Sonntag, 2. Januar 2011

Von der Liebe

Im Zug ging es lebhaft zu. Große und kleine Tiere, Bergziegen und Pferde, Marder und Dachse, Eichhörnchen und Einhörner, Enten und Gänse, Kampfhähne und Harpien, Störche und Basilisken und andere farbenfrohe Exotenvögel drängten sich durch den schmalen Gang; die einen in die eine, die anderen in die andere Richtung. Über ihre Köpfe hinweg flatterten einige schwarze Fledermäuse, die aus irgendwelchen Gründen der Höhlen Sylvaniens überdrüssig geworden waren. Bei diesem bunten Treiben erinnerte sich Faustinus der Worte jenes feurigen Minotaurus vom Schwarzen Meer, der, wenn er im Zug unterwegs war, immer auf und ab lief, um nach Freunden und Bekannten Ausschau zu halten und, aber das sagte er nicht, nach Liebesabenteuern, die man auf jeder großen Reise erleben kann. Einige Eroberungen hatte jener Juan so gemacht, nicht viel bescheidener als sein ferner Verwandter aus Sevilla. Sollte Faustinus es ihm nun gleichtun und sich zum Verführer wandeln? Etwas drängte zur Metamorphose, doch er wusste nicht recht, was sich in ihm regte. War es eine Versuchung, die Schranken des Verbotenen auszutesten, um noch mehr erkennen, war es nur bloße Neugier? Oder war es gar eine andere Dimension, die ihn antrieb, ein Heer von Kräften aus den Untiefen des Unbewussten und des Irrationalen? Sollte er dem inneren Feuer folgen, den Wallungen der Hormone und es den maurischen Vollblütern gleich tun, aufbrechen nach dem schwachen Geschlecht suchend … und nach dem Ewig Weiblichen in Eselshaut dahinter?
Oder war es nur lächerlich, vom Anfang des Zuges bis zum Ende laufen, um zu sehen, wer da war und um selbst gesehen zu werden nach der Art der vorlauten Esel auf dem Markt?
Sollten alle Reisenden im Zug davon Kenntnis nehmen, dass er, der nicht mehr ganz kleine Waldesel aus den sieben Bergen, auf große Reise ging … und bald vielleicht auf große Fahrt?
Während Faustinus im Korridor tief schürfend sinnierte, um bald -  wie einst Oblomow - auf viele Gründe zu kommen, nichts von alldem zu tun, wurde er auf einige gut gelaunte Esel aufmerksam, die wohl zusammen gehörten. Eine Familie?
Drei junge Eselsdamen saßen dort im Abteil, eine netter als die andere, doch artig sittsam. Gegenüber hatte die gestrenge Eselmutter Platz genommen und das offensichtliche Familienoberhaupt, ein nahezu vollständig ergrautet Sylvanier mit Hornbrille, der schulmeisterlich korrekt in die Welt blickte.
Gefühle zeigen war unschicklich. Die ältere Schwester war in eine Abhandlung vertieft, die Stendal einst über die Liebe geschrieben hatte. Die Mittlere strickte und die Jüngste unter den drei Grazien aus Siebenbergen zappelte ungeduldig auf ihrem Sitz herum, so als ob Flöhe ihr zu schaffen machten. Etwas machte sie unruhig. Die Ungeduld des Herzens?
Literatur konnte sie nicht länger fesseln. Nach einer Weile fand sie den Vorwand, um aufzuspringen und hinauszueilen in den Korridor, wo das Leben pulsierte und wo dieser kühl wirkende, innerlich aber hell aufgeregte Eselsjüngling kontemplativ am Fenster lehnte. Mehr lässig als frech gesellte sie sich zu ihm und ließ ihre Blicke stumm in die Ferne schweifen.
Interessierte Gleichgültigkeit?
Würde der Bursche bald etwas sagen, sie ansprechen?
Auch Faustinus fühlte, dass ihn etwas zu diesem Wesen magisch hinzog, eine Macht, die er so noch nie empfunden hatte, ein animalischer Magnetismus vielleicht oder die ihm noch unbekannte Anziehungskraft der Seele, noch stärker wirkend als der Sog des Mondes in heller Winternacht?
Er fühlte ein Kribbeln im Bauch, feurige Wallungen in ganzen Körper, die ihm die Haare aufrichteten. Je näher sie an ihn heran kam, desto deutlicher fühlte er ihren warmen Atem in Genick – und er roch ihr betörendes Parfum, das bestimmt nicht nur ihm die Sinne raubte. Offensichtlich war er ihr nicht ganz gleichgültig?
Diskretes Schielen hier und dort. Zwei Eselskinder im Zug im gegenseitigen Beschnuppern!
Sie musterte ihn und er musterte sie verstohlen wie ein Dieb. Die Situation war neu. Neue Reize und unbekannte Phänomene stellten sich ein. Was duftete?
Welcher Geruch widerte ihn an?
Faustinus’ Gehirn war unfähig, das alles auseinanderzuhalten, einzuordnen und zu deuten, was die Nüstern aufnahmen. War er denn ein Sensualist, der die Welt mit den Sinnen aufnahm und der die Lust über den Sinn stellte? Oder wurde er gar, ohne es zu wissen, von unbewussten Mächten angetrieben und gesteuert, in allem, was er tat – von dunklen Trieben vielleicht, von Eros und Thanatos?
Den Überlebenstrieb hatte er schon gefühlt über Hunger und Durst, auch den Todestrieb in nackter Verzweiflung.
Doch was war die Liebe?
War sie auch ein Trieb?
Kam Eros in die Welt, um sie mit letztem Sinn zu erfüllen?
Die Natur faszinierte – und die tieferen Regungen der Natur – und der Ekel war so weit wie der Hass. Faustinus wagte kaum noch zu atmen. Er stand nur da wie eine korinthische Säule in lauer Sommernacht, überrannt von einem Heer wohliger Gefühle, die er über sich ergehen ließ wie einen warmen Regen im Frühling.
Von Zeit zu Zeit warf ihm die holde Jungfrau einen Blick zu, frivol forschend, doch auch anmutig und keusch. Dabei studierte sie ihn mit kritischem Sinn, so als ob sie noch nie einen Jungesel auf der Walz erlebt hätte.
Was ihr wohl an ihm gefiel?
Was faszinierte?
War es der markante Eselsschädel mit dem gewissen Etwas, was ihn so anziehend machte? Der visionäre Blick vielleicht? Die lebensfrohe Zuversicht, die aus den blauen Augen strahlte? War es gar die vornehme Zurückhaltung, der Hauch von Tiefsinn, Intelligenz?
Ja waren innere Werte überhaupt am äußeren Erscheinungsbild abzulesen? Wer fragte danach!?
Altmeister Felix, Faustinus’ früher Mentor und Erzieher, der auch ein Experte physiognomischer Deutung galt, hatte es ihm einst so beigebracht, während andere den Schönen Schein huldigten:
„Kleider machen Leute“, meinten sie und setzen auf allerlei Tand, um zum Zweck zu gelangen.
Doch was ist dahinter, hinter dem Putz und hinter dem oft falschen Fell? Zählte wirklich nur der erste Eindruck: Sympathie – Antipathie?
Und war damit die Wesenheit erfasst, die Substanz, während der Rest nur Nebensächlichkeiten darstellte? Oder bedurfte es der Zeit und der existenziellen Prüfung in unterschiedlichsten Lebenssituationen, um auf die Wesenheit der Kreatur zu kommen, auf ihr eigentliches Sein?

Das alles kümmerte Faustinus kaum. Und auch die Angebetene fragte nicht danach. In ihren Augen war dieser Kerl nur ein Esel mit strahlender Aura, sympathisch und gewinnend, weil er natürlich wirkte und weil er sich selbst hier auf engstem Raum naturgemäß verhielt. Die Jugend wirkte in ihm, ließ ihn frisch und unverfälscht erscheinen, fruchtbar und potent wie Minotaurus, obwohl er nur ein Esel war und kein Stier.
Da man ihm die Armut nicht ansah, war er mit Sicherheit eine gute Partie! Aus der Sicht einer heiratsfähigen Eselin verkörperte er das Summum bonum, die Vereinigung des Wahren, Guten und Schönen in einem Leib, jene Absolutheit, nach der das Ewig Weibliche immer schon intuitiv strebte, nicht aus nieder Lust, sondern weil es die Natur so wollte. Vielleicht war das kurze Erdenglück nur ein Mittel der allweisen Natur, um zu ihrem Zweck zu gelangen, zur profanen Fortpflanzung und zur Arterhaltung?
Auch davon ahnte Faustinus noch nichts, obwohl er in der „Ars Amatoria“ gelesen und auch in Darwins Schrifttum geblättert hatte. Er gab er sich wohlwollend und konziliant, dann und wann - einem näheren Kennenlernen nicht abgeneigt - zurückschielend. Diese Eselstute mit dem zart verführerischen Blick gefiel ihm gut. Noch besser aber gefielen ihm ihre rotbackigen Wangen, die vom wahren Leben zeugten und von Lust.
Sicher war sie die edelste unter den drei sylvanischen Töchtern, die zarteste und liebste wie im Märchen, wo der Liebreiz der Jüngsten über alles triumphiert. Anmut und Würde? In den Augen ihres Verehrers war sie die Anmutigste im Zug! Und sicher auch die Würdevollste?!
Faustinus zweifelte nicht daran. Gewissheit erfüllte ihn, gepaart mir einer großen Sehnsucht, die übermächtig zu werden drohte, wenn er zu der Leibreizenden hinsah.
War das die viel beschworene Liebe auf den ersten Blick?
Ein Geschenk Gottes, das nur wenigen Auserwählten zuteilwurde – als Wiedergutmachung für einst erlittene Qualen?
Und ihm fiel sie nun zu, die erste Liebe!
Faustinus schaute die Schönheit mit Augen und fühlte zugleich, wie er dem Tod anheimgegeben war - Eros und Thanatos im Zug!?
Echt romantisch war das alles und verklärt!
Eine neue Regung kam jetzt auf, eine erste Erregung und ein neues Gefühl; ein Glücksmoment, das er auf diese Weise noch nie erlebt hatte. Bisher hatte Faustinus kaum auf Eselinnen geachtet, immer abgelenkt von höheren Idealen, von Werten wie die Freiheit, Gerechtigkeit und Glück. Doch jetzt, bereits in relativer Freiheit angekommen und schon etwas glücklich, sah er sie, die Angebetete aus verborgenen Träumen, hier unmittelbar vor sich, zum Greifen, zum Berühren, zum Begehren nahe. Er fühlte, wie eine Ur- Sehnsucht in ihm aufstieg, eine tiefere Sehnsucht nach den Ewig Weiblichen, das doch mehr zu sein schien als eine Erfindung der Dichter.
Und er fühlte die Lust, sie zu Umschlingen, sie zu Umarmen, sie zu herzen und zu küssen und sich mit ihr zu vereinigen, eins zu werden mit ihr, wie er es bei Ovid gelesen, doch noch nicht nachempfunden hatte. Jetzt fühlte er Lust und Begierde – und doch war etwas dazwischen, was ihn abhielt.
Aus ihm war auf einmal ein Liebender geworden, ein Inamoroso, der, zur Melancholie neigend, den Schmerz des Verzichtens viel tiefer empfand als andere Esel und Maulsesel.
„Es darf nicht sein, was nicht sein soll“,
nahm er sich betrübt zurück.
„Leben heißt leiden. Und unglücklich lieben heißt noch mehr leiden!“
Bald darauf öffnete ein Gast ein Fenster. Kalte Luft strömte ein und ließ die Traumwelt schwinden.
Was die Fantasie ausmalte, konnte noch nicht sein. Der raue Fahrtwind pfiff ihm um die Ohren und kühlte das aufwallende Blut. Desillusion? Die Angebetete entschwand im Abteil.
Für immer?
Faustinus fühlte, wie mit der schönen Gestalt das kaum gegrüßte Lebensglück dahinschwand. Ein Schmerz erfüllte ihn, den er hier und jetzt nicht ertragen konnte, nicht auch noch vor den Augen der Welt in Tränen ausbrechen!
Wofür eigentlich, für eine Illusion, für eine Chimäre?
Denn nicht einmal ermutigt hatte sie ihn, nur kokettiert, ihn zum Narren gehalten in Liebelei?
Er musste schleunigst weg, dem Schmerz entfliehen, weiter auf und ab laufen in langen Zug, den noch nicht zu Ende geträumten Traum vergessen und auf neue Chance hoffen. Vielleicht hockte in einem anderen Abteil eine weniger strenge Eselmutter mit einer noch viel schöneren Tochter?
Wunder gab es viele – und für den, der fest daran glaubte, wurden sie auch wahr. Schließlich konnte keiner konnte genau wissen, was das Schicksal mit einem Esel noch vorhatte und wo das wirkliche Glück wartete. Also rannte Faustinus davon, Erleiden lernend ohne zu klagen, neuen Herausforderungen entgegen und geistigen Amouren, denn er war ein vernunftbegabtes Tier, allzeit bereit, von ihr Gebrauch zu machen.

Von Unruhe und Neugier getrieben machte er es wie der schnaubende Minotaurus im Labyrinth, lief es von einem Ende zum anderen und freute sich, dass der Zug eine Linie war und kein Kreis, in dem der Schwindel drohte. Es reichte schon zu wissen, dass die Erde rund war und ihre Probleme endlos, während eine flache Scheibe diese vielleicht besser gelöst hätte. Anfang und Ende machten die Dinge kalkulierbar, während die Unendlichkeit das Scheitern herauf beschwor.
Von strömenden Gedanken voran getrieben, stürmte der Waldesel durch die Bahn, ohne auch nur einen vernünftigen Gedanken fassen zu können.
Waren die Peripathetiker auf dem Holzweg?
War das Sitzen dem Denken angemessener als die kontinuierliche Bewegung?
Oder war doch jedem Gedanken zu misstrauen, der nicht in Bewegung entstanden war?
Wahre Esel waren eigentlich immer in Bewegung, überall auf dem Erdball, tragend und ziehend, ja selbst beim Wiederkäuen. Große Ideen entstanden oft beim Wiederkäuen – in permanenter Synthese und Läuterung origineller Gedanken, die bereits von den Eseln der Urzeit vorweggenommen worden waren. Nicht auf das viele Fressen kam es an, sondern auf das gründliche Wiederkäuen und auf das noch gründlichere Verdauen. Nur aus Verdautem schien die Essenz hervor, die Substanz und Wesenheit war!
Wenn die Frucht reif war, das wusste nicht nur der Landmann, fiel sie einem zu, die süße Dattel wie die große Idee!
Wahngetrieben, rastlos wie ein Atom im bewegten Körper, raste Faustinus durch das fahrende Gefährt, hin und her, und regelmäßig am Abteil der angebeteten Entfernten vorbei. Die Melancholie war dahin, aufgelöst in der Bewegung. Am Abteil vorbei sausend, schielte er zur Ecke hin, zur Jüngsten, die nunmehr die Landschaft bewunderte, sittsam und mit steifem Hals, ohne sich weiter nach jungen Eseln umzusehen. Die Familie war auch noch da, der Graukopf, die Matrone, die lebensfrohen Töchter. Faustinus Augen sahen nur eine – die Eine, rotbackig barock, die Krönung der Schöpfung nach Rubens, diese Eine, die er weder vergessen würde, noch so einfach dahin fahren lassen konnte.
„Werde ich dieses Götterbild einst wieder finden im Land der Esel oder sonst wo auf der weiten Welt?“
Manches sprach dagegen.
„Wenn sie auch endgültig verloren sein sollte“
tröstete er sich gleich selbst,
„dann werde ich die Liebe zu ihr im Herzen tragen, unverfälscht und rein als hohen Wert und sittlichen Gedanken. Der Gottheit aber werde ich danken, wenn sie mir das Niedere versagt, um mir Höheres zu geben. Seitdem ich die Schönheit angeschaut mit Augen, ist mir bewusst, zur Liebe fähig zu sein, denn sie ist es, die den Sinn unserer Existenz ausmacht und das letzte Glück unseres Lebens begründet. Ohne die Liebe ist das Leben ein Irrtum. Also werde ich ewig lieben!“

Da Faustinus eine poetische Ader hatte und es in seinem romantischen Schädel immer wieder dichtete, verfiel er erneut blühendem Schwärmen. Dionysisch- Ekstatisches und Lebensphilosophisch- Apollinisches mischten sich.
Unbewusste Mächte, große Gefühle mussten in Ordnung gebracht und mit dem künftigen Lebensplan versöhnt werden.
„Wenn das Schicksal mir hold ist, werde ich eines Tages meine Faustina finden wie Papageno seine Papagena, die Geliebte meines Herzens, die auch mich liebt!
Wenn es anders kommt, dann werde ich nach Laura suchen, sie unglücklich anbeten wie andere einsame Melancholiker vor mir im Sonett gleich Petrarca, Lorenzo und Michelangelo!“



Coppyright: Carl Gibson

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