Dienstag, 4. Januar 2011

Wie Faustinus Arabella wieder fand und was dann geschah

Der Staat meinte es auch sonst gut mit dem jungen Waldesel. Die Zeit der Reifeprüfung sollte er an einem schönen Ort verbringen, als Kompensation für die Qualen im Loch vielleicht; hoch über dem See, in einer vornehmen Schule im Schloss, mitten unter Reben und Rosen.
„Erst wer die Schönheit angeschaut mit Augen, ist zu sublimerer Leistung fähig“,
kombinierte Faustinus, als er von den Weinhängen hinab sah auf die Schifflein im See und den Blick schweifen ließ über die weißen Bergzinnen des Nachbarstaates, wo seit Jahrhunderten Esel lebten, weiße Esel, die jeder Eselei geschickt aus dem Wege wichen.
Nur war der junge Streiter aus Siebenbergen nicht der einzige Gast im neuen Schloss. Es gab da noch andere Esel, die von weit her angereist waren, aus den schlesischen Gruben und den böhmischen Wäldern, aus der fernen Puszta und sonst woher; alles junge, gut aussehende, viel versprechende Esel, Männlein und Weiblein – eine Elite der Eselheit, zart und unverdorben wie die schöne Natur des Umfelds. Jeder aus dem Kreis der breiten Eselsverwandtschaft, die dank einer Laune der Geschichte über den halben Heimatkontinent verstreut worden war, brachte ein paar Eigenheiten mit und sein überaus individuelles I – Aaa. Faustinus hätte nie gedacht, dass den vielen Facetten und Nuancen des I – Aaa – Sagens, noch unendlich weitere hinzugefügt werden konnten.
Plötzlich erstarrte Faustinus fast zu Stein – doch nicht von Medusas Anblick getroffen, sondern von den Äuglein eines rotbackiges Mädchens erspäht, das grinsend vor ihm stand wie ein Engel im Rubensgemälde – prall wie das Leben selbst: Arabella!
Die gütige Vorsehung hatte es so gewollt und das allmächtige Schicksal, das sein Traum wahr wurde – sie war wieder da, Arabella, die Quintessenz und ultimative Inkarnation der Idee von Ewig Weiblichen! Der Traum war Realität geworden. Die Faustina seiner Sehnsucht stand nun leibhaftig vor ihm. Zutraulich lächelte sie ihn an, sichtlich erfreut, dem Fahrenden aus dem Zug wieder begegnet zu sein.
Es war das Wiederfinden verwandter Seelenhälften – und  es erinnerte an die Märchenwelt der Oper, wo er den göttlichen Namen zuerst vernommen hatte.
Arabella! Reinste Rauschpoesie!
Auch Esel kennen die Liebe auf den ersten Blick. Und auch Esel können sich nicht dagegen wehren, wenn Eros waltet und wenn Cupidos Pfeil trifft.
Wie viel gab es jetzt zu bereden!
Die stille Romanze im Zug war in nonverbaler Kommunikation verraucht. Doch die Blicke hatten ausgereicht, um tiefer schlummernde Gefühle zu wecken und Regungen von Psyche und Soma, von welchen beide damals noch nichts ahnten.
Im vertrauten Gespräch unter Weiden am See erfuhr der vor Selbstbewusstsein strotzende Jungesel erstmals den vollen Namen der Angebeteten.
Arabella Asinus hieß sie mit vollem Namen; und sie stammte aus Aresberg, aus einer stets wehrhaften Festung, die nicht allzu weit von dem heimatlichen Eselsburg entfernt war. Also waren sie eigentlich Nachbarn, freundschaftlich verbundene Wesen, fast wie jene Königskinder, die sich so lieb hatten und tragischerweise doch nicht zu einander finden konnten.
Ursprünglich, doch darüber schwieg Arabella, hießen ihre noblen Vorfahren väterlicherseits noch ganz profan „Esel“, bevor sie sich, um der schnellen Karriere willen und aus einer Mode heraus, das latinisierende „Asinus“ zulegten. Das machte jetzt aus ihr eine Dame von Welt und von edelstem Geblüt: Arabella Asinus von Aresberg! Konnte da ein junger Esel, der in seinem Innersten fern der Kabbala verpflichtet war, dem dreifachen Aaa widerstehen – und der Poesie dieses Aaa? Halb zog sie ihn, halb sank er hin … in ihre Arme und an ihre Brust … und er verweilte dort längere Zeit.


Copyright: Carl Gibson

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