Samstag, 1. Januar 2011

Inferno – im Vernichtungslager: Suum cuique!

In der Nacht wurde der Gefangene von fürchterlichen Albträumen geplagt. Szenen des innerlich noch nicht bewältigten Aufruhrs mischten sich mit Pogrombildern aus dem Tannenwald; Befürchtungen stiegen hoch und Visionen von künftigen Schrecknissen. Faustinus sah mit Bangen, wie die so harmonisch zusammenlebenden Tiere jenseits des Stromes nach dem Ableben ihres Herrschers im Bruderkampf über sich herfielen, wie Panzer ihre Siedlungen niederwalzten und wie vor der Augen der Welt viele von ihnen von Ihresgleichen niedergemetzelt wurden, während der Rat der Tiere ohnmächtig zusah.
Die Völkergemeinschaft: Ein Papiertiger?
Apokalyptische Bilder erlebte Faustinus und Verzweiflungsschreie, die ihn irgendwann aus dem Albtraum rissen. Nur – diese Schreie waren echt. In den Nachbarzellen hatten nächtliche Verhöre eingesetzt, Befragungen, die weniger glimpflich verliefen. Noch bevor er richtig wach war, um die Situation zu erfassen, drängten ihn zwei Hyänen aus der Zelle.
„Ab zur Baustelle!“
lautete der knappe Befehl eines Schakals. Dann trotteten gleich mehrere Esel los. Der Weg zur Arbeitsstätte war nicht allzu weit entfernt. Gleich um die Ecke wurden Fundamente ausgehoben und neue Gefängnistürme gebaut. Lupus’ jüngstes Dekret hatte noch mehr Untertanen in das schon überbelegte Gefängnis gespült, die nun alle mehr oder weniger artgerecht untergebracht werden mussten. Die Art, was zählte die noch?
Hier, auf der untersten Stufe der Tierheit, hatten die Eingefangenen auch die letzten ihrer kümmerlichen Rechte eingebüßt – und dazu noch ihre Würde.
Wo Willkür und Terror herrschten, bedurfte es der Würde nicht.

Da Faustinus jung und wohlgenährt war und robust wirkte, wurde er zum Lastentragen abkommandiert und gleich mit einigen Körben voll gebrannten Ziegelsteinen bepackt. Bei der zweiten Fuhre wurden mehr Steine dazu geladen und dann wieder einige mehr, bis der Esel unter der Last zusammenbrach. Gnädig nahmen ihm die Aufseher einige Brocken ab, bis er sich wieder aufraffen konnte. Dafür bekam er ein paar Peitschenhiebe - als Stimulans für „große Taten und noch größere Ideen“, wie es zynisch hieß.
„Werde ich diesem Tag überleben“,
fragte sich der Sylvanier lange noch bevor die Sonne im Zenit stand. Das labende Nass wurde den Arbeitstieren genauso versagt wie ein kräftigender Bissen. Wessen Herz versagte, wer an Auszehrung einging, wer schwach geworden ermattet dahinsank und tot umfiel, der hatte Pech gehabt. Jedes sonst so souveräne Individuum war hier nur noch eine Nummer, eine Abstraktion, die ausgewechselt werden konnte und auch konsequent ersetzt wurde.
Faustinus war in ein Vernichtungslager geraten. Also tat er sein Bestes, um über den Tag zu kommen, um zu überleben wie seinerzeit in der Wüste, als es nicht mehr weiter zu gehen schien … und wie damals über dem Abgrund.
Zum Durchhalten entschlossen, biss die Zähne weiter zusammen, bereit, Last und Schicksal weiter zu tragen. Andere Tiere mühten sich ebenfalls ab, vom einzigen Wunsch beseelt, der Hölle zu trotzen. Die Hoffnung, doch noch frei und somit glücklich zu werden, hielt viele aufrecht und bannte die drohende Resignation.
„Was hast du verbrochen? Weshalb bist du hier?“
So redete Faustinus einen Artgenossen an, der, dem Zusammenbruch nahe, neben ihm hertrottete. Der eingeschüchterte, verängstigte Maulesel zögerte mit der Antwort.
Fühlte er sich beobachtet? Wie in der Zelle wurden auch hier alle belauscht … mit Ohr … und Blick.
Dann flüsterte er ihm doch noch ein paar Sätze zu, Wortfetzen, die Faustinus zu denken gaben:
„Zu den Politischen zählen sich mich … lebenslang haben sie mir aufgebrummt, nur weil ich einige Wahrheiten ausgesprochen habe in einem Aufsatz … Mein Fazit, die totalitären Systeme der Weltgeschichte, die alten und die neuen Diktaturen, linke und rechte, menschliche und tierische, seien in ihrem Wesen alle gleich, wurde als ketzerisch eingestuft, als Angriff auf den Staat.
Das hat mir diese Dauerbeschäftigung im Steinbruch eingebracht und das Schleppen hier im Lagerhof. Anderen ergeht es nicht besser. Der müde Steineklopfer dort gilt als entarteter Künstler. Er sitzt ein, weil er seine Büste des Führers zu realistisch ausgefallen war.
Der Schwindsüchtige dort am Schreibpult, der weder tragen kann noch ziehen und bald dahinscheiden wird, war einst ein gefeierter Fabeldichter, bis er seine Verwandlungen veröffentlichte, jene sonderbaren Metamorphosen der Wölfe zu Chamäleons und zu Wendehälsen, während der Musikus in der Ecke in Ungnade fiel, weil er seinen Hymnus auf Volk und Staat im traurigen Moll komponierte, statt im zukunftsweisenden Dur.
Jeder hier trägt schwer an seinem Los, bemüht sein Rückgrat zu wahren und seine Würde, selbst um den Preis des Lebens, auch wenn wir Intellektuellen zum Latrinenreinigen auserkoren wurden.
Suum cuique?“

Plötzlich schrie der Maulesel hell auf. Peitschenhiebe eines Aufsehers ließen die Sklavenarbeiter auseinanderfahren. Auch Faustinus hatte etwas abbekommen. Die Schläge schmerzten und trieben ihn an. Wie flügge geworden eilte er zum großen Steinhaufen und entledigte sich seiner Last.
Als dann spät am Abend sich die Gelegenheit bot, Einkehr zu halten und über alles gründlich nachzudenken, kam Faustinus zu der Schlussfolgerung, dass – über den elenden Unort hinaus  - die gesamte Republik der Wölfe ein Unrechtstaat sei, jenseits von Gerechtigkeit und Würde, wo die Vielen ausgebeutet, geknechtet und geopfert wurden, um das Glück der Wenigen zu sichern. Deutlicher als je zuvor erschien ihm das ganze Land als ein einziges, großes Gefängnis:
Wenn es mir je gegeben sein sollte, dieses Jammertal lebend zu verlassen, dann werde ich der Welt davon berichten. Ich werde das Unrecht hinaus in die Welt schreien – und ich werde nie aufhören zu klagen und anzuklagen, solange dieses Unrecht besteht.
Der Rat der Tiere und die Völkergemeinschaft müssen dafür sorgen, die Gründe zu beseitigen, die zu dieser irdische Höllen führen“.

Das schwor sich Faustinus feierlich, bevor er nahezu scheintot zusammenbrach.
Das Gelübde vor Gott gab ihm Kraft. Der Geist war noch wach, während der geschundene, ausgemergelte Körper bereits nach einem Tag im Steinbruch am Ende schien. Es war ungewiss, ob er die nächsten Wochen im Loch überleben würde.

Am nächsten Morgen aber geschah ein Wunder. Der noch rechtzeitig benachrichtigte Kardinal kam in der Tat höchstpersönlich vorbei und schien das Unmögliche möglich werden zu lassen. Sein lieb gewonnener, junger Freund sollte unverzüglich aus dem Bau geholt und entlassen werden, ordnete der Würdenträger an. Widerspruch war zwecklos. Faustinus durfte die dunkle Zelle verlassen.
Nach einem kurzen Wink des Fuchses wurde ihm in einem Vorraum die dicke Eisenkette abgenommen, welche man ihm in der Nacht um den störrischen Hals gelegt hatte, um einen Ausbruch unmöglich zu machen. Ein Schakal befreite ihn auch von den lästigen Fußfesseln und der Eisenkugel am Hinterbein. Dann forderte er der Sträfling auf, die Leiter emporzusteigen.
Faustinus folgte dieser Weisung nur allzu gern und erklomm zum ersten Mal in seinem noch jungen Eselsleben eine Himmelsleiter hinauf dem Licht der Sonne entgegen.
Wie großartig hell und warm ihm das Gestirn jetzt erschien, wo er aus der Kälte kam aus tiefster Dunkelheit!
Da er aber auf seinem Weg in die Freiheit alle anderen Streitgefährten in ihrem Leid und Elend zurücklassen musste, konnte keine echte Freude aufkommen. Die eigene Rettung freute ihn nicht wirklich, weil er ahnte, dass vollkommenes Glück nur möglich ist, wenn auch seine Mitgeschöpfe in der Grube frei und glücklich werden.
Gleichzeitig fiel er auf sich selbst zurück. Wie eine Maus fühlte er sich, die gerade der Mausefalle entsprungen war, vor der sich aber ein gefräßiger Kater aufbäumte. Was bedeutete ihm die wieder gewonnene Freiheit, wenn alle anderen Verfolgten dem Unrecht preisgegeben blieben?
Neben der Sorge um das eigene Los, wurde er auch von einer Mitverantwortung für die Geschöpfe im Bau eingeholt und vom Mitleid, das auch aus einem niederen Tier ein höheres Wesen macht. Der triumphierende Kardinal, der jetzt grinsend neben ihn stand und genießerisch über sein Bärtchen strich, schien dies völlig vergessen zu haben. Oder ignorierte er das Mitleiden bewusst?
„Was wird nun aus meinen Brüdern und Schwestern im Loch?“
erinnerte ihn der Jungesel gleich nachdem er glücklich aus dem Kerker gekrochen war, insgeheim hoffend, das eine oder andere Tierlein noch retten zu können.
„Sie sind alle in Gottes Hand“,
antwortete der Kardinal. Er war ein Mann Gottes und ein leiser Zyniker zugleich. Den Animalismus mit seinen alten Tafeln hatte er längst überwunden. Seine neue Religion war der Lupismus, an dessen ideologischer Struktur er selbstschöpferisch weiter strickte.
Gut war alles, was die Macht anwachsen ließ, was den „Willen zur Macht“ beförderte.
Die Macht folgt eigenen Gesetzen, Setzungen jenseits von Mitleid und Moral.
„Das Tier muss sich ein Ziel setzen“
, postulierte der Kardinal folgerichtig – und das war das mit einem absoluten Willen zur Macht ausgestattete Übertier. Dieser Endzweck heiligte alle Mittel – und auch das Eselchen war ein Mittel; ein Spielzeug mit Funktion, eine Marionette in den Fingern eines geschickten Puppenspielers.
 „Was machst du denn da für Sachen …“
tadelte ihn der Fuchs gleich einem ungehorsamen Kind, als er auf jene Lappalie zu sprechen kam, auf den öffentlichen Protest am Heldenplatz. Ein Hauch von Entrüstung war da noch herauszuhören bei allem gütigen Verständnis. Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sich der Kardinal von dem Geretteten ab und eilte noch einmal zurück in den Bau, so als ob er dort etwas Wichtiges zurückgelassen hätte. Und in der Tat: Während Faustinus den milden Schein der Freiheit genoss und das warme Sonnenlicht der grünen Natur, suchte der Kardinal erneut das Gespräch mit den beiden grauen Eminenzen im Verlies, mit den Prätorianer- Generälen, die eine radikale Lösung der Angelegenheit bevorzugt hätten. Aus der Sicht der nur auf Staatssicherheit bedachten Offiziere war der rebellische Faustinus ein übler Landesverräter ohne Anspruch auf Pardon, ein Fanatiker der Widerstandsbewegung, der schon aus Gründen der Abschreckung am Strang hängen sollte. Eine standesrechtliche Erschießung sei schon zu viel der Ehre.
Liebend gern hätten sie den strammen Waldesel zeremoniell exekutiert, vor allen Augen aller potenziellen Aufrührer und Widerständler aus der Schar der Minderheiten-Völker und des eigenen Volkes, dort auf der Pyramide!
Das Herz hätten sie ihm aus dem lebenden Körper gerissen, den Leichnam die Treppen hinab gestoßen, gevierteilt und die Teile dann an die Stadttore gehängt, bis zur vollständigen Verwesung.
„Wehret den Anfängen“,
knurrten sich die Prätorianer zu, ergänzend:
 „W er tot ist, wird nicht länger zum Umsturz aufrufen … und zur Revolution!“




Copyright: Carl Gibson

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