutlich. Die meisten Tiere schufteten nur noch geknickt und gebückt, unter ihnen viele schwächere Wölfe, loyale Schäferhunde und kleinere Hunderassen, während Prätorianergarden, Hyänen und Schakale herumpatrouillierten, um die Arbeit ihrer Mitgeschöpfe zu begutachten und zu überwachen. Ein gespenstisches Bild mitten im Frieden. Das Grauen hatte ein Gesicht – Fronarbeit; Sühneleistungen für Aufruhr und Rebellion in vielen Formen. Das Land: Eine Strafkolonie? Selbst für Wölfe!
Gelegentlich waren Jungwölfe in Anzug und Krawatte zu sehen, eine rote Mappe in den Pfoten, stets kritisch dreinblickend. Es waren die Abgeordneten der Lupisten, der einzigen Partei im Land, die kamen, um nach dem Rechten zu sehen und um die „wertvollen Anregungen“ des Oberwolfs weiter zu geben, der schließlich nicht überall sein konnte. Sie spähten die fortschrittlichsten Vorzeigeobjekte aus, Baustellen mit tiefen Gräben und babylonischen Türmen und bereiteten Schauen vor, wo die Leistungen und Errungenschaften der neuen Zeit vom Führer und dem Führertross besichtigt werden konnten, stets nach bewährter Art, nach „potjomkinschem Muster“.
Als Kontrolleure hatten sie darauf bedacht zu sein, dass die Vorgaben des Fünfjahresplans erfüllt, ja übertroffen wurden, zumindest auf dem Papier, und dass jedermann aus der Schar der Untertanen nicht vom vorgezeichneten Weg in die allgemeine Glückseligkeit abwich. Zur Not galt es gar, niedere Geschöpfe zu ihrem Glück zu zwingen, ja zu verdammen, weil sie dieses sonst aus mangelnder Einsicht bestimmt verfehlen würden. Das war dem Führer längst bewusst - und, altruistisch wie er war, handelte er zum Wohle aller.
Eine Gewissheit setzte sich fest. Jeder hatte seine Funktion im Wolfsstaat; auch die Intellektuellen, die Gräben säuberten und Latrinen, die Straßen fegten und Fenster putzten, ganz dem alten „Suum cuique“ entsprechend, das ein Eklektiker der Neuzeit, ein im Wolfsstaat immer noch geschätzter Rauschebart, in seine Lehren eingearbeitet hatte. Die Demut der Kreuzritter und Kreuzfahrer war einer neuen Demut gewichen, welche die Arroganz des Geistes für immer brechen wollte. Unterwürfigkeit war eine der neuen Tugenden im Staat, während Aufmüpfigkeit eine schwere Sünde war, eine Todsünde und ein Freibrief zum Schafott.
Die Esel kannten beides und neigten seit jeher zum Exzess. Das machte sie verdächtiger als Rindviecher und Kamele.
Während die Schreckensbilder aus der fast heilen Welt an Faustinus vorbeihuschten und die Wirklichkeit zu ihm redete, die schwer falsch interpretiert werden konnte, kam mit dem Leiden und dem Mitleiden auch die alte Verbitterung zurück und mit ihr ein leiser Hauch von Melancholie.
Unweigerlich musste er erneut an die Gefangenen denken, die er im Schmerz zurückgelassen, im finsteren Keller, wo selbst die freiesten Gedanken verödeten. Und er gedachte auch all der anderen Tiere, die in engen, milbenverseuchten Zellen eingepfercht, rund um die Uhr Eier legen mussten wie Maschinen, manchmal auch zweimal am Tag, damit ein paar fette Wölfe Kuchen essen konnten, wenn das Brot fehlte. Andere Tiere lagen dort in Ketten aus Stahl und wurden gemästet wie Hänsel, weil ihre hypertrophe Leber den Gaumen mancher Raubtiere beglückte oder weil ihr Fell nicht nur gegen Kälte schützte. Und als Dank winkte irgendwann die Anerkennung des Staates, jenes abstrakten Ungeheuers, in der Form einer grausamen Vergeltungsaktion, wie sie der zart beseelte Jungesel selbst hatte erleben müssen, als nächtliche Hetzjagd im Wald, deren Schrecken immer noch nachwirkten.
Die Hydra Heuchelei war überall. Zwischen den programmatischen Absichtserklärungen der Handlanger und dem tatsächlichen Handeln bestand nach wie vor und für alle gut erkennbar eine riesige Kluft, gleich einer bösen Schlucht im Gebirge, über die kein Steg führt.
Und jetzt?
Jetzt durfte gerade er als einer der wenigen Privilegierten diese große Mausefalle verlassen? Noch konnte er dieses Glück nicht ganz fassen! Doch weshalb gerade er? Wo lagen seine Verdienste? Was hatte er Besonderes geleistet, um in den Genuss dieser Bevorzugung zu gelangen?
Vielleicht war das Schicksal wirklich blind, fern von den Gesetzmäßigkeiten von Ursache und Wirkung. Regierte der Zufall? Faustinus wusste es nicht und konnte es auch nicht ergründen. Vielleicht hatte der große Philosoph Wolf, der hier im Staat der Wölfe nicht mehr galt als andere Propheten in ihrem Vaterland, doch Recht – und die ganze Welt war bestens bestellt?
Im Gegensatz zu den vielen Schöpfungsgenossen Sylvaniens in geordneter Fügung, hatte er immerhin schon etwas über den Tellerrand seiner Geburtsstätte hinaus geblickt, weit über die sieben Berge und die sieben Burgen hinaus, bis hin zum weiten Ozean. Es zog ihn gern in die Ferne! Dass er dabei auch gute Freunde verlor und die Geborgenheit des heimatlichen Stalls, daran wollte er jetzt nicht denken.
Wie sich doch alles fügte im Leben!
Als der Zug die Weinhänge Siebenbergens hinter sich gelassen und den letzten Kontrollpunkt passiert hatte, um leicht hinüber zu rollen in ein fremdes Land, in welchem vielleicht zufriedenere Tiere lebten, fühlte Faustinus, wie ein warmes Gefühl in ihm aufstieg und es ihm wie ein prickelndes Feuer durch die Adern fuhr. Er fühlte Befreiung und empfand sie als Glück.
„So muss die große Liebe wirken oder die Unio mystica, die Versenkung in Gott“,
kombinierte Faustinus, der sich seinen Sinn für metaphysische Phänomene erhalten hatte. „Mit den Augen sehen ist gut“,
reflektierte er weiter – „
doch mit dem Herzen sehen und mit dem Verstand fühlen, ist noch besser!“

Die Verehrung von Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit bestimmten ihn. Auf ewig wollte er an diesen Werten festhalten, am Guten in allen Formen – das machte seinen Idealismus aus und seine Hingebung an das Höhere, das jeden schnöden Animalismus hinter sich ließ.
Triebe bestimmten ihn nicht. Er war ein Liebender und ein tiefer Melancholiker zugleich, dem sanften Amor zugeneigt und dem versöhnlichen Harfenspiel.
Aber er war auch ein Mystiker, der die Ewigkeit gerne für immer in sich aufgenommen hätte.
„Tiefe Lust will Ewigkeit“,
sagte er zu sich selbst. Das war seine unergründlich unerfüllbare Sehnsucht: Glück und Liebe – dynamische Phänomene und Erscheinungen des Werdens, die kamen und gingen, keine statischen Endpunkte, sondern Vergänglichkeiten des Daseins, die nicht festgehalten werden konnten. Der Prozess zählte, der Weg – das Glücklichwerden und das Sich- Verlieben …
Einige Erfahrungen waren noch ganz neu und ungewohnt; auch die Erfahrung der einsetzenden Freiheit, die sich im Gehirn vollzog und die von keinem sonst so gefühlt wurde wie von Faustinus im Hier und Jetzt.


Copyright: Carl Gibson

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