Montag, 3. Januar 2011

In der Kaiser- Residenz (Faustinus,der glückliche Esel, Zweiter Teil: Unter Geiern)

Faustinus,

der glückliche Esel

Zweiter Teil: Unter Geiern

 

In der Kaiser- Residenz


Da war viel Zeit und Muße, die Metropole zu besichtigen, den Erkenntnishorizont auszuweiten, sich zu bilden, ganz so nebenbei. So bot sich wieder eine willkommene Gelegenheit, das Glück des Augenblicks auszukosten. Es war ein Wink des Schicksals, den Tag zu nutzen, vor allem im Bewusstsein der Gewissheit, dass ein schon kurzes Dasein jederzeit zu Ende sein konnte. Ein Schrei, der ferne Aufschrei einer verzweifelten Menschenseele konnte einem Esel zum Verhängnis werden, wenn es der blinde Zufall wollte oder wenn es das allmächtige und dunkle Schicksal nicht anders eingerichtet hatte.
Was zählte schon die Individualität eines einzigen Esels in einer Welt, in der es so viele originelle Esel gab. selbst hier, in dieser großen Stadt am Strom? Also, carpe diem!
Kurz entschlossen marschierte Faustinus los, durch enge, mittelalterliche Gassen zunächst und dann am Ring entlang, gerade auf den roten Turm zu, der auf eine Mitte hindeutete und auf ein Zentrum. Architektonisch vollendete Bollwerke türmten sich überall auf – Prunk- und Prachtbauten aus Granit und Sandstein, Paläste und Schlösser in strahlendem Glanz, die von geschwundener Glorie kündeten und von einstiger Bedeutung, auch eine Burg mit einem Theater.
Das Herz der heiligen Nation der Esel hatte lange hier geschlagen. Doch seitdem war viel Wasser die Donau hinab geflossen. Faustinus wurde hellhörig. Aus einem Gebäude ertönten milde Harfenklänge; und irgendwoher schallte die schrille Stimme einer alternden Diva. Andächtig lauschend sah sich der Esel um. Ein Opernhaus türmte sich vor ihm auf – innen auf der großen Bühne wurde gerade geprobt. Der „Karneval der Tiere“ stand auf dem Programm, bürgerliche Musik der reizendsten Art, die im Wolfsstatt verboten war, weil zu unernst anmutete und parodistisch, weil ihre Fabelbotschaft störte wie der sanfte Zug von Melancholie, den Saint- Saens so kunstvoll eingewoben hatte. In einem anderen Haus vis- a- vis wurde ein noch zeitkritischeres Stück uraufgeführt: „Le Grand Macabre“ – Oder: „Von rollenden Köpfen. Tragisch-komische Szenen aus der Wölfischen Revolution“. Also ahnte man hier wirklich, was hinter Mauern und Stacheldrahtzaun ablief!
Erstmals im Leben erlebte Faustinus große Architektur, wahre Baukunst mit Kunsttempeln alle Art, in deren Inneren die Kunst der Welt verborgen war.
Selbst der Kern der Stadt war ein beeindruckendes Kunstwerk, eine stabile Ordnung im Kreis, die auf eine höhere Ordnung hindeutete - und mittendrin, als Herzstück des Ganzen, erhob sich als ordnendes Prinzip ein gotischer Dom, dem nur noch der spiegelnde Fluss fehlte. Mit staunender Verblüffung starrte Faustinus hinauf zum Turm und noch darüber hinaus bis in den Himmel hinter den Wolken, wo ein großer Vater wohnte und wo er das Paradies vermutete. Erst als ihn ein steifes Genick aus dem Traum zurückholte, fiel ihm auf, dass um ihn herum das pralle Leben pulsierte, im Kaffeehaus noch mehr als im kühlen Gotteshaus. Das Erdenglück war nahe – und er hatte es noch nicht einmal bemerkt!
Doch was erblickten seine ewig forschenden Augen beim genaueren Hinsehen?
Esel!
Ein Meer von langohrigen Grautieren! Auch hier, viele Hundert Meilen von den sieben Bergen des heimatlichen Stalls entfernt, liefen graue Esel herum; Langohren aller Art, Hundertschaften von Eseln, Maulesel und Maultiere, große und kleine, arme und reiche, junge und alte. Einige hatten Schrumpf- Ohren und glichen Pferden. Bei anderen mit Zebrastreifen war nicht recht auszumachen, ob sie aus Afrika herstammten oder aus dem Knast.
Die vornehmeren Graufelle trampelten nicht einfach nur durch die Gegend, sie durchschritten den Raum und stolzierten aufrecht wie die Lipizzaner in der nahen Halle, selbstbewusst mit erhobenen Nasen, ja selbst mit farbigen Bändern geschmückt und in roten Schuhen. Einige geputzte Eseldamen führten nackte Schoßhündchen an der Leine, dekadente Hunderassen, die im Wolfsstaat längst der Euthanasie zum Opfer gefallen waren im Dienst an Forschung und Wissenschaft. Andere saßen nur im Kaffeehaus herum und schlürften klatschend tratschend einen Kapuziner oder Pharisäer.


Copyright: Carl Gibson

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