Dienstag, 4. Januar 2011

In der Fremde daheim

Sein siebter Sinn täuschte ihn nicht. Kaum war Faustinus ausgestiegen, wurde er von vielen freundlich lächelnden Eseln umringt, die sich offensichtlich freuten, dass wieder jemand aus der fernen Verwandtschaft den langen Weg von Siebenbergen bis zum Fuß des Berghofs geschafft hatte. Jetzt war er in der Welt der Freiheit angekommen und zunächst am Ziel.
Gleich wurde er mit tausend Fragen bestürmt. Das Los der Artgenossen hinter dem Maschendrahtzaun interessierte wie die schaurigen Erfahrungen aus dem Loch. Der Zeuge sagte aus, ganz so, wie er es sich einst vorgenommen hatte, getreu der Wahrheit und fern von jeder Hetze. Frank und frei durfte er über alles reden, was er im Staat der Wölfe erlebt hatte. Ein Esel unter Wölfen – das war ein faszinierendes Thema über das man am warmen Ofen bei einem Glas Glühwein trefflich diskutieren konnte. Seine Geschichten wurden durchaus ernst genommen. Einiges davon schrieb man auf, anderes ging sogar über den Sender.
Während der Gutgläubige über die neusten Methoden moderner Inquisition berichtete, verwöhnten ihn seine Gastgeber nach allen Regeln der Umgarnungskunst. Ganze Scheffeln vom trefflichsten Hafer wurden ihm vorgesetzt; sie reichten ihm frische Feigen und große Humpen Gerstensaft, den sie gleich fässerweise herankarren ließen; ganz so, als ob ihm sinnliche Dinge etwas bedeuteten.
Bestimmt wurde angenommen, er sei aus materiellen Antrieben ins Abendland gereist, ausschließlich Werten verpflichtet, die durch den Magen führten. Doch da irrten diese wohlmeinenden Gastgeber gewaltig!
Fressen, Saufen, Völlerei, frivole Libertinage und andere niedere Genüsse, die Philosophen wie Eseln süffisant nachgeredet wurden, waren Faustinus Sache nicht.. Er war kein triebbestimmter Lustapostel, kein schrankenloser Verführer, sondern eher das Gegenteil, ein enthaltsamer Asket, der  jede Todsünde mied und der um alles moralisch Fragwürdige einen großen Bogen machte. Auch versuchte Faustinus, bescheiden zu leben und zurückhaltend zu sein wie die Genügsamen der Antike, die gut ohne jeden Luxus auskamen. Sokrates, der den Überfluss verachtete, war ihm ein Vorbild wie Diogenes, der Hund, der mit einer Olive vom Schlemmermahl satt wurde und Epiktet, der selbst den Harndrang zu zügeln wusste.
Über allen aber stand für ihn das Licht der Alten Welt, der große Epikur, zu dessen Herde er sich zählte, mit Horaz, mit Lukrez und mit fast allen anderen anständigen Geistern in Rom bis hin zum weisen Seneca und zu Mark Aurel, der als Cäsar die Welt beherrschte und doch lebte wie ein Esel im Stall.
Epikur, der stille Gartenphilosoph, in dessen Umfeld anderswo diskriminierte Frauen frei philosophieren durften, hatte vielen die Furcht vor göttlicher Strafe genommen, um ihnen Lebensfreuden zu schenken, Freuden geistiger Natur, die schlicht waren und schlicht bleiben sollten. An diese Lebensphilosophie wollte Faustinus anknüpfen und sie mit seinem Künstlertum verbinden.
Ausschließlich höhere Werte bestimmten ihn und höhere Lust! Die Lust am Schöpferischen, die Lust am Denken und die Lust am sublimen künstlerischen Schaffen.
Ein Forscher sollte aus ihm werden, ein Künstler oder beides in einem? Nur wie konnten die Gastfreunde ahnen, dass er den Sinnen zwar nicht abgeneigt, aber noch längst kein Sensualist war? Noch weniger war er ein Hedonist und Don Juan, sondern ein Tierlein mit zartem Fell, das frei sein wollte – und irgendwann vielleicht auch glücklich? War das zu viel verlangt?
War das schon Hybris?



Copyright: Carl Gibson

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