Montag, 3. Januar 2011

St. Florian und die Staatsphilosophie – Lektion im Park

Nicht alles war Gold, was glänzte. Auch hier nicht. Nach den ersten Alltagsbeobachtungen in der großen Residenz war Faustinus zwar weitsichtiger, klüger und wissender geworden. Den letzten Gewissheiten aber war er noch fern. Das fühlte Faustinus. Das vertraute Umfeld einer Eselswelt gab ihm zu denken:
„Ist das eigentlich die Republik der Esel?“
fragte er nach unschlüssigem Rätseln einen reiferen Gentleman, der optisch gut einen gelehrten Professor hätte abgeben können. Die Frage klang unsicher. Ideal und Wirklichkeit klafften breit auseinander. War er schon an Ziel angekommen, ohne dass es ihm aufgefallen wäre?
So vollkommen unvollkommen konnte das verheißene Land doch nicht sein?
Der angesprochene Weißkopf mit gepflegtem Fell und karminroter Krawatte musterte ihn eine Weile kritisch, bis er sich sicher war, es mit einem naiven Reisenden zu tun zu haben, mit einem Burschen auf der Walz, der seine Lehr- und Wanderjahre absolviert; wohl auch mit einem Fremdling, dem die abendländische Kultur und Zivilisation der Eselstaaten noch unbekannt war. Dann holte er leicht schmunzelnd zu einer Erklärung aus, die auch jedem Katheder an der nahen Universität zur Ehre gereicht hätte:
„Nein, nein, nur keine Sorge, Eselchen. Hier laufen zwar auch manch ausgewachsene Esel herum, doch die wahre „Republik der Esel“ liegt weiter draußen …
Rein äußerlich sehen auch wir zwar noch aus wie Esel, auch sind wir es von den Genen her … und nach der althergebrachten „lex sanguinis“; doch unser Bewusstsein hat sich längst verändert und von dem alten Stamm distanziert!
Die Natur macht manchmal doch Sprünge, Eselchen, auch Bockssprünge, hinauf und hinab. Diese Republik geht inzwischen eigene Wege – ganz nach dem Vorbild anderer Eselstämme westwärts tief in den Alpen, die immer schon eigene Wege gingen und gut dabei fuhren. Der Lauf der Geschichte wollte es so und späte die Einsicht, dass jede Hybris bestraft wird. In der Zwischenzeit sind auch wir nüchterner geworden und weiser. Von unseren Blutsverwandten im Reich wollen wir nicht mehr allzu viel wissen, seitdem auch bei uns Blut geflossen ist. Es sei denn, sie kommen als Urlauber, als Gäste und bringen ein paar harte Dukaten mit. Goldesel, die sich recken und strecken, sind uns willkommen. Doch für das Lumpenpack haben wir den Knüppel aus dem Sack!
Im Ernst … Inzwischen haben uns für eine eigene Staatsform entschieden, für eine Lösung „zwischen den Stühlen“ und Blöcken, für eine, die keinen kränkt, weder Bären und Wölfe, noch Gänsegeier, Falken und Seeadler, eine, die auf „Verständigung“ setzt, eine, die alle existieren, koexistieren und uns gut leben lässt. Der politische Wille wollte es so und weise Überlegungen der Staatsraison, die von Aristokraten des Geistes in einsamen Türmen weit weg vom Volk getroffen wurden, weil das Votum der Vielzuvielen viel zu gefährlich ist. Die Alten wussten davon. Also mussten auch wir elitär handeln, um der Demokratie zu dienen. Kannst du mir noch folgen, Eselchen?“

Und wie er es konnte. Faustinus nickte mit staunender Anerkennung. Soviel politische Theorie und Staatsphilosophie auf einmal hatte es zwar nicht erwartet, schon gar nicht hier unter Kastanien am Hofgarten, wo es jederzeit stachlige Kugeln auf die Schädel herabregnen konnte. Doch alles, was dieser weißhaarige Weise zu sagen wusste, klang merkwürdig einsichtig.
Die Einsamen von heute, lehrte der Schnauzbärtige, sollten ein Volk bilden, eine neue aristokratisch elitäre Kaste, aus dem das Übertier hervorgehen sollte. Altruistisch sollten diese Einsamen sich opfern, damit der Nutzen den ohnmächtigen Vielen zukam.
War das der richtige Weg zur idealen Staatsform und zum Glück der Vielen?
Die Wölfe hatten da schon einiges vorweggenommen in ihrer Vision vom neuen „Sonnenstaat“, allen voran ihr überkluger Führer, der die Philosopheme des Schnauzbärtigen genial umsetzte, ohne sich je auf ihn berufen zu haben. Das war angewandte Staatsphilosophie modernster Art, hohe Kunst, hinter welcher bestimmt der listige Fuchs stand, folgerte der Jungesel aus Sylvanien, erneut die Ohren spitzend:

„Mit den wahrhaftigen Eseln jenseits unserer Westgrenze wollen wir nicht mehr viel zu tun haben, seit der letzten großen Eselei!“
ereiferte sich der Rechtsgelehrte.
„Früher, als es noch eine große Eselsnation gab, das heilige Reich der Eselsnation, waren wir natürlich Verbündete. Eine feste Achse verband uns, alte Brüderlichkeit im Glauben und unerschütterbare Nibelungentreue bis in den Tod. Wir halfen einander, auch in Krieg und Untergang, solange bis die gesegnete Allianz durch höhere Fügung zerbrach.
Heute gehen wir getrennte Wege wie Eheleute, die zu lange verheiratet waren. Wir haben uns zu „ewiger Neutralität“ verpflichtet, was immer das auch heißen mag, als eselartiges Volk im eigenen Staat zwischen den Blöcken … und dem Blöken der Schafe.
Der Tiger darf künftig Tiger sein und der Wolf ein Wolf, wenn er uns nicht schadet. Sankt Florian ist jetzt unser neuer Schutzpatron – und seine Prinzipien bestimmen unser Handeln. Doch das alles hättest du eigentlich wissen können, Eselchen, wenn du nicht gerade aus den hintersten Wäldern der Bergwelt herstammtest!
Die Sylvanier sind etwas ins Hintertreffen geraten und wohl nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit? Neue Konstellationen bestimmen den Kosmos, Bürschchen, und neue Werte! Die alten Tafeln liegen in Scherben – und keiner wird sie kitten.
Glück und Glas sind zerbrechlich, Freundchen! Seit dem letzten großen Vernichtungskrieg ist auch die Karte unseres alten Kontinents neu geordnet worden. Der Kongress tanzt heute woanders.
Inzwischen gibt gleich mehre Eselsstaaten in unseren Breiten, ja selbst die Maulesel und Mautiere strebten nach Souveränität, wenn das Völkerrecht dies zuließe.
Zwei mächtige Eselstaaten liegen vor unserer Haustür, nur leider in Zwietracht bis aufs Blut verfeindet. Eng verwandte Esel, Eltern und Kinder, Brüder und Schwestern, müssen auseinandergerissen und wohl für immer getrennt in täglicher Konfrontation leben. An Grenztürmen stehen sie sich unversöhnlich gegenüber. Bis zu den Zähnen bewaffnet bekämpfen sie sich wie Todfeinde. Solche Sturheit bringen nur wahrhaftige Esel auf! Ein Wahnsinn! Nicht die Ochsen sind es, die den Lauf des Fortschritts aufhalten, ohne es zu merken, die Esel sind es schon selbst!
Der Esel ist fürwahr ein besonderes Tier im Plan der Schöpfung! Wir hier haben die Konsequenzen aus der jüngsten Geschichte gezogen! Also haben wir uns von den wahren Eseln distanziert, in aller Freundschaft. Somit haben uns für den Frieden entschieden und für die Nichteinmischung. Vom Säbelrasseln haben wir genug, für alle Zeiten. Der ewige Frieden ist nahe und das große Glück der Vielen. Damit fahren wir nicht schlecht.
Unsere Esel zieht es jetzt mehr hinaus zum Heurigen und zum Prater; zum Essen, Trinken und Lieben … So bleiben sie der Erde treu und den Freuden des Irdischen. Unsere Esel wollen nur noch Walzer tanzen und lustig sein, nicht aber ihre Haut auf die Schlachtfelder tragen, nur weil graue Eminenzen es so befehlen.“

Bei den letzten Worten des langen Monologs, der das mit offenem Maul und heraushängender Zuge da stehende Eselchen immer noch im unendlichen Staunen hielt, rückte der aufgeklärte Jurist, der im hohen Gebäude des Völkerbundes nebenan seinen Dienst versah, seine karminrote Krawatte zurecht, die gut zu dem feuerrot erregten Gesicht passte. Mit der Signalfarbe am Hals deutete er unmissverständlich an, dass kein Esel an dieser Leitfarbe vorbei kam, wenn er in diesem Staat etwas gelten, etwas sein und irgendwann nach servilen Diensten zu höheren Weihen gelangen wollte.
Aus dem roten Kardinalshut von gestern, der früher absolute Macht bedeutet hatte, war hier und jetzt ein schmaler Seidenstrick geworden, hinter welchem noch schlimmere Symbole lauerten, an denen immer noch Werte aufgezogen wurden. Da mit verstaubten Prädikaten und Titeln auch die Herkunft abgeschafft worden war und, nach dem eingezogenen Vermögen auch etwas von der historischen gewachsenen Ungleichheit zwischen höheren und niederen Eseln, blieb nur noch ein kleines „rotes Büchlein“ übrig, ein „Katechismus des Erdenglücks“ im Utilitaristenstaat, als Rezeptsammlung zur sinnvollen Lebensführung. Und dies, obwohl es hier im Staat tatsächlich mehrere Parteien zu geben schien, rote, graue, grüne und braune mit mehr oder weniger neutralen Ansichten. Doch ganz genau wollte es Faustinus gar nicht wissen. Er hatte gerade viele neue Begriffe vernommen, mephistophelische Begriffe, die noch weiser anmuteten als die Floskeln des Kardinals – und dies alles in einem „neuen Ton“, den es vermutlich nur hier gab, in dieser Residenz, überlegen herablassend und zugleich durchgeistigt wie ein antikes Philosophem.
Trotzdem schluckte er. Der feine Herr im graubraunen Anzug, dessen leichte Arroganz ihn an das Unbehagen in der Wolfsburg erinnerte, hätte das alles viel knapper auf den Punkt bringen können – die Quintessenz in einer Sentenz, nicht viel anders als Diogenes: Nichts Neues unter der Sonne!
Oder noch knapper: Alles Heuchelei! Auch hier!
„Ecrasez l’infame“, hätte Voltaire vielleicht jetzt ausgerufen.
Der sichtlich beeindruckte Faustinus bedankte sich artig und verabschiedete sich. Bevor es weiter ging durch die große Stadt, wo er noch mehr von der Zivilisation zu sehen beabsichtigte, von der Kultur und dem historischen Ambiente eines fast schon in Asche gesunkenen Weltreichs, in dem vieles recht eng mit der Herkunft und der Identität aller Esel verknüpft schien, blickte der Sylvanier noch einmal zu dem Glasturm hoch, wo die Repräsentanten aller Tiergattungen und Völker am „Ewigen Frieden“ arbeiten. Die Idee und Vorstellung davon hatten einst bereits die Philosophen der Menschen ersonnen; nur vernichteten sie sich selbst, noch bevor etwas vom großen Endziel hatte erreicht werden können. „Glück und Glas, wie schnell bricht das“, erinnerte er sich. Die lehren des Todesflugs im Spiegelkabinett wirkten nach. Jetzt lag es in der Hand der Esel, die zum Teil begnadete Kongresstänzer und Geheimdiplomaten waren, das hehre Ziel umzusetzen – den Eiertanz! Bestimmt stand das Palais der Vereinten Nationen der Tierheit nicht ganz zufällig im ewig neutralen Staat der Esel – gleich neben dem Kartell der Besitzenden, die nicht bereit waren, mit ihren armen Brüdern zu teilen!?
Und nicht ganz zufällig stand diesem höchsten Gremium der Tierheit eben ein endemischer Esel vor, ein Diplomat, der im Grunde seines Wesens ein wechselfreudiges Chamäleon war, einer, der es mit allen konnte – und einer, der alle täuschte, die einen wie die anderen. Man munkelte, der stattliche Esel sei in seinem Vorleben – und während des letzten großen Krieges – ein Geier gewesen. Die unübersehbare Hakennase erinnere noch daran. Doch Genaues wusste niemand. Schon gar nicht Faustinus, der naiv war wie Candide, stets bereit, dem Glauben an das Edle und Gute im Tier alles zu opfern – und ohne Lust, wilden Verschwörungstheorien auf den Leim zu gehen.
Wenn ein Geier die oberste Behörde der Tierheit leitete und die Gegner der tierischen Nächstenliebe gerade an diesem neutralen Ort ihre Heimstatt fanden, dann hatte dies alles sicher seine Richtigkeit und einen höheren Sinn.



Copyright: Carl Gibson

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