Dienstag, 4. Januar 2011

Von der Würde

Hier, inmitten der lustigen Gesellen, lebte Faustinus wieder auf und konnte erstmals wirklich herzhaft lachen, befreiend lachen wie einst Demokrit, der lachende Philosoph.
Auf seiner Reise zum Meer und nach den Erfahrungen im Loch hatte er das Lachen für lange Zeit eingebüßt. Nun aber lachte er wieder aus vollem Herzen. Und das Lachen entkrampfte seine Seele und befreite seine Gedanken.
Wohin er auch kam, überall fühlte er sich heimisch, denn überall vernahm er das vertraute I – Aaa;  nur melodischer, lieblicher und milder ausgesprochen als sonst wo auf der Welt. Dieser harmonische Alpendialekt schmeichelte seinen Eselsohren sehr – und die ganze Lebensart dieser Bergesel, die gar nicht verstockt waren und sichtlich viel vom Leben verstanden. Mit so viel Gastfreundschaft und Überschwang hatte der Auswanderer nicht gerechnet, schon gar nicht mehr nach dem Tschuschen- Erlebnis in der Kaiser-Residenz, das ihn, den Mimosenhaften, so sehr hatte zurückzucken lassen.
Ausländerfeindlichkeit, auch unter Eseln?
Das Phänomen war ihm neu. Doch hier hatte es keinen Raum! Frohlockend wie ein Engel im heiteren Paradies erhob er den Blick zum Himmel und dankte der Gottheit, dass sie ihn letztendlich doch in den richtigen Eselstaat geführt hatte. Erstmals fühlte er sich eigentümlich frei und fast glücklich. War er nun endlich im idealen Staat angekommen, in Concordia im Großformat?
Von künftigem Bildungseifer getrieben, stürmte Faustinus den erstbesten Buchladen und verlangte nach der Verfassung des Staates, den er gerade erst betreten hatte. Man reichte sie ihm, die Bundesverfassung, ohne Bedenken. Schließlich waren dort keine Geheimnisse kodifiziert wie im Staat der Wölfe, sondern Prinzipien, die ein Fundament bildeten für alle anderen Gesetze der Republik. Recht – das war eine öffentliche Angelegenheit – wie das Gesetz, das alle Esel befolgen sollten.
Irgendwo hatte er etwas von einem kategorischen Imperativ gehört, der eigentlich immer noch Geltung hatte. Faustinus schlug neugierig den Gesetzestext auf und las dann mit lauter Stimme den zentralen Satz der Präambel:
Die Würde des Tieres ist unantastbar“.
Welch eine Formulierung!
Er wusste zwar, dass die große Nation der Esel, der viele geniale Dichter und Denker, aber auch unerreichbare Verbrecher entstammten, einst für kurze Zeit die wohl demokratischste Verfassung der Welt in Kraft gesetzt hatte; doch dieser Satz hier, schwarz auf weiß verewigt, übertraf seine kühnsten Erwartungen. In seiner ethischen Tragweite ging er sogar weit über die gesamte Eselheit hinaus und erfasste selbst das Wesen der Schöpfung.
Ob dieser Anspruch auch eingelöst werden konnte und ob er mehr war, als nur eine regulative Idee?
Oder war dies auch nur eine Parole, die im Raum stand, wie die vielen Parolen in den durchreisten Eselstaaten?
An allem ist zu zweifeln, hatte ein alter Lehrmeister einmal gesagt. Auch an hehren Idealen?
Der Waldesel verscheuchte die dumpfen Gedanken, die etwas Niederziehendes hatten und bemühte sich, zuversichtlich zu denken und optimistisch in die Welt zu blicken. Wollte er nicht irgendwann verzweifeln, musste er auch weiterhin an Prinzipien und Werten festhalten – das war ein Gebot der Selbsterhaltung! Und die Welt um ihn war doch nicht so schlecht!
Allein die Kategorie der Würde reichte dazu aus – und die tatsächlichen Werte, die er tagtäglich im Umgang mit seinen Mitgeschöpfen erfuhr. Er gedachte des herzlichen Empfangs in der alten und zugleich neuen Heimat, die ihm weit vertrauter war als fremd, an die neue Geborgenheit und an all die schönen Dinge, die noch folgen sollten. Während die Melancholie verflog, geriet Faustinus ins Schwärmen. Der Esel war angekommen – und er war auch da, wirklich da, am Ziel, am ersten Etappenziel zum Hinauf, zum Gipfel.
Faustische Gefühle kamen auf und ähnlich gelagerte Empfindungen. Er strahlte, den Blick zum Licht erhoben. Natur und Geist verbanden sich zu einer längst erstrebten Einheit.
„Endlich: Hier bin ich Tier, hier darf ich sein“,
schoss es ihm durch den Kopf“.
Die hier hoch geachtete Würde des Tieres war es, die er im Land seiner Herkunft so bitterlich vermisst hatte. Hier war er kein Esel unter Wölfen, sondern ein Esel unter wahrhaftigen Eseln. Alles baute auf der Würde des Tieres auf; alle Freiheiten, jedes Recht und jede Gerechtigkeit, auch jede Wissenschaft und Kunst.
Die Würde, über die der edle Pico geschrieben hatte, war unantastbar – und außerhalb der Würde wollte er auch nicht agieren. Alles Außermoralische war ihm ferner als der entfernteste Stern und zutiefst suspekt, weil er bereits am eigenen Leib erfahren hatte, dass dies auch die Wurzel des Bösen war.



Copyright: Carl Gibson

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