Montag, 3. Januar 2011

Wolferl Mozarts verrückter Esels- Kanon

Weiter zog es Faustinus den Ring hinunter, auf die Peripherie zu und hinaus in die Vorstadt, wo die schlichten Tiere hausten. Nur wo sollte er beginnen und wo aufhören?
Das mit dem Heurigen in Grinzing konnte ins Auge gehen!
Der Zug würde bestimmt nicht warten. Und mit ihm schied dann sicher auch Arabella, seine neue Sonne am Firmament! Sein neuer Fixstern, der ihn den alten vergessen ließ. Leicht aufgeschreckt und ernüchtert von der Vorstellung, das geliebte Weib für immer zu verlieren, hob der Esel erneut den Blick zum Himmel, so als ob er göttlichen Beistand herabflehen wollte; dann sah er sich ratlos um. Ein Vergleich mit der Wolfsburg drängte sich auf. Mächtige Kasernen auch hier und wohl auch Bunker, die in unbekannte Tiefen führten? Merkwürdig!
Nirgendwo waren die vertrauten Transparente zu sehen mit den noch vertrauteren Parolen. Nur an einem großen Haus, aus dessen hohen Räumen jetzt Geigentöne herüber hallten, Vogelstimmen und Schalmeien, wehte ein weißes Tuch mit roter Aufschrift. Ein "Freundeskreis tierischer Musik" hier aus der Hauptstadt kündigte dort gerade Konzert an, in welchem die Kompositionen eines gewissen "Wolferl" erklingen sollten.

„Wolf … gang Aaa … m … a … deus“

las der Jungesel mit gemischten Gefühlen.
Ein Wolf als Liebling der Götter?
War das nur eine zufällige Namenskoinzidenz? Oder verbarg sich hahinter gar jener geniale Tonsetzer und Kauz, in dessen Briefen er früher mit Lust geschmökert hatte?
Reichte der Einfluss der Wölfe gar bis hierher, hinein in die heiligen Hallen der Residenz, wo jeder Rache längst entsagt worden war?
Bestimmten die Wölfe selbst hier  den Gang der Kultur?
Im Eselsbauch rumorte es jetzt anders, als noch unlängst im Zug beim Anblick Arabellas. Schreckhaft meldete sich eine entschundene Welt zurück, die Welt, aus der er kam. Doch nur für Augenblicke. Bald verflog der Schrecken wieder. Angenehmere Töne durchhallten die Luft. Wohlklingende Harmonien waren zu vernehmen, genauso virtuos dargeboten wie die Arien verliebter Täubchen, trillernder Lerchen und hypertropher Nachtigallen hoch oben im Saal. Bald darauf wechselte das Repertoire – ein Choral war jetzt zu hören, bachantisch lebensfroh und amüsant vorgetragen.
Faustinus wollte gerade mitsingen, als ihn als ihn der Text des hell ertönenden Trinkliedes etwas stutzig machte. Welch merkwürdige Worte erreichten da sein sensibles Esel-Ohr?
Was war das?
Ein Choral, für einen Faun gemacht und nun von leibhaftigen Satyrn gesungen:

O, du eselhafter Martin,
o, du martinischer Esel,
du bist so faul wie ein Gaul …
leck mich geschwind
Iiii  Aaaaaaa …
Iiii  Aaaaaaa …
Iiii  Aaaaaaa …

Faustinus traute den langen Ohren nicht:
„Wo bin ich hier gelandet“,
wunderte sich er sich leicht moralisch entrüstet,
„in Sodom und Gomorra?“

Alles Wahre, Schöne und Gute, all die Werte, die er im Wolfsstaat so sehnlichst vermisste, hatte er im noch freien Abendland erwartet – und nun das hier? Welch eine Enttäuschung!
War jedes Ethos auf den Hund gekommen? Wo blieben Anstand und Würde, Sitte und Sittlichkeit – Dekadenz, Zerfall, auch hier?
Stellten diese hehren Fassaden nur Potjomkinsche Dörfer dar?
Was verbarg sich dahinter?
Die Unzucht?
Die Sünde?
Ein System der Lüge, das die gesamte Tierwelt auf den Kopf zu stellen vermochte, ohne dass es den Allzuvielen auffiel?
Oder ist das alles nur ein Ausdruck uneingeschränkter Freiheit, die jedermann erlaubt, das auszusprechen und zu singen, was ihm gerade einfällt?“
So rätselte der naive Esel aus der sylvanischen Provinz hin und her, ohne auf den berühmten grünen Zweig zu kommen.
Raubritter in grauer Vorzeit hatten einst solche Kraftausdrücke ersonnen und in Umlauf gebracht, als sie sich als freie Individuen gegen Kaiser und Gott zur Wehr setzten, währen ein ganz großer Dichter sich nicht zu schade war, dramatische Literatur daraus zu machen, die Essenz so oft wiederholend, bis sie Allgemeingut geworden war.
Götz von Berlichingen – und sein famoser Ausspruch!
Wenn selbst Wolferl daran Gefallen fand, sich köstlich daran „ergötzte“, vor, neben und nach Goethe, konnte da was falsch sein?
Andere Länder, andere Sitten!
Faustinus lernte schnell! Umdenken war angesagt, wenn es galt, das Starre zugunsten des Dynamischen zu überwinden.
Dieser Kanon gefiel ihm recht gut, obwohl der „Esel“ darin keine gute Figur machte.
War das nur asinische Selbstironie? Mit Sicherheit!
Esel konnten in der Tat noch über sich selbst lachen – und über die eigene Eselei!
Offensichtlich war da der Satyr los - und ein barockes Lebensgefühl dahinter. Der Wohlklang der „tierisch nicht zu ernst“ zu nehmenden Worte wog jede heuchlerische Moral auf und machte aus dem Leben ein Fest.

Als Faustinus sich davon trollte, folgten ihm Thema, Melodie und die markanten Worte wie ein Ohrwurm, den er nicht mehr loswerden konnte. Ja, auch das war gelebte Freiheit!
Vergnügt summte er das neue Lied vor sich hin und sang es dann und wann auf dem Weg durch die Stadt, frisch, frank, fröhlich, frei, so unverblümt, wie er es ihm Mozart kongenial vermittelt hatte, deutlich für alle hörbar:
O du eselhafter Martin,
o du martinischer Esel,
du bist so faul wie ein Gaul …
leck mich geschwind im Arsch …

Iii- Aaa, Iii – Aaaa!“



Copyright: Carl Gibson

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